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10.07.1992 - 

Qualifizierungskonzept für Informatikfachkräfte, Teil 4 und Schluß

Die betriebliche Schulung steht vor einer strategischen Offensive

"Einen guten Mitarbeiter für die DV-Abteilung zu finden, gleicht der Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen", meinte unlängst der Personalentwicklungs-Verantwortliche eines großen Unternehmens. Veränderter Einsatz der Informationstechnik (IT) und neue Entwicklungsphilosophien erfordern von Informatikfachkräften neue Qualifikationen, die bisher auf dem Markt kaum zu finden sind.

Es bleibt nur die betriebliche Qualifizierung. Aber auch im Qualifizierungsangebot findet der Personalentwicklungs-Verantwortliche oft keine überzeugenden Konzepte. Das konzeptionslose Reagieren auf neue Qualifizierungsanforderungen und das Verharren in veralteten Konzepten gleicht der Vogel-Strauß-Taktik. Sie will übersehen, daß der IT-Bereich vor einem umfassenden Umbruch steht, auf den sich auch und gerade die Qualifizierung einstellen muß.

Gefordert sind offensive Qualifizierungskonzepte, die die Veränderungen der Anforderungen an Informatikfachkräfte systematisch aufgreifen und sich so den strategischen Personalentwicklungs-Zielen anpassen. Was also wird das zentrale Ziel der Personalentwicklung (PE) im IT-Bereich sein? Was sind die Eckpunkte eines Qualifizierungskonzepts für die Zukunft?

Im Gegensatz zu früheren Jahren sind Personalentwicklungs-Verantwortliche heute gezwungen, ihre Konzepte im IT-Bereich im Rahmen der strategischen Ziele des Unternehmens zu entwickeln. In vielen Unternehmen setzen sich Strategien durch, die auf eine neue Verknüpfung von Arbeit und IT setzen. Die eingeleiteten Innovationsprozesse basieren dabei auf einer Kopplung von IT-Gestaltung und Arbeitsgestaltung.

Entsprechend der zentralen Rolle der IT ist eine spezielle IT-Strategie oft Bestandteil der Unternehmensstrategie. Die Einführung neuer Technik, neuer Methoden, der Unterstützung durch CASE, der Arbeit in Projektgruppen und der direkten Zusammenarbeit der Datenverarbeiter mit Mitarbeitern aus den Fachabteilungen sind die wichtigsten Maßnahmen.

Bisher aber sind DVler oft noch Hemmschuh dieser Entwicklung. Häufig ist festzustellen, daß sie sich an veraltete Technik und die damit verbundene Machtstellung klammern und so zu verbissenen Gegnern von Innovationen werden.

Sie verfügen zudem oft nicht über die notwendigen Qualifikationen, diese IT-Strategie aktiv mitzutragen. Die Zusammenarbeit mit Experten anderer Arbeitsgebiete überlastet sie häufig.

Hier spielen Kommunikationsprobleme eine Rolle ("DV-Fachchinesisch"), aber auch die Tatsache, daß DVler in den Strukturen des technischen Systems verhaftet sind. Es fällt ihnen schwer, die IT mit Unternehmenszielen zu verknüpfen und sie scheitern regelmäßig daran, Einzelentscheidungen im Rahmen einer übergeordneten Strategie einzuordnen.

Sie können die IT nicht mit den Erfordernissen der Arbeitsgestaltung verknüpfen und entwickeln so Systeme, deren Einsatz in der Fachabteilung höchst uneffektiv ist. In letzter Konsequenz ist es kaum möglich, Projektleiter für die Entwicklung moderner Systeme aus den eigenen Reihen hervorzubringen.

Das Qualifikationsprofil, das heute in den DV-Abteilungen anzutreffen ist, entspricht dem eines Technikers und ist auf die traditionellen Aufgaben von DV-Fachkräften zugeschnitten: Im Mittelpunkt dieser Aufgaben steht die modellhafte Abbildung bestehender betrieblicher Strukturen auf ein technisches System. Diese Aufgaben erfordern technische Kompetenzen, etwa Hardware- und Programmierkenntnisse, eine strukturorientierte analytisch-reduktionistische Methodenkompetenz und eine streng mathematische Logik.

