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08.05.1992 - 

Umstellung von 36- auf AIX-Welt Teil 1

Die Ablösung von Mainframes ist nur noch eine Frage der Software

Nur zu gerne würde die IBM ihre Anwender aus der technologisch veralteten Midrange-Welt in die geschlossene AS/400-Umgebung umbetten. Mit den /38-Kunden scheint dies Big Blue auch gelungen tu sein. Demgegenüber wehren sich /36-User recht heftig gegen den nicht als Lösung empfundenen Migrationsweg hin zur Application-System-Datenbankmaschine. Der folgende Beitrag zeigt, daß Anwender statt dessen mit Erfolg auf Big Blues RS/6000-Systeme unter AIX wechseln können eine Option übrigens, die es in offiziellen IBM-Verlautbarungen erst seit allerneuester Zeit gibt.

Der Fachbereich "A84 Produktionsautomatisierung" der AEG Aktiengesellschaft in Böblingen plant und arbeitet in den Fachgebieten Produktionslinien, Prüfsysteme, Materialflußsysteme und Gebäudeautomatisierung für Projekte unterschiedlicher Größe. Neben dem Hauptsitz des Fachbereichs in Böblingen wird eine weitere Betriebsstätte in Frankfurt unterhalten. Um den anfallenden Arbeitsaufwand zwischen den beiden Standorten effektiv zu verteilen, wurde frühzeitig auf WAN-Dienste der Telekom zurückgegriffen.

Wie in vielen Firmen dieser Art gibt es auch hier eine zweigeteilte Rechnerwelt: zum einen die Weit der kommerziellen Verarbeitung, die streng auf die drei blauen Buchstaben ausgerichtet ist, und zum anderen die technische Rechnerwelt, wo traditionell eine größere Vielfalt an Maschinentypen verschiedenster Hersteller vorzufinden ist. Sozusagen übergeordnet existieren in der Regel ebenfalls noch MS-DOS-Rechnersysteme, die entweder Stand-alone oder in einem Netzwerk sowohl von kommerziellen als auch technischen Bearbeitern bei der Abwicklung von Projekten genutzt werden.

Probleme beim Datenaustausch in den verschiedenen Rechnerwelten zwischen den verschiedenen koordinierenden Stellen führen zu einer mühsamen Alltagsarbeit. Von Unternehmen wird heute in erster Linie Flexibilität und effiziente, also kostengünstige Nutzung der vorhandenen Ressourcen verlangt; Forderungen, die sowohl an die Organisation als auch an die Verfügbarkeit von unternehmensspezifischen Informationen klare Vorgaben stellen. Schlagworte wie Bürokommunikation, verteilte Datenbankstrukturen, MIS etc. sind heute längst keine technisch interessanten Experimentierfelder mehr, sondern charakterisieren zunehmend das Terrain für erhebliche Rationalisierungspotentiale.

Vor diesem Hintergrund gewinnt auch der Begriff der offenen Systeme eine andere Bedeutung: Um übergreifend rationalisieren zu können, dürfen keine DV-Inseln gepflegt werden, da zukünftig sicherlich neben der Quantität und Qualität der verfügbaren Daten auch der möglichst einfache Zugriff auf verschiedene Datenregionen entscheidend sein wird. Die Betonung liegt hier auf möglichst einfach.

Der zugrundeliegende Typ der Hardware verliert immer mehr an Bedeutung; PCs wachsen in typische Workstation-Leistungsklassen, Workstations übernehmen Aufgaben der früheren Midrange-Computer, und Großrechner sehen sich zunehmender Konkurrenz durch Downsizing-Projekte ausgesetzt. Letztendlich wird die komplette Ablösung der Großrechner durch hierarchisch strukturierte Netzwerke nur noch durch das Fehlen leistungsfähiger Softwarekonzepte zu verteilten Datenstrukturen behindert; eine Begründung von seiten der Hardware gibt es hierfür längst nicht mehr.

So, wie der Typus der eingesetzten Hardware an Bedeutung verliert, gewinnt die nächsthöhere Ebene der Betriebssysteme und Verbindungsstrukturen enorm an Bedeutung. Immer weniger Anwender und Systemverantwortliche sind heute noch bereit, für jede Applikation eine andere Rechnerwelt hinzunehmen beziehungsweise zu überbrücken.

Wo dies nicht der Fall ist, hat man sich längst daran gewöhnt, daß der Datenaustausch zwischen den verschiedenen Rechnern beziehungsweise der Zugriff auf die verteilten Daten nur eingeschränkt oder über Disketten als Übertragungsmedium möglich ist.

