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19.07.2002 - 

Open-Source-Trends/Open Source in der öffentlichen Verwaltung

Die Behörden als Linux-Vorreiter

Eine IT-Anwendergruppe präsentiert sich als besonders reformfreudig: Die öffentliche Verwaltung zeigt ein reges Interesse an Linux und Open Source. Die allenthalben entstehenden Migrationsprojekte gehen weit über den Web-Server-Bereich hinaus. CW-Bericht, Ludger Schmitz

Eigentlich hätte alles so weitergehen können wie bisher. Bei den Behörden laufen Unix- und vor allem NT-Systeme, die DV-Verantwortlichen sind mit ihnen durchaus zufrieden. Aber dann kam Microsoft. "Ohne das Ende von NT und Microsofts Lizenzpolitik hätte es keinen Handlungsbedarf gegeben", erklärt Marco Reinhard, IT-Fachmann bei der Bundesanstalt für Wasserbau (BAW) in Ilmenau. Die Dienststelle koordiniert 450 Server und 6500 PCs an 270 Standorten - eine Hochburg von Windows NT. Doch das wird sich ändern.

Überall in der Bundesrepublik ist es ähnlich. Brigitte Zypries, Staatssekretärin im Bundesinnenministerium, stellt fest: "In den Jahren 2003 und 2004 steht eine Migrationswelle in der öffentlichen Verwaltung bevor, da bisherige Kooperationen mit anderen Herstellern dann auslaufen." Vor allem die jahrelange Dominanz von Microsoft ist in Frage gestellt.

Die Entscheidung des Softwareriesen, Windows NT nicht mehr zu unterstützen und die Anwender zum Wechsel auf XP zu zwingen, ist bei den IT-Verantwortlichen in der öffentlichen Verwaltung nicht gut angekommen. Mit dem neuen Betriebssystem und den zugehörigen Anwendungen nämlich geht ein Wechsel in der Lizenzpolitik einher. Die DV-Leiter haben nachgerechnet und beklagen nun unisono deutlich höhere Kosten. Dabei müssten sie sparen.

So sieht sich die Stadt Schwäbisch Hall mit sinkenden Einnahmen konfrontiert, Knausrigkeit ist geboten. Horst Bräuner, EDV-Koordinator der Gemeinde: "Natürlich stehen auch wir vor der Forderung, unsere Kosten zu senken. Und gleichzeitig sollen wir möglichst mehr Leistungen erbringen." Diese Situation hat zwischen Flensburg und Oberstdorf die Suche nach Alternativen zu bisherigen DV-Konzepten ausgelöst.

Die Alternative zu Microsoft liegt nahe

Die Lösung liegt auf der Hand: Linux und Open-Source-Software. Bekanntschaft haben die IT-Verantwortlichen der öffentlichen Verwaltung damit schon gemacht. Gemeinden und Ämter sind im Internet präsent, unter dem Schlagwort "E-Government" sollen nicht nur die Bürger bequemer und schneller an Formulare herankommen, sondern möchten die Ämter ihre Verwaltungskosten senken. Die zu solchen Aktivitäten gehörenden Server haben in der Regel zwei Dinge gemeinsam: Linux und den Web-Server Apache.

Nun analysieren die Verantwortlichen, ob sich die dabei gemachten positiven Erfahrungen auch auf andere DV-Bereiche übertragen lassen. Welche Anwendungen könnten außerdem auf Linux laufen, und ist das kostengünstiger als auf Unix oder Microsoft-Systemen? Relativ einfach ist es dort, wo Unix-Erfahrungen vorhanden sind und möglichst nur eine Anwendung zu migrieren ist.

Ein Beispiel liefert das Polizeiamt für Technik und Beschaffung Niedersachsen (PATB NI), der zentrale technische und logistische Dienstleister der niedersächsischen Polizei. Hier wurde nach einer Analyse mit der Hamburger Unternehmensberatung Mummert und Partner damit begonnen, das Vorgangsbearbeitungssystem "Mikado" von Unix auf Linux umzustellen. Zum 1. Januar 2003 soll die erste Dienststelle damit fertig, Ende des Jahres das Projekt beendet sein.

Technisch besser und wirtschaftlicher

Dabei geht es nicht nur um Linux-Server, sondern auch die über 10000 Clients an mehr als 500 Standorten werden mit dem quelloffenen Betriebssystem und einer Java-basierenden Benutzeroberfläche laufen. Für Linux sprachen vor allem seine offenen Schnittstellen zum Anschluss an andere Polizeisysteme, seine Sicherheit, die hohe Verfügbarkeit, die Möglichkeit einer kostengünstigen zentralen Administration und nicht zuletzt die Wirtschaftlichkeit.

