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29.11.1996 - 

Thema der Woche

Die Comdex macht das Internet zum Maß für alle DV-Trends

Selbst die drei Eröffnungsreden von Andy Grove, Bill Gates und Jim Barksdale waren relativ frei von Programmatik und Vision. Auch das im vergangenen Jahr zur Comdex ausgelöste Network-PC-Fieber scheint abgeflaut. Zwar waren die hohen PC-Kosten nach wie vor ein wichtiges Thema, aber die gezeigten Alternativen stießen auf keinen allzu großen Enthusiasmus.

Passend zum Ort und Wesen des Geschehens eröffnete Net- scape-Chef Jim Barksdale seine Keynote-Speach auf der diesjährigen Comdex mit einer Episode aus Lewis Carrolls Roman "Alice im Wunderland": An einer Weggabelung angekommen, weiß sie nicht, welchen Weg sie gehen soll. Ein weißer Hase bemerkt ihre Verwirrung und fragt, ob er helfen könne. "Welchen Weg soll ich nehmen? fragt Alice. "Wohin willst du?" erwidert der Hase. "Weiß ich nicht", antwortet das Mädchen. "Dann ist es gleichgültig, welchen du nimmst", beendet das Tier die Konversation.

Anders als Alice behauptet Barksdale, zu wissen, wohin die Reise geht: Durch den Einsatz von Internet-Technologien gelangen Unternehmen zu nie dagewesenen Returns on Investment (ROI). Seiner Ansicht nach rollt nach dem Wissenschaftsnetz und dem World Wide Web nun die dritte Internet-Welle auf die Unternehmen zu, die, so zumindest die Netscape-Vision, multimediale und Internet-basierte Groupware und E-Mail in die Firmen trägt. "Wir gehen davon aus, daß die größten Möglichkeiten des Netzes darin bestehen, Produkte in die Unternehmen zu bringen, die diese Funktionalität aufweisen. Sie erleichtern die Kommunikation mit Geschäftspartnern und Kunden dieser Firmen."

Solche - mit Internet-Technologien - vernetzten Unternehmen könnten sehr viel effektiver kommunizieren als andere. In seiner Keynote nannte Barksdale einige Beispiele von Firmen, die mit Hilfe von Netscape-Produkten Vertriebs-, Einkaufs- und Schulungssysteme aufgebaut haben. So habe Cadence Design Systems einen ROI von 1700 Prozent erzielt, beim Beratungsunternehmen Booz & Hamilton habe das eingesetzte Kapital immerhin noch mit 1300 Prozent rentiert. "Diese Returns sind deshalb erreichbar, weil die Internet-Software mit den bestehenden Applikationen und Datenbanken arbeitet. Die Firmen müssen keine neuen Anwendungen entwickeln", erklärte Barksdale. Sie könnten die Vorteile der bestehenden Applikationen ausschöpfen. Dem Netscape-Chef zufolge nutzen bereits heute 96 Prozent der Fortune-1000-Unternehmen Intranets. "Sie verbessern ihre Produktivität das ist der Grund für die rasante Entwicklung." Er rechnet damit, daß Internet-einsetzende Unternehmen ihre Produktivität ähnlich steigern werden, wie das die TK-Carrier in den vergangenen 70 Jahren getan haben: "1927 kostete ein dreiminütiges Telefongespräch 100 Dollar, heute 30 Cent."

Bisher hätten Unternehmen beim Aufbau ihrer Kommunika- tionsinfrastrukturen zwischen Innen und Außen, "Wir und Ihnen", getrennt. Das vernetzte Unternehmen betrachte die Außenwelt dagegen als Teil des Systems. "Es kommuniziert sowohl intern als auch nach außen mit Kunden und Geschäftspartnern über eine gemeinsame, auf offenen Standards basierende Software", so Barksdales Zukunftsvorstellung. Die IS-Abteilung einer voll vernetzten Organisation trachte nicht mehr danach, sich durch Firewalls gegen die Außenwelt abzuschotten, vielmehr werde man versuchen, sie mit aller gebotenen Vorsicht und den unterschiedlichsten Autorisierungsstufen ins Unternehmensnetz hineinzulassen.

Allein mit Internet-Browsern und -Servern sei eine solche Infrastruktur indes nicht erreichbar. Neue Produkte seien dafür notwendig, die von seiner und anderen Firmen entwickelt würden. In diesem Zusammenhang kündigte Barksdale "Constellation" an (siehe Seite 11), eine Kom- ponente des Netscape-Clients "Communicator", die für ein gemeinsames Management von Desktop-und Netzwerkinformationen sorgt.

