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19.01.1990 - 

Überzogene Erwartungen gegenüber der SiemensNixdorf Informationssysteme AG

Deutsches Gespann muß auf dem DV-Weltmarkt bei Null anfangen

MÜNCHEN/PADERBORN (CW) - In einem für die bundesdeutsche DV-Industrie beispiellosen Schnellverfahren haben sich Siemens und Nixdorf zwischen dem 19. Dezember und dem 9. Januar geeinigt, in Zukunft gemeinsam auf dem DV-Markt zu agieren.

Wie man die "sich ergänzende" Produktpalette, den Vertrieb und die Organisation der beiden sehr unterschiedlichen Unternehmen aufeinander abstimmen will, ist genauso offen wie die Rolle, die der neue Konzern auf dem europäischen DV-Markt spielen soll.

Für Horst Nasko, Vorstandssprecher der Nixdorf Computer AG, entsteht durch die Zusammenlegung der DV-Aktivitäten "die Möglichkeit, die Produktpalette zu vervollständigen und das volle Spektrum, vom PC bis zum Supercomputer, aus einer Hand und mit hoher Kompetenz auf allen Teilgebieten anzubieten." Eine Strategie ist jedoch noch nicht zu erkennen, wie auch Nasko einräumt: "Es ist noch zu früh, über die Strategie der Gesellschaft zu sprechen, da die Grundverträge erst vor wenigen Tagen unterschrieben wurden."

Eine Arbeitsgruppe mit Vertretern aus beiden Unternehmen soll sich jetzt laut Siemens-Sprecher Eberhard Posner mit den Themen Produkte, Personal und Standort beschäftigen Diese zeitraubende Arbeit ist sicher notwendig. Zumal de Siemens-Bereich DI nicht ohne Probleme dasteht. Laut Diebold-Statistik bröckeln die Installationszahlen bei den Großcomputern ab (siehe Tabelle) Zwar hat Siemens im nichtkompatiblen Großrechner-Bereich in Deutschland IDC zufolge einen Anteil von 29 Prozent, alle der PC-Vertrieb (750 Millionen Mark Umsatz), um den die Münchner die gemeinsame Produktpalette aufbessern wollen, gehört nicht zum DI-Sektor, sondern zum Geschäftsbereich Peripherie und Endgeräte.

Nixdorf dagegen verfügt in der mittleren Datentechnik zwar über eine breitgefächerte Produktpalette, aber hinsichtlich Qualität und technischem Standard sind die Paderborner ins Hintertreffen geraten. Auch die unterschiedlichen Unix-Produktlinien beider Firmen müssen nach Meinung eines Siemens DI-Mannes ebenfalls abgeglichen werden: "Wir müssen uns sehr schnell zusammensetzen und überlegen, mit welchen Produkten wir die Zukunft bestreiten. In einer Übergangsstrategie werden beide Produktlinien weitergeführt werden müssen. Aber ich gehe davon aus, daß dort langfristig das bessere Produkt gewinnen wird." Kompatibilitätsprobleme zwischen der Targon von Nixdorf und der eigenen MX-Reihe sieht man bei Siemens nicht. Nixdorf habe ja bereits Unix V 5.3 implementiert und man selbst habe es seinen Kunden angekündigt. Auch die proprietäre BS2000-Linie soll bei Siemens weitergepflegt und ausgebaut werden. "Wir werden Hilfen strukturieren, damit der Kunde, der mit Unix an die Decke stößt, nicht in Richtung MVS abwandert, sondern zu unserem BS2000 greift", erklärt der Siemens-Mitarbeiter. Interesse dürften die Münchner vor allem an dem immer noch vorhandenen Stamm der 8870- und 8890-Kunden der Paderborner im Mittelstand, bei Banken und Versicherungen haben. Das sieht auch Günther Crumme, Pressesprecher bei Nixdorf, "Wir sind für Siemens interessant, weil wir einen großen Kundenstamm und nach wie vor gute Vertriebswege haben."

Dieter Schneider, Ex-Nixdorfer und heute geschäftsführender Gesellschafter von Dialog Computer-Systeme, Nürnberg, konstatiert allerdings Unsicherheit bei den Anwendern: "Was fliegt bei Nixdorf raus und was bei Siemens? Hat der Kunde mit seiner MX-Maschine nun eine alte Anlage oder wird sie weitergepflegt. Wie werden die vorhandenen Installationen in Zukunft betreut? Das ist für den Anwender draußen alles noch nicht abzusehen."

