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31.03.1995

Die amerikanische Softwareschlacht

Jim Manzi, President und CEO der Lotus Corp. in Cambridge, Massachusetts*

Bei diesem Beitrag handelt es sich um die Uebersetzung eines Artikels aus "The Wall Street Journal Europe".

Fuer das Management geht es um die Frage: "Was, wenn?" Was, wenn in ein paar Jahren die gesamte Software, die derzeit fuer PCs und Server, beruflich und privat in Gebrauch ist, sowie alle damit zusammenhaengenden Informations- und Transaktionsdienste nur noch mit der neuesten Version des Microsoft- Betriebssystems laufen?

Was, wenn der Einfluss, den die Microsoft Corp. im Desktop-Markt gewonnen hat, und die finanziellen Reserven, die sie sich durch die unangefochtene Monopolstellung bei den Desktop- Betriebssystemen aufgebaut hat, auch im Netzwerksektor zur Hegemonie fuehren?

Was, wenn man aus dem Fenster und ueber die Grenzen des eigenen Unternehmens hinausblickt, um zu sehen, welchen Weg die anderen einschlagen, und dabei feststellt, dass fast alle den gleichen gehen? Dann mag man sich darueber freuen, dass alles so nahtlos und vorhersehbar ist, doch verlange man keine Vielfalt oder Neuerungen, und vor allem frage man nicht, "where do you want to go today". Ist das denn ueberhaupt noch von Belang, wenn die elektronische Landschaft von Big Blue II. in Seattle entworfen wird und so eintoenig - gewiss, auch nahtlos - ist wie die Praerie von Kansas?

Die juengst verkuendete Entscheidung von Richter Stanley Sporkin, die im letzten Sommer zwischen dem US-Justizministerium und Microsoft getroffene Antitrust-Regelung abzulehnen, wurde von mehreren vorgeblich konservativen Kommentatoren, unter ihnen der ehemalige Leiter der Antitrust-Vollzugsbehoerde unter Praesident Bush, als Angriff auf die Prinzipien der freien Marktwirtschaft gedeutet. Sie aeusserten Bedenken ueber die "Geissel Antitrust" und plaedierten fuer rechtliche Beschraenkung. Dabei behaupteten sie, der Entscheid Richter Sporkins sei unfair, da er sich Microsoft herausgreife, weil das Unternehmen durch reinen "Geschaeftssinn" und "ueberlegene Produkte" eine marktbeherrschende Position errungen habe. Die Kritiker waren besorgt ueber die Auswirkungen des Entscheids auf die Wettbewerbsfaehigkeit der USA und sahen in ihm einen Widerspruch zu anderen politischen Tendenzen hin zu Deregulierung und Laisser-faire. Im Grunde stellen sie die Notwendigkeit jedweden Eingriffs in die relativ junge, dynamische, bisher nicht regulierte Software-Industrie in Frage.

Zweifellos steht Richter Sporkins Entscheidung in krassem Gegensatz zu der eher lauen Haltung zur Antitrust-Politik, zu der viele in letzter Zeit neigen. Tatsaechlich aber, so meine ich, ist sie sehr wettbewerbsfoerdernd, stellt sie doch einen ersten Schritt in Richtung lange ueberfaelliger Massnahmen dar, um das Antitrust- Recht ins 20. Jahrhundert zu bringen, vom unaufhaltsam naeherrueckenden, von Wissen bestimmten 21. Jahrhundert ganz zu schweigen. Ausserdem geht es bei der Anwendung einer Antitrust- Gesetzgebung nicht, wie einige meinen koennten, um staerkere Regulierung, sondern vielmehr um eine Intensivierung des Wettbewerbs.

