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08.11.1985 - 

Siemens gilt als ausgezeichnete Aktie - ADVOrga kommt nicht recht vom Fleck

Deutscher Aktienmarkt: Von Rekord zu Rekord

MÜNCHEN (aw) - Aktien bleiben weiterhin eine gute Kapitalanlage. Während des gesamten Jahres schnitten Anleihekäufer schlechter ab als Aktionäre. Lediglich in den USA dürften die meisten Anleger - wie schon 1983 und 1984 - mit Obligationen besser gefahren sein. Während es eine Vielzahl deutscher Aktien gibt, die inklusive Steuergutschrift höher rentieren als Anleihen guter Bonität, bieten US-Aktien im Durchschnitt 3,4 Prozent Dividendenrendite.

Insbesondere institutionellen Anlegern bietet sich wegen des Renditevorteils weiterhin verstärkt der US-Anleihemarkt an. Allein in der vergangenen Woche konnte das US-Schatzamt ohne stärkere Einbrüche bei den Anleihenotierungen für 17,5 Milliarden Dollar US-Staatspapiere am Rentenmarkt plazieren. Am Ende der kommenden Woche werden innerhalb eines guten Monats 50 Milliarden US-Dollar am US-Bondmarkt zur Finanzierung des US-Haushaltsdefizits aufgenommen worden sein.

Der US-Anleihemarkt hat diese Roßkur bislang nicht nur ohne nennenswerte Kurseinbrüche (Geldaufnahme am Rentenmarkt bedeutet massiven Verkauf von Anleihen) verkraftet, sondern sogar mit deutlichen Kurssteigerungen quittiert. Hier wird deutlich, wieviel Pessimismus sich für den US-Anleihemarkt gebildet hatte. Dieses Phänomen beweist die relative Stärke des US-Anleihemarktes und deutet auf im Trend weiter sinkende Zinssätze in den USA hin. Während also für US-Anleger Anleihen im historischen Vergleich besonders gut verzinsliche Anlage-lnstrumente sind, sollten deutsche und Schweizer Anleger möglichst hoch in inländischen Aktien investiert sein und möglichst wenig inländische Anleihen halten.

Wall Street ist jetzt jedoch reif für eine Erholung. Gradmesser der Kursentwicklung wie der Dow-Jones-Aktiendurchschnitt täuschen über das wahre Ausmaß der Kursrückgänge hinweg. Während der Dow Jones am Hoch notiert, haben sich marktbereite Indices wie der Value Line allein 1985 um 15 Prozent zurückgebildet. Währungsbereinigt macht dies aus Sicht des Mark-Anlegers einen Rückschlag von 35 Prozent aus. Der Technologie-Aktien-lndex hat sich in den zurückliegenden zwei Jahren halbiert. Es dürfte jetzt zu einer Kurserholung kommen, die sich auch auf diese Aktienbranche erstreckt. Spürbare Kursbesserungen bei den Ölaktien und den zinsreagiblen Werten waren in den letzten Wochen zu beobachten. Eine erneute US-Zinssenkung wird auf alle Aktienmärkte positiv ausstrahlen.

IBM verzeichnet etwa 10 Prozent Auftragseingangsplus im Inlandsgeschäft. Die weltweiten Auftragseingänge verbesserten sich um zirka 17 Prozent. Auch hier wird deutlich daß die US-Konjunktur hinter dem Wachstum insbesondere einiger europäischer Volkswirtschaften zurückbleibt. Ohne einen nachhaltigen Wirtschaftsaufschwung in den USA wird es weder bei den US-Hardwareherstellern noch bei den Halbleiterproduzenten oder bei den Softwarehäusern zu einem nachhaltigen Aufschwung kommen. Allerdings bietet die Verbesserung der Währungsparität (sinkender US-Dollar) auf den Exportmärkten größere Chancen. Ungewißheit wegen des Investitionsverhaltens der US-lnstitutionen gibt es weiterhin im Hinblick auf die Steuerreform, die noch in der Schwebe ist. Sollten hier die vorgeschlagenen Maßnahmen greifen, könnte es zu einem Investitionsschub kommen.

