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24.11.1989 - 

Auf den internationalen Konkurrenzkampf unzureichend vorbereitet

Deutscher Softwarebranche fehlt unternehmerisches Denken

MÜNCHEN - Die Mehrzahl der deutschen Software-Unternehmen ist erstens zu klein und zweitens zu wenig international orientiert, um in dem voraussichtlich 1992 einsetzenden europäischen Konkurrenzkampf aus eigener Kraft überleben zu können. Zudem fehlt es nach Ansicht von Insidern zumeist an unternehmerischem Denken (siehe auch Kolumne, Seite 9).

Drei von fünf deutschen Softwarebetrieben beschäftigen weniger als zehn Mitarbeiter. Nicht einmal jedes dritte der insgesamt etwa 2350 Unternehmen macht einen Jahresumsatz von mehr als zwei Millionen Mark. Und nahezu ein Drittel setzt pro Kopf weniger als 100 000 Mark jährlich um. Zu diesen wenig optimistisch stimmenden Ergebnissen kann das Münchener Marktforschungsunternehmen Infratest Industria in einer Untersuchung, die die Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung (GMD), Sankt Augustin, in Auftrag gegeben hatte. Wie die jetzt vorgelegte Marktstudie ausweist, ist die Anzahl der deutschen Software-Unternehmen bereits rückläufig: Mit rund 3100 eingetragenen Firmen zählte die Zunft der in Softwareherstellung, -vertrieb und -dienstleistung tätigen Betriebe 1 1979 aber 30 Prozent mehr Mitglieder als 1989. Laut GMD ist dies als Indiz für Konzentrationstendenzen innerhalb der Branche zu werten.

Gefärlich ist diese Situation besonders fü die rund 700 Untnernehmen die mit einem Pro-Kopf-Umsatz von nicht einmal 100 000 Mark eindeutig an der Grenze der Profitabilität liegen.

Während ein Einzelkämpfer mit einem jahreseinkommen von hundert Tausendmarkscheinen ganz gut über die Runden kommt, macht ein Unternehmer, der zehn Mitarbeiter und eintsprechende Büroräume zu bezahlen hat, bereits weit oberhalb dieses Grenzwerts Verlüste. Nach Angaben der GMD-Studie gehören jedoch zumindest drei Fünftel der betroffenen Betriebe in diese Größenordnung.

Harald Kremser, Geschäftsführer der Software Partner GmbH mit Sitz in Darmstadt, sieht die Ursache für den Konzentrationstrend darin, daß sich die weniger finanzkräftigen Softwareschmieden die Entwicklung neuer Produkte einfach nicht mehr leisten können. Viele dieser Unternehmen seien mit Produkten gewachsen, die sich heute nicht mehr vermarkten lassen, weil die Hardware-Evolution sie überrollt hat. Erläutert der Software-Unternehmer: "Wir haben in den letzten zwei Jahren rund zwei Millionen Mark darin investiert, unsere Software umzuschreiben oder neu zu schreiben. Das schaffen die Kleinen nicht; das schaffen wir ja kaum."

Doch auch die größeren Unternehmen haben ihre Bewährungsprobe noch vor sich. Spätestens 1992, wenn die Konkurrenz aus dem europäischen Ausland ungehindert auf den deutschen Markt dringen kann, wird sich zeigen, ob die deutschen Software-Entrepreneure international wettbewerbsfähig sind. Laut GMD-Studie haben nur elf Prozent von ihnen ausländische Niederlassungen oder Tochterfirmen. Hingegen arbeiten 34 Prozent der in Deutschland tätigen zehn- oder mehrköpfigen Softwarebetriebe ganz oder teilweise mit ausländischem Kapital.

So beträgt der Auslandsanteil am deutschen Software-Umsatz denn auch nur ganze neun Prozent. Laut Kremser hängt das mit der "Saturiertheit, der Branche" zusammen "Ich habe größte Probleme, in meinem Haus Mitarbeiter zu motivieren, größere Reisen anzutreten. Die Leute, die ich weltweit brauche, habe ich nie aus Deutschland bekommen."

