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03.03.1995

Die CeBIT wird fuer immer mehr Ost-Anbieter zum Muss

Die groesste Show der DV-Branche liegt auch in ihrem Jubilaeumsjahr wieder im Aufwind: Ausstellerzahlen wachsen und zeugen erst einmal vom Ende einer mehrjaehrigen Konjunkturflaute. Mit dem Fruehling kommen dieses Jahr auch mehr Firmen als bisher aus den neuen Laendern und Osteuropa nach Hannover. Rund 570 Anbieter aus diesen Gebieten haben ihre Staende aufgebaut und werden im Jahre sechs nach der Wende einem internationalen Publikum ihre Leistungen praesentieren.

CeBIT: Alle Jahre wieder - und doch immer fuer Ueberraschungen gut. Noch im vergangenen Jahr war im Vorfeld des Messespektakels die Rede von sinkenden Ausstellerzahlen und weniger angemieteten Flaechen. Das Ergebnis widerspricht den Prognosen.

Ueber einen Mangel an Interessenten duerften die Veranstalter kaum zu klagen haben: Mehr als 6000 Aussteller (1994: 5845) werden 309 364 Quadratmeter (1994: 306 557) belegen. Der Aufmarsch gibt den Hannoveranern aber zu denken. Stadt und Messe seien nun an ihre Grenzen gekommen, weiss CeBIT-Chef Joerg Schomburg, und auch die Besucher seien ueberfordert. Man denkt daran, das Ganze etwas "einzugrenzen", aber wie das aussehen soll, ist zur Zeit noch nicht klar. Nur eins ist wohl sicher: Der jaehrliche Turnus soll auf jeden Fall beibehalten werden.

Angesichts der nahenden Show ist das Augenmerk der Organisatoren vorerst aber auf "eine gute Veranstaltung mit hoher Qualitaet" gerichtet, die ueber die Buehne gebracht werden muss. Dieses Jahr praesentiert sich Australien als Partnerland.

Der fuenfte Kontinent, plaziert in Halle 6, trete mit seiner gesamten exportorientierten IuK-Industrie an, freut sich Schomburg. Ueber 140 Firmen (25 im letzten Jahr) werden auf einer Ausstellungsflaeche von rund 2700 Quadratmetern Hard- und Softwareloesungen aus ihrem Land zeigen.

Der Run auf die Messe kommt in diesem Fruehling auch aus oestlicher Richtung: 167 Unternehmen (1994: 118) aus Ost- und Mitteleuropa haben sich angesagt, und noch immer stuenden viele Firmen auf der CeBIT-Warteliste, um eine Einladung zu ergattern, so der Veranstalter. Die Anbieter aus den baltischen Staaten, der GUS etc. erhalten nun leichter das begehrte Ausreisevisum zum Treffpunkt Hannover. Das anfaengliche Misstrauen - einige Osteuropaeer koennten die Messe-Einladung fuer private Transaktionen missbrauchen, fuer die der Organisator dann zur Kasse gebeten werde - scheint nach laengeren Verhandlungen mit den auslaendischen Konsulaten aus dem Weg geraeumt zu sein.

Der Zulauf der Osteuropaeer verleihe der Veranstaltung nicht nur "ein anderes Flair", meint Schomburg. Hannover wuerde damit auch in den Regionen des Ostens einen guten Ruf bekommen und somit helfen, die Zusammenarbeit zu foerdern. Der

"East-West-Meeting-Point" in Halle 6 habe nach der Wende davon profitieren koennen:

"Auf unsere Frage an westliche Firmen, ob sie kuenftig an Partnern in Ost- oder Mitteleuropa interessiert seien, haben wir achthundert Ja-Meldungen erhalten." Nicht nur fuer den seit 16 Jahren agierenden CeBIT-Mann ein "phantastisches Ergebnis".

Die Chancen fuer die Anbieter aus dem Osten stehen demnach nicht schlecht. Guenther Moeller, Geschaeftsfuehrer des Fachverbandes Informationstechnik im VDMA und ZVEI sowie Generalsekretaer des europaeischen Verbandes der buero- und informationstechnischen Industrie (Eurobit) kann das nur bestaetigen. Ein "junger und entwicklungsfreudiger Mittelstand" stehe bereits in den Startloechern. Beweis seien die zahlreichen Gruendungen von Software- und Servicehaeusern in den neuen Bundeslaendern und ueber die Grenzen hinaus.

