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30.10.1992

Die deutsche IT-Industrie im Weltmarkt chancenlosBundestags-Anhörung gibt wenig Anlaß zur Hoffnung

30.10.1992

Die europäische und vor allem die deutsche Informations- und Kommunikationsindustrie (IuK) stecken in einer tiefen Krise - und das nicht erst seit gestern. Um sich einen Eindruck von der Wettbewerbsfähigkeit dieser für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung so wichtigen Branche zu verschaffen, haben sich Bundestagsmitglieder aus drei verschiedenen Ausschüssen im Rahmen einer Anhörung bei Vertretern aus Industrie, Wissenschaft und Gewerkschaften informiert. Die Teilnehmer antworteten ebenfalls ausführlich auf einen Fragenkatalog, der ihnen im Vorfeld der Veranstaltung zugegangen war. Die CW veröffentlicht Auszüge aus diesen Stellungnahmen.

Fraunhofer-Institut für Systemtechnik und Innovationsforschung

Karlsruhe:

Ein ausgeprägtes Defizit gegenüber den Vereinigten Staaten und insbesondere Japan liegt in der gesamten Informationstechnik und Elektronik vor. Wesentliche Ausnahme ist die Telekommunikation, bei der in den letzten Jahren trotz weltweit zunehmender Aktivitäten zumindest eine durchschnittliche Position gehalten werden konnte. Allerdings besteht aufgrund stark zunehmender Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten in Japan und den Vereinigten Staaten neuerdings die Gefahr eines Zurückbleibens:

Die offensichtlichen Defizite in der Informationstechnik sind kein neues Phänomen, sondern zeichnen sich bereits seit Beginn der 80er Jahre deutlich ab. (...) Die gegenwärtige Situation ist insofern gravierend, weil sich der Vorsprung der USA und Japans nicht nur auf einzelne Teilbereiche der IuK-Technik bezieht, sondern für die gesamte Breite von den Bauelementen über die Konsumelektronik bis hin zu hochwertigen DV-Anlagen besteht.

Der Rückstand in der IuK-Technik ist deshalb als bedenklich anzusehen, weil diese als Schlüsseltechnik alle anderen Bereiche der Wirtschaft erfaßt. So sind der Anlagen-, Maschinen- und Fahrzeugbau ohne wesentliche IuK-Elemente kaum noch denkbar.

Der Stand in der IuK-Technik beeinflußt damit letztlich auch den Technikstand in anderen Bereichen, und es besteht zumindest eine Möglichkeit der Außenabhängigkeit in zentralen Gebieten der deutschen Produktion .

In der IuK-lndustrie spielen die Personalkosten im Vergleich zu anderen Kostenfaktoren eine nachgeordnete Rolle, so daß die Kostenvorteile japanischer Konkurrenten im wesentlichen auf bessere Produktions- und Organisationsmethoden zurückzuführen sind. Die Reaktionsmuster deutscher Anwenderindustrien sind allerdings im Hinblick auf die Geschwindigkeit des Aufgreifens neuer technischer Lösungen im internationalen Vergleich durchaus nicht so negativ, wie dies teilweise behauptet wird.

Der Rückstand der deutschen und europäischen Industrie in der IuK-Technik ist inzwischen so groß, daß ein Aufholen auf der gesamten Breite nicht möglich und wegen des internationalen Freihandels auch nicht sinnvoll ist. (...) Die Strategie sollte darin bestehen, wichtige Bereiche der IuK-Technik zu verfolgen und hier den Anschluß an den Weltstandard zu erreichen. Welche diese sind, muß jedes Unternehmen in marktwirtschaftlicher Souveränität für sich entscheiden, da es auch das Risiko trägt.

Konrad Seitz

Buchautor und Deutscher Botschafter in Rom:

Das Kernproblem liegt in einem doppelten Versagen. Erstens: Japan hat in den letzten 20 bis 30 Jahren den Produktionsprozeß revolutioniert. Die starre Massenproduktion des "Fordismus" wurde abgelöst durch die flexible Massenproduktion des "Toyotaismus". Die neue Produktionsweise der "schlanken Fertigung" basiert vor allem auf einer grundlegend neuen Organisation der Arbeit im Betrieb (eigenverantwortliche Teams, flache Hierarchien) und einer grundlegend neuen Organisation der Zusammenarbeit mit den Zulieferern (Dauerbeziehungen, gemeinsame Entwicklungen, Just-in-time-Anlieferung).