Vor diesem Hintergrund überlegten sich die Verantwortlichen bei der AEG eine Umstellung der eingesetzten Betriebssysteme und Rechnernetze.

Die technische Bearbeitung war bis dahin in mehrere Bereiche zerfallen:

- CAD/E (Bearbeitung von Stromlaufplänen und allgemeine Hardwareprojektierung) mit VAX-Stations in mehreren VAX-Clustern,

- Software-Entwicklung mit MS-DOS und Unix, wobei der Unix-Anteil exponentiell mit zunehmender Vernetzung anstieg,

- DOS-basierte Netzwerke (Novell und Banyan) für das normale Büroumfeld.

Zuerst wurde eine Umstellung der DOS-Netzwerke auf Unix-basierte Server-Systeme in Angriff genommen. Die Arbeiten Hierzu dauern noch an, die bisherigen Ergebnisse sind allerdings sehr ermutigend und zeigen, daß reine DOS-Netzwerke in Zukunft sicher immer weiter zurückgedrängt, beziehungsweise durch die Integration etwa von Netware in das Unix-Umfeld abgelöst werden.

Workstation auf Unix-Basis

Als nächster Schritt wurde, da eine Erweiterung der vorhandenen CAD/E-Stationen notwendig war, der Einsatz von Unix-basierten Workstations geprüft. Diese Möglichkeit war gegeben, da die bisher verwendete CA D-Software"Ruplan" von Debis inzwischen für eine Vielzahl von Unix-Systemen zur Verfügung steht.

Nach einer längeren Evaluations- und Testphase mit diversen Systemen entschied man sich für einen Austausch der bisherigen Workstations gegen Unix-basierte Maschinen unter AIX/X11/Motif. Alle diese Umstellungsmaßnahmen erlauben außerdem zukünftig, die bisherige Vielfalt von zur unterstützenden Netzwerkprotokollen (Decnet, XNS, IPX, TCP/IP) auf die Unterstützung eines einzigen Protokolltyps (TCP/IP) zu reduzieren, was eine nicht unerhebliche Kostenersparnis bedeutet.

Einzig verbliebene Insel im Datenverbund blieb somit die kommerzielle Rechnerwelt in Form der IBM /36. Der Fachbereich A84 ist wie auch andere Bereiche der AEG an die Rechenzentren von Debis angeschlossen, wo ein großer Teil der Datenverarbeitung erfolgt. Im Fachbereich selbst wird sowohl ein Teil der Daten gehalten und verarbeitet, als auch eine Vorverarbeitung von bestimmten Datensätzen vorgenommen, die mit dem Debis-Rechenzentrum ausgetauscht werden.

Basis ist eine IBM /36, Modell 5360-B26, mit 1 MB Hauptspeicher und 800 MB Plattenspeicher. Angeschlossen sind derzeit 29 Benutzer: Zwölf via Terminal (Twinax), der Rest über PC. Von den PC-Benutzern sind ein Drittel direkt über Twinax an die /36 angeschlossen, die übrigen arbeiten über das Novell-Hausnetz und einen speziellen Gateway-Rechner auf der /36.

Bereits seit längerer Zeit wurde über eine Umstellung der /36 auf ein AS/400-System nachgedacht. Da die Kapazität des /36-Systems jedoch noch nicht erschöpft war, verzögerte sich eine solche Entscheidung noch einige Zeit. Inzwischen stellte IBM das RISC RS/6000-System vor und bot damit eine Alternative zur AS/400 an, die gleichzeitig einen Einstieg in die Welt der offenen Systeme auch im kommerziellen Bereich erlaubt.

Da parallel die oben geschilderte Umstellung der CAD-Aktivitäten auf RS/6000 begann, wurde die Entscheidung getroffen, auch als Nachfolgesystem der /36 ein entsprechendes Modell der IBM-RISC-Serie einzusetzen und - flach Erstellung eines Portierungsplans - mit der Realisierung baldmöglichst zu beginnen.

Die Voraussetzungen für eine Portierung der vorhandenen Applikationen waren ausgesprochen günstig, da alle verwendeten Module und Programme im Hause selbst schrieben und gepflegt werden.

