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13.10.2006

Die Content-Schätze heben

Wolfgang Miedl arbeitet Autor und Berater mit Schwerpunkt IT und Business. Daneben publiziert er auf der Website Sharepoint360.de regelmäßig rund um Microsoft SharePoint, Office und Social Collaboration.
ECM wird erwachsen - die Verwaltung aller Unternehmensinformationen ist heute vom Stellenwert her mit ERP vergleichbar. Gerd Handke von Day, Lothar Hänle von EMC, Alfons Schuller von EMC Captiva, Merten Slominsky von Filenet, Günter Scholz von IBM und Andreas Schulz von Microsoft diskutierten mit dem freien Journalisten Wolfgang Miedl über Markttrends und Perspektiven auf dem Content-Sektor.

?Der ECM-Markt sorgt ja in der jüngsten Vergangenheit vor allem mit Firmenübernahmen für Schlagzeilen. Mit welchen Auswirkungen müssen denn die Anwender von Content-Management-Systemen angesichts dieses Konsolidierungsgsprozesses rechnen?

Die Teilnehmer

Andreas Schulz, Microsoft Deutschland GmbH, Produktmanager Microsoft Office 2007

Lothar Hänle, EMC Software, Marketing Direktor

Merten Slominsky, Filenet GmbH, Vice President Zentraleuropa

Günter Scholz, IBM Deutschland GmbH, Leiter Content-Management Software Europa.

Alfons Schuller, Captiva Software GmbH, Partnermanager

Dr. Gerd Hanke, Day Software GmbH, Produktmanager

Handke: Zunächst glaube ich, dass dieser Konsolidierungsprozess noch nicht zu Ende ist. Zum einen erscheinen ständig neue Anbieter, andererseits verschwinden durch eine Übernahme keinesfalls die Produkte vom Markt, sondern es wechselt zunächst einmal nur der Besitzer des Produkts, sodass einige Hersteller inzwischen drei oder vier relativ ähnliche Produkte vertreiben. Aus Sicht der Anwender fördern die Firmenübernahmen daher nicht gerade die Übersichtlichkeit, weil sich an der Vielfalt nichts ändert.

Slominsky: Ich würde sagen, die derzeitige Marktkonsolidierung ist auch ein Zeichen dafür, dass der Markt reifer und erwachsener wird und dass das Thema ECM in den Augen der Anwender an Bedeutung gewonnen hat. Viele erfolgreiche Unternehmen haben heute eine ECM-Strategie.

Scholz: In Sachen Vielfalt sind aus meiner Sicht zwei Gesichtspunkte wichtig. Man muss zunächst einmal unterscheiden zwischen Basistechnologie und Anwendungen. Wo es um vertikale Lösungen und angepasste Geschäftsprozesse geht, wird es aufgrund der Kundennachfrage weiterhin Vielfalt geben. Die Vielfalt an Basistechnologie-Anbietern ist eine deutsche Besonderheit. Wahrscheinlich aber wird sich dieser Bereich weiter konsolidieren - zum Nutzen der Anwender, denn viele große Kunden möchten weg von den viele kleinen Informationsinseln.

Schuller: Eine interessante Frage ist dabei ja, ob sich Firmen Marktanteile oder Technologie einkaufen. Ich glaube, dass für viele Hersteller die eigentliche Herausforderung darin liegt, in ihrer großen Organisation diese verschiedenen Kulturen in irgendeiner Form zu integrieren. Wir bei EMC sind hier auf einem sehr guten Weg, sowohl technologisch als auch unternehmerisch.

Schulz: Ich rechne nicht mehr mit massiven Konsolidierungen auf der weltweiten Ebene. Für Lösungspartner sehe ich diesbezüglich ein gewisses Risiko, sofern sie sich auf Standardlösungen konzentrieren, weil sowas erfahrungsgemäß irgendwann Out-of-the box verfügbar sein wird. Funktionen wie Portale oder Formulare beispielsweise wird man über kurz oder lang in Office-Produkten finden.

