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02.09.1983 - 

Skepsis trotz Eröffnung des neuen Dienstes in Berlin:

Die Btx-Zwischenlösung könnte länger dauern

MÜNCHEN - Während die Bundespost nicht müde wird, die Erfolgsaussichten des neuen Mediums Bildschirmtext in rosigen Farben zu malen, ist die Stimmung in der Geräteindustrie, bei den Software- und Beratungsunternehmen, den Informationsanbietern sowie den kommerziellen Anwendern gedämpft bis skeptisch. Mehr oder weniger deutlich geäußerte Vermutung: Das Vehikel "Zwischenlösung", mit dem der Btx-Start doch noch zur Funkausstellung zu Wege gebracht wurde, hält nicht nur bis Mai nächsten Jahres, sondern mindestens bis zur IFA 1984.

An Begründungen für die mögliche Verlängerung des Provisoriums, für das die Post dem Vernehmen nach rund drei Millionen Mark hingeblättert haben soll, fehlt es nicht. Klaus Anzinger von der Deutschen Krankenversicherung in Köln und beim Anwenderverband Telecom zuständig für Btx verweist auf die Komplexität der Aufgabe: "Bildschirmtext ist das größte Einzelprojekt, das in der Bundesrepublik auf dem Sektor der Informationstechnologie je gelaufen ist. Bei so großen Lösungen, das zeigt zum Beispiel das Transportsystem der Bundesbahn, ist es immer sehr schwierig, die Terminvorstellung so einzuhalten, daß es hinterher auch wirklich funktioniert."

Andere Argumente aus den Reihen der Skeptiker: Die Ungewißheit, ab wann der neue hochintegrierte Valvo-Decoder am Markt verfügbar sein wird, und auf Anwenderseite vor allem das Problem, wie man die Mehrfarben-DRCS abspeichern soll. Meint Peter Sass von der Hamburger Tele-Dataservice: "Bei vielen Anbieterfirmen gibt es mittlerweile eine Ernüchterung über den neuen Standard, da er wahnsinnig kompliziert ist." Die Post selbst dagegen betont immer wieder, daß man es sich nicht beliebig lange weiterlaufen zu lasen. Eine Ausnahme macht sie jedoch jetzt schon: Die Feldversuche in Berlin und Düsseldorf werden nicht wie ursprünglich geplant unmittelbar nach der diesjährigen Funkausstellung abgeschaltet, sondern die Teilnehmer haben Gelegenheit, bis Ende nächsten Jahres ihre Geräte weiterzubetreiben. So sind zumindest Textinformationen mit dem alten Prestel- als auch mit dem neuen CEPT-Decoder gleichermaßen darstellbar und können abgerufen werden. Peter Sass fragt denn auch etwas provozierend: "Warum sollte man nicht beides parallel fahren? Für die geschäftliche Kommunikation reicht Prestel ohnehin aus. "

Ein Indiz für eine solche Lösung könnte auch das Angebot von IBM auf der Funkausstellung sein. Die Stuttgarter zeigen auf ihrem Personal Computer Anwendungen im alten und im neuen Standard. Der Prestel-Adapter, so heißt es allerdings ausdrücklich, sei lediglich eine Laborentwicklung und daher nicht käuflich.

Beinahe noch überraschender als die Prestel-Laborentwicklung dürfte aber die Präsentation des PC als CEPT-fähiges Btx-Terminal sein. Hier bedient sich IBM des österreichischen Wunderdings "Mupid", das die Grazer Entwicklerriege allen Unkenrufen der Konkurrenz zum Trotz gerade noch rechtzeitig zur Funkausstellung auf den neuen europäischen Standard umgerüstet hat. "Entwicklungshilfe" hat Big Bleu darüber hinaus auch für die Btx-Software des PC in Anspruch genommen: Der Zulieferer heißt Cap Gemini Sogeti.

Der Düsseldorfer Ableger des französischen Softwarehauses strickt für die Stuttgarter aber nicht nur die PC-Software, sondern auch kommerzielle Btx-Software für Großrechneranwendungen. Bereits seit einigen Monaten - so wird gemunkelt - bestehe zwischen beiden Unternehmen ein Kooperationsvertrag. Es sollen sogar Cap-Gemini-Softwerker zusammen mit IBM-Entwicklern in Sindelfingen Bildschirmtextlösungen austüfteln.

Da die Franzosen im eigenen Land nicht nur Software für Honeywell-Bull-Rechner, sondern auch für die Serie /1-Rechner entwickelt haben wären sie für IBM durchaus ein attraktiver Partner. Unter Umständen fließt über diesen Umweg sogar Cap-Gemini-Wissen in die von der Post georderte Btx-Zentralentechnik.

Doch ob IBM nun die Hilfe der Franzosen tatsächlich dafür in Anspruch nimmt oder nicht - die als offizieller Auftragswert für das bundesdeutsche Btx-System genannte Summe von 50 Millionen Mark ist selbst bei zurückhaltender Schätzung bei weitem nicht ausreichend. Ein Blick in die Preislisten zeigt dies deutlich: In der Ulmer Leitzentrale sind zwei Systeme 3083- 16 installiert, die, mit der allernötigsten Peripherie ausgestattet, allein schon jeweils rund sechs Millionen Mark kosten.

Des weiteren umfaßt die erste Ausbaustufe bis Ende 1984 zwölf A Vermittlungsstellen mit je maximal zehn Serie /1-Rechnern (neues Prozessor-Modell 4956 B00) und neun B-Vermittlungsstellen mit je einem Serie / 1-Rechner. Die Kosten pro Rechner liegen je nach Ausbaustufe zwischen 150 000 und 400 000 Mark. Bei einem Mittelwert von 275 000 ergibt das weitere 36 Millionen Mark.

In diesen insgesamt 48 Millionen Mark ist allerdings noch keine Mark für die Softwareerstellung enthalten. Legt man hier pro Mannjahr einen Durchschnittswert von 250 000 Mark zugrunde und setzt für die gesamte Entwicklung 200 Mannjahre an - allein in der Frankfurter Btx-Gruppe von IBM arbeiten dem Vernehmen nach 110 Mitarbeiter-, so kommen weitere 50 Millionen Mark zusammen. Damit liegen die Gesamtkosten schon bei rund 100 Millionen, das sind 20 Millionen mehr als SEL für sein Angebot gefordert hatte.