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07.01.1977

"Die avantgardistische Lösung reizt mehr!"

Mit Professor Dr. Friedrich Hertweck, Leiter der Abteilung "Informatik" beim Max-Planck-Institut für Plasmaphysik in Garching, sprach Dieter Eckbauer:

- Seit dem 14. 12. 76 ist im Institut für Plasmaphysik in Garching ein Amdahl-Großrechner 470 V/6 mit der Seriennummer 29 installiert - wie hat die Nummer 29 die lange Flugreise von Sunnyvale/Kalifornien überstanden?

Ohne Schaden. Die Amdahl-Leute haben kleine Schocktester eingebaut, die anzeigen, ob irgendein Maschinenteil besonderen Erschütterungen ausgesetzt war.

- Demnach verlief bei der Installation alles glatt?

Ich habe so etwas noch nicht erlebt: Die Installation ging in einer sensationell kurzen Zeit von drei Tagen über die Bühne - Kompliment für die Amdahl-Techniker.

- Die 470 ersetzt im Instituts-Rechenzentrum eine IBM 370/145 als Front-End-Rechner an einer 360/91. Hat es mit der Kopplung Probleme gegeben?

Nicht die geringsten. Nach internen Tests und nachdem unser selbstentwickeltes Betriebssystem "Amos" geladen worden war, wurde die Amdahl-Anlage am dritten Tag an die 360/91 gehängt und die gesamte Peripherie der 145 umgeschaltet. Wenig später lief die Maschine und konnte alle Funktionen der 145 übernehmen. Wir haben dann bereits die ersten Tests mit MVT auf der Amdahl gefahren.

- Eine Amdahl 470 als IBM-Front-End - ist das nicht etwas reichlich bemessen?

Uns war bereits seit langem klar, daß die 91 einmal voll wird. Dazu ist zu sagen, daß wir selbst die Anlage beispielsweise für Simulationsrechnungen nur zu 40 Prozent nutzen, zur Hälfte wird sie von anderen Max-Planck-Instituten belegt, zu 10 Prozent von Münchner Hochschul-Instituten. Um den bisherigen Zustand zu verdeutlichen: Wir kamen zuletzt immerhin auf 5500 CPU-Stunden im Jahr. Deshalb haben wir schon sehr früh (etwa 1972) mit IBM über eine mögliche Nachfolgemaschine der 360/ 91 gesprochen - in dieser Richtung hat sich jedoch einfach nichts materialisiert. Das einzige, was bei IBM übrigblieb, war eine 168 zur Erweiterung unserer Rechenleistung.

- Man könnte nun dagegenhalten, daß die 168 mehr Leistung bringt als die Amdahl 470.

Ganz sicher nicht. Es gibt Messungen der University of Michigan und der University of Alberta, danach ist die 470 um den Faktor 1,4 bis 1,5 schneller als die 370/168. Diese Zahlen glauben wir auch.

- Wie sieht die Relation 168 zu 470 von den Kosten her aus?

Die Amdahl-Maschine mit 4 MB, standardmäßig 16 Kanälen und Konsolprozessor kostet rund 11 Millionen Mark, eine vergleichbare 168 mit ebenfalls 4 MB, jedoch nur fünf oder sechs Kanälen dürfte dagegen 13 bis 14 Millionen Mark kosten. Wenn man das so nimmt, dann kommt man auf ein Preis-/Leistungsverhältnis, das bei 1,5 bis 2 liegt.

- Bei allem Respekt vor der Beweiskraft von Zahlen - haben Sie mit Amdahl nicht doch auf eine "unbekannte Größe" gesetzt?

Der Kontakt besteht bereits sehr lange. Persönlich kennengelernt habe ich Gene Amdahl bereits im April 1967, als er noch bei IBM war. Dann traf ich ihn wieder im Mai 1973, als er auf einem Kolloquium der Technischen Universität München über seine geplante Entwicklung referierte. Im November 1974 gehörte ich dann zu einer Gruppe von Experten, die im Auftrag des BMFT nach Sunnyvale reiste, um das Engineering-Modell der 470 zu besichtigen.

- Wie war Ihr Eindruck?

Vom technischen Aufbau und Design der Maschine waren wir - das kann ich guten Gewissens sagen - begeistert und sofort einer Meinung, daß die Amdahl eine ernste IBM-Alternative ist. Wir hatten zudem ein Fortran-Programm mitgebracht, das nach einer halben Stunde auf der 470 durchgerechnet war.

- Nachgefragt: Das Institut für Plasmaphysik ist neben der Deutschen Versuchsanstalt für Luft- und Raumfahrt (DFVLR) der erste europäische Amdahl-Anwender - sind Sie nicht in den eigenen Reihen auf erheblichen Widerstand gestoßen?

Ich habe anderthalb Jahre gebraucht, um den "beratenden Ausschuß für Rechenanlagen der Max-Planck-Gesellschaft" davon zu überzeugen, daß das eine gute Sache ist - die Herren waren zuerst sehr skeptisch.

- Hat bei Ihrer Entscheidung für einen "Exoten" - als solchen darf man den Amdahl-Rechner mit Fug und Recht (noch) bezeichnen - nicht doch ein bißchen Eitelkeit mitgespielt, als erster deutscher Anwender Pionier sein zu wollen - zumal ja die Mittel zum Kauf dieser Anlage aus öffentlichen Mitteln bereitgestellt wurden?