Abstimmungsprobleme wird es sicher auch beim Personal geben. Der DI-Bereich beschäftigt 20 000 und Nixdorf rund 28 000 Mitarbeiter. Horst Nasko hat bereits einen weiteren Personalabbau angekündigt, "um die Rentabilität des Unternehmens wiederherzustellen".

Paul Heggemann, Betriebsrat im Nixdorf-Aufsichtsrat, erklärt dazu: "An erster Stelle steht für mich der Erhalt eines jeden einzelnen Arbeitsplatzes. Wir werden alle Möglichkeiten ausschöpfen, die zur weiteren Beschäftigung aller Mitarbeiter führen können."

Dirk Brzenczek, Ex-Vertriebsmann von Nixdorf, sieht Gefahren fair seine ehemaligen Kollegen: "Ich glaube, da werden viele über die Klinge sprangen müssen, besonders in den Bereichen öffentliche Verwaltung und Industrie wird ausgedünnt werden." Insider halten überdies Rationalisierungsmaßnahmen in der Verwaltung und der Forschung für unumgänglich. Wie viele Nixdorfer sich einen anderen Job suchen müssen oder irgendwo im Siemens-Konzern untergebracht werden, ist noch nicht bekannt.

Eine weitere Unbekannte in der Siemens/Nixdorf-Gleichung ist der Standort des neuen Unternehmens. Kenner glauben zu wissen, daß Paderborn nicht Hauptsitz der neuen Gesellschaft wird - bleiben München oder Berlin, wo beide Firmen stark engagiert sind.

Schließlich steht noch die Entscheidung aus, wer die Leitung der entstehenden Siemens/Nixdorf Informationssysteme AG übernehmen wird. Sicher ist nur, daß der neue Chef wahre Sisyphus-Arbeit zu leisten hat, wenn er den DI-Bereich und die bisherige Nixdorf AG zu einem sinnvollen Ganzen zusammenschweißen will, um zumindest in Europa der Siemens/Nixdorf Informationssysteme AG eine ihrer personellen Größe entsprechende Marktstellung zu sichern.

Als am Mittwoch vergangener Woche bekannt wurde, daß Siemens den schwer angeschlagenen Paderborner Konzern unter seine Fittiche nehmen will, ging ein Aufatmen durch den deutschen Blätterwald: Nixdorf bleibt in deutscher Hand (siehe Kasten). Durch Einbringen des Siemens-Geschäftsbereiches Daten- und Informationstechnik (D1) in die neu anstehende Firma Siemens/Nixdorf Informationssysteme AG entsteht der größte europäische Computerhersteller. Sein voraussichtlicher Jahresumsatz wird von den Beteiligten mit zwölf Milliarden Mark angegeben, damit wäre man in Europa hinter IBM auf Platz zwei der Umsatzrangliste geklettert.

Errechnet wurde das aus den 5,6 Milliarden Mark Umsatz, die Nixdorf für das Geschäftsjahr 1989 anstrebte, und dem Umsatz von 6,5 Milliarden, den der erst seit dem 1. Oktober existierende Bereich Daten- und Informationstechnik nach Angaben von Siemens im Geschäftsjahr 1988189 erreicht hat.

Diese - zumindest rechnerisch - starke Stellung in Europa resultiert aus der guten Position von Nixdorf und der Siemens-Datentechnik auf dem heimischen Markt. Legt man die Zahlen des Geschäftsjahrs 1988 zugrunde, kamen beide zusammen auf einen DV-Umsatz von 7,5 Milliarden Mark in Deutschland, das entspricht einem Marktanteil von 19,4 Prozent. Im gleichen Markt erzielte die deutsche IBM mit etwa acht Milliarden Umsatz einen Anteil von 21 Prozent. Gemessen am reinen Hardware-Verkauf im Jahr 1988 vereinnahmte IBM laut Marktforscher Diebold jedoch 44 Prozent des Marktes, Siemens und Nixdorf brachten es zusammen dagegen nur auf 21 Prozent.

Bezogen auf den Weltmarkt erscheint das Verhältnis noch deutlicher: Läßt man den deutschen Markt außer acht, ist Big Blue mit 88 Milliarden Mark etwa 24mal größer als die neu entstehende Siemens/Nixdorf AG mit 3,6 Milliarden Mark Umsatz.

