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Entwicklungsfreundliche Unix-Umgebung könnte eine Lösung sein:


30.09.1988 - 

Die dezentrale Intelligenz birgt Probleme

Dr. Nikolaus Niggemann ist Projektmanager Bankanwendungen bei der Softlab GmbH, München.

Für dezentrale Rechensysteme bei Kreditinstituten gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten. Zur Zeit primäres Einsatzgebiet: Der Beratungs- und Back-Office-Bereich. Für den Sachbearbeiter tritt schnelle Dialogverarbeitung an die Stelle von zeitraubendem Papierkrieg. Nikolaus Niggemann berichtet über den aktuellen Stand der Technik.

Die Dezentralisierung von DV-Leitungen für die Filialen einer Bank ist langfristig ein überaus bedeutsames Vorhaben.

Zweigstellen besitzen Selbstbedienungsbereiche, über die schon heute und weiter zunehmend komplexe Produkte, Dienstleistungen und Informationen angeboten werden. Die Selbstbedienungsfunktionen werden unabhängig von den Öffnungszeiten der Filialen angeboten, teilweise ist ein 24-Stunden-Betrieb denkbar.

Dem Beratungsbereich kommt die Aufgabe zu, alle Leistungen der Selbstbedienungszone verfügbar zu machen, darüber hinaus aber erklärungsbedürftige und beratungsintensive Dienstleistungen und Produkte. Der hier tätige Bankangestellte verlagert seine Tätigkeit zunehmend von der Abwicklung auf die Beratung. Die Abwicklung wird entweder schon durch Selbstbedienungsfunktionen auf den Kunden verlagert oder durch Dialoganwendungen weiter automatisiert.

Im Back-Office werden zunehmend Datenerfassung, Textverarbeitung und Bürokommunikation Einzug halten. Ziel ist es, Formulare weitgehend zu reduzieren. Der Betrieb der Selbstbedienungsgeräte ist also eine Aufgabe, die im wesentlichen von einer zentralen Stelle durchgeführt werden sollte. Hauptargument hierfür sind die Betriebszeiten und der jederzeit aktuelle Stand aller für den Betrieb wichtigen Daten (Schwarze Listen, Salden) im ganzen Netz. Hierfür ist eine zentrale Abwicklung besser geeignet. Der Einsatz dezentraler Intelligenz, die über Gerätesteuerung hinausgeht, ist für den Beratungs- und Back-Office-Bereich sinnvoll.

Faktoren wie die benutzerfreundlich aufbereitete Information für den Berater und seine Führung durch ein komplexes Produktspektrum bis zur Auswahl eines passenden Angebots erfordern eine klare Bedienerführung sowie leistungsfähige Präsentationsmöglichkeiten; diese Kriterien werden heute von auf dem Markt befindlichen PC-Produkten erfüllt. Als Schlagworte seien erwähnt: Window-Technik, Pop-up- und Pull-down-Menüs, Maus-Einsatz, Grafische Verarbeitung von Business-Grafik über die Darstellung von Unterschriften bis hin zur künftig denkbaren Bildverarbeitung.

Diese Funktionalität ist nicht mit einer direkten Terminal-Anbindung an ein Zentralsystem durchführbar. Die Gestaltung von Texten, die Erfassung von Daten an der Quelle ihres Entstehens, Modellrechnungen und der Dialog mit einem lokalen Expertensystem lassen sich durch lokal vorhandene Rechenleistung realisieren, die bei Bedarf eingesetzt und auch lokal erweitert werden kann.

Die Funktionalität ist deutlich verbessert

Neben diesen allgemeinen Funktionen der Präsentation und lokalen Verarbeitung sind einige bankfachliche Anwendungsgebiete identifizierbar, die durch dezentrale Intelligenz sinnvoll unterstützt werden können. Hier sei zunächst der gesamte Komplex der Kassenführung und Kassenverwaltung erwähnt, der schon heute bei vielen Instituten dezentral abgewickelt wird. Die Bereitstellung von aktuellen Kunden- und Konteninformationen in den Zweigstellen ist ein weiteres Exempel für den möglichen Einsatz dezentraler Intelligenz. Gerade an diesem letzten Beispiel lassen sich indes auch die Probleme und die - zumindest heute bestehenden - Grenzen einer Dezentralisierung aufzeigen. Sollen die Kunden- und Kontendaten zu Auskunfts- und Prüfzwecken und nur mit dem Anspruch der Tagesaktualität in den Zweigstellen vorhanden sein, so ist dies als Ersatz einer zu verteilenden Liste anzusehen und technisch unproblematisch. Die Daten werden täglich verteilt und ihre Aktualität reicht für eine Vielzahl von Abfragen und Prüfungen aus.

Ist eine höhere Aktualität erforderlich, so sind entsprechend häufiger Datenübertragungen durchzuführen. Werden die Daten dezentral verändert, muß auch ein Abgleich mit den zentralen Beständen erfolgen. Ein absoluter Gleichstand der zentral und dezentral vorhandenen Bestände als Extremforderung ist heute noch nicht mit adäquatem Aufwand realisierbar.

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß der Einsatz von dezentraler Intelligenz für verschiedene Formen der lokalen Verarbeitung und einer benutzergerechten Gestaltung der Bedienung empfehlenswert ist, und hier auch ein sehr breites Anwendungsfeld besteht. Fachliche Anwendungen, die nur lesend auf nicht häufig zu aktualisierende Daten zugreifen, können dezentral abgewickelt werden. Je aktueller die dezentralen Datenbestände sein müssen, und je mehr Datenverteilung nötig ist, desto problematischer erweist sich eine Verlagerung.