Anders als Barksdale, der die Wunderwelt der kommenden DV über den Internet-Weg betreten möchte, beschäftigte sich Bill Gates in seiner Eröffnungsrede vor allem mit der Zukunft des PCs. Schenkt man seinen Ausführungen Glauben, sieht die vom Anti-Wintel-Lager auch despektierlich als Fat Client bezeichnete Maschine einer goldenen Zukunft entgegen.

Ohne die Bedeutung der Internet-Entwicklungen in Abrede zu stellen - ganz im Gegenteil, Gates sieht auch hier gewaltige Fortschritte -, geht er von einer Weiterentwicklung des PCs aus. "Wir arbeiten seit nun fast zwei Jahrzehnten mit und an dieser Plattform und haben der Versuchung widerstanden, auf eine andere zu wechseln." Sicher würden Anwender immer noch bestimmte Eigenschaften vermissen, "aber die PC-Plattform hat sich als die beste herausgestellt".

Zu der Keynote, die von einem ungewöhnlich lockeren und sehr zuversichtlich erscheinenden Gates gehalten wurde, kamen über 10000 Zuschauer. Ein Rahmen, den der Microsoft-Boß nutzte, um sein Modell der Computerzukunft auf launige Weise unters Volk zu bringen. Diverse Videos, von denen eines Gates als Anonymen Internet-Abhängigen zeigte - "ich bin jetzt drei Tage offline, und es war eine harte Zeit" -, lockerten die Stimmung und machten die Zuhörerschaft aufnahmebereit für die Versprechen einer goldenen PC-Zukunft. So dürften seiner Ansicht nach innerhalb der nächsten Dekade auf bis zu 16 Prozessoren skalierbare PCs zu erwerben sein. Periodische, auf die Bedürfnisse des Anwenders und die Kapazitäten seines Rechners zugeschnittene Software-Upgrades werden automatisch bis zu dessen Desktop transportiert. Das Internet wird fester Bestandteil des täglichen Lebens. GUIs orientieren sich stärker an den Aktivitäten des Benutzers als an der Auflistung statischer Files, und PC-Server werden in der Lage sein, 60000 Transaktionen pro Minute zu bewältigen.

Intel-Chef Andy Grove nutzte seine Keynote, um das 25jährige Jubiläum des Mikroprozessors zu würdigen und einen Ausblick auf dessen Zukunft zu geben.

Seiner Ansicht nach wird Moores Gesetz - alle 18 Monate verdoppelt sich die Zahl der auf einem Prozessor untergebrachten Transistoren - weiterhin gültig bleiben. Im Jahr 2011 verfüge eine CPU demnach über eine Milliarde Transistoren, eine Taktrate von zehn Gigahertz und leiste 100000 MIPS.

Die für eine derartige Leistungssteigerung notwendigen Investitionen ließen sich allerdings nur dann bewerkstelligen, wenn auch die Zahl der PC-Anwender entsprechend zunehme. Um das zu erreichen, müsse der PC noch interessanter werden. Grove sagte einen "Krieg um die Augen der Anwender" voraus: PC gegen TV. Die per Rechner angebotene Unterhaltung müsse so gut sein, daß sie den Konsumenten vom Fernsehen weg zu interaktiven Anwendungen auf dem PC locke.

Bei soviel Rede über das Internet und die Zukunft des PCs standen die während der letzten Frühjahrs-Comdex mit viel Getöse angekündigten Netz-Computer nicht im Mittelpunkt des Geschehens. Auch wenn IBM, Digital Semiconductor, Wyse Technology, Acorn, Cirrus Logic und LG Electronics Netzwerk-Computer zeigten, war von einem PC-Killer nicht mehr die Rede. Bruce Stephen, Analyst der International Data Corp. (IDC), brachte die allgemein vorherrschende Stimmung auf den Punkt: "Der Netzwerk-PC wird von der Ablösung der herkömmlichen Terminals profitieren. Außerdem eignet er sich für anspruchslose PC-Anwendungen."

Obwohl die großen Ankündigungen in Las Vegas ausblieben, hat die diesjährige Comdex zumindest eines ganz deutlich gemacht: Für Anwender und Hersteller scheint die Zukunft der Datenverarbeitung ohne Internet-Technologien kaum mehr denkbar - gleichgültig ob im Consumer- oder im kommerziellen Bereich. Allerdings gab die Messe wenig Aufschluß darüber, wie sich die Omnipräsenz des Internet im nächsten Jahr konkret auswirken wird.