Auch in den wichtigsten europäischen Einzelmärkten bleibt der Marktanteil gering:

In England liegt er bei 1,5 Prozent, in Frankreich bei 0,9 und in Italien bei 2,6 Prozent. Zwar verbessert die Siemens/Nixdorf AG in Holland, Belgien, der Schweiz und Österreich ihre Marktposition, aber diese Länder haben nur wenig Anteil am europäischen Marktvolumen.

In Spanien käme der neue Konzern mit sieben Prozent Marktanteil auf Platz zwei der Rangliste.

Nicht nur hinsichtlich ihres relativ kleinen außerdeutschen Marktanteils stehen die beiden Partner vor Schwierigkeiten. Der Nachrichtentechnik-Bereich von Nixdorf mit einem Umsatz von 200 Millionen Mark im letzten Jahr bereitet beispielsweise in zweierlei Hinsicht Probleme zum einen kauft Siemens damit den einzigen Konkurrenten der digitalen Nebenstellenanlage "Hicom" auf und dem wird das Kartellamt wahrscheinlich nicht zustimmen -, zum anderen paßt der Bereich nicht zu den übrigen Aktivitäten der neuen Gesellschaft, wenngleich ein Siemens-Mitarbeiter meint:

"Die Kollegen im PN-Bereich (Private Kommunikationssysteme) würden sich sicher freuen, wenn ihnen der Bereich angeboten würde." Gerüchte zu diesem Thema besagen allerdings anderes: Siemens behält die zugekaufte Nachrichtentechnik als Opfergabe für das Kartellamt und veräußert den Bereich erst weiter, wenn entsprechende Auflagen mit dem Deal verbunden werden. Für diesen Fall werden zwei Namen gehandelt: Mannesmann und AEG.

Die größte DV-Fusion in der Bundesrepublik

Vorausgesetzt, das Kartellamt untersagt das Zusammengehen nicht beziehungsweise der Wirtschaftsminister setzt sich mit einer Ministererlaubnis über ein negatives Votum der Berliner hinweg, soll der Deal folgendermaßen abgewickelt werden: Zuerst übernimmt Siemens 51 Prozent der Nixdorf Stammaktien im Nominalwert von 280 Millionen Mark, die zu rund einem Viertel von der Nixdorf-Familie und zu etwa drei Vierteln von den Stiftungen "Westfalen" und "Graf Spee" gehalten werden. Börseninsider vermuten, daß Siemens dieses Paket für etwa 400 Millionen Mark gekauft hat. Der "Spiegel" meldet in seiner letzten Ausgabe einen um 100 Millionen Mark höheren Preis. Die Beteiligten selbst schweigen sich über den tatsächlichen Kaufpreis aus.

In einem zweiten Schritt wollen die Münchner ihren DI-Bereich in die Nixdorf AG in Form einer Sacheinlage einbringen. Das hat - nach Bewertung der Siemens-Einlage - eine drastische Erhöhung des Stammkapitals der Nixdorf AG zur Folge, an dem Siemens dann einen Anteil von 70 bis 80 Prozent hat. So können die Vorzugsaktionäre, die heute noch die andere Hälfte des Nixdorf-Stammkapitals von insgesamt 560 Millionen Mark halten, auch dann keinen Einfluß nehmen, wenn sie 1991 zu Stammaktionären werden.

Im dritten Schritt schließlich wird das so entstandene Konglomerat in die Siemens Nixdorf Informationssysteme AG umfirmiert. Die Ankündigung dieser Mega-Fusion ließ die Nixdorf-Vorzugsaktie innerhalb eines Börsentages um 15 Prozent nach oben schnellen. Börseninsider halten diesen Kurs für "total überbewertet".

Ein Gewinnübernahmevertrag wurde zwischen den Partnern nicht abgeschlossen - und damit auch kein Vertrag, der Siemens zur Übernahme der Verluste bei der künftigen Tochtergesellschaft verpflichtet. Der Verlustvortrag von schätzungsweise einer Milliarde Mark, den die Paderborner einbringen, wird erst einmal steuerlich genutzt. Schon deshalb dürfen die Vorzugsaktionäre mit keiner Dividende rechnen. Ein Kenner der Szene faßt die Situation so zusammen: " Die Veränderungsrisiken sind sehr hoch. Nixdorf hat eine abgeschmierte Produktpalette im Hardwarebereich, einen wegbrechenden Verkauf, Probleme mit dem alten "Point of Sales" und fast 30 000 Leute auf dem Hals."