Als Programmiersprache kommt durchgängig Cobol zum Einsatz. Zur Generierung von Menüs und Bildschirmmasken dient in allen Modulen das Standard-SSP-Tool SDA (Screen Design Aid) von IBM. Dieser Maskengenerator erzeugt Quellen in RPG/II-ähnlichem Format; die umgewandelten Masken werden vom Cobol-Programm aus als Workstation-Dateien gesprochen.

Laut Auskunft eines Software-Anbieters sind SDA-Masken insbesondere auf europäischen /36-Systemen relativ häufig anzutreffen, während sie in den USA in weit geringerem Maße Anwendung finden.

Für eine Bestandsaufnahme der zu portierenden Applikationen wurde zur Ermittlung der Anzahlen von Menüs, Prozeduren, Masken und Cobol-Statements pro Modul das Tool "Remdoc" benutzt.

Dabei ergab sich folgendes Bild: Es mußten acht Module (beziehungsweise Bibliotheken) mit zirka 600 Prozeduren, knapp 320 Cobol-Programmen und fast 250 verschiedenen Masken übertragen werden.

Von Anfang an war klar, daß bei einer Portierung besonderer Wert auf einem hohen Grad an Modularisierung liegt, insbesondere um die spätere Erweiterbarkeit des Systems unter AIX mit seinen offenen Schnittstellen gewährleisten zu können.

Eine wichtige Forderung war weiterhin, eine konsistente Darstellung der Bildschirmmasken über verschiedene Hardwareplattforrnen zu erreichen, sei es über Netzwerk, direkte Terminalzugriffe oder Terminalserver, unabhängig vom verwendeten Betriebssystem der Arbeitsstation.

Besondere Aufmerksamkeit verdiente der Bereich der Datenbankzugriffe; in allen Applikationen der /36 wurde auf die Datenstrukturen mit direkten Cobol-Read-Write-Statements zugegriffen. Für eine erste Portierung sollten diese Strukturen unbedingt übernommen werden, um ein aufwendiges Redesign der ganzen Applikationen zu vermeiden. Andererseits war klar, daß ein zukünftiger Weg zu relationalen verteilten Datenbanken und dezentraler Datenadministration offen gehalten werden mußte, um die Flexibillität der RS/6000 unter AIX auch nutzen zu können.

Nachfolgend wird der gewählte Weg beschrieben. Nach einer durchgeführten Marktanalyse entschied man sich für den Einsatz folgender Komponenten laut oben beschriebenem Schichtenmdell:

Compiler: Ryan-McFarland Cobol85. Vom Einsatz dieses Compilers wurden die geringsten Kompatibilitätsprobleme erwartet im Hinblick auf den vorhandenen Cobol-Quelltext der /36. Diese Einschätzung hat sich im weiteren Portierungsverlauf grundlegend bestätigt.

Der Maskengenerator Gfuscgen erlaubt die dialogorientierte Erstellung, Verwaltung und Generierung interaktiver Bildschirmmasken unter Cobol mit einem integrierten System und bietet alle Möglichkeiten an, die von uns im Rahmen dieses Projektes gefordert wurden.

Wie oben beschrieben, existiert eine große Anzahl von SDA-Masken auf der /36, die im Rahmen der Umstellung auf AIX zu portieren waren. Der Maskengenerator erhielt zusätzlich eine Importfunktion für SDA-Masken. Durch diese Erweiterung ist man in der Lage, die (alten) Masken direkt im Maskengenerator zu editieren und in der von AIX auf der RS/6000 benötigten Form beizulegen. Die hierdurch erreichbare Zeiteinsparung ist beträchtlich.

Datenbank-Schnittstelle: Ryan-McFarland RM/plusDB.

Geplant war der Einsatz von RM/plusDB, das eine transparente Schnittstelle von Cobol zu relationalen Datenbanken anbietet. Die vorhandenen Cobol Read-Write-Statements könne weiterverwendet werden, lediglich ein Austausch der Datenstrukturen (in der Regel Copy-Dateien) ist erforderlich.

Leider ist dieses Tool bis heute nicht in einer Version zur Anbindung an Oracle erhältlich, für die primäre Portierung der bisherigen Cobol-Read-Write Datenstrukturen wird es allerdings auch nicht benötigt.

(wird fortgesetzt)

*Doris Grimm ist beim Fachbereich Produktionsautomatisierung der AEG, Frankfurt, Leiterin des Umstellungprojektes. Dr. Lothar Hirschbiegel war in dieser Abteilung Leiter E DV und Organisation und ist jetzt in gleicher Position bei der Firma AMP, Langen, tätig.