Hat man sich dazu entschlossen, den Weg der Dezentralisierung einzuschlagen oder weiterzugehen, wird die Frage relevant, welche Produkte für den dezentralen Einsatz in Frage kommen, welche organisatorischen Rahmenbedingungen zu beachten sind und wie eine Softwareentwicklung für dezentrale Systeme zu organisieren ist.

Für die Auswahl einer geeigneten Lösung zum Einsatz in Zweigstellen sind die angebotenen Kommunikationsmöglichkeiten mit dem vorhandenen Zentralsystem einer Bank von höchster Wichtigkeit. Die Auswahl wird stark vom Angebot an bankfachlich einsetzbarer Peripherie (Terminals, Tastaturen, Drucker, Kassentresore etc.) bestimmt sein. In Betracht kommen auch Zugangsmöglichkeiten zu externen Informationsquellen (Btx, Telex etc.).

Noch ein weiterer Aspekt sollte in der gegenwärtigen Marktsituation berücksichtigt werden: Bisher eingesetzte Zweigstellensysteme sind eher als Spezialentwicklungen einzustufen, deren Zukunft zumindest heute etwas ungewiß ist und die ein hochspezialisiertes Wissen für die Anwendungsentwicklung erfordern.

Durch das Aufkommen leistungsfähiger Unix-Systeme besteht die Möglichkeit, Systeme in den Zweigstellen einzusetzen, die über Standard- oder De-facto-Standard-Schnittstellen verfügen. Ausgebildete Softwareentwickler für dieses Aufgabenfeld sind an den Hochschulen zu finden. Außerdem dürfte in Zukunft mehr - standardisierte - bankspezifische Branchensoftware angeboten werden.

Zukunftssicherheit wird beim Kauf immer wichtiger

Auf dem Markt verfügbare Systeme bieten damit zum ersten Mal eine höhere Zukunftssicherheit für die getätigten Softwareentwicklungs-Investitionen. Diese Aussage hat aber nur dann Gültigkeit, wenn der Anwender sich selbst an den formulierten Standards orientiert und sich nicht durch eigene Spezialentwicklungen langfristig festlegt.

Für die Installation und den Betrieb der dezentralen Systeme müssen Organisationseinheiten eingerichtet werden, die für die Entwicklung der dezentralen Anwendungen, die Betreuung der Standardsoftware und die Verwaltung der wesentlich komplexer gewordenen Netzwerkkonfigurationen zuständig sind. Diese Maßnahmen bedingen eine höhere Manpower als bei einer rein zentralen Lösung. Es gilt folglich, diesen Aufwand durch Rationalisierung und Qualitätsverbesserung im Zweigstellenbetrieb zu kompensieren.

Beim Einsatz dezentraler Intelligenz nehmen auch die Möglichkeiten zu, Mißbrauch mit den Systemen und den darauf verfügbaren Daten zu treiben. Das DV-System steht nicht mehr in einem gut abgeschirmten Rechenzentrum, zu dem nur wenige autorisierte Personen Zugang haben. Es handelt sich vielmehr um lokal verteilte Rechner, für die man einen solchen Schutz nicht mehr organisieren kann.

Deshalb ist darauf zu achten, daß die dezentrale Betriebssoftware vor Mißbrauch geschätzt ist, und die Systemverwaltung (Sicherung, Konfigurierung, Einspielen von Softwarebeständen und ähnliches) remote von einem Zentralsystem aus durchgeführt werden kann. Notlösungen mit speziellen Benutzerkennungen und ständig wechselnden Passwörtern bedeuten ein hohes Sicherheitsrisiko.

Die Zentraleinheiten der Systeme mit ihren Speichereinheiten (Diskettenlaufwerke und Magnetbandgeräte) sollten in einem abschließbaren Raum aufgestellt sein - auch wenn die räumlichen Maße der Systeme eine Installation in der Schalterhalle ermöglichen würden.

Diese Bemerkungen stellen nur einen groben Abriß der notwendigen und möglichen Vorsorgen dar. Hier muß im Einzelfall und produktabhängig eine genaue Untersuchung durchgeführt werden. Ferner gilt es, für die Entwicklung der dezentral eingesetzten Anwendungssoftware ein spezielles Team zu bilden. Da es sich bei den Entwicklungsvorhaben entsprechend den bereits erwähnten Zielen um größere Vorhaben handelt, müssen alle Vorkehrungen getroffen werden, um eine geordnete Entwicklung und Wartung rationell durchführen zu können. Es ist also eine komplette Entwicklungsumgebung aufzubauen, bei der die Lehre aus der Vergangenheit zum Tragen kommt. Unordnung in der Entwicklungsmethodik führt zu erhöhtem Wartungsaufwand. Darin bilden dezentrale Systeme keine Ausnahme.

Man sollte darauf achten, daß die dezentrale und die schon vorhandene zentrale Entwicklungsumgebung in wesentlichen Teilen gleich sind, um Einheitlichkeit im Unternehmen zu bewahren und einen unproblematischen Wechsel des Entwicklungspersonals von der zentralen in die dezentrale Entwicklung (und natürlich umgekehrt) zu ermöglichen. Hier gibt es wiederum zahlreiche Argumente zugunsten von Unix-basierten Systemen.