?Das Kürzel ECM steht ja für ein sehr breites, heterogenes Spektrum an Lösungsangeboten - angefangen bei der digitalen Poststelle über E-Mail-Archive bis zu Business Intelligence und Geschäftsprozess- Management. Sehen Sie hier Tendenzen zu einer Vereinheitlichung, die dem Kunden den Überblick erleichtert?

Handke: Das Hauptproblem im Content-Bereich sind heute die gewachsenen Strukturen. Die Firmen verfügen über Unmengen an strukturierten, halbstrukturierten und unstrukturierten Daten, die in isolierten Töpfen gehalten werden. In großen Unternehmen existieren dann noch auf Abteilungsebene oder auf regionalen Ebenen unterschiedliche Systeme. Hier sucht man natürlich nach Auswegen, um diese Sachen zu konsolidieren, zu vereinfachen und dann auch durchgängige Prozesse in Verbindung mit diesen Inhalten hinzubekommen. Bei vielen großen Kunden stellen wir fest, dass sie mit unterschiedlichen Systemen arbeiten und vieles doppelt, dreifach, vierfach vorhanden ist, weil diese Systeme getrennt gefahren werden. Das alles unter einen Hut zu bringen birgt ein enormes Einsparungspotenzial.

Hänle: Natürlich findet auch eine technologische Konsolidierung statt. Wir sind bestrebt, unsere Technologiezukäufe in unsere Plattform zu integrieren, weil das Vorteile für die Kunden bringt. Man muss auch sehen, dass die Bereitschaft der Unternehmen, verschiedene Lösungen auf unterschiedlichen Plattformen zu betreiben, abnimmt. Web-Content-Management, Archivierung und andere Funktionen sollen auf einer Plattform laufen, um einheitliche Geschäftsabläufe zu ermöglichen. Business Intelligence in die ECM-Plattform zu integrieren sehen wir aber noch als Zukunftsmusik im Content-Management-Sektor.

Slominsky: Ich möchte da widersprechen. Das Thema Datenqualität von unstrukturierten Daten spielt in Bezug auf die Geschäftsprozesssicht eine erhebliche Rolle. Bei unseren Bankenkunden sehen wir beispielsweise, dass sie Prozess-Management und Content miteinander verbinden und über Monitoring-Lösungen, wie zum Beispiel den FileNet Systems Monitor, ihre Geschäftsprozesse gezielt messen. Noch sind das erste Ansätze, aber einige unserer Kunden experimentieren damit und nutzen Business-Intelligence-Funktionen als sinnvolle Komponente zur Verbesserung der Qualität.

?Prozessorientierung steht also heute ganz oben auf der Agenda?

Schulz: Man muss auch sehen, dass es in der Vergangenheit sehr wenige Berührungspunkte zwischen der Welt der Geschäftsapplikationen und den Desktop-Anwendungen gab. In der allgemeinen Wahrnehmung spielt sich ERP im Backend ab, während es vorne um das Schreiben, Rechnen und Präsentieren geht. Nun sehen wir erste Ansätze, wie beispielsweise die SAP- und die Microsoft-Welt enger zusammenrücken und auch Office-Systeme enger in die Prozesse integriert werden.

Handke: Früher wurden auch nicht annähernd so viele Informationen benötigt wie heute. Damals galt es als Herausforderung, die großen Mengen an Transaktionsdaten aus einem SAP-System zu verarbeiten. So etwas ist heute leichter zu bewältigen als die E-Mails. Letztendlich geht es darum, die Informationsilos, den Content, der in den Unternehmen residiert, mit den Geschäftsprozessen zu vereinen und damit effiziente Prozesse zu gestalten. Womit wir beim eigentlichen Problem wären: Firmen müssen schneller und besser sein, mehr Informationen parat haben, davon hängt ab, ob sie am Markt besser dastehen als der Mitbewerber. Die richtige ECM-Strategie kann daher durchaus ein entscheidender Wettbewerbsfaktor sein.

?Neben der Verwaltung strukturierter Daten aus ERP-Systemen tritt das Management von unstrukturierten Office-Daten zunehmend in den Vordergrund. Was bedeutet das hinsichtlich der ECM-Strategien?

