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03.03.1995

Die digitale