Heute aber scheitern Techniker zunehmend an den Problemen der Systementwicklung. Im Gegensatz zu früher sind sie mit komplexen sozialen Prozessen, mit der Kooperation mit Experten anderer Bereiche, mit fehlender Zielkonstanz im Entwicklungsprozeß und mit der Kopplung von Arbeitsgestaltung und Technikgestaltung konfrontiert. Dem entspricht ein grundlegend verändertes Qualifikationsprofil.

Benötigt werden Mitarbeiter mit ganzheitlicher Arbeitsgestaltungs-Kompetenz:

- mit Technikgestaltungs-Kompetenz, die Technik im Arbeitsgestaltungs-Kontext interpretiert;

- mit Prozeßkompetenz, verknüpft mit analytisch-regulierender Methodenkompetenz;

- mit Kooperationskompetenz, um als Experte mit anderen Experten gleichberechtigt zusammenarbeiten zu können.

Da diese Kompetenzen zunehmend zum Engpaßfaktor in der Umsetzung komplexen IT-Strategien werden, benötigt Personalentwicklung in den Unternehmen heute ein entsprechendes Qualifizierungskonzept, um ganzheitliche Arbeitsgestaltungs-Kompetenz in den eigenen Reihen entwickeln zu können.

Qualifizierung heute: noch Flickenteppich

Auf der Suche nach einem geeigneten Qualifizierungsangebot findet man in den Schulungsbereichen der Unternehmen und bei professionellen Schulungsanbietern meist nur einen "Flickenteppich" von Qualifizierungsbausteinen: ein scheinbar wahlloses Nebeneinander von Programmiersprachen, Methoden, Tools, Hardware, Präsentationstechnik, Projektmanagement etc.

Neue Anforderungen werden Eins-zu-Eins in Qualifizierungsmaßnahmen abgebildet: Aus dem vermehrten Einsatz objektorientierter Programmiersprachen folgt ein OOP-Kurs, aus dem zunehmenden Anteil an Projektarbeit folgt ein PM-Kurs etc. Die einzelnen Maßnahmen sind völlig isoliert und oft nicht einmal an den realen Aufgaben ausgerichtet. Praxisbezug ist eher die Ausnahme als die Regel. Die einzige, wenn auch lose konzeptionelle Klammer dieser verschiedenen Bausteine ist der Techniker als Leitbild.

Qualifizierung in dieser Form rennt den Anforderungen im Unternehmen hinterher. Sie bietet vor allem keine konzeptionelle Lösung für die aktuellen PE-Probleme. Für eine erfolgreiche Personalentwicklung ist die systematische Verknüpfung von PE-Konzepten und Qualifizierung im IT-Bereich gefordert. Darauf muß sich Qualifizierung einstellen und offensive Konzepte entwickeln.

Für eine strategische, auf die Zukunft ausgerichtete Personalentwicklung muß ganzheitliche Arbeitsgestaltungs-Kompetenz als Paradigma der Qualifizierung definiert werden. Da wir es mit einer umfassenden Veränderung der Arbeitssituation von Informatikfachkräften zu tun haben, die alle Arbeitsbereiche erfaßt, kann ganzheitliche Arbeitsgestaltungskompetenz nicht allein zum Qualifizierungsziel einzelner Bausteine erklärt werden.

Sie muß sich umfassend in der Ausrichtung aller Maßnahmen widerspiegeln. Um Qualifizierung auf das Ziel ganzheitliche Arbeitsgestaltungs-Kompetenz auszurichten, ist die Entwicklung eines neuen Fluchtpunkts1 notwendig, der die Aufgaben von Informatikfachkräften in Qualifizierungsmaßnahmen operationalisierbar macht und eine neue, aufgabenbezogene Klammer für alle Arbeitsbereiche und Einzelanforderungen bietet. Dieser Fluchtpunkt wird durch die neuen IT-Strategien definiert: kooperative Systementwicklung im Arbeitsgestaltungskontext.

