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Euro-Patentamt: Chancen nicht nur für DV-Cracks

Die CeBIT als internationale Jobbörse

23.03.1990

Nach rund 50 Jahren ist in der Computerbranche die Gründerzeit noch immer nicht vorbei. Die Patentämter leiden gleich doppelt unter dieser Situation. Zum. einen wachsen sich die Patentanmeldungen in diesem Bereich immer mehr zu einer wahren Flut aus, und zum anderen wollen die Computercracks lieber selbst entwickeln, als die Erfindungen anderer überprüfen. Die COMPUTERWOCHE hat Jaques Michel* und Omer Bullens* gefragt, was sie in dieser Situation von der Hannover-Messe CeBIT erwarten.

CW: Das europäische Patentamt geht in diesem Jahr erstmals auf die CeBIT. Was erwarten Sie von dieser Großveranstaltung ?

Michel: Unsere DV-Aufgaben sowohl als Anwender als auch als Prüfinstanz für Computerpatente werden immer vielfältiger und umfangreicher. Damit steigt natürlich unser Personalbedarf und wir hoffen, daß die CeBIT sich als geeignete Jobbörse erweist.

Derzeit sind bei uns 700 Ingenieure mit der Patentprüfung beschäftigt und die Zahl wächst jährlich um 150 Mitarbeiter. In unserer Planung sind bis 1993 jeweils 1200 Mitarbeiter für die Sachprüfung und die Recherchetätigkeiten vorgesehen.

CW: Welche Rolle spielt denn die Datenverarbeitung für das europäische Patentamt ?

Bullens: Unser einziger Geschäftsgegenstand sind Patente. Wir verarbeiten und produzieren nichts als Information. Man könnte uns daher als eine Art "Information Handling Factory" bezeichnen. Bisher geschieht das im wesentlichen im Rahmen konventioneller Datenverarbeitung.

Zur Zeit arbeiten wir jedoch daran, unseren gesamten Informationsfluß über die drei Stufen konventionelle Datenbanken, Volltext und Bilddarstellung zu automatisieren. Bei Datenmengen in einer Größenordnung von über 150 Millionen Seiten Papier ist das alles andere als ein triviales Unterfangen. Außerdem haben wir ein Archiv mit etwa 20 Millionen Dokumenten zu verwalten, das unseren Mitarbeitern ständig zur Verfügung stehen muß.

Michel: Um die Komplexität der Automatisierung zu illustrieren: Die Kollegen in den Vereinigten Staaten sind mit einem ähnlichen Projekt gescheitert und haben dabei mehr als 150 Millionen Dollar in den Sand gesetzt.

Damit uns nicht ähnliches passiert, brauchen wir jetzt Mitarbeiter, die weit mehr als nur technisches Verständnis mitbringen. Sie sollen uns nicht nur helfen, die neuen Techniken zu installieren, sondern sie auch effektiv nutzbar zu machen. So brauchen wir im Bereich Anwendungsentwicklung vor allem technische Projektleiter. Wir haben aber auch Schwierigkeiten, C-Spezialisten sowie Systementwickler und Programmierer zu bekommen. Schwierig ist die Suche auch im Netzwerkbereich.

CW: Es geht Ihnen also um die Lösung von akutem Personalmangel ?

Michel: Ja, aber nicht nur. Vor allem wollen wir für die künftige technische Entwicklung gewappnet sein. Das heißt nicht, daß wir alles selber machen wollen. Was wir brauchen, sind Leute, die die neuen Techniken für unsere Bedürfnisse optimieren. Wir wollen auf die Zukunft vorbereitet sein.

CW: Was tun Sie, um solche Mitarbeiter zu bekommen ?

Michel: Wir sind weniger eine Behörde als ein erfolgreiches internationales Unternehmen, denn wir finanzieren uns selbst. Folglich sind wir wesentlich dynamischer als Behörden sonst. Wie Sie an unseren Projekten gesehen haben, vermehren sich unsere Arbeitsbereiche ständig. Außerdem zahlen wir gut. Ein Berufseinsteiger bekommt etwa 7000 Mark netto, ein Gehalt, das bei einer Ingenieurslaufbahn mit der Zeit bis auf etwa 12 000 Markt steigen kann. Wieviel das für den einzelnen Mitarbeiter ist, hängt aber natürlich von der Preissituation des Landes ab, in dem er arbeitet. Anders als in Privatunternehmen ist der Aufstieg unserer Mitarbeiter relativ streng geregelt.

CW: Sie sind europaweit tätig. Gibt es da keine Probleme mit den verschiedenen Nationalitäten ?

Michel: Sprachliche Probleme sind zu bewältigen. Im DV-Bereich ist Englisch natürlich die Verkehrssprache; auf Französisch sollte man sich wenigstens verständigen können. Natürlich bieten wir intern intensive Sprachkurse an.

CW: ... und bei Versetzungen ins Ausland ?