Mit dem ökonomischen Argument konnte Axel Köhler, zuständiger Projektleiter beim PATB NI, nicht so einfach daherkommen: Der Landesrechnungshof hätte ihm auf die Finger geklopft. Köhler stellte einen Wirtschaftlichkeitsvergleich über einen Zeitraum von zehn Jahren zwischen Microsofts XP plus "Office"-Software und Linux mit der Alternative "Open Office" an. Eingerechnet waren die Kosten für Lizenzen, Updates, Hardware, Konvertierung, Schulung, Sicherheitsaufwendungen, Administration und Service. Ergebnis: Eine Microsoft-Lösung hätte 20 Millionen Euro, rund zehn Prozent, mehr als die Linux-Variante gekostet.

Ähnlich waren die Erfahrungen bei der Bundesanstalt für Wasserbau. Wie bei der niedersächsischen Polizei stellte man hier eine Wirtschaftlichkeitsberechnung nach einem modifizierten Modell der "IT-WiBe 97" von der Koordinierungs- und Beratungsstelle der Bundesregierung für Informationstechnik (KBSt) auf. Der Befund ergab laut dem BAW-IT-Verantwortlichen Reinhard, dass Linux durch die Kosten einer Migration kurzfristig keine Einsparungsmöglichkeiten bietet. "Aber schon mittelfristig ist Linux billiger."

Das Ergebnis ist eine grundsätzliche Entscheidung für offene Systeme und die schrittweise Umstellung bei der BAW. Microsofts "Active Directory" hat keine Chance mehr, stattdessen wird ein plattformunabhängiger Verzeichnisdienst gesucht. Ab sofort gilt die Maxime: Open-Source-Software, wo immer es möglich ist! Die Strategie wird zunächst durch exemplarische Umstellung einiger Pilotbehörden verifiziert, beim BAW ein Open-Source-Kompetenzzentrum eingerichtet. Langfristig sollen nicht nur Server, sondern auch die Clients auf Open-Source-Software umgestellt werden.

Auffällig an den Open-Source-Projekten in der öffentlichen Verwaltung ist, dass Linux auf Servern für keine Diskussionen mehr sorgt. Häufiger als in der Privatwirtschaft geht es in den Ämtern inzwischen auch um Linux auf Clients. Am weitesten dürfte in diesem Punkt die Stadt Schwäbisch Hall sein. DV-Leiter Bräuner hielt seinem zögernden Bürgermeister entgegen: "Einer muss schließlich den Anfang machen." Das Stadtoberhaupt reagierte am 19. April dieses Jahres: "Die Umstellung kann beginnen."

Auf der Server-Seite ist in Schwäbisch Hall die Konsolidierung bereits weitgehend abgeschlossen. Deutlich größere Möglichkeiten für Einsparungen entdeckte Bräuner auf der Client-Seite durch Umstellung auf Open-Source-Software. Bedingung Nummer eins war, dass alte Fachsoftware - durchweg auf Windows-Basis und zum Teil noch im 16-Bit-Format - weiterlaufen kann. Bedingung Nummer zwei: Bei der Bürosoftware muss die Alternative zum durchgängig verwendeten MS-Office kompatibel sein.

Auch für Desktop-PCs geeignet

Bräuner ist sicher, das schaffen zu können. Das Büropaket der Wahl ist "Star Office". Die Open-Source-Datenbank "MySQL" ersetzt "MS Access", "Kmail" kommt für "MS Exchange" und die "Skyrix"-Groupware für "MS Schedule". Als Browser findet "Mozilla", für die Bildverarbeitung "Gimp" Verwendung. Doch problemlos ist das nicht. Proprietäre Makros in Microsoft-Dokumenten können den Datenaustausch behindern. Das zwingt zu Anpassungen.

Auf diesen Punkt macht auch Manuel Schömburg, Systemadministrator im Bonner Beschaffungsamt des Bundesinnenministeriums, aufmerksam. Dies ist seit dem Jahr 2000 eine Linux-Pilotbehörde, in der das Open-Source-Betriebssystem auf Servern genutzt wird. Jetzt ist die Umstellung der Clients ins Auge gefasst. Dazu wurden zunächst die Erfordernisse an den PC-Arbeitsplätzen untersucht. Ergebnis laut Schömburg: "Die Basisfunktionen der Clients lassen sich unter Linux nachbilden. Ein Linux-Desktop ist vollständig geeignet, Standard-Büroaufgaben zu erfüllen." Einschränkung: "Der Dokumentenaustausch ist noch nicht unproblematisch." Hier sind Anpassungsleistungen erforderlich.