Handke: Wenn wir die unstrukturierten Daten betrachten, haben wir noch einiges vor uns. Gerade in großen Unternehmen liegen ja Millionen von Dokumenten und Dateien auf unterschiedlichsten File-Servern über das Unternehmen verteilt, und kein Mensch weiß mehr genau, wo welche Informationen in welcher Version zu finden sind. Ob strukturiert oder unstrukturiert, ist dem Anwender letztlich egal, er benötigt die relevanten Informationen. Auch in die unstrukturierten Daten wird ja - im Nachhinein - eine Struktur hineingebracht, etwa durch Kategorisierung. Das Ziel einer ECM-Strategie muss es sein, die Flut der Informationen beherrschbar zu machen, unabhängig davon, ob sie als strukturierte oder als unstrukturierte Daten vorliegt.

Slominsky: Langfristig erwarten wir hier eine Konvergenz, es wird den Kunden nicht mehr interessieren, ob es unstrukturierte oder strukturierte Informationen sind, und diese Differenzierung wird sich weitestgehend aufgelöst haben.

Hänle: Tendenziell wird diese ganze Problematik unterschätzt. Viele Anwender glauben, wenn sie ein ECM-System einführen und alle mit entsprechenden Metadaten füttern und sauber verwalten und verknüpfen, dass dann die Probleme beseitigt sind. Aber was passiert denn mit den Petabytes an Daten, die überall im Unternehmen verteilt noch "wild" gespeichert werden?

Schuller: Ich glaube, dass zwar in vielen Unternehmen darüber diskutiert wird, aber noch tut es vielen nicht wirklich weh.

Slominsky: Da muss ich widersprechen. Unternehmen schadet es heute, wenn sie nicht die richtigen Informationen zur richtigen Zeit im Zugriff haben, zum Beispiel unter rechtlichen Erwartungen oder Compliance-Aspekten.

Scholz: Ich bin da auch anderer Meinung. Bei unserer jüngsten Kundenbefragung mit 700 teilnehmenden CIOs und Fachführungskräften war das Top-Thema mit 60 Prozent die Verfügbarkeit von Informationen. Unser Kunde Volkswagen hat ermittelt, dass die Mitarbeiter 70 Prozent der Zeit damit verbringen, Informationen zu suchen, und 30 Prozent damit, daraus was zu machen. Wir wollen das Verhältnis genau umdrehen. Informationssuche ist für alle ein ganz wichtiges Thema, vor allem auch in den Vorstandsetagen.

Unsere Vision ist, Information als Service zu betrachten, den ich im Geschäftsprozess verwenden kann, auf den ich aus Portalen oder aus Anwendungen heraus zugreifen kann, sodass ich diese Informationen wiederverwendbar und einfach integrierbar mache.

Hänle: Ich möchte das auch unterstreichen, weil es ja ständig heißt, dass Compliance der treibende Faktor für ECM ist. Es gibt jedoch einiges mehr, was für Unternehmen im Umgang mit Informationen wichtig ist, zum Beispiel die schon erwähnte Wettbewerbsfähigkeit. Es geht nicht immer nur darum, rechtliche Vorgaben und interne Richtlinien einzuhalten. Natürlich treibt es den Markt in Teilen, und die ehemalige Documentum ist groß geworden im Pharmamarkt mit seinen enormen Anforderungen an Dokumentation. Compliance ist trotzdem nur eines von vielen Themen, es ist aber nicht das treibende Thema für ECM, das wäre völlig falsch.

Schulz: Ich denke auch, dass man das Compliance-Thema nicht überbewerten sollte. Wenn es ein Unternehmen schafft, diese 70:30-Regel umzudrehen und damit mehr Produktivität zu erzielen, dann zieht das mehr als Sarbanes Oxley. Denn Compliance trägt ja nicht unbedingt zur Wertschöpfung bei, das ist ein Sicherheitsaspekt und bis zu einem gewissen Grad auch eine Chance, dass man mal seine Prozesse durchleuchtet. Auf der anderen Seite bindet es aber auch viele Ressourcen.