Gewinn hängt von Sierra ab

Bedeutungsvoll für die Gewinneinschätzung bei IBM bleibt die Absatzerwartung für die Computerserie "Sierra". 1986 könnte ein besonders erfolgreiches Produktionsjahr für die 3090 werden. Nach geschätzten Auftragseingängen 1985 in Hohe von 2,8 Milliarden US-Dollar erwarten amerikanische Analysten bis zu 13 Milliarden Dollar Umsatz in diesem Bereich in 1986. Bei Margen von über 50 Prozent müßten die bisher bekannten IBM-Gewinnschätzungen für 1986 revidiert werden. Eine Wiederholung der für 1985 geschätzten Gewinne von 12,6 US-Dollar je Aktie im kommenden Jahr erscheint damit möglich.

Während für die Sierra-Großrechner im Jahr 1986 ein Beitrag zum Konzerngewinn von bis zu 10 Milliarden Dollar erwartet werden kann, scheint dieser Erfolg 1987 kaum wiederholbar. Um die 86er Ertragssteigerungen fortsetzen zu können, wäre IBM gezwungen, in anderen Bereichen außergewöhnliche Verkaufserfolge zu erzielen. Auch erfolgreiche Geschäftspolitik gegenüber dem erstarkenden Konkurrenten AT&T wird nötig sein, um die führende Position und den außergewöhnlichen Ruf unter den US-Hard-

wareherstellern zu behaupten. Dem Verbraucher wird die gewachsene Konkurrenz nutzen.

Wie attraktiv ist AT&T? Die Aufspaltung des US-Telefonmonopols in sieben Regionalgesellschaften und den verbleibenden Kern, der den Namen der ehemaligen Muttergesellschaft AT&T trägt, war die größte Reorganisation in der modernen Industriegeschichte. Die vollständige Entflechtung von AT&T, die die gesamte USA mit Telefonservice versorgte, wird noch Jahre dauern. Erst nach der vollständigen Abwicklung des Anti-Trust-Verfahrens wird jeder Verbraucher bestimmen können, welche Fernverbindungsgesellschaft er künftig für überregionale Gespräche (Direktwahl) benützen will. Den technischen Standard auch bei den Regionalgesellschaften bestimmt jedoch weiterhin AT&T.

AT&T: Gut abgeschnitten

Die Gewinnentwicklung bei AT&T ist erfreulich. So wird ein 22prozentiger Gewinnanstieg für das dritte Quartal gemeldet. Dies entspricht 33 Cents je Aktie. Die Gewinne der letzten neun Monate summieren sich sofort auf 1,05 Dollar je Aktie (Vorjahr 91 Cents). Die Branche wähnt AT&T auf Brautschau. Als mögliche Fusionskandidaten werden Control Data, Sperry, Digital und Apple genannt. AT&T bleibt aussichtsreich.

Apple weiter im Aufwind? Trotz anhaltender Marktschwäche bei Personal Computern konnte Apple seine Position verbessern. Der überraschende hohe Umsatzanteil des Macintosh half mit, das Betriebsergebnis zu verbessern. Obwohl die Umstrukturierung erst wenige Monate zurückliegt, konnte schon im vierten Quartal des Geschäftsjahres 84/85 wieder ein Gewinn (22,4 Millionen Dollar) erarbeitet werden. Im vorangegangenen Quartal wurde noch ein Verlust von 17,2 Millionen Dollar erwirtschaftet. Die Aktie verbesserte sich auf 18 Dollar. Auch auf diesem Niveau weiter aussichtsreich.

Besser als der Durchschnitt der Technologieaktien sollte auch NCR (35 Dollar) abschneiden können. Die Aktie ist nur mit dem gut Zehnfachen des für 1985 erwarteten Gewinns bewertet. Durch Kapazitätsrückführungen hat sich NCR an die verschlechterten Rahmenbedingungen des Marktes frühzeitig angepaßt und konnte so die Ertragsqualität der Vergangenheit auch in den schwieriger gewordenen Märkten bewahren. NCR kann auch spesengünstig in Frankfurt und Zürich (hier auch auf Termin) gekauft werden. Bei Kursen über 35 Dollar ist die Aktie charttechnisch ausgebrochen.

