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24.07.2006

Deutschland gehen die IT-Spezialisten aus

Ina Hönicke ist freie Journalistin in München.
Software- und Beratungshäuser suchen qualifizierte IT-Profis. Doch längst nicht alle Stellen können besetzt werden. Fehlt es an guten Spezialisten, oder sind die Unternehmen selbst schuld?
Verkehrte Welt: Während die Zahl der Informatik-Studienabgänger abnimmt, benötigt die IT-Industrie immer mehr qualifiziertes Personal.
Verkehrte Welt: Während die Zahl der Informatik-Studienabgänger abnimmt, benötigt die IT-Industrie immer mehr qualifiziertes Personal.

Dass sich die deutsche ITK-Industrie laut Branchenverband Bitkom auf einem guten Weg befindet, ist die gute Nachricht. Die schlechte schiebt Bitkom-Präsident Willi Berchtold gleich hinterher: "Die Branche leidet akut unter Fachkräftemangel." Aus diesem Grund fordert der Verband eine "aktiv gemanagte Zuwanderung gut ausgebildeter, junger Menschen". Bei einigen Arbeitsmarktexperten führt die Bitkom-Prognose zu leichten Irritationen - hatte man ein ähnliches Lamento der Arbeitgeber doch bereits im Jahr 2000 gehört. Die damalige Bundesregierung startete noch im selben Jahr die Greencard-Initiative. 20 000 ausländische IT-Experten sollten die deutsche Wirtschaft unterstützen. Das Resultat indes sah nach vier Jahren eher dürftig aus. Als die Computerprofis aus Indien und Osteuropa im Land waren, stellten deutlich weniger Unternehmen als erwartet Greencardler ein.

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Digitale Wirtschaft sucht Mitarbeiter

Die digitale Wirtschaft brummt - das ist das wichtigste Fazit des Sieben-Jahres-Vergleichs, des Bundesverbands Digitale Wirtschaft (BVDW) e.V. Einziger Wermutstropfen: ein sich zuspitzender Fachkräftemangel. Die Agenturen gehen davon aus, dass sie Ende 2006 rund 13 Prozent mehr Mitarbeiter haben werden als im Vorjahr. Dabei werde die Bereitschaft größer, auch Mitarbeiter jenseits der 45 Jahre einzustellen. Nach Auffassung der Agenturen sei es aber deutlich schwieriger geworden, geeignetes Personal zu finden. "Um dieser Entwicklung wirksam entgegenzutreten, ist ein Kraftakt erforderlich, den Politik und Wirtschaft nur gemeinsam schaffen können", so BVDW-Vizepräsident Ravin Mehta (Pixelpark).

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Jeder Vierte arbeitslos

"Anstatt über die Farbe der nächsten Greencard nachzudenken, sollten die Unternehmen lieber ihre rigorosen Einstellungskriterien lockern", wettert Wolfgang Müller, Gewerkschaftssekretär bei der IG Metall in München. Wenn die Betriebe weiterhin nur diejenigen unter Vertrag nähmen, die die Anforderungen zu 150 Prozent erfüllten, werde es zu einem "hausgemachten" Fachkräftemangel kommen. Es gehe nicht an, "über zu wenig Personal zu klagen, aber gleichzeitig Umschülern und Quereinsteigern kaum eine Chance zu geben". Der Gewerkschaftsvertreter kennt die Argumente der Personalchefs nur zu gut: Quereinsteiger seien nicht ausreichend qualifiziert, um anspruchsvolle IT-Jobs übernehmen zu können. "Und warum", fragt Müller, "fallen nahezu alle Computerfachleute durch das Raster, die älter als 40 Jahre sind? Mangelnde Erfahrung kann man ihnen wohl kaum vorwerfen." Wie die Realität bei den älteren IT-Profis aussieht, erfuhr der IG-Metaller bei einem Wiedersehenstreffen ehemaliger Kollegen von früher erfolgreichen Computerfirmen. Von den anwesenden 500 IT-Experten war jeder Vierte arbeitslos.

Gute Nachricht aus Nürnberg

Wolfgang Biersack vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg würde es begrüßen, wenn nicht zu viele Bewerber durchs Raster fielen. Gemeldet sind bei der Agentur für Arbeit 44 300 arbeitslose Computerfachleute. In letzter Zeit entwickelt sich die Statistik positiv, es sind mehr Ab- als Zugänge zu vermelden. Der Arbeitsmarktexperte bezweifelt indes, dass viele hoch qualifizierte IT-Profis in der Kartei stehen: "Bei den meisten handelt es sich um Umschüler und Quereinsteiger, deren Vermittlung nach wie vor nicht einfach ist."