?Die Idee eines firmeneinheitlichen Content-Repositorys klingt zwar schlüssig, doch auf der anderen Seite heißt es auch immer wieder, dass bei einer vollständigen Vereinheitlichung mitunter die Effizienz auf der Strecke bleibt, beispielsweise, wenn man das WCM in ein unternehmensweites ECM integriert.

Handke: Für die Anwender steht im Vordergrund, dass sie alle Informationen in einem gängigen Prozess zur Verfügung haben. Und da ist eben unser Abstraktionsansatz mit einer einheitlichen Content-Schnittstelle für alle Anwendungen zum Repository sinnvoll.

Slominsky: Es geht hierbei natürlich auch um die klassische Frage "Best-of-Breed" versus "Suite", aber ich sehe darin keinen zwingenden Widerspruch. Man kann hier durchaus sinnvoll kombinieren, und aus unserer Erfahrung ist dabei immer entscheidend, mit welcher Erwartung der Kunde an die Sache herangeht. Wenn es zum Beispiel darum geht, eine Multikanalstrategie in einem Versicherungsunternehmen umzusetzen, um sowohl über Web als auch über E-Mail und die Dokumente einen einheitlichen Firmenauftritt zu erreichen, um schnell und sicher neue Produkte in den Markt zu bringen, dann interessiert es den Kunden nicht, ob ich hier über ECM, ILM oder andere Schlagworte spreche, sondern hier spielt die Verbindung von verschiedenen Informationsträgern die entscheidende Rolle.

Scholz: Man muss schon zwischen der Basistechnologie und dem, was in der Anwendung passiert, unterscheiden. Sicherlich macht es aus Anwendersicht einen Unterschied, ob Sie Archivierung betreiben oder Web-Content-Management. Trotzdem macht es Sinn, alles gemeinsam im Backend zu verwalten und Zugriffsmechanismen, Autorisierung und so weiter einheitlich zu gestalten. Und in jedem Dokument-Workflow haben Sie vergleichbare Zyklen - im Dokumenten-Management wie im Web-Content-Management, diese Dinge sind eigentlich relativ konsistent über alle Bereich hinweg. Ich gebe Ihnen aber Recht, dass man offene Schnittstellen in Richtung der Spezialanbieter bereitstellen muss und dass eben der Kunde die Wahl hat, ob er eher einen Best-of-Breed- oder einen Suite-Ansatz fährt.

Hänle: Das gibt es ja heute alles schon, wenn Sie mal auf SAP-Anwendungen schauen. Da benötigt der User Zugriff auf bestimmte Posteingangsdokumente, da müssen in Kommunikation mit dem Kunden oder dem Lieferanten Dokumente ausgetauscht werden. Daneben braucht er elektronischen Zugriff auf Unterlagen wie Verträge, die dann in der Rechtsabteilung bearbeitet werden, wieder andere Informationen kommen aus dem Marketing und sind nicht im ERP-System abgelegt. Die Vermischung zwischen strukturierten und unstrukturierten Daten ist aus Anwendersicht schon lange erfolgt. Ich sehe es so, dass die großen Anbieter die Informationsinfrastruktur liefern. Wir liefern Branchenlösungen für verschiedene Bereiche, und zusammen mit unseren Partnern und deren Anwendungen adressieren wir die speziellen vielfältigen Branchenanforderungen.

?Nach welchen ECM-Anwendungen besteht derzeit die größte Nachfrage?

Slominsky: Im Versicherungs- und Bankenumfeld sind es digitale Akten wie die Kreditakte, die Kundenakte oder die Personalakte, und nach wie vor ist Posteingang ein wichtiges Thema.

Hänle: So ein richtiges Hype-Thema gibt es aus meiner Sicht nicht, es gibt aber einige stark wachsende Bereiche wie die E-Mail-Archivierung ?