Die deutschen Manager haben diese Revolution der Produktionstechnik verschlafen. (...) McKinsey bestätigte der deutschen Industrie, daß 80 Prozent der Kostenvorteile ihrer japanischen Konkurrenten auf eine moderne Arbeitsorganisation und eine fertigungsfreundlichere Konstruktion der Produkte zurückgeht. Die hohen Löhne sind also nicht das Problem; sie sind in der japanischen Großindustrie inzwischen eher höher - selbst wenn man alle deutschen Nebenkosten mitberücksichtigt.

Zweitens: Die deutsche Wirtschaft kommt in der neuen industriellen Revolution nicht mit, sie hinkt gegenüber Japan und den USA im Übergang zur Informationswirtschaft und -gesellschaft hinterher und fällt immer weiter zurück. An diesem Zustand tragen Politik und Gesellschaft eine wesentliche Mitverantwortung.

Angesichts einer Wirtschaftspolitik und -theorie, die die neuen Realitäten der Hochtechnologien und der japanischen Markteroberungsstrategien nicht zur Kenntnis nimmt und unermüdlich die Parolen der 50er Jahre herbetet, und angesichts eines technikfeindlichen Klimas der 70er und 80er Jahre, hatte die deutsche Industrie wenige Chancen, gegenüber den globalen amerikanischen Hochtechnologie-Unternehmen, von denen die neue industrielle Revolution ausging, aufzuholen und mit den japanischen Unternehmen, hinter denen die Elitebürokratie des Staates, ja die Solidarität einer ganzen Nation steht, mitzuhalten.

Das drohende Schicksal der technologischen Kolonisierung läßt sich allein abwenden durch eine kohärente Industriestrategie großen Stils. Diese müßte verbunden sein mit einer strategischen Kooperationspolitik gegenüber Japan und Amerika, die Handel und Direktinvestitionen zu einer Zweibahnstraße macht. Eine solch

e umfassende Strategie, die das, Gegenteil der jetzigen isolierten Ad-hoc-Maßnahmen ist, müßte von Industrie und Staat gemeinsam entwickelt werden. Ihre Aufgabe wäre, die Struktur unserer Wirtschaft zu verändern - in Richtung auf die Informationswirtschaft und -gesellschaft.

Die Wirtschaft und Gesellschaft des 21. Jahrhunderts entsteht nicht allein durch die unsichtbare Hand des Marktes. Wohin die Marktkräfte, wenn es ausschließlich sie gibt, Deutschland und Europa führen, macht der sich immer mehr beschleunigende Zusammenbruch, unserer Computer-, Halbleiter- und Unterhaltungselektronik-Industrie nur allzu deutlich: Sie führen in die technologische Kolonisierung

*

Institut für Weltwirtschaft Kiel:

Wer es schafft, sich bei einer Chip-Generation an die Spitze zu setzen, kann keineswegs sicher sein, auch bei der nächsten Generation einen Wettbewerbsvorsprung zu behalten. Eine jahrzehntelange Vormachtstellung auf dem Weltmarkt, wie sie beispielsweise Boeing im Flugzeugmarkt hält, konnte bislang kein einziger Chip-Hersteller erreichen. (...)

Es kann vermutet werden, daß die Marktmacht einzelner Unternehmen stets nur temporär ist und damit kaum dauerhafte technologische Abhängigkeiten zwischen bestimmten Herstellern und Abnehmern auftreten können. (...) Ein Unternehmen oder Land, das etwa bei Speicher-Chips den Anschluß verpaßt hat, braucht (...) keineswegs zu fürchten, damit zwangsläufig auch bei Mikroprozessoren oder Asics (Application Specific Integrated Circuits ins Hintertreffen zu geraten.

Die Gefahr der strategischen Abhängigkeit westeuropäischer Anwenderbranchen von einzelnen japanischen Herstellern ist sowohl gegenwärtig als vermutlich auch künftig gering. Erstens machen sich die japanischen Unternehmen untereinander durchaus ernsthafte Konkurrenz, zweitens geraten sie zunehmend unter den Druck neuer Anbieter aus Südostasien, und drittens ist ihre gegenwärtige Dominanz weitgehend auf den Bereich der Speichel- Chips begrenzt, während beispielsweise der Markt für Mikroprozessoren nach wie vor von US-amerikanischen Unternehmen beherrscht wird.

