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25.05.1979

"Die Anwendungssoftware ist zu eng mit der Hardware verknüpft".

Mit Friedrich A. Meyer, Geschäftsführer der ADV/ORGA KG, Wilhelmshaven sprach Dieter Eckbauer

- Herr Meyer, Unbundling hat das Parallelogramm der DV-Kosten verschoben. Die Software nimmt an Bedeutung zu. Zugleich meinen Kenner der hiesigen Softwarebranche auch eine Zunahme der Schwierigkeiten bei der Software-Entwicklung zu sehen. Ist die Softwarekrise ein Dauerzustand?

Wenn man allgemein von der Softwarekrise spricht, dann muß man fragen, wo liegen die Ursachen? Die Ursachen liegen nach unserer Erfahrung darin daß die anwendungsbezogene Software, und die möchte ich besonders herausstellen, viel zu eng mit den technischen Komponenten verbunden ist. Als technische Komponenten sehe ich die Betriebs-system-Software und die Hardware-beides zusammen.

- Das erklärt noch nicht die Schwierigkeiten in der Software-Entwicklung.

Wenn sie Änderungen haben, dann können Anstöße für die Software aus verschiedenen Richtungen kommen: Neue Verordnungen beispielsweise Mehrwertsteuer, Lohnsteuer oder dergleichen. Oder betriebswirtschaftliche Erkenntnisse - keine Vollkosten -, sondern Deckungsbetragsrechnung. Oder Hardwaresysteme, die fünfmal so schnell sind und nur ein Drittel kosten, die jeder Anwender haben möchte. Oder arbeitsplatzorientierte Datenverarbeitung, als Dialogbetrieb. Oder der Einsatz von Datenbanken Das sind also verschiedene Anstoßrichtungen, die auf die Software wirken, und es ware natürlich ideal, wenn man sagen wurde, alle Anstoßrichtungen werden gesammelt und in einem Rhythmus von sieben Jahren würden wir wieder eine neue Software entwickeln, die wiederum sieben Jahre reicht Aber das ist natürlich reine Theorie denn die unterschiedlichen Anstöße kommen ja kreuz und quer und zu den verschiedensten Zeiten.

- Ist es nicht geradezu umgekehrt Daß Software in immer kürzeren Intervallen verrottet?

Da haben Sie recht, wenn man Software eng im Zusammenhang mit Hardware- oder Betriebssystem-Komponenten, also mit dem technologischen Teil, konzipiert.

- Sie meinen, nicht die Aufgabe ändert sich, die Software lösen soll, sondern die technische Umgebung, in der Software arbeitet?

Ich gehe davon aus, daß Fakturierprobleme vor zehn Jahren von der betriebswirtschaftlichen Aufgabe her genauso gelöst worden sind wie heute oder vor zwanzig Jahren. Es gibt natürlich betriebswirtschaftliche Weiterentwicklungen, aber die sind bei weitem nicht so schnell wie die technologische Entwicklung. Darum sage ich, daß die Software, die ja Anwendungsprobleme losen soll, eine relativ feste Basis hat Was "störend" ist bei der Software-Entwicklung, das ist die schnelle technologische Entwicklung auf dem Rechner-Sektor.

- Nun ist die Forderung nach einer ingenieurmäßigen Entwicklung von Software schon uralt, aber man sieht eigentlich nicht daß sich etwas bewegt.

Ich wurde das etwas anders sagen Es hat sich eine ganze Menge bewegt Vor Jahren kam jeder, der meinte er kann Software herstellen, auf die Idee, Standardlösungen zu entwickeln, oder - noch viel schlimmer - für einen speziellen Kunden entwickelte Lösungen auf andere Kunden zu adaptieren. Das hat zu einem Fiasko geführt, mußte zu einem Fiasko führe, weil diese Anwendungspakete - wie bereits erwähnt - sehr stark mit der Hardware, mit dem Betriebssystem verknüpft waren. Insofern haben sich viele Software-Unternehmen, aber auch Hardware-Hersteller, aus der Software-Entwicklung zurückgezogen. Hier hat sich, im Rahmen der Marktwirtschaft, die Spreu vorn Weizen getrennt.

- Wenn man davon ausgeht, daß auf der Hardwareseite das technisch Mögliche weitgehend erreicht worden ist: Wie weit ist - im Vergleich dazu - das Software - Engineering vom Optimum entfernt?

Ich halte Ihre Aussage für ziemlich kühn, daß wir auf dem Hardware-Sektor fast das Optimum erreicht haben. Ich glaube, diese Vorstellung haben Technologen auch vor zehn oder 15 Jahren gehabt Aber die Entwicklung hat gezeigt daß immer wieder etwas Neues gekommen ist Ich glaube, wenn wir uns in zehn Jahren wiedertreffen und ich Sie an diesen Satz erinnere, wird die Zeit einfach sagen. 1979 waren noch keine 90 Prozent erreicht. Noch weniger glaube ich, daß im Software-Bereich ein Optimum erreicht ist. Hier stehen wir noch vor großen Möglichkeiten in der Entwicklung.