Die Probleme der Halbleiterhersteller werden nicht geringer. Bei einem geschätzten Wachstum der Hardware-Branche 1985 von fünf Prozent sind die Kapazitäten der Halbleiterbranche noch hoch. Selbst wenn optimistische Schätzungen für den Hardware-Markt 1986 von einer leichten Beschleunigung des Absatzes auf 10 bis 14 Prozent ausgehen (wegen der Abkühlung der US-Konjunktur eine wirklich optimistische Einschätzung), ist die Fortsetzung der Kapazitätsbereinigung bei den Halbleiterherstellern notwendig, damit die Branche wieder nachhaltig in die Gewinnzone vorstoßen kann. Der starke Wettbewerbsdruck, der zu den Ertragseinbrüchen geführt hat, wird sich also auch 1986 weiter fortsetzen.

Der deutsche Aktienmarkt springt von Rekord zu Rekord. Entscheidend für die heftigen Kursbewegungen sind weiterhin die Ausländer. Solange von dieser Seite mit einem weiteren Anstieg der Deutschen Mark gerechnet wird, ist mit der Fortsetzung der Aktienhausse zu rechnen. Die Politik des Bundesfinanzministers (der Bund führt dem Geldmarkt Liquidität zu, da die Schuldenneuaufnahme geringer ist als der Zinsdienst des Bundes) sowie die konsequente Geldmengensteuerungspolitik der Bundesbank haben zur weltweit geringsten Teuerungsrate geführt. Niedrige Inflation bedeutet auf Dauer aber gesundes Wirtschaftswachstum, höhere Unternehmensgewinne und damit sinkende Arbeitslosigkeit. Gesundes Wirtschaftswachstum heißt mittelfristig aber auch höhere Aktienkurse.

Es sind auch die Ausländer, die bei Siemens ständig für neue Höchstkurse sorgen. Nachdem Siemens während des zweiten Quartals stark vernachlässigt war, sprang die Aktie nachhaltig an und notiert heute auf 693 Mark. Gemessen an der Kursentwicklung vieler Standardaktien ist Siemens unterproportional gestiegen. Die Gewinnentwicklung des Konzerns aber ist ausgezeichnet. Optimisten erwarten für das laufende Geschäftsjahr, welches am 1. Oktober begann, einen Gewinn pro Aktie zwischen 80 und 100 Mark. Damit wäre dieses Elektronikunternehmen im internationalen Vergleich sehr niedrig bewertet. Nicht vergessen werden sollte, daß Siemens 14 Milliarden Mark Liquidität in der Kasse hat. Zwar ist eine solche Vorsorge für schlechte Zeiten wegen der Personalkostenintensität vernünftig, doch scheint dieser Liquiditätsüberhang etwas übertrieben.

Vielleicht führt die stark beachtete Übernahme der AEG durch Daimler-Benz auch im Hause Siemens zu einem Umdenken in Richtung einer aggressiveren Akquisition.

Die Börse, die nach der AEG-Hausse - durch die Daimler-Übernahme und die jüngsten Gerüchte um eine Übernahme von Schering durch BASF begierig geworden - nach weiteren Übernahmespekulationen sucht, nennt verschiedene Kandidaten, auf die Siemens es abgesehen haben könnte. Dies läßt Platz für Kurs-Phantasien. So legte Daimler während der AEG-Übernahme 20 Prozent im Kurs zu. Gerüchte sprechen von einer Dividendenerhöhung auf 12 Mark und einer Kapitalerhöhung 15:1 zu 250 Mark. Dies würde gut 30 Mark pro Aktie ausmachen. Siemens kann weiter gekauft werden. In der Schweiz ist ein Kauf auf Termin möglich. Auch Kaufoptionen via Frankfurt bieten gute Chancen.

AEG kletterte auf 270 Mark. Hintergrund dürfte sein, daß Daimler-Benz zur Übernahme des AEG-Verlustvortrages von drei Milliarden Mark das Unternehmen eingliedern muß, was mindestens eine 95prozentige Beteiligung am Aktienkapital erforderlich macht. Die Steuerersparnis pro gekaufte AEG-Aktie würde für Daimler dann über 100 Mark ausmachen. Die AEG-Übernahme zeigt eindrucksvoll, wie billig deutsche Aktien eigentlich noch sind. Ähnlich wie in den USA erwirbt man durch den Ankauf über die Börse Substanz und Goodwill weit preiswerter als durch direkten Erwerb beziehungsweise Aufkauf.