Nein, wenn man das ganz streng nach Kosten und Nutzen betrachtet dann ist die Amdahl-Maschine zur Zeit die unter den gegebenen Möglichkeiten günstigste Alternative, eine IBM-Konfiguration um eine zweite CPU zu erweitern, wie wir das ja von Anfang an vorhatten.

- Was sprach noch für die 470?

Gefallen hat uns vor allem die "Kompaktheit" des Rechners. Er nimmt sich neben der 360/91 geradezu klein aus: Das ist eben Technologie der "vierten Generation". Ursprünglich hatten wir nämlich gedacht, unser Rechenzentrums-Gebäude erweitern zu müssen.

- Haben Sie keine Bedenken hinsichtlich der Wartung?

Unsere Vermutung ist, daß diese luftgekühlte Maschine sehr wartungsfreundlich ist. Und soweit wir dabei auf Erfahrungen aus den USA zurückgreifen können, wird unsere Meinung bestätigt.

- Es gibt das Wort, daß nicht der Furchtlose mutig ist, sondern derjenige, der die Furcht überwindet. Sind Sie in diesem Sinne mutig?

Es ist sicher nicht von der Hand zu weisen, daß eine "Pro-Amdahl-Entscheidung" nicht frei von Risiken ist - in zwei Fragen nämlich: "Bin ich grundsätzlich für Mixed-Hardware?" und "Ist die Firma Amdahl eigentlich hinreichend stabil?" Was Mixed-Hardware angeht: Das ist einfach der Lauf der Dinge. Wir haben - um Kosten zu minimieren - sehr frühzeitig "fremde" Komponenten eingesetzt - unsere Erfahrungen sind überwiegend positiv. Von daher: Keine Befürchtungen. Zur zweiten Frage ist zu sagen, daß da die Leute, die die Verträge gemacht haben, mutiger sein mußten.

- Der Punkt kam aber doch zur Sprache?

Er wurde letztlich dahingehend beantwortet daß bei der momentan guten Entwicklung der Amdahl-Geschäfte - monatlich werden immerhin zwei Anlagen ausgeliefert - überhaupt keine Befürchtungen in bezug auf die Stabilität des Unternehmens bestehen.

- Sind nicht dennoch die Fälle "Xerox, Singer etc." ein warnendes Beispiel dafür, daß in der Computerindustrie eigentlich jede Aussage über die "Lebenserwartung" eines Herstellers wertlos ist?

Dieses Risiko können, müssen wir laufen. Zumal wir eine "Back-Up-Verpflichtung" seitens der Fujitsu haben, die einspringen will, sollte Amdahl nicht zu Rande kommen.

- Da wäre noch das Software-Problem. Die 470 ist bekanntlich eine "lBM-Maschine", die von Amdahl - zugegeben in einer moderneren Technik - nachgebaut wird: Mit geringen Modifikationen läuft die gesamte Software des Marktführers auf diesem System. Was ist, wenn IBM morgen ein "revolutionierendes" neues Betriebssystem ankündigt?

Womit nicht zu rechnen ist. Ohnehin ignorieren wir weitgehend das IBM-Betriebssystem - Amos ist eine komplette Eigenentwicklung.

- Sie halten demnach nicht viel von herstellereigenen Operating-Systemen?

So hart würde ich es nicht formulieren. Indes: Herstellersysteme neigen dazu, aufwendig zu sein - auch im Hinblick auf die erforderliche Hardware. Die Arbeit, die man hineinstecken muß, um am IBM-Betriebssystem etwas zu ändern, ist erfahrungsgemäß hoch. Wenn man dann noch die häufigen Releasewechsel berücksichtigt, kann die Devise eigentlich nur lauten: "Mach dich frei". Das haben wir getan.

- Wie hat IBM auf Ihre Amdahl-Ehe" reagiert?

IBM hat sich eigentlich sehr fair verhalten. Wir tun ja auch nichts Illegales: Für IBM-Software, die auf der F 470 gefahren wird, zahlen wir selbst verständlich Lizenzgebühren.

- Abschließend: Was hat Sie an der Geschichte eigentlich am meisten gereizt?

Die avantgardistische Lösung - aber das war die 360/91 seinerzeit auch. Und wohl jeder EDV-Chef hat mehr Interesse an ungewöhnlichen Projekten als an normalen Upgrades.

Dr. Friedrich Hertweck (46)

machte 1956 in Göttingen sein Physikerdiplom. Er promovierte 1960 - an der gleichen Universität - zum Dr. rer. nat. bei Professor Schlenk. Thema seiner Doktorarbeit: Die Kernfusion.

Ab 1961 ist er im Max-Planck-Institut für Plasmaphysik in Garching bei München, wo er 1964 die Leitung der Rechenanlage übernahm, um sich erst dann - wie er sagt - mehr für die "Rechner an sich" zu interessieren.

1972 übernahm Hertweek die Leitung der neugegründeten Abteilung "Informatik", die seitdem auch die Rechenanlage betreut. Hauptaufgabengebiet seiner Abteilung: Die Entwicklung von Dialog-Betriebssystemen.

Seit 1972 ist Hertweck wissenschaftliches Mitglied der Max-Planck-Gesellschaft und seit 1973 auch Honorarprofessor für Informatik an der Technischen Universität München. de