Dass sich Gewerkschaftsvertreter und Unternehmen in puncto Arbeitsmarkt gegenseitig den schwarzen Peter zuschieben, ist nicht neu. So ist hinter vorgehaltener Hand immer wieder zu hören, dass viele deutsche Hightech-Profis qualitative Defizite haben. Dies ist nach Meinung von Personalberatern auch der Grund, warum so manches Unternehmen gerne auf hoch qualifizierte Fachleute aus dem Ausland zurückgreife. Einsteiger wiederum haben bei der Jobsuche häufig das Gefühl, dass ihnen auch das beste Fachwissen nichts nützt, wenn sie nicht ins Gehaltsgefüge des Unternehmens passen.

Unabhängig von allen Schuldzuweisungen steht eines fest: Die IT-Berufe befinden sich im Aufwind. Das bestätigt auch die jüngste Stellenauswertung des Personaldienstleisters Adecco. Von 10204 auf 12 412 kletterte 2006 gegenüber dem Vorjahr die Zahl der IT-Jobs, die in den ersten sechs Monaten in 40 Tageszeitungen und der computerwoche ausgeschrieben wurden. Fast alle Branchen suchten mehr IT-Beschäftigte als im Vorjahr, zum Beispiel der Maschinenbau, die Elektroindustrie oder der öffentliche Dienst. Auf der Wunschliste ganz oben stehen Anwendungsentwickler.

Dass es eng wird auf dem Bewerbermarkt, bestätigt auch die aktuelle Studie "Recruitment Trends 2006" der europäischen Jobbörse Stepstone. Während vor zwei Jahren 21 Prozent der deutschen Unternehmen Schwierigkeiten hatten, IT-Kräfte zu finden, sind es jetzt 25 Prozent. Die Betriebe seien an dieser Entwicklung nicht ganz unschuldig, kritisieren Arbeitsmarktexperten. Schließlich hätten die Konzerne jahrelang sowohl ihre Forschungs- als auch ihre Weiterbildungs- und Personalentwicklungsausgaben zurückgefahren. Auch die Entlassungswellen großer IT-Unternehmen trugen in der Öffentlichkeit nicht unbedingt zur Attraktivität der technischen Berufe bei.

Keine passenden Mitarbeiter

Zu den Softwarehäusern, die nicht alle IT-Stellen besetzen können, gehört die Netviewer GmbH in Karlsruhe. Geschäftsführer Andreas Schweinbenz: "Wir haben in den letzten Monaten 80 Softwareentwickler eingestellt, für sieben weitere Positionen in der Entwicklung konnten wir keine passenden Mitarbeiter finden." Dabei ist man bei Netviewer nicht nur auf jüngere Hightech-Fachleute fixiert.

Wenn ein IT-Profi die Anforderungen erfüllt, spiele das Alter keine Rolle. Auf die Vorwürfe der Gewerkschaft, Unternehmen würden immer nur perfekte Bewerber wollen, kontert Schweinbenz: "Wer in der IT-Branche nicht mit den besten Mitarbeitern in der obersten Liga spielt, ist schnell weg vom Fenster." Schließlich gehe es darum, nicht nur bestehende Jobs zu halten, sondern auch neue zu schaffen. Dafür aber seien hoch qualifizierte Hightech-Experten vonnöten - und genau daran hapere es. Deshalb streckt Netviewer mittlerweile seine Fühler nach Osteuropa aus. Um das Personalproblem nicht noch durch Fluktuation im eigenen Haus zu verschärfen, wird beim Softwareunternehmen Personal-Marketing groß geschrieben. "Bei einem jährlichen Wachstum von 120 Prozent und gleichzeitigem Mangel an qualifizierten Softwareleuten ist es entscheidend, die guten Leute an Bord zu halten", so Schweinbenz.