Schuller: ? die ein Teil des Input-Management ist. Die Analysten erwarten hier in den nächsten drei Jahren zweistellige Umsatzzuwächse, und ich rechne nicht damit, dass die eingehenden Informationen weniger werden. Ein wichtiges Thema für unsere großen Kunden ist, wie man analoge Daten über Scanner analysieren, klassifizieren, zuordnen und in den Prozess überführen kann - das gilt als Wettbewerbsfaktor. Ein Versicherer beispielsweise schickt heute bei einem Hausratschaden den Gutachter, der füllt beim Versicherungsnehmer ein Formular aus, schickt es weg, und Sie können unter Umständen nach einer Woche schon den Scheck haben. Der Input-Bereich, der bis an die Übergabegrenze zum Content-Management-System reicht, ist eine eigene Welt, in der viel Bedarf an Lösungen besteht. Allerdings stelle ich auch immer wieder fest, dass das nicht Gegenstand der großen strategischen IT-Planung ist, denn der Bedarf wird meistens in der Posteingangsstelle geweckt.

Hänle: Es ist ja ohnehin immer wieder erstaunlich, auf welcher Grundlage Investitionsentscheidungen getroffen werden: Ein Automobilhersteller hat mittels papierloser, elektronischer Eingangsrechnungen die Bearbeitungszeit so stark reduzieren können, dass er allein durch die Ausschöpfung der Skonti eine schnelle Amortisierung der Softwarelösung inklusive Consulting erzielte. Und vorangetrieben wurde das Projekt von der Finanzabteilung, die die Rechnungsbearbeitung abwickelt.

?Mit der zunehmenden Technisierung verändert sich auch unsere Art zu arbeiten. Spätestens seit dem E-Mail-Boom ist auch der Endanwender mit dem Problem der Datenflut konfrontiert. Welche Trends werden aus ECM-Sicht dominieren? Können wir mit einer stärkeren Automatisierung dieser Prozesse rechnen?

Hänle: Die lückenlose elektronische Verarbeitung nimmt stark zu, selbst bei Behörden, die man gerne als vermeintlich langsam darstellt. Wenn Sie heute ein Haus bauen und einen Antrag auf Zuschuss für Solaranlagen stellen, dann kriegen Sie ein elektronisches Formular zugeschickt, das Sie entweder elektronisch ausfüllen und zurückschicken oder aber ausdrucken, ausfüllen und per Post zurückschicken, woraufhin es elektronisch erfasst wird.

Slominsky: Die Systeme unterstützen uns heute bei informierten Entscheidungen, indem sie relevante Information zur richtigen Zeit am richtigen Ort zur Verfügung stellen. Und sie helfen uns, Fehler zu vermeiden, indem die Anwender beispielsweise bei der Formularverarbeitung von der Software unterstützt werden. Früher waren in Banken oder Versicherungen ganze Abteilungen damit beschäftigt, Entscheidungen vorzubereiten und die Informationen an die Sachbearbeiter weiterzuleiten und zu entscheiden, wo man die Arbeitslast hin verlagert. Das machen Systeme heute mehr oder weniger selbstständig und automatisch.

Schulz: Der Mensch ist das größte Kapital, das die Firmen haben. Im Zentrum aller Aktivitäten muss daher stehen, diesen Mitarbeitern die Mittel zur Verfügung zu stellen, produktiver zu arbeiten.

Handke: Das ist ein ganz wichtiger Punkt, denn man will ja mit dem System nicht die menschliche Intelligenz ersetzen oder abschaffen, sondern Arbeitsprozesse effizienter machen. Der Mensch kann informiertere Entscheidungen treffen, indem er die richtigen Informationen an der Hand hat, die menschliche Interaktion lässt sich aber nie vollständig ersetzen.

?Lässt sich denn eine klare Trennlinie ziehen zwischen dem Bereich eines vollautomatisierten Managements von Information und jenem Bereich, der sich nicht automatisieren lässt und zwingend die menschliche Interaktion erfordert?

Hänle: Wir beobachten, dass die Nachfrage nach kollaborativen, interaktiven Prozessen unter den Mitarbeitern zunimmt. Es gibt einerseits seit Jahren etablierte, starre Geschäftsprozesse für alle möglichen Abläufe im Unternehmen, aber oft fehlen heute Prozesse, die die Kreativität und die Teamarbeit unterstützen, die die unternehmensübergreifende Zusammenarbeit fördern und den Content in diesem Umfeld dabei sauber strukturieren.