Michel: Die meisten freien Stellen suchen wir für das Hauptquartier in Den Haag. Nach wie vor ist es allerdings ein Problem, Mitarbeiter zu finden, die im Ausland arbeiten wollen. Aber da gibt es Unterschiede. So lassen sich italienische Mitarbeiter gern nach München versetzen, während Franzosen die Niederlande vorziehen. Ausschlaggebend ist wohl die Nähe zum Heimatland. In München zum Beispiel beschäftigen wir etwa 500 Deutsche und 200 Mitarbeiter aus anderen Ländern.

CW: Haben sie Unterschiede beim Ausbildungsstand der Mitarbeiter aus den verschiedenen Ländern festgestellt.

Burrens: Was den DV-Bereich betrifft, habe ich den Eindruck, daß es zwei Extreme gibt: die Engländer und die Deutschen. Deutsche sind wissenschaftlicher orientiert und haben häufig mehr Hintergrundwissen. Die Briten dagegen verfügen zwar über weniger Background, sind dafür aber praktischer veranlagt und enger an der Technik.

CW: Welche dieser Eigenschaften ist bei Ihnen mehr gefragt ?

Burrens: Was wir brauchen, ist eine Mischung davon und häufig ist es vorteilhaft, wenn beide Gruppen von Eigenschaften aufeinandertreffen. Gerade beim Teamwork wirkt sich die Auseinandersetzung verschiedener Haltungen besonders kreativ aus.

CW: Häufig wird behauptet, daß die lange Studiendauer in Deutschland den Absolventen Nachteile im internationalen Arbeitsmarkt bringt...

Michel: Wir haben dasselbe Problem in Frankreich. Auch dort können Studenten frühestens fünf Jahre nach dem Abitur das Ingnieurs-Diplom erwerben. Die Ausbildung in England dauert dagegen nur drei Jahre. Trotzdem macht sich zumindest in der täglichen Arbeit der Unterschied kaum bemerkbar.

CW: Gilt das auch für Positionen, bei denen mehr als technische Kenntnisse verlangt werden ?

Burrens: Die Frage ist schwer zu beantworten. Die Eignung für solche Aufgaben scheint mir eher eine Frage der individuellen Fähigkeiten und Interessen als der Nationalität...

Michel: Nein, ich bin da anderer Meinung. Es hat sich doch klar gezeigt, daß zum Beispiel deutsche Bewerber sehr klar und strukturiert denken und sich gut organisieren können. Da sind sie allen anderen überlegen. Das heißt nicht, daß wir auf diese Eigenschaften mehr Wert legen, als auf andere. Aber für die Projektleitung und die Durchführung von Systementwicklungen bevorzugen wir eindeutig deutsche Mitarbeiter.

CW: Was also erwarten Sie von der CeBIT ?

Michel: Wie gesagt, wir suchen dort vor allem nach neuen Mitarbeitern. Nicht nur für unseren eigenen DV-Bereich, sondern auch für die Prüfung von Patenten aus diesem Bereich. Hier liegen unsere größten Probleme, denn wer sich heute mit Computern auskennt, will selbst entwickeln und nicht die Erfindungen anderer überprüfen.

Dabei ist unser Bedarf gerade hier besonders groß. Nicht nur, daß in diesem Bereich immer mehr Patente angemeldet werden, ihre Bearbeitung ist auch besonders aufwendig. So dauert die Überprüfung eines Patents aus der organischen Chemie ungefähr neun Stunden. Im Computer-Bereich dauert das etwa doppelt so lange. Allein das Lesen und verstehen solcher Entwicklungen verlangt extrem viel Zeit.

CW: Ist es nicht sehr schwer zu entscheiden, wann ein Patent verletzt wird - besonders im Softwarebereich.

Michel: Im Prinzip kann Software eigentlich gar nicht patentiert werden, trotzdem nehmen wir solche Patentierungen faktisch vor. Das ist eine Frage der Interpretation. Schließlich hat Software immer irgendwie mit Hardware zu tun.

CW: Aus welchen Ländern kommen die meisten Patente ?

Michel: Grob gezählt kommen 55 Prozent aller Anmeldungen - also nicht der DV-Patente - aus Europa, 28 Prozent aus den Vereinigten Staaten und 16 Prozent aus Japan. Innerhalb Europas liegen die Deutschen weit an der Spitze, ihnen folgen Frankreich und England Kopf an Kopf.

CW: Welches Land hat auf welchem Gebiet besonders viele Anmeldungen.

Michel: Im Bereich Computer und Telekommunikation liegen die USA mit 40 und Japan mit 38 Prozentpunkten vor Europa, von dort kommen nur 21 Prozent der Anmeldungen. Aufgeschlüsselt nach Ländern stammen acht Prozent der Patente aus Deutschland, jeweils vier Prozent aus den Niederlanden, Frankreich und England sowie ein Prozent aus Italien.

*Jaques Michel ist Vizepräsident des Europäischen Patentamts, wo Omer Bullens als Hauptdirektor DV für die Automatisierung sämtlicher Betriebsabläufe zuständig ist.