Konkrete Schritte einer Neuorientierung der betrieblichen Qualifizierung von Computerspezialisten müssen darauf gerichtet sein, einzelne Aktivitäten auf den neuen Fluchtpunkt zu orientieren. Systementwicklung in kooperativen Prozessen und ihr Verhältnis zur Arbeitsgestaltung sind Inhalt dieses Fluchtpunkts.

Soziale Komponenten im Vordergrund

Um den Fluchtpunkt als konkreten Orientierungspunkt in der Qualifizierung zu implementieren, muß zunächst die Schulung verändert werden, in der der Systementwicklungsprozeß als Ganzes Gegenstand ist, und in der maßgeblich das Aufgabenverständnis geprägt wird. Dies trifft besonders für die Schulungsmaßnahmen im Bereich Systems-Engineering oder Software-Engineering zu.

Komplementär dazu sollten Schulungsmaßnahmen, in denen soziale Kompetenzen im Vordergrund stehen, wie Rhetorik, Präsentationsmethodik und Führung, und der Bereich Projekt-Management entsprechend auf den neuen Fluchtpunkt ausgerichtet werden.

Aufgrund ihrer zentralen Bedeutung können diese am Fluchtpunkt ausgerichteten Qualifizierungsmaßnahmen dann in der weiteren Entwicklung eine Sogwirkung auf andere Fächer und deren inhaltliche Ausrichtung entfalten.

Bisher sind einzelne Schulungen weitgehend isoliert und kaum aufeinander und auf die Aufgaben von Informatikfachkräften bezogen. Um eine umfassende Ausrichtung der Qualifizierung auf einen neuen Fluchtpunkt zu erreichen, ist es notwendig, die Schulungen aus den oben genannten Bereichen Software-Engineering und soziale Kompetenzen sowie Projekt-Management zu vernetzen.

Grundlage ist die konkrete Zusammenarbeit der Dozenten aus diesen Kernbereichen. Davon ausgehend können die Unterrichtsinhalte im Prozeß der gemeinsamen Weiterentwicklung systematisch aufeinander bezogen und so bisher isolierte Qualifikationen praxisnah vermittelt werden.

Eine geeignete Methode für die Vernetzung ist die Verwendung eines gemeinsamen, durchgängigen Fallbeispiels, das Qualifizierungsinhalte in einen konkreten Systementwicklungs-Prozeß einordnet.

Verantwortliche in der Personalentwicklung im IT-Bereich werden sich in den nächsten Jahren zunehmend das Ziel setzen, ganzheitliche Arbeitsgestaltungs-Kompetenz in der eigenen DV-Abteilung zu entwickeln, um die erfolgreiche Umsetzung unternehmensweiter IT-Strategien sicherzustellen. Auf dieses Qualifizierungsziel muß betriebliche Qualifizierung umfassend ausgerichtet sein.

Ganzheitliche Arbeitsgestaltungs-Kompetenz als neues Paradigma, die Ausrichtung der Qualifizierungsmaßnahmen am Fluchtpunkt kooperative Systementwicklung im Arbeitsgestaltungskontext und die Vernetzung einzelner Maßnahmen bilden die Eckpunkte eines zukunftsorientierten Qualifizierungskonzepts, das unabdingbar ist für eine erfolgreiche Personalentwicklung im Rahmen moderner IT-Strategien.

(1)Der Fluchtpunkt bezeichnet in der Perspektivenlehre den Punkt, auf den alle parallelen geraden Linien zulaufen, um sich in der Unendlichkeit zu vereinen. Analog dazu verstehen wir einen Fluchtpunkt in der Qualifizierung als gemeinsamen Ausrichtungspunkt der einzelnen Qualifizierungsmaßnahmen auf ein neues Paradigma.

*Andrea Baukrowitz, Andreas Boes, Christian Boß, Ulrich Hütten und Ulrich Jung arbeiten im Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung (ISF) Marburg.