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11.09.1998 - 

IT in der Autoindustrie/

Die A-Klasse virtuell konfigurieren und realistisch erleben

11.09.1998

Anhand eines detailgetreu abgebildeten 3D-Modells zunächst der A-Klasse konnte der Kunde den Wagen seiner Wünsche in der virtuellen Welt interaktiv konfigurieren und mit allen individuellen Besonderheiten per Fly-thru vorab "erleben". Für das VR-Projekt forderte Mercedes-Benz eine sehr hohe Visualisierungsqualität. Realisiert wurde die Installation mit einem Grafik-Supercomputer "Onyx2-Infinite Reality" von Silicon Graphics.

Virtual Reality (VR) ist heute nicht nur eine Technologie für Ingenieure, die mit Digital-Mock-Up-Werkzeugen interaktiv die Montierbarkeit und Ergonomie ihre Entwürfe prüfen. VR ist längst auch für publikumswirksame Auftritte entdeckt - und auf vielen Messen als Highlight für reine Showeffekte im Einsatz.

Anders das, was Mercedes-Benz mit VRF erstmals auf der IAA'97 präsentierte und nun gemeinsam mit Silicon Graphics gezeigt hat. Innerhalb eines Workshops stellte das Unternehmen mit dem System ein Pilotprojekt vor, dessen Bedeutung über das Thema Vision hinausreicht und damit für den Autobauer einen ähnlichen Rang hat wie VR in der Forschung, Entwicklung und Fertigung.

Schon früher testete der Fachbereich Digitale Medien im Vertrieb Stufe eins des ehrgeizigen Vorhabens, das letztlich einen ganzen Fächer verkaufsunterstützender VR-basierter Instrumente hervorbringen soll. Der Grundgedanke: Angesichts der ständig wachsenden Fahrzeugpalette und Ausstattungsmöglichkeiten sollen die Händler eine Möglichkeit bekommen, dem jeweiligen Kunden auch etwas vorführen zu können, was man zur Zeit nicht auf Lager hat.

Mercedes-Benz setzt also auf angewandte VR-Technologie, die den Verkaufsraum in Niederlassungen, bei Händlern und Partnern sowie den multimedialen Verkäuferarbeitsplatz in den Vertriebsstellen neu definieren soll.

Der Besucher kann die virtuelle Reise rund um und mitten durch ein Digitalmodell antreten, das die A-Klasse in originalgetreuer Erscheinung bei hochgradiger Wandlungsfähigkeit abbildet. Mit einer geometrischen Komplexität von mehr als fünf Millionen Polygonen zeigt das Modell an Außenhaut wie auch an Innenraumflächen hohe 3D-Detaillierung, egal ob Lichtreflexionen den Schwung eines Kotflügels oder die Raffinesse eines Felgendesigns wiedergeben oder die räumlichen Bedingungen rund um Lenkrad oder Fahrersitz sichtbar werden.

Ebenso überzeugend sind die Materialeigenschaften und optischen Eigenschaften - wie zum Beispiel das polierte Wurzelholz der Konsole, Stoffmuster und Lederbezüge der Sitze oder aber die vielen kleinen Funktionssymbole am Lichtschalter: Sie werden fotorealistisch durch Texturen auf Basis von Originalfotos wiedergegeben, die das VRF-System dem Digitalmodell live über die 3D-Oberfläche zieht (aufmappt).