Den Versuch einer Vorausschau wagte Paul Gillen, Chefredakteur der CW-Schwesterzeitschrift "Computerworld", zusammen mit John Robb von Forrester Research und dem Internet-Pionier Jerry Grochow in einer Podiumsdiskussion mit dem Titel "Internet-Schlagzeilen 1997". Gillens erste "Überschrift" lautete: "Microsoft verkauft mehr Browser als Netscape". Den Kampf um die Dominanz der Internet-Client-Software führe Microsoft seiner Ansicht nach nicht des Prestiges wegen. Die Gates-Company werde vielmehr aus zwei handfesten Gründen alles daran setzen, diesen Markt zu vereinnahmen: zum einen, weil sie weiterhin das User Interface bestimmen will, und zum anderen, weil der Internet Explorer als Universal-Client Microsoft von der Last befreien könnte, mit Win 3.11, Windows 95 und dem Browser drei unterschiedliche Oberflächen pflegen zu müssen. Die Chancen, den Browser-Markt in den Griff zu bekommen, stehen Gillen zufolge für Microsoft nicht schlecht, da Net- scape allein gegen die Gates-Company keine Chance habe.

Die zweite Schlagzeile des "Computerworld"-Chefredakteurs, "AT&T kauft Yahoo und AOL", steht stellvertretend für eine starke Konsolidierung im Markt für Internet-Content-Anbieter. AOL sieht Gillen deshalb gefährdet, weil sich der Dienst zunehmend weniger von dem Angebot anderer Internet-Provider unterscheidet. Auch die positive Entwicklung von Yahoo sei aufgrund des anzeigenzentrierten Geschäftsmodells fraglich. Im Content-Sektor würden "zu viele Firmen zu wenigen Dollars" nachjagen. Die Consumer-Seite des Internet sei nach wie vor zu schwach bestückt, um den herkömmlichen Unterhaltungsanbietern das Wasser abgraben zu können.

Auch das Online-Shopping hält er für wenig zukunftsträchtig. Für spontane Einkaufsbummel seien das Internet und die angebotenen Navigationshilfen zu schwerfällig.

Dem Netzwerk-Computer sagte er keinen Massenmarkt voraus. Die Rechner seien nicht kompatibel, der Anwender müsse zwischen vier Betriebssystemen wählen. Allerdings werde die Diskussion um den Netz-PC dazu führen, daß Anwender die heute sehr hohen PC-Betriebskosten nicht mehr dulden und nach entsprechenden Lösungen verlangen würden.

Als Internet-Spezialist von Forrester Research vertrat Jon Robb in puncto Yahoo eine andere Meinung als Gillen. Für Robb stehen Excite, Lycos und Yahoo stellvertretend für moderne "Navigation Hubs", die die Internet-Search-Engines der ersten Generation ablösen. Da sie künftig als One-stop-Shopping-Center für Internet-Inhalte fungieren, hätten sie eine gute Chance, auch werbefinanziert zu überleben. Schließlich "ziehen Yahoo und Excite 20 Millionen Nutzer pro Tag an", meinte Robb.

Auf der Content-Seite sagt der Analyst eine stärkere Personalisierung der Internet-Inhalte voraus. Sogenannte Personal Broad- cast Networks erlaubten quasi ein Eins-zu-eins-Marketing via WWW. Nutzer dieser Networks bekommen die sie interessierenden Inhalte mit Hilfe von intelligenten Agenten direkt auf ihren Desktop geliefert. Die Inhalte reichen dabei von Headline-Services bis hin zu kompletten Softwarepaketen oder -Upgrades. "In zwei bis drei Jahren werden rund zehn Millionen Anwender an diese Personal Networks angeschlossen sein, und die Anbieter werden damit Geld verdienen", prognostizierte Robb.

Einig war sich Robb mit Gillen über die Zukunft von Netscape. Seine diesbezügliche Schlagzeile lautete: "IBM kauft Netscape und tauft es in Notescape um".

Das Internet: geteilt und frei

Die fortlaufende Diskussion über eine mögliche öffentliche Kontrolle des Internet illustrierte Jerry Grochow mit der Überschrift: "Die Cayman-Inseln erklären sich zum ,Internet-Himmel' und offerieren freien Zugang zum WWW." Der Internet-Pionier ist sich jedoch sicher, daß auch in Zukunft eine Kontrolle des weltweiten Netzes unmöglich sein wird, besonders dann, wenn Satelliten und andere kabellose Verbindungen hinzukommen.

Außerdem sagte Grochow eine Teilung des Internet voraus. Da Unternehmen ein bestimmtes Serviceniveau garantiert haben wollen, würden Internet-Provider Subnetze für diese Zwecke aufbauen. Darüber hinaus würde an amerikanischen Universitäten bereits über ein Internet II nachgedacht. Insgesamt sieht Grochow das Internet-Protokoll TCP/IP in jeden Bereich der Informationstechnologie vordringen.