Sollten die Japaner künftig auch bei Mikroprozessoren ihre Position ausbauen können, würde dadurch der Wettbewerb auf den Weltmärkten eher schärfer, da die Vormachtstellung amerikanischer Hersteller gebrochen würde. Das Argument der strategischen Abhängigkeit liefert also keine Rechtfertigung für eine selektive Technologie- und Technikpolitik zugunsten der europäischen Halbleiter-Industrie.

Schließlich gilt für die Mikroelektronik wie für andere Branchen auch: Wenn der Staat Subventionen anbietet, dann werden sie in der Regel auch nachgefragt. Und je mehr Subventionen geboten werden, desto größer ist die Gefahr, daß sich das Interesse der Unternehmen von dem Erzielen von Markteinkommen auf das Erlangen von Subventionen verlagert - das Profit-seeking wird zum Rent-seeking. Würde beispielsweise nur deshalb eine Halbleiter-Fertigung in der Bundesrepublik aufgebaut, weil damit höhere Staatszuschüsse zu erzielen sind als mit anderen Investitionsvorhaben, wäre für die technologische Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft vermutlich wenig gewonnen.

*

IG Metall

Frankfurt:

Die hinter den schlanken Methoden liegenden Denkweisen (müssen) verstanden werden, um diese erfolgreich auf europäische Verhältnisse übertragen zu können. In Anbetracht der verschiedenartigen soziokulturellen Hintergründe führt der Glaube, man brauche japanischen Management-Prinzipien wie Kanban, Just-in-time, Total-Quality-Management oder Quality Circles, in die Irre.

Wer die vielgepriesene Lean Production lediglich als neue Methode begreift, um Produktionskosten und Durchlaufzeiten zu senken, läuft sogar Gefahr, seine Wettbewerbsvorteile zu verspielen. Denn es geht weniger um Kosteneinsparungen im herkömmlichen Sinn als vielmehr darum, die Kosten der Bürokratie zu vermeiden.

Statt auf Strategien zur Entfaltung der "Soft Factors" (Kreativität, Motivation, Qualifikation, Verantwortungsbereitschaft,

Selbstbewußtsein etc.) zu setzen, konzentrierte sich die Forschungs- und Technologiepolitik in den vergangenen Jahrzehnten auf die tradierten "Hard Factors" - sie ist durch aus als technikzentriert, kapitalintensiv und auf große Einheiten Beziehungsweise spektakuläre Großprojekte fixiert zu charakterisieren. Simlbolträchtige Nahmen wie Kalkar, Suprenum, Jessi, Hermes, Columbus, aber auch die klassischen CIM-Ansätze etc. stehen nicht nur für beträchtliche Fehlinvestitionen, sondern auch für Denkweisen, die überholt, wenn nicht gar von Anfang an fehlgeleitet waren .

Im aktuellen Sprachgebrauch ist die bisherige Forschungs- und Technologiepolitik keine "Lean Policy", sondern eher eine "Fat Policy", die sich sowohl strukturell als auch inhaltlich überlebt hat. Denn in ihrem Kern steht sie noch immer in der Denktradition Taylors und Fords, die ihr Heil in immer mehr Technikeinsatz, immer komplexerer Automatisierung und immer größeren Einheiten suchten.

Gerade im Zuge der aktuellen Diskussion über "Lean Production" wird offenkundig, daß technologische Schwächen Indiz und Folge unzureichender Anstrengungen im Bereich der Human-Ressourcen sind, wie etwa Förderung neuer Formen der Arbeitsorganisation, neuer Management-Konzepte sowie Qualifizierung auf allen Ebenen. Doch statt nun endlich aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen, ist man im BMFT derzeit sogar dabei, diese einseitige Orientierung fortzuschreiben.

IBM Deutschland GmbH Böblingen:

Die europäische und die deutsche IT-Industrie befinden sich in einer schwierigen Lage. In der Mikroelektronik ist sie seit Jahren auf dem Rückzug, bei Informationssystemen praktisch nur auf heimische Märkte angewiesen und bei Software allenfalls im Bereich spezifischer Anwendungen wettbewerbsfähig. Dies ist seit Jahren bekannt. Die bisher durchgeführten staatlichen Fördermaßnahmen sind weitgehend ohne dauerhafte Ergebnisse geblieben.