Das Navigieren durch die VR-Welt erfolgt direkt und unkompliziert über ein neues Mensch-Maschine-Interface, das in Mercedes-Benz' Vorentwicklung eigens erstellt wurde: Der Benutzer hält ein frei im Raum bewegliches LC-Display in der Hand, das ihm als Steuergerät wie auch als hochauflösendes Fenster zur VR-Welt dient. Das 20-Zoll-Display stellt 280 x 1024 Pixel bei 16 Millionen Farben dar, ist kardanisch an einem Teleskop-Schwenkarm aufgehängt, um alle sechs Freiheitsgrade verschieb- und drehbar und läßt sich innerhalb eines Aktionsraums von fünf Meter Durchmesser bewegen. Das genügt, um das A-Klasse-Modell, das im Maßstab eins zu eins abgebildet wurde, in Originaldistanzen umrunden und durchschreiten zu können: Schiebt man das Display 30 Zentimeter nach vorn, bewegt man sich in der VR-Welt um die gleiche Distanz nach vorn, dreht man das Display links herum, richtet sich der Blick in der VR-Welt entsprechend nach links.

Konfigurieren, was erlaubt ist

Neben der freien Eins-zu-eins-Bewegung quer durchs VR-Modell bietet die Installation Zoomfunktionen sowie vor allem Möglichkeiten, um mit Komponenten zu interagieren und Eigenschaften für die Individualisierung des Modells auszuwählen. Über eine Touchscreen-Schicht auf dem Display erreicht der Benutzer Menüpunkte, über die er zum Beispiel Tür oder Handschuhfach öffnet, das Radio einschaltet, Sitze umlegt und ausbaut und sich letztlich die große Konfigurationsvielfalt der A-Klasse erschließt. Welche Line soll es sein? Classic, Elegance oder Avantgarde? Welche Motorisierung, welche Sonderausstattung, welches Zubehör? Knopfdruck genügt, und das VRF-System zeigt das Fahrzeug vorab in genau der Konfiguration, die man bis dato in der Regel erst bei Auslieferung zu Gesicht bekam - wie gewünscht nach Lackfarbe, Polsterung, Lederausstattung, Sitzmuster, Felgenvariante, Konsole, Schaltung etc. Allein 72 Innenraumvariationen durch Umlegen und Ausbauen von Sitzen bietet die A-Klasse. Mit VRF sind sie alle darstellbar.

Für eine gewisse Showroom-Atmosphäre sorgen nicht nur die Spotlights, unter denen sich das virtuelle Fahrzeug präsentiert. Neben das Fahrzeug hat Mercedes "Stehlen" stellen lassen, silberne Säulen, ganz so, wie man sie aus der Realität kennt. Über sie erreicht der Benutzer weitere Konfigurationsmenüs - und über sie ruft er auch Animationen ab, die dem Kunden weitere Produktvorzüge zu Themen wie Crashsicherheit und Variabilität nahebringen.

Das System unter der RF-Anwendung ist ein Onyx2-Infinite Reality im Rack, mit vier CPUs, 1 GB Memory, vier Raster-Managern ê 64 MB Texturspeicher und Acht-Kanal-Ausgabe, wovon sechs Kanäle die Projektionswand, ein Kanal das Explainer-Display und ein Kanal den Systemmonitor speisen. Mit der "kleinen VRF-Lösung" demonstriert Mercedes-Benz eine sogenannte Standlösung. Der Verkaufsberater konfiguriert im Dialog mit dem Kunden. Das System zielt auf den späteren Einsatz in Verkaufsumgebungen, die einen Schwenkarm schon aus räumlichen Gründen nicht zulassen. Das LC-Display ist hier an einer Säule angebracht, die Navigation erfolgt durch Halten von Push/Pull- und Kipp-Zuständen. Plattform ist ein Onyx2-Deskside-System mit zwei Raster- Managern.

Die Zeit während der Projektentwicklung und beim ersten Auftritt nutzte Mercedes-Benz, um mit Akzeptanzstudien hart am Projekt weiterzuarbeiten. "Wir wollen in jeder Phase sicher sein, daß das, was uns überzeugt, auch von Händlern und Kunden so gesehen und akzeptiert wird. Der Kunde ist unser Koproduzent", so der verantwortliche Projektleiter Heiko Dehning von der Unternehmensberatung Event Consulting in Stetten bei Stuttgart. "Wir werden in der nächsten Phase das VRF weiter optimieren und noch 1998 an drei Stellen in den Triademärkten Westeuropa, Nordamerika und Japan zu Akzeptanzstudien einsetzen, bevor für 1999/2000 der Beginn einer flächendeckenden Einführung mit einer sicher modifizierten und vor allem praktikableren Variante geplant ist", erläutert Frank Appenzeller, Abteilungsleiter Digitale Medien im Vertrieb bei Mercedes-Benz.