- Es wäre ja an sich tröstlich, daß es den perfekten Computer nie geben wird, weil ein großer Teil eben Software ist. Wir können offenbar keine hundertprozentige Software bauen. Wird insofern die Gefahr, die vom "großen Bruder" ausgehen soll, überzeichnet?

Warum eigentlich Gefahr? Wir könnten doch auch sagen: Den Computer so zu nutzen, wie wir als Menschen es wünschen und möchten, haben wir halt noch nicht in den Griff bekommen

- Sehen Sie das nicht zu optimistisch? Selbst IBM beispielsweise kann auf dem Softwaregebiet nicht zaubern. Die Ergebnisse zeigen eher, daß trotz größter Anstrengungen nicht viel mehr erreicht wurde, als auch kleinere Einheiten erreichen.

Da bin ich ganz bei Ihnen: Es gibt große Unternehmen auf dem Gebiet der Datenverarbeitung, da will ich gar nicht, mal nur die IBM sehen, die in der Software-Entwicklung effektiver arbeiten könnten, wenn man sie in kleinere Einheiten aufspalten würde. Vielleicht wäre, deren Produktivität dann 20 Prozent höher. Man könnte jetzt auch aus sozialpolitischem Aspekt sagen: Es würden 20 Prozent weniger Leute gebraucht. Insofern könnte man - mit Blick auf den Arbeitsmarkt - auch sagen: Ganz prima daß es Multis gibt, und daß soviel Leute erforderlich sind, um diese Unternehmen am Laufen zu halten.

- Ist vor diesem Hintergrund die Softwarekrise nicht zunächst ein Problem der Softwareleute, die sich schwerlich selbst in Frage stellen können?

Ich habe immer wieder behauptet, daß die Organisatoren selber am schlechtesten organisiert arbeiten. Das war eigentlich auch der Grund dafür, daß wir unsere Orgware herausgebracht haben und sagten, wir müssen eine Richtschnur geben, wie man letztlich organisiert und wie man rationell arbeitet. Da liegt sicherlich noch eine ganze Menge im Argen. Aber wenn wir von der Software-Krise sprechen, dann müssen wir auch zwischen universellen und individuellen Software-Lösungen unterscheiden. Anwendungsorientierte Standards werden auch zukünftig nur einen Teil dessen abdecken, was die Anwender benötigen. Es wird immer dahin kommen, daß in vielen Fällen individuelle Software-Pakete erstellt werden müssen, und hier muß derjenige, der diese Pakete erstellt - sei es jetzt der Hardware-Hersteller, ein Softwarehaus oder der Anwender selbst -, rationeller arbeiten. Das heißt: Hier müssen wir Software-Tools einsetzen, hier müssen wir ein neuartiges Konzept haben.

- Haben Sie ein derartiges Konzept?

Das ist das Beratungsgeschäft für uns, spezielle Software-Lösungen individuell zu entwickeln, wozu uns Tools dienlich sind. Auf der anderen Seite eine ganz klare Divisionierung in eine Sparte, die - wie unsere Software-Fabrik in Wilhelmshaven - Software-ingenieurmäßig entwickelt, um sie dem Markt als fertige Standardlösungen anzubieten.

- Das läuft doch eindeutig in Richtung, dedizierte Anwendungssysteme?

Das ist sicherlich eine Alternative. . .

- . . . die nicht mehr das technischorientierte Know-how auf der Anwenderseite verlangt.

Da stimme ich Ihnen in weiten Teilen zu.

- Sehen Sie von daher eine Neuorientierung der Berufe in der Datenverarbeitung kommen?

Auch das ist sicherlich zu erkennen, denn wir meinen, daß sich durch eine neue Technologie in der Software, beispielsweise durch Planungssprachen, eine Tendenz abzeichnet, den Benutzer stärker in den Entwicklungsprozeß einzubeziehen. Dadurch ist natürlich der Kodierer althergebrachter Art in Zukunft in Frage gestellt.

- Wie gehtÆs überhaupt weiter, was die Software-Technologie anbelangt?

Modulartig aufgebaute Softwarepakete werden mit Sicherheit einen großen Teil der Lösungen abdecken, die standardisierbar sind. Das ist die eine Entwicklung. Andererseits werden wir, wo es darum geht, individuelle Anwendungen zu entwickeln, verbesserte Hilfsmittel benötigen, um wirtschaftlich individuelle Lösungen zu erstellen. Die dritte Richtung geht dahin, kurzfristige Dialoge mit dem Computer zu ermöglichen mit einer Datenbasis, um Entscheidungsgrundlagen zu finden. Das heißt: Einmalige Informationsbeschaffung Anzapfen von Datenbeständen. Das sind drei Kategorien, die man mit unterschiedlichen Mitteln angehen muß.