Die in Deutschland ansässige IT-Industrie hat gegenüber der internationalen Konkurrenz erhebliche Nachteile. Das hängt mit den bekannten Problemen des Produktionsstandorts Deutschland zusammen, die sich für die IT-Industrie besonders kraß auswirken. In kaum einer Industrie gibt es einen solch scharfen internationalen Standort-Wettbewerb. Ohne gravierende Verbesserungen des Produktionsstandorts wird sich in diesem Prozeß die IT-lndustrie in Deutschland aus den Bereichen Mikroelektronik und Hardwareproduktion weiter verabschieden. Wir sind davon überzeugt, daß dies zum großen Schaden unserer Volkswirtschaft sein wird.

Eine erneute Bestandsaufnahme ist nicht notwendig. Die Situation ist klar und wird ja auch seit Jahren beklagt. Jetzt muß gehandelt werden. Industriepolitik (...) hat dafür zu sorgen, daß sterbende Industrien sozialverträglich so schnell wie möglich verschwinden - und nicht jahrzehntelang künstlich am Leben gehalten werden - und daß zukunftsträchtige Industriezweige beim Start Hilfe erhalten und gegen unfaire internationale Konkurrenz geschützt werden.

Siemens AG

München:

Ein grundsätzliches gesellschaftliches Defizit ist die Einstellung gegenüber sogenannten neuen Technologien, die eher unter dem Aspekt "neue Risiken" als unter dem Aspekt "neue Chancen" öffentlich diskutiert werden. (...) Innerhalb Europas befindet sich die Bundesrepublik (...) in einer vergleichsweise guten Position, was auch die starke Präsenz in der europäischen Industrie- und Kommunikationsindustrie und die Rolle der Bundesrepublik als High-Tech-Land in der EG zeigt.

Eine Ausrichtung von Unternehmensstrategien auf die globalen Märkte setzt zunächst eine Finanzkraft voraus, die aus der Stärke im Heimatmarkt erwirtschaftet werden muß. Angesichts der Fragmentierung des europäischen Marktes in der Vergangenheit waren europäische Hersteller bei allen Volumengeschäften von Anfang an im Nachteil. Dazu kommt der technische Vorlauf, den die amerikanische Wirtschaft insbesondere zur Anfangszeit der Halbleiter-Entwicklung und der Informationsverarbeitung durch die Forschungs- und Entwicklungsunterstützung des amerikanischen Verteidigungsministeriums gewonnen hat. Japan hat diesen Nachteil durch eine Abschottung seiner Märkte und einer Konzentration der volkswirtschaftlichen Ressourcen auf die Unterhaltungselektronik, die Halbleiter-Technologie und die IT kompensiert.

Deutscher

Gewerkschaftsbund

Düsseldorf:

Es ist unübersehbar, daß die schwache Position der deutschen und europäischen Industrie in vielen Bereichen der IuK-Technologien vor allem auf Management-Defizite zurückgeführt werden muß: Die europäischen Unternehmen haben die strategische Bedeutung der Informationstechnik, insbesondere der Mikroelektronik, zu spät erkannt beziehungsweise zu lange nicht ernstgenommen. So besteht heute zum Beispiel bei der Anwendung von integrierten Schaltungen ein enormer Abstand im Verhältnis zu Japan und - mit Abstrichen - zu den USA.

Während die japanische Computerindustrie bereits in den 70er Jahren den Weltmarkt für Großrechner - trotz der erdrückenden Vormachtstellung von IBM! - gezielt ins Visier nahm, fehlten auf europäischer Seite entsprechend ehrgeizige und konsequente Strategien. Auch im Bereich kleinerer Rechner hinkten europäische Unternehmen stets hinter der technischen und der Marktentwicklung hinterher; die Entwicklung des besonders expansiven Segments der Personal Computer wurde weitgehend verschlafen. Auch am Weltmarkt für Workstations spielen europäische Hersteller keine Rolle.

Im Softwarebereich sind es lediglich einige einzelne Unternehmen der französischen und englischen Industrie, die global operieren.

Weder in der Fertigungstechnik noch in der Produktqualität können europäische Unternehmen mit japanischen Herstellern mithalten.

Auch beim Management von Forschung und Entwicklung, bei der Arbeits- und Produktionsorganisation und bei der Gestaltung der Beziehung zu den Zulieferern weisen die hiesigen Unternehmen im Vergleich zur japanischen Industrie unübersehbare Schwächen auf.

Vor diesem Hintergrund ist es kaum verwunderlich, wenn führende Unternehmensberater den Kostennachteil hiesiger Unternehmen gegenüber japanischer Konkurrenten zu einem Großteil auf Management-Schwächen zurückführen: auf Organisationsdefizite, auf Konzeptionsmängel und auf die Schwerfälligkeit der Führungsbürokratie.