Fuer die ost- und mitteleuropaeische IT-Branche wuerden die Wachstumsraten kuenftig bei etwa zehn Prozent liegen. Allerdings, so Moeller, koenne das nicht darueber hinwegtaeuschen, dass das deutsche IuK-Potential zehnmal groesser sei als alle oestlichen Absatzgebiete zusammen. Doch sei der Osten auf dem Vormarsch.

Die Entwicklung in den ehemaligen RGW-Staaten werde sich jedoch nach dem "bemerkenswerten Wachstum der vergangenen Jahre" eher verlangsamen. Was die Technik anbetrifft, konnten die groessten Loecher erst einmal gestopft werden: 1994 hatte Osteuropa einen jaehrlichen Hardwarezuwachs von 25 Prozent. Grosser Bedarf besteht auch weiterhin in Polen und der ehemaligen Sowjetunion.

Bis Ende der 90er Jahre werden diese Laender laut Insidern ihr technisches Know-how stabilisiert haben und verstaerkt in den Software- und Servicemarkt draengen. Vor allem die kleineren Laender wie Ungarn und Polen koennten dabei in kuerzerer Zeit zulegen. Noch ist dort das DV-Geschaeft mit etwa drei Milliarden Mark "nur schwach entwickelt" und umfasst lediglich 40 Prozent vom gesamten osteuropaeischen IT-Markt; Westeuropas Anteil hingegen liegt bei 56 Prozent, so der VDMA.

Trotz der wirtschaftlichen Probleme im frueheren Ostblock - laut dem Fachverband fuer Informationstechnik teilen sich in den GUS- Staaten immer noch 29 Mitarbeiter einen Computer, in Ungarn kommt auf vier Personen ein PC (Deutschland: 1,4 Rechner je Beschaeftigten) - wird der kuenftige Bedarf an Informationssystemen fuer Banken, Versicherungen, oeffentliche Verwaltung sowie fuer den Small- und Home-Office-Bereich immens sein.

Diesen Trend wollen die osteuropaeischen Anbieter auch in Hannover demonstrieren. Um westliche Partner ins Land zu ziehen, offeriert die Lursoft Ltd. aus Riga eine Informationsbank, die alle eingetragenen Unternehmen Lettlands (rund 65 000) mit den juristischen Daten enthaelt.

Einen Ueberblick ueber das gesamte russische Firmenpotential kann der interessierte Messebesucher auch am Stand der Handels- und Industriekammer Russlands erhalten. Unter dem Titel "Communicationsbridge CeBIT '95 - Moskau" werden am Gemeinschaftsstand A30 der Halle 6 die Radioexport Moskau und die BTB Communication GmbH, Peking, ein Ausstellungsprogramm mit Videokonferenzen und Satellitenschaltungen aufbauen.

Die Military University of Technology aus Warschau ist mit ihrer kybernetischen Fakultaet vertreten. Gezeigt werden automatische Fuehrungssysteme, Computerlandkarten sowie Softwarepakete fuer angewandte Mathematik und Operationsforschung. Das Angebot der Ost- und Mitteleuropaeer erscheint beachtlich. Weniger fuer den einfachen Messespaziergaenger als fuer den nach Kooperation Suchenden.

Das Interesse an der CeBIT scheint auch bei den Ostdeutschen wieder groesser zu werden. Etwa 185 Firmen (1994: 174) - werden in diesem Jahr dabei sein. Trotz der finanziellen Unterstuetzung durch Bund und Land sind acht Tage Hannover fuer so manchen Aussteller ein Aufwand, der schwer zu kompensieren ist. Zumal das taegliche Geschaeft in der heimischen Region waehrend der Abwesenheit auf Sparflamme laufen muss. Dennoch entwickelt sich die CeBIT auch fuer die Anbieter aus den neuen Laendern zu einem Muss.