Gewiss, die ersten 15 Jahre der PC-Software-Industrie haben gezeigt, was Innovation und Unternehmergeist bewirken koennen, doch kam dieser Erfolg nicht von ungefaehr. Seit Ende der siebziger bis in die spaeten achtziger Jahre florierte die Branche aufgrund ihrer Offenheit, niedriger Zutrittsschranken, einer fuer die meisten Newcomer zugaenglichen Arena, des starken Schutzes geistigen Eigentums und einer selbstbewusst neue Wege gehenden, risikofreudigen, sogar irgendwie "subversiven" Kultur.

Dutzenden von Unternehmen gelang in dieser Zeit der Aufstieg buchstaeblich aus dem Nichts zu Umsaetzen in Millionenhoehe. Die daraus resultierende kreative Vielfalt wiederum brachte die Software-Anwendungen hervor, die fuer uns heute selbstverstaendlich sind, zum Grossteil aber vor zwanzig Jahren noch nicht vorhanden waren.

Gerade wegen der ihnen innewohnenden Dynamik sind Wirtschaftszweige wie die Softwarebranche anfaellig fuer Praktiken des Verdraengungswettbewerbs. Wenn Sieger ihre Erfolge in dauerhaft branchenhemmende Vorteile ummuenzen koennen, ist dies nur als wettbewerbsfeindliches Verhalten zu deuten.

Ueber weite Strecken dieses Jahrhunderts haben sich die amerikanischen Antitrust-Vollzugsbehoerden auf Preisabsprachen, Kopplungsvereinbarungen, Marktaufteilung und dergleichen mehr konzentriert. Diese traditionelle Fokussierung scheint heute in bezug auf viele Branchen geradezu kurios - zweifellos ein Grund dafuer, warum das Antitrust-Recht in zahlreichen herkoemmlichen Branchen und besonders dort zunehmend an Wirkung verliert, wo aufkommende globale Industrien den bisherigen Massstaeben inlaendischer Marktmacht oftmals jede Relevanz genommen haben.

Die Gesetze, die solchen Verstoessen zugrunde liegen, stammen ausnahmslos aus den gluecklichen Tagen des "Warenmonopols", wie es im ausgehenden 19. und fruehen 20. Jahrhundert noch ausgepraegt war.

Trusts unter Fuehrung von Unternehmen wie Standard Oil, U.S. Steel, American Tobacco und National Sugar missbrauchten damals die Kontrolle ueber Guetermaerkte etwa im Bereich Oel und Stahl. In solchen Branchen, wo Groessenvorteile und Zugriff auf Kapital wesentliche Wettbewerbsvorteile bedeuteten, bestand das wettbewerbswidrige Verhalten gewoehnlich darin, Vorteile aus langfristig bestehenden Zutrittsschranken zu ziehen. Zum Grossteil handelte es sich um statischen Missbrauch, denn die Bemuehungen zielten auf die Erstarrung und Kontrolle der Wettbewerbsbedingungen in Maerkten mit relativ klar definierten, ausgereiften Produkten, bei denen sich der technische Fortschritt vor allem auf die Produktionsmethoden, die Vertriebskontrolle und relative Kostenpositionen bezog und wo die Ausreifungszeiten der Investitionen vergleichsweise lang waren. Einfacher gesagt, gab es kaum oder keine Gelegenheit fuer die Konkurrenz, sich durchzusetzen. Zweifellos existieren in den USA zahlreiche Wirtschaftszweige, in denen solche Verstoesse noch vorkommen moegen. Anderswo aber, besonders in den Dienstleistungs- und wissensbasierten Branchen, spielen diese Konkurrenz- und Kontrollmodelle keine Rolle.

Waehrend einst um die Beherrschung von Variablen wie Preis oder Kapazitaet fuer eine statische Produktpalette gerungen wurde, tobt heute der Kampf um die Vormachtstellung bei den neuesten Produktangeboten. Das eigentliche Ziel heisst heute, Kontrolle oder nachhaltigen Einfluss auf den Einfuehrungszyklus neuer Produkte zu erlangen.