Schulz: Kollaborative Prozesse stehen für uns im Vordergrund, wir betrachten das nach dem Motto: Der Einzelne addiert, das Team multipliziert. Schließlich geht es darum, Ressourcen, Wissen und Expertise im Unternehmen zusammenzuführen

Scholz: Die dafür notwendigen Technologien kommen ja in verschiedenen ECM-Bereichen bereits zum Einsatz. Zum einen da, wo Papier reinkommt, dann der Bereich E-Mail-Klassifizierung und natürlich bei Office-Dokumenten. Aus Sicht unserer Kunden geht es hier um zwei Schwerpunkte: Zum einen soll der Menschen von Routinearbeit entlastet werden, auf der anderen Seite geht es aber auch darum, die Wissensarbeiter bei der Suche nach Informationen und der Entscheidungsfindung zu unterstützen. Die Technologie kann beides, die Frage ist, wie sie genutzt wird. Dabei ist auch zu berücksichtigen, wie man den Anwender im sinnvollen Umgang mit Technologie berät.

?Google hat in den letzten Jahren einen großen Einfluss gewonnen und unseren Umgang mit Informationen stark verändert. Inwiefern beeinflusst diese Popularisierung von Suchmaschinen auch Sie als ECM-Anbieter?

Hänle: Google bietet eine von mehreren Methoden, um Informationen im Unternehmen zu suchen, und deshalb binden wir deren Suchmaschine in unsere Enterprise- Search-Mechanismen ein, genauso wie wir andere mit einbinden. Was Google heute nicht kann, ist das Durchforsten von unternehmensinternen Repositories, Datenbanken und anderen Quellen. Da fehlt noch die Technologie.

Slominsky: Beeindruckend an Google ist diese Einfachheit und Benutzerfreundlichkeit, mit der man letztendlich an die Information herankommt. Ob diese Information dann immer zielführend ist, steht auf einem anderen Blatt. Es ist auf jeden Fall ein Thema, von dem wir lernen können. Aber es ist sicher nicht innerhalb eines stärker strukturierten Prozesses geeignet, Wissens- oder Prozessarbeiter bei Entscheidungen zu unterstützen.

Handke: Was bei Google im ECM-Zusammenhang schlichtweg fehlt, ist die Einbindung der vielen Repositories, die in einem Unternehmen vorhanden sind. Wir haben jetzt beispielsweise mit einem großen Enterprise-Search-Unternehmen zusammengearbeitet, um auf standardisierter Basis diese ganzen Repositorys in deren Suchmaschine einzubinden, damit nicht nur ein Teil der relevanten Informationen gefunden wird.

Scholz: Wir bieten unseren Kunden auch Google an, sehen aber durchaus die Defizite, wenn es um Informationen aus beliebigen Archiven, Repositories oder Data-Warehouses geht. Als ECM-Anbieter können wir die Technologie sinnvoll ergänzen, sodass der Anwender, wenn er es wünscht, durchaus als Front-end seine Google-Benutzeroberfläche nutzen kann.

Schulz: Die Kunst im Unternehmen ist es, die Qualität der Suchergebnisse in Griff zu bekommen, um nicht wie bei Web-Suchmaschinen 100 000 Treffer zu erhalten.

Handke: Man sollte auch einmal betrachten, wie man bisher beim Verwalten von Informationen vorgegangen ist. Üblicherweise vergibt man in Content-Management-Systemen Metadaten, um die Inhalte mit präzisen Zusatzinformationen anzureichern. Das große Problem war dabei stets, die Anwender zu dieser Aufgabe zu motivieren, und es ist natürlich schwierig, sie zum Ausfüllen von Feldern zu zwingen. Mit entsprechenden Suchtechnologien versucht man daher, fehlende Metainformationen zu kompensieren; genau das machen Google und die anderen. Wie gut das gelingen kann, steht auf einem anderen Blatt. Für die Ansprüche im Internet mag das reichen, aber in Unternehmen ist eine höhere Treffergenauigkeit auf jeden Fall wünschenswert.

?Mit welchen Entwicklungen müssen wir in der näheren Zukunft im ECM-Markt rechnen?