"Erlebniskauf im virtuellen Showroom"

VRF-Projektleiter Heiko Dehning ist überzeugt: "Das virtuelle Fahrzeug wird den Erlebniskauf schaffen." Ganz abgesehen von der Information, wie das jeweilige Fahrzeug genau aussehen wird, sehen die Experten Appenzeller und Dehning einen "strategischen Wettbewerbsdifferentiator" auch im emotionalen Erleben der High-Tech-Session. Daß es für den Kunden bei diesem Erlebnis nicht bleibt, dafür wird gesorgt: Es ist vorgesehen, daß er einige Tage nach dem Fly-thru einen individuell gedruckten Prospekt erhält, der die Vorzüge der A-Klasse zeigt. Auch Videos und interak- tive CD-ROMs sind als bleibende "Erlebnisträger" angedacht. Und natürlich reichen die Vorstellungen bis hin zum Angebot eines - in der Komplexität reduzierten - VRF-3D-Modells im Internet.

Einstweilen geht Mercedes von der weiteren schnellen Entwicklung des Preis-Leistungs-Verhältnisses der Echtzeitvisualisierungspower aus. Die drei Piloten in den Triaden werden wie die bisherigen Präsentationen auf Onyx2-Systemen stattfinden. Für den flächendeckenden Einsatz kann man sich dann Maschinen zu "heutigen Desktop-Preisen" vorstellen. "Das System soll sich auch ein kleiner Händler leisten können, und seine Verkaufsraumlösung oder sein multimedialer Verkaufsplatz der Zukunft soll ihm letztlich einen guten Return on Investment bescheren", verspricht Dehning.

ANGEKLICKT

Ein Virtual-Reality-System mit Interface am Schwenkarm ist von Mercedes-Benz die "Große Lösung" für den Event-Einsatz und wird von Vorführern als moderierte Show präsentiert, die zusammen mit den Zuschauern eine individuelle A-Klasse konfigurieren. Die Interessenten verfolgen die VR-Präsentation auf einer drei mal 1,5 Meter großen Projektionswand, auf der sich mit 2400 x 1200 Pixel ein noch breiterer Blickwinkel in die VR-Welt öffnet.

Ausblick

Ergebnisse der Akzeptanzuntersuchung der Daimler-Benz-Forschung, Berlin

Allgemeiner Eindruck:

- Das VRF entspricht ergonomischen Kriterien.

- Das VRF wird als modern und attraktiv eingestuft.

- Das VRF hat einen hohen Aufforderungscharakter.

- Das VRF paßt gut zur Marke.

Nutzenaspekte:

- 89 Prozent der Befragten glauben, daß das VRF den Autokauf entscheidend unterstützen wird.

- 87 Prozent der Befragten würden mit dem VRF selbständig ihr Wunschfahrzeug zusammenstellen.

- VRF kann Ersatz für Kataloge, Lack- und Textilmuster sein.

- VRF ist eine gute Ergänzung zur Fahrzeugbesichtigung und zu Beratungsgesprächen.

- VRF kann kein Ersatz für eine Probefahrt sein.

Fazit:

- Das VRF wird weiterentwickelt.

- 1998 Pilot in den Triademärkten zur Akzeptanzuntersuchung.

- 1999 Installation an ausgesuchten Plätzen weltweit.

- 2000 flächendeckende Markteinführung.

Dr. Gernot Schärmeli ist freier Journalist in München.