Mit der oft "abschreckenden Breite" muesse und koenne man leben, so der Geschaeftsfuehrer der Dresdner Ingenieurgesellschaft fuer angewandte Computertechnik mbH. Das seit 1990 gegruendete Unternehmen hat sich auf geografische Informationssysteme spezialisiert. Von dem internationalen Treff erhoffen sich die Sachsen auch eine Mobilisierung von Staat und Kommunen. Dort tue man sich noch etwas schwer, wenn es um DV-Investitionen gehe.

Laut dem Marketing-Chef der Mazet GmbH Thueringen, Frank Krumbein, hat die CeBIT, abgesehen von "weniger schoenen Begleitumstaenden" wie den typischen Tueten- und Kugelschreibersammlern, immer noch einen guten Namen.

Sinn mache die Teilnahme an dem Medienspektakel jedoch nur, wenn man eigene Produkte vorweisen koenne. Die bundesweit agierenden Erfurter Mikroelektroniker zaehlen zu der neuen DV-Generation des Ostens, die bereits zu DDR-Zeiten keinen schlechten Namen hatte.

Erstmalig mit ihren drei Toechtern wird sich die Jenoptik auf der Messe praesentieren: Jenoptik Communications GmbH, Novelatel Europe GmbH und MBO International Electronic GmbH zeigen unter anderem schnurlose Telefone auf CT1-Standard und Wireless-Local-Loop- Systeme fuer das drahtlose Telefonieren. Martin Jahrling, Geschaeftsfuehrer der Jenoptik, Jena, hofft, dass der groesste Aufmarsch der IuK-Szene "unserer Zielsetzung gerecht wird". Das Ergebnis wollen die Thueringer "sehr sorgfaeltig analysieren", um es dann fuer andere, zielgruppengerechte Produktpraesentationen verwenden zu koennen.

Neu auf dem niedersaechsischen Jahrmarkt ist die Disos GmbH aus Berlin. Die Informatiker der ehemaligen Treuhandanstalt haben in vier Jahren rund 200 Anwendungen fuer die oeffentliche Hand realisiert. Juengst privatisiert, will man sich nun einen breiten Marktueberblick verschaffen und ein Auge auf die Konkurrenz werfen. Teamleiterin Claudia Keusch dazu: "Als Besucher muss man haeufig Sachverstand und Seriositaet hinter den mit Musik beschallten Glasfassaden suchen - und nicht immer findet man beides." Allerdings sei das kein Grund, Hannover kuenftig zu meiden. Der geuebte Fachblick koenne sehr wohl die Spreu vom Weizen trennen.

Fuer die Data Communication GmbH aus Berlin - die Bundeshauptstadt kommt in diesem Maerz mit etwa 170 Ausstellern (1994: 163) nach Niedersachsen - ist die CeBIT das einzige Forum, "auf dem wir jaehrlich der gesamten deutschsprachigen Region unsere Produkte vorstellen koennen", erklaert Geschaeftsfuehrer Thomas Haeusler. Fuer andere Messen wuerde man keine Zeit mehr investieren.

Die "pfiffigen Leute aus dem Osten" weiss der Veranstalter inzwischen zu schaetzen. Laut Macher Schomburg haben sie sich spezialisiert und koennen Standards anbieten, die von den IT-Multis gerne gekauft oder in Lizenz nachgenutzt werden. Somit wuerden waehrend des Treffs viele Geschaefte auch zwischen den Ausstellern unter Dach und Fach gebracht. Um die Zukunft der DVler aus dem deutschen Osten ist dem Hannoveraner nicht bange. In etwa vier bis fuenf Jahren, ist er optimistisch, werde es in den neuen Laendern "piekfein und moderner" zugehen als im Westen, und davon partizipiere auch die CeBIT.

Bis dahin zaehlen Tatsachen, und die sprechen erst einmal fuer die Messe-Initiatoren: Etwa 690 000 Eintrittskarten wurden bisher verkauft (Stand vom 2. Maerz), und man hofft, die 700 000-Marke zu erreichen. Darueber hinaus bleibt abzuwarten, was die Besucher von diesem Computerfruehling halten und was sie davon an Ideen und Denkanstoessen mit nach Hause nehmen koennen.