Der Traum, sich die ausländischen Märkte durch Akquisition zu öffnen, so Norbert Küster, Geschäftsführer des Bundesverbands Deutscher Unternehmensberater (BDU) in Bonn, ist für die deutschen Softwerker schon lange ausgeträumt. Die französischen und britischen Unternehmen seien einfach zu groß, also zu teuer. Küster: "Im internationalen Vergleich sind ja selbst die großen deutschen Softwarehäuser klein."

Nach Küsters Ansicht geht diese Diskrepanz auf das Konto der Bundesregierung, der er "schwerwiegende strategische Fehler" ankreidet. Die französischen Unternehmen seien schlicht deshalb so groß, weil

der französische Staat bei öffentlichen Aufträgen niemals Software- und Hardware-Aufträge gemeinsam vergebe, sondern mit den Software-Orders stets die nationalen Anbieter bedenke.

In Deutschland hingegen werde meist ein Generalunternehmer gesucht - in der Regel ein Hardware- oder Systemlieferant. Küster: "Unser Vorwurf an die Bundesregierung ist der, daß sie keine Industriepolitik machen will, aber sie dennoch macht, indem sie nichts tut."

Aber Akquisition sei schließlich nicht der einzige Weg, sich international zu betätigen. Es gebe auch andere Formen der Zusammenarbeit, beispielsweise die Gründung von gemeinsamen Holdings oder Tochterfirmen. "Irgendwie", so klagt Küster "scheint mir da ein bißchen wenig unternehmerische Phantasie entwickelt zu werden."

Als Ursache dafür bekennt der BDU-Chef die Technikfixierung vieler deutscher Software-Unternehmen: "Die zehn größten deutschen Softwarehäuser fangen langsam an, unternehmerische Strategien zu entwickeln, aber die große Zahl der Anbietet ist technisch orientiert. Wenn dort über Strategien geredet wird, kommt meist sehr schnell die Sprache auf irgendwelche Hardwaremärkte."

Resümiert der Bundesverbandsvorsitzende: "Warum ist IBM so groß geworden? Weil dort noch nie ein Techniker an der Spitze stand." Der Hardwareriese sei ein Beispiel dafür, wie zunächst Märkte definiert und dann erst technische Lösungen gesucht würden. Hierzulande sei es hingegen meist so, daß der Techniker eine Problemlösung im Kopf habe, für die er dann nach Kunden suche. Das führe zwar zu einer hohen Qualität der Produkte, lasse aber keine Unternehmensentwicklung zu.

Qualität könnte Inlandsmarkt retten

Die sprichwörtliche Qualität der deutschen Produkte könnte allerdings verhindern, daß den deutschen Software-Unternehmen auch der Inlandsmarkt verloren geht. Küster rechnet eigenen Aussagen zufolge nicht damit, daß 1992 in größerem Maße ausländische Software-Unternehmen den deutschen Markt überschwemmen. Die hiesige Kundschaft sei viel zu anspruchsvoll.

Als Wettbewerbsvorteil für die einheimischen Softwareschmieden führt Küster an, daß die Durchdringung mit automatischen Produktionssystemen in Deutschland sehr hoch sei. Das Bild, das die GMD-Studie hier zeichnet, nimmt sich allerdings weniger überwältigend aus.

Rund ein Drittel der befragten Unternehmen setzt für die Anwendungsentwicklung keinerlei Software-Werkzeuge ein.

Diejenigen, die mit Tool-Unterstützung arbeiten, lassen sich von den Software-Werkzeugen vor allem bei der Codierung helfen. Phasenübergreifende Anwendungsentwicklungssysteme finden hingegen nur in acht Prozent der befragten Softwarebetriebe Verwendung.