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30.09.1977 - 

Strukturprobleme im DV-Bildungsbereich:

Die Angst um den Arbeitsplatz zwingt zum Umdenken

Die strukturellen Probleme der derzeitigen Konjunktur- und Beschäftigungspolitik zeigen sich in ihren Auswirkungen auch im Sektor der DV-Ausbildung. Hatten noch vor wenigen Jahren die Ausbildungsträger hochgespannte Erwartungen in den scheinbar anbahnenden Boom der Ausbildungswilligen gesetzt (man denke nur an die hochgesteckten Ziele der sogenannten DV-Bildungszentren), so ist heute allerorten eine wesentlich realistischere Betrachtungsweise festzustellen. Während im öffentlichen Schulwesen Schüler- und Studentenberge bewältigt werden müssen, stagniert der Bereich der Erwachsenenbildung, und hier vor allem die DV-Ausbildung.

Die Gründe dafür sind vielschichtig und oft diskutiert worden. Es lassen sich im wesentlichen drei Faktoren anführen. Zunächst haben die Sparmaßnahmen der Bundesanstalt für Arbeit mit den daraus resultierenden geringeren Förderungssätzen dazu geführt, daß der "Nicht-Arbeitslose" gegenüber dem Bewerber ohne Arbeit finanziell wesentlich schlechter gestellt ist. Gerade aber Schulen, die im Bereich der DV ausbilden, benötigen den qualifizierten Aufsteiger.

Angst um den Arbeitsplatz

Der zweite und heute wahrscheinlich wesentlichere Faktor ist die Angst um den Arbeitsplatz. Man zieht es vor, lieber den Arbeitsplatz zu behalten, als nach zusätzlicher Qualifikation keine neue Arbeit zu finden. Dieser an sich einfache Gedankengang ist jedoch insofern gefährlich, als gerade der weniger qualifizierte Arbeitsplatz am ehesten von Umstrukturierungsmaßnahmen betroffen wird. In der Tat zeichnet sich heute ein Ungleichgewicht zwischen angebotenen Arbeitsplätzen für Programmierer und Organisatoren sowie der Nachfrage nach diesen Ausbildungsplätzen ab. Die Absolventen von DV-Schulen haben heute keine Schwierigkeiten, einen Arbeitsplatz zu bekommen. Sie können in der Regel aus verschiedenen Angeboten auswählen.

Die Wirkungsmöglichkeiten der öffentlichen und privaten DV-Schulen werden aber auch noch dadurch begrenzt, daß die EDV-Hersteller nach wie vor EDV-Grundausbildung betreiben.

Auf diese Tatsache angesprochen hört man immer wieder, daß dies ja dem erforderlichen Rahmen au Grund des einseitigen Ausbildungsangebots von den DV-Schulen nicht geleistet werden könne (siehe Interview CW Nr. 33/34). Gegenüber der unbezweifelbar dringenden Aufgabe der EDV-Hersteller, in spezieller Firmensoftware zu schulen, verliert jedoch dieses Argument durch den breiten - Ausbau der DV-Fachschulen und der Integration der DV-Ausbildung im öffentlichen Schulwesen an Glaubwürdigkeit.

Umstrukturierung und Flexibilität sind erforderlich

Betrachtet man die drei genannten Faktoren, so ist festzustellen, daß Umdenkprozesse von allen Beteiligten einsetzen sollten. Ausbildung ist nach wie vor die beste Garantie, bei Krisen am Arbeitsmarkt zu bestehen, dies gilt vor allem im DV-Bereich. Umstrukturierung und Flexibilität werden aber auch für DV-Schulen unerläßlich sein, um im Markt zu bleiben.

Die staatliche Fachschule für Datenverarbeitung und Organisation in Böblingen, die seit 1972 den Betriebswirt DV und den Industrie-Informatiker ausbildet, soll als Beispiel für diese Umstrukturierungsmaßnahmen genannt werden.