Die Ueberpruefung der Aufsichtsbehoerden sollte sich nicht allein auf den derzeitigen Marktanteil oder die Preispolitik konzentrieren, sondern vielmehr bewusst und systematisch auch untersuchen, inwieweit ein Unternehmen in der Lage ist, die "Aenderungsraten- Konkurrenz", wie ich es nenne, zu kontrollieren. Solange die Behoerden nicht aufmerksamer auf die Aenderungsraten achten, wird es um die amerikanische Wettbewerbsfaehigkeit schlecht bestellt sein.

Ueber die immense Staerke von Microsoft besteht wohl allgemein Einigkeit. Ausserdem geht es hier nicht um das Thema Lotus. Lotus lebt und ist wohlauf und wird auch weiterhin wachsen. Doch hat Microsoft seine Vormachtstellung im Bereich der Betriebssysteme nicht allein durch exzellente Technik erreicht. Tatsaechlich hinkte diese des oefteren hinter den technischen Vorreitern her. Eine Kombination aus Geschick und Spuersinn bildet die Grundlage des Erfolgs. Von 1985 bis 1990 hat sich Microsoft die Aenderungsraten - und die Unfaehigkeit der groessten Partner, mitzuhalten - so erfolgreich zunutze gemacht, dass man dafuer ein Lob aussprechen muss. Seither aber hat das Unternehmen systematisch die Aenderungsraten-Konkurrenz blockiert und sogar die Innovationsrate auf dem Markt gebremst.

Die Gates-Company hat Software-Anbietern und Kunden durch verschiedene wettbewerbswidrige Praktiken geschadet, etwa indem sie Produkte Jahre vorher angekuendigt und damit die Verbraucher zur Bewegungslosigkeit verdammt hat, indem sie kleineren Konkurrenten durch Paketangebote auf Betriebssystem-, Anwendungs- und jetzt auf Server-Programm-Ebene jeden Marktzutritt verbaute, indem sie unterschiedlichen Zugang zu ihren Betriebssystemen gewaehrte und indem sie restriktive Lizenzen erteilte, die Software-Entwicklern die Unterstuetzung anderer Betriebssysteme erschweren oder gar unmoeglich machen. Letztendlich zahlen die Verbraucher dafuer den Preis in Form einer begrenzteren Auswahl, weniger Innovation und ausgedehnter Produkt- und Produktverbesserungszyklen.

Jetzt hat Microsoft eine neue Dimension der Paketpolitik signalisiert. Durch die Ankuendigung, mit dem Windows- Betriebssystem probeweise direkten Zugriff auf seinen Online- Service und die Desktop-Anwendungssoftware zu bieten, wird das Unternehmen den Wettbewerb in den Nachbarmaerkten der Betriebssysteme weiter laehmen. Dadurch erhaelt das Konzept des Verdraengungswettbewerbs eine neue Bedeutung.

Wenn Richter Sporkin bei seinem Versuch, Microsoft am weiteren Machtausbau und damit an der Verzoegerung der Aenderungsrate zu hindern, scheitert, ist die Software-Industrie auf dem besten Wege zu einer verhaengnisvollen Umkehrung: von der Welt der geschlossenen Systeme, in der eine kleine Schar von Konkurrenten ums Ueberleben kaempfte, ueber eine von enormer Experimentierfreude, Dezentralisierung, Offenheit und Kreativitaet gepraegten Uebergangszeit zurueck zu den geschlossenen Systemen und zur Rezentralisierung der Kontrolle.

Die Aussicht auf eine solche Rezentralisierung ist in der Tat erschreckend, denn die Computer- und Kommunikationstechnologie kann, so maechtig und fungibel wie sie ist, in jeden Winkel unseres Alltags einsickern. Eben diese Kombination aus Durchdringungskraft und potentieller zentralisierter Kontrolle ist das unerwartete konterrevolutionaere Resultat dessen, was einst als "die PC- Revolution" Schlagzeilen machte.

So do we want to go where they want to take us?