Schömburg hat sich auch des Problems der Benutzerakzeptanz angenommen. Es reichte ihm nicht, den Anwendern "per ordre de mufti" ein neues System vorzusetzen, auch wenn formalrechtlich der Arbeitgeber die Arbeitsmittel festlegen kann. Er produzierte eine CD, von der Linux selbst startet und welche die typischerweise benötigten Anwendungen auf Open-Source-Basis enthält. Mitarbeiter können die kostenlose CD ausprobieren und mit nach Hause nehmen. Seither ist das Interesse an Linux und der Zuspruch für Open-Source-Anwendungen gestiegen.

Derweil hat EDV-Koordinator Bräuner in Schwäbisch Hall auf dem Weg zu seinem ehrgeizigen Ziel noch einige größere Probleme vor sich. Vor allem möchte er die Clients möglichst weitgehend zentral verwalten, weil dies im Vergleich zur "Turnschuh-Administration" in der Microsoft-Welt weitere Kosten erspart. Dazu gehört beispielsweise zentrale Verteilung von Software und Patches an die Clients. Linux hat laut Bräuner noch Defizite im zentralen Benutzer-Management. Außerdem wünscht sich Bräuner einen Standard für die File-System-Hierarchie, was mit einem einheitlichen Installations-Manager einhergeht.

Viele Schwierigkeiten wird Bräuner mit Hilfe der Linux-Community oder mit dem eigenen Team lösen müssen. Die Gemeinden sind üblicherweise an kommunale Rechenzentren angeschlossen, welche unersetzliche 3270-Host-Anwendungen bereitstellen. Diese Rechenzentren zeigen bisher wenig Interesse an Linux, entsprechend fehlt der Support von ihrer Seite, sobald es um Open Source geht. Dabei könnten sie den Kommunen eine zentrale Anlaufstelle für Fragen und Problemfälle sein.

Widrige Umstände dieser Art dürften bald kein Thema mehr sein. Zwar streben immer noch Provinzfürsten durch vermeintlich günstige Rahmenverträge mit Microsoft nach Schlagzeilen - und behindern durch diese Festlegung manches Linux-Projekt. Aber die Vorgaben ändern sich auch "von oben".

Positive Signale von oben

Als sich Münchens Oberbürgermeister Christian Ude über die "ganz erheblichen Kostensteigerungen für Software von Microsoft" beschwerte, beschloss der zuständige Stadtratsausschuss im April dieses Jahres eine breit angelegte Studie über Alternativen. Umgehend meldeten die Bayerische Staatskanzlei, das Innenministerium des Freistaats, das Bundesinnenministerium sowie die Städte Mannheim, Mainz und Bremen Interesse an einer Beteiligung an.

Auch auf Bundesebene ist mehr passiert als der März-Beschluss zur Linux-Ausstattung von 150 Servern der Bundestagsverwaltung. Diese Entscheidung wird unter einer möglichen anderen Regierung nach den Herbstwahlen Bestand haben. Uwe Küster, SPD-Abgeordneter im Bundestag und dienstältestes Mitglied in dessen IuK-Kommission, bekräftigt: "Dies war eine technisch bestimmte Entscheidung, die nicht von Wahlergebnissen abhängig wird." Die CDU hat inzwischen in einem Arbeitspapier etwas holprig gefordert: "Zur Förderung von Open-Source-Software sollten öffentliche Stellen nur Software verwenden, deren Quellcode frei zugänglich ist, soweit solche Software vorhanden ist."

Es geht um zehntausende Arbeitsplätze

Die Rahmenbedingungen für die Verbreitung von Linux und Open-Source-Software in der öffentlichen Verwaltung haben sich in jüngster Zeit deutlich verbessert. Anfang Juni dieses Jahres schloss Bundesinnenminister Otto Schily mit IBM und der Nürnberger Suse Linux AG eine Kooperation ab, durch die Behörden zu besonders günstigen Konditionen Linux-Systeme erwerben oder auf Open Source umstellen können. Eines der größten Projekte wird im Verkehrsministerium starten. Hier steht der Beschluss, langfristig ausschließlich Software mit offenen Standards zu verwenden. Rund 18000 PC-Arbeitsplätze sehen der Linux-Umstellung entgegen.