Der bisher starre Ausbildungsgang des DV-Betriebswirts (Studiendauer zwei Jahre) wurde modularisiert.

Grundgedanke ist der nach einem jeweiligen Ausbildungsabschnitt mögliche Ausstieg aus dem Gesamtstudiengang; die Möglichkeit, auch kürzere Studiengänge wahrzunehmen. Dazu war es erforderlich, die Stundentafeln so umzugestalten, daß sich der zu vermittelnde Stoffumfang an dem jeweiligen Ausbildungsabschnitt orientiert. Die Ausbildung kann nun in folgenden jeweils halbjährlichen Stufen durchlaufen werden: DV-Sachbearbeiter - Anwendungsprogrammierer - Organisationsprogrammierer - DV-Betriebswirt. Als erste echte Ausstiegsmöglichkeit bietet sich der Abschluß zum Anwendungsprogrammierer an, der nach einjähriger Ausbildung eine Prüfung oder - im Sinne des Gesamtstudienganges - eine Zwischenprüfung ablegt. Jeder "Aussteiger" kann, sofern dies nach einiger Praxisbewährung sinnvoll erscheint, wieder in den Reststudiengang bis hin zum DV-Betriebswirt einsteigen.

Fachhochschulreife durch Zusatzprogramm

In einem Beiprogramm ist für den DV-Betriebswirt die Erlangung der Fachhochschulreife möglich. Auch die Eingangsvoraussetzungen wurden so gestaltet, daß für Praktiker eine Möglichkeit zur weiteren Qualifikation gegeben ist. Hier werden entweder eine kaufmännische Lehre und zweijährige Berufspraxis oder in Ausnahmefällen eine mindestens sechsjährige kaufmännische Praxis verlangt. Für den DV-Betriebswirt mit dem Beiprogramm Fachhochschulreife ist als Zugangsvoraussetzung Realschulabschluß oder die Fachschulreifeprüfung erforderlich. Die DV-Schule Böblingen führt zusätzlich weiterhin die einjährige Ausbildung von Technikern und Ingenieuren zum Industrie-Informatiker durch. Obwohl dieser Ausbildungsgang mehr der Abrundung des Gesamtangebots gilt, haben gerade diese Absolventen gute berufliche Startpositionen einnehmen können.

Da die Böblinger Schule als staatliche Einrichtung auch außerhalb der Erwachsenenbildung tätig werden kann, ist eine weitere Abrundung des Ausbildungsangebotes im Bereich der Wirtschaftsschulen (Berufskolleg) und eine Ausbildung von Abiturienten vorgesehen. Während bei den Absolventen des Berufskollegs die EDV-Fächer nur einen Teil der Ausbildung abdecken, ist bei der Abiturientenausbildung an eine EDV-Kompaktausbildung gedacht.

Sinnvolle Alternative zum Parkstudium

Diese mehrstufige Ausbildung soll entweder zum unmittelbaren Eintritt in das Berufsleben qualifizieren oder aber als Vorbereitungsmaßnahme für ein geplantes Studium an Hochschule und Universität den dort erforderlichen DV-Anteil vorwegnehmen. Diese Möglichkeit soll vor allem eine sinnvolle Alternative zum sogenannten "Parkstudium" darstellen. Dabei ist die Zeitdauer der berufsqualifizierenden Maßnahme in der Regel höher anzusetzen als die Vorwegausbildung zum Hochschulstudium, die den Zeitraum von einem Jahr umfassen soll.

Mit den aufgezeigten Maßnahmen will die DV-Schule Böblingen dazu beitragen, innerhalb der Grenzen Schule - Beruf - Hochschule mit einem gefächerten Ausbildungsangebot notwendiges DV-Wissen zu vermitteln. Die Annahme dieses Angebots wird jedoch auch von der wieder in größerem Umfang erforderlichen Flexibilität der Fortbildungswilligen abhängen.

*Diplom-Ingenieur Norbert Krömer ist Dozent an der Fachschule für Datenverarbeitung und Organisation in Böblingen