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24.02.1995

Die digitale Revolution in der Medienwelt (Teil 5) Infobahn durch die Vorgaerten heutiger Informationsanbieter

CW-Bericht, Gerhard Holzwart

Wir alle kennen und schaetzen das behagliche Gefuehl, wenn der kraeftig dampfende Kaffee duftet, das Toastbrot fertig und der Orangensaft frisch gepresst ist. Meist fehlt dann noch etwas, das den Fruehstueckstisch erst so richtig komplett macht: Das vertraute Rascheln von Zeitungspapier, an das nicht wenige Zeitgenossen nicht mehr so recht glauben wollen. Jedenfalls scheint sich in manchen Zukunftsszenarien der Tischcomputer, auf dessen Bildschirm dann die neuesten Nachrichten online serviert werden, seinen festen Platz neben dem Fruehstuecksei (und nicht nur dort) erobert zu haben.

Eines steht mittlerweile fest: Es gibt keinen Bereich in der Medienwelt, wo man das gefluegelte Wort von der digitalen Revolution im wahrsten Sinne des Wortes woertlicher nimmt. Haben gedruckte Zeitungen und Zeitschriften (und Buecher) ueberhaupt noch eine Ueberlebenschance, heisst die Frage, bei der viele auch schon die passende Antwort haben - etwa der Futurist Frank Odgen, fuer den Buecher im Zeitalter der CD-ROM und interaktiven Online-Dienste wirtschaftlich auf Dauer nicht mehr vertretbar sind.

Elektronische Medien als neuer Milliardenmarkt

Man kann aber auch zahlreiche andere, serioesere Quellen zitieren, wonach bis zur Jahrtausendwende in Europa bis zu 15 Prozent aller Printprodukte durch elektronische Medien ersetzt sein werden; geschaetztes Marktpotential bis zu 30 Milliarden Mark. Und auch dort, wo solche Zahlen lanciert werden (also in Kreisen von Marktforschern und Unternehmensberatern), ist man sich darueber einig, dass kuenftig nicht nur der Gebrauch von Buechern, Zeitungen und Zeitschriften den intellektuellen Menschen ausweisen wird, sondern auch dessen Faehigkeit zum Umgang mit "elektronischem Wissen".

Natuerlich ist der elektronische (Buch)verlag laengst keine Zukunftsmusik mehr, und man muss in Deutschland auch nicht Bertelsmann oder Burda heissen, um bei der multimedialen Verpackung von mehr oder weniger anspruchsvollen Inhalten erfolgreich zu sein. Nicht ganz so rosig sieht es hingegen bei den klassischen Zeitungsverlagen aus, die so gut wie ausnahmslos immer noch mit einem einzigen Pfund wuchern: der vermeintlichen Aktualitaet ihrer Produkte. Und um genau die geht es jetzt, wenn angesichts globaler und interaktiver Informationsstrukturen die Zeitung von morgen heute schon Altpapier ist.

Wer nicht genauer hinsieht, der koennte in der Tat meinen, dass hier eine ganze Branche hilf- und orientierungslos im Dschungel potentieller Multimedia-Dienste umherirrt - auf der Suche nach neuen Profilierungs- und Verdienstmoeglichkeiten gleichermassen. Und wieder war es Helmut Ricke (an dieser Stelle schon einmal als eigentlich eher zurueckhaltend beschrieben), der, kurz vor seinem Ruecktritt als Vorstandsvorsitzender der Telekom, den Zeitungsmachern einen kernigen Satz ins Stammbuch schrieb.

Diese muessten, wie der Ex-Telekom-Chef am 6. Dezember 1994 auf der Jahrestagung des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger darlegte, hoellisch aufpassen, dass die kuenftigen Information- Highways nicht quasi ueber Nacht "durch die Vorgaerten heutiger Informationsanbieter fuehren".

Ricke haette natuerlich, waere er heute noch in Amt und Wuerden, mit Sicherheit genuegend andere Sorgen, als sich seinen Kopf fuer die deutschen Zeitungsverleger zu zerbrechen (wenn man einmal davon absieht, dass die deutschen Verlagshaeuser mit zu den besten Kunden der Telekom zaehlen). Was andererseits aber nichts daran aendert, dass dieser von ihm eher gut gemeinte Ratschlag in Wahrheit den beruehmten Nagel auf den Kopf traf - oder, besser gesagt, den Finger ganz tief in die Wunde legte. Wer naemlich Zeuge besagter Veranstaltung war, konnte dort das solidarische Wundenlecken einer Branche beobachten, die dummerweise auch noch das hundertjaehrige Bestehen ihres Verbandes zu wuerdigen hatte.