Starke deutsche Regionaltitel

In den USA gibt es Ölgesellschaften, bei deren Übernahme das Barrel Öl aufgrund der bekannten explorierten Reserven zu fünf Dollar erworben wird. In Deutschland gibt es substanzstarke Regionaltitel, deren errechenbarer Immobilienwert pro Aktie beim bis zum Zehnfachen des Börsenkurses liegt (zum Beispiel Spatenbräu in München). Nachdem die Anlageform Aktie lange Zeit vernachlässigt worden ist (der Commerzbank-Index steht heute inflationsbereinigt auf dem Stand von 1965) und deutsche Dividendenpapiere trotz der jüngsten Hausse immer noch preiswert sind, besteht trotz der jüngsten Kurssteigerung kein Grund für übertriebenen Pessimismus.

Weiter besonders aussichtsreich bleiben Siemens, Thyssen (Kurs/Gewinn-Verhältnis 3,5), Münchener Rück, teileingezahlte Namenaktien Hoechst, VW sowie BMW. Der Münchener Automobilkonzern verdient 1985 über 100 Mark je Aktie. Damit nach VW die billigste deutsche Automobilaktie. Nach dem Vorbild Daimler/Dornier käme eine Beteiligung BMWs an Messerschmitt Bölkow Blohm in Betracht.

Erfreuliche Ertragsentwicklung bei Knürr. Während der ersten neun Monate konnte der Ertrag um über 90 Prozent gesteigert werden. Die Aktie dieses engagiert geführten Unternehmens bleibt trotz des jüngsten Kursanstieges auf 245 Mark weiter interessant.

Trotz guter Zahlen, die das Wilhelmshavener Softwarehaus ADV/ Orga zum Geschäftsverlauf veröffentlicht, kommt der Wert nicht recht vom Fleck. Das Betriebsergebnis erhöhte sich im Vorjahresvergleich von 4,0 auf 4,7 Millionen Mark. Unterproportional stieg dagegen der Ertrag mit 17,6 Prozent. Hier ist allerdings zu berücksichtigen, daß einmalige Kosten bei der Emission entstanden. Gemessen an der Gesamtmarktentwicklung ist das Abschneiden von ADV/Orga enttäuschend. Deshalb abgeben.

Mit einem Kurs/Gewinn Verhältnis von 22 ist Standard Elektrik Lorenz (SEL) zu teuer. Auch Nixdorf, mit mehr als dem 25fachen Gewinn bezahlt, erscheint vom Chance/Risiko-Verhältnis wenig attraktiv. Erneut verbessern könnten sich jedoch BBC, die trotz Kursanstieg auf 286 Mark weiter kaufenswert sind.

Nach monatelanger Pause wird der Markt in Amsterdam wiederentdeckt. Massive Käufer deutscher Schweizer, britischer und amerikanischer institutioneller Anleger haben zu einem Wiederanspringen dieses Marktes geführt. Die Aktie des niederländischen Elektronikkonzerns Philips fiel scharf zurück, nachdem das Unternehmen einen enttäuschenden Halbjahresbericht vorlegte. Zwar konnte der Umsatz ausgeweitet werden, doch fiel der Gewinn im zweiten Quartal gegenüber dem Vorjahr um über 30 Prozent zurück. Insbesondere die US-Tochter, North American Philips Corporation, enttäuschte in ihrer Gewinnentwicklung. Auch während des dritten Quartals verringerte sich der Ertrag der US-Tochter noch einmal. Die Gewinnschätzung für 1985 wurden deswegen auf 4,6 Gulden je Aktie reduziert (1984 5,27 Gulden). Das Papier ist damit mit dem gut zehnfachen Gewinn bewertet. Für 1986 werden 5,6 Gulden Gewinn geschätzt.

Philips kann in einem kleinen Depotanteil gekauft werden. Ein interessantes, wenn auch sehr spekulatives Instrument, am möglichen Kursanstieg bei Philips zu partizipieren, ist der Philips-Optionsschein von 1984. Er bietet bei einem Kapitaleinsatz von 8,1 Prozent den 5,5fachen Hebel - dies allerdings zum Preis eines hohen Aufgeldes von 45 Prozent. Der Optionsschein notiert zur Zeit bei 180 holländischen Gulden.