Nachwuchs wird hofiert

"Die Softwarehäuser merken, dass immer weniger qualifiziertes Personal zur Verfügung steht", bestätigt auch Martin Hubschneider, Vorstandsvorsitzender der CAS Software AG. Im Raum Karlsruhe gibt es seiner Meinung nach etliche IT-Unternehmen, die ihre freien Stellen nicht besetzen können. Deshalb sei CAS zu gewissen Konzessionen bereit. So legt der Vorstandsvorsitzende größeren Wert auf Teamfähigkeit als auf Noten: "Das wichtigste ist doch, dass die potenziellen Kollegen engagiert und motiviert sind und ins Team passen." Deshalb würde Hubschneider immer den Bewerber bevorzugen, der neben dem Studium Praxiserfahrungen gesammelt oder im Ausland studiert oder gearbeitet hat - auch wenn dies auf Kosten der Noten gegangen sei.

Um neue Leute zu gewinnen, bietet das Softwarehaus Studenten an, ihre Diplomarbeit im Unternehmen zu schreiben. Auch würden die eigenen Mitarbeiter in die Suche nach neuen Kollegen erfolgreich eingeschaltet. Hubschneider: "Wenn der Personalmarkt eng wird, muss eben der Arbeitsplatz so attraktiv wie möglich sein. Dazu gehören gutes Betriebsklima, Weiterbildungsangebote und Beteiligung am Unternehmenserfolg."

IT-Profis werden aber nicht nur von Softwarehäusern, sondern auch von Beratungsfirmen verstärkt gesucht. Egal ob Capgemini (geplante 500 Mitarbeiter), Steria Mummert Consulting (300 neue Mitarbeiter) oder Arthur D. Little (70) - sie alle strecken ihre Fühler nach hochkarätigen Betriebswirtschaftlern und Computerfachleuten aus. Ob sie die ausgeschriebenen Stellen bis Ende des Jahres tatsächlich besetzen können, steht für die Personalchefs noch nicht fest. "Der Kampf um die besten Köpfe ist längst entbrannt", schildert Stefan Eikelmann, der bei Booz Allen Hamilton für Personal verantwortliche Geschäftsführer.

In einem Punkt sind sich die Consulting-Firmen einig: Obwohl die Anforderungen an die künftigen Mitarbeiter steigen, sollen die Gehälter nicht wieder schwindelnde Höhen erreichen. Gute Chancen auf einen Beraterjob haben Hochschulabsolventen mit hervorragenden Abschlüssen und erfahrene IT-Profis, wobei Letztere zunehmend mit Hilfe von Headhuntern gesucht werden.

Warnungen kommen aus der Hochschule. "Je weniger Informatikstudenten, desto weniger Bewerber", skizziert der Münchener Informatikprofesssor Manfred Broy die Lage. Er sorgt sich, weil das Interesse der jungen Leute am IT-Studium und an den technischen Berufen geringer wird. Auf einer Softwareveranstaltung in München klagte Broy: Seit einigen Jahren schreiben sich zunehmend weniger Abiturienten für Informatikstudiengänge ein, gleichzeitig brechen immer mehr Hochschulabsolventen ihr Studium ab. "Wenn dann noch hochkarätige deutsche Naturwissenschaftler ins Ausland abwandern, gehen dem Land die Hightech-Spezialisten aus", befürchtet der Informatik-Professor.

Bislang sei es weder den Schulen noch den Hochschulen gelungen, beim Nachwuchs das Interesse an der Informatikausbildung zu wecken - und das bei einer Generation, die Tag und Nacht vor dem Computer sitze. Broy: "Wenn wir es nicht schaffen, zu vermitteln, wie spannend die IT-Jobs sind und dass sie rein gar nichts mit Hackertum oder Arbeiten im stillen Kämmerlein zu tun haben, bekommen wir ein großes Problem."

Mentalitätswechsel nötig

Ein neues Bild von der Informatik lässt sich indes nicht von heute auf morgen verbreiten. "Mentalitätswechsel vollziehen sich extrem langsam", kommentiert Bitkom-Bildungsexperte Stephan Pfisterer. Unterstützung erhofft er sich von dem "Informatikjahr 2006", das die Bundesregierung initiiert hat. Diverse Veranstaltungen sollen helfen, das "spröde Fach Informatik" und die nicht immer einfache Arbeit an Algorithmen einem breiten Publikum näher zu bringen. "Je besser es uns gelingt, die IT-Jobs richtig zu präsentieren und falsche Vorstellungen darüber zu korrigieren, desto besser für die Zukunft" - mit dieser Hoffnung steht Pfisterer nicht allein da. Bis dahin werden die Software- und Beratungshäuser, die qualifizierte Leute benötigen, wohl weiter ihre Fühler ins nahe und ferne Ausland ausstrecken. (hk)