Dienst am Wort in der Augenhoehe des Lesers

Kuenftig noch mehr aus der Augenhoehe des Lesers schreiben, hiess es dann dort in einer Art Leitsatz; und vom moralischen Anspruch, im Spannungsfeld zwischen Print und Elektronik "Dienst am Wort" zu leisten, war die Rede - eine, wenn man so will, intellektuelle Haltung, der elektronische Medien, seien sie nun digital oder nicht, nie und nimmer gerecht werden koennten. Schuetzenhilfe besorgten sich die verunsicherten Zeitungsverleger auch noch durch die in diesem Zusammenhang wohl unvermeidbare Elisabeth Noelle- Neumann, die dem Volk bekanntermassen aufs Maul schaut und neuerdings wohl auch in den Zeitungsstaender. Wer fernsieht, fuehlt sich informiert, wer (Zeitung) liest, ist informiert, lautete die Botschaft des Orakels aus Allensbach - was wiederum Hans-Wolfgang Pfeifer, Vorsitzender der Gesellschafterversammlung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), zu der Aussage hinriss, eine Zeitung muesse Geld verdienen, einen Verlag nur nach wirtschaftlichen Kriterien zu fuehren, sei aber wenig sinnvoll.

Online-Recherche in Wirtschaftsdatenbanken

Pfeifer haette wohl besser zuhoeren und zusehen muessen - insbesondere auch, was das eigene Haus angeht. Jedenfalls ist es mit der vermeintlichen "elektronischen Hilflosigkeit" deutscher Zeitungshaeuser so eine Sache. Oder anders beschrieben: Man ist laengst dabei, sich in einem Markt zu etablieren, von dem man allerdings nicht weiss, wohin er sich entwickeln und vor allem, ob er irgendwann das bisherige Core-Business ersetzen wird. Mehr als 1,1 Milliarden Mark haben naemlich die deutschen Zeitungsverlage (Quelle: FAZ) schon 1993 mit elektronischen Dienstleistungen umgesetzt, knapp 950 Millionen entfallen davon auf Online-Dienste, der Rest geht weitgehend auf das Konto von CD-ROM-Produkten.

So ist mittlerweile ueber den Online-Dienst "Genios" der Handelsblatt Verlagsgruppe ein Zugriff auf mehr als 140 Tages- und Fachpressetitel samt dazugehoerige Datenbanken moeglich. In Zahlen ausgedrueckt heisst dies: Mehr als beispielsweise 500000 "Handelsblatt"-Artikel oder 180000 Meldungen der "Sueddeutschen Zeitung" haben sich im Genios-Zentralrechner angesammelt.

Darueber hinaus lassen sich von dort aus auch News der Nachrichtenagenturen dpa, AFP, APA oder Interfax abrufen. Mehr als 30 Prozent jaehrliches Wachstum verzeichnet man angeblich allein bei der FAZ in Sachen elektronische (Zusatz-)Medien - Angebote also, die eben nicht oder nicht unbedingt den herkoemmlichen Zeitungsleser ansprechen sollen. Dazu gehoert dann das FAZ-Archiv auf CD-ROM ebenso wie ein taeglich aktualisierter Info-Container in Datex-J (Plaene, die man unter anderem auch im Sueddeutschen Verlag konkret verfolgt) bis hin zur kompletten Zeitung auf CD-ROM als multimediale Image-Broschuere.

Es tut sich also (doch) was, auch und gerade in den altehrwuerdigen Zeitungshaeusern. Weniger aus eigener Ueberzeugung, sondern schon eher aus purer Notwendigkeit, weil sonst die vielzitierte Infoelite, zu der man einerseits selbst gehoeren und die man andererseits mit geeigneten Produkten auch in Zukunft bedienen und erreichen will, floeten geht. Und so folgt man der Kundschaft dorthin, wo man glaubt, sie demnaechst vorwiegend zu finden - Statistiken ueber abnehmende Lesehaeufigkeit und damit auch Lesezeit weisen den Weg. Ein Weg uebrigens, bei dem in der Brust vieler Verlagsmanager die beruehmten zwei Herzen schlagen: Technisch ist (im Zusammenhang mit der Online- und Multimedia-Zeitung) so gut wie alles machbar. Fraglich ist indes, ob sich denn auch alles verkaufen laesst. Und die Printmedien sollen (muessen) die Entwicklung im elektronischen Bereich nicht als Bedrohung empfinden, sondern als Chance begreifen - was auch immer das heissen mag.

Das Ende von allem Gedruckten sicherlich nicht; jedenfalls kann sich dies so gut wie niemand vorstellen. Helmut Ricke nicht, der den Zeitungen eine neue Multimedia-Partnerschaft anbieten (Zeitungen als unverzichtbares "regionales Fenster" einer globalen Informationsgesellschaft) wollte, und Maenner wie Manfred Niewiarra vom Axel Springer Verlag sowieso nicht. Online-Dienste allein sind, so das fuer den Bereich Elektronische Medien zustaendige Vorstandsmitglied des Hamburger Verlagsriesen, "nicht die Zukunft der Informationsgesellschaft, die sich dadurch auszeichnen wird, dass sie weniger lesen, aber immer mehr wissen moechte".

(wird fortgesetzt)