Schulz: ECM verstehen wir als ganzheitliches Thema, das vom Portal-Server bis zu Business-Intelligence-Funktionen reicht. Große Herausforderungen sehen wir dort, wo es um die Frage geht, auf welche Art und Weise wir heute und zukünftig zusammenarbeiten. Die Integration von Instant Messaging im Unternehmen wird zunehmend wichtig, ebenso gewinnt das Thema Echtzeitkonferenzen an Einfluss. Funktional ist bei ECM noch lange nicht das Ende der Fahnenstange erreicht, da wir uns erst am Beginn eines Konvergenzprozesses befinden, der die unterschiedlichsten Medien wie Telefon, PC, E-Mail und Dokumente verknüpfen wird. Im Office-Umfeld steigert ECM die Produktivität, sodass der Zeitaufwand für Informationssuche sinken und den Mitarbeitern mehr Zeit für Informationsbearbeitung zur Verfügung stehen wird.

Hänle: Ich möchte nochmal eine Lanze für ECM brechen und davor warnen, das Thema zu vernachlässigen. Wer jetzt in seinem Unternehmen noch keine Strategie verfolgt, riskiert seine Wettbewerbsfähigkeit. Als wesentlichen Punkt sehe ich auch die Kostenseite, wenn man einmal Content und Storage gesamtheitlich betrachtet. Informationen belegen heute unglaublich viel Speicherressourcen und behindern in vielen Fällen auch die Prozesse wie beispielsweise Backup oder Continuos Data Protection. Intelligentes ECM hilft auch, hier den Aufwand und die Kosten zu senken. Information Lifecycle Management (ILM) wird im Bereich ECM zukünftig an Bedeutung gewinnen, das ist aus meiner Sicht ein starker Trend.

Scholz: Für uns stehen in den nächsten Jahren drei wesentliche Herausforderungen im Vordergrund. Als wichtigstes Thema sehe ich den gesamten Bereich Geschäftsprozesse, das zweite zentrale Thema ist die Archivierung, die im Amerikanischen als Records-Management bezeichnet wird. An dritter Stelle steht das kollaborative Content-Management, bei dem es um die Zusammenarbeit mit Arbeitsgruppen oder externen Partnern sowie den gemeinsamen Umgang mit Unternehmensinformationen geht.

Handke: Das große Ziel von ECM ist das Wiederfinden von Informationen, und um das zu erreichen, muss die Repository-Konsolidierung im Zentrum der Bemühungen stehen, weil nur so Informationen auf standardisierte Weise zugreifbar sind. Versionierung und Zugriffskontrolle beispielsweise lasssen sich im Repository abbilden, so dass die einzelnen Anwendungen auf ihre spezifischen Aufgaben wie Archivieren oder Publizieren zugeschnitten werden können. Mit auf Basis offener Standards vereinheitlichten Architekturen lässt sich dieses Thema ganzheitlich erfassen, ohne dass sich der Anwender auf einen bestimmten Hersteller oder auf eine bestimmte Technologie fixieren muss.

Slominsky: Fakt ist, dass der ECM-Markt reifer und größer wird und sich dabei bis zu einem gewissen Grad konsolidiert. Wir werden also noch weitere Zusammenschlüsse sehen. Ich rechne damit, dass Content-getriebenes Business Process Management in den nächsten fünf Jahren eine maßgebliche Rolle spielen wird. Die Technologien dafür sind heute verfügbar, bewährt und auch skalierbar. Sie sind damit heute in der Lage, Prozesse zu industrialisieren, wie man heute schon an vielen Beispielen aus der Finanzwirtschaft sieht.

Schuller: Schnelligkeit ist heute Trumpf, und ECM hilft dabei, geschäftsrelevante Daten schneller verfügbar zu machen. Hier sehe ich in der Wirtschaft noch erheblichen Bedarf, angefangen bei den Prozessen der Posteingangsstelle über E-Mails bis hin zu Online-Formularen, wo es darum geht, den Input schnell in einen Prozess zu integrieren. Unternehmen erhöhen damit ihre Wettbewerbsfähigkeit und erreichen eine höhere Transparenz.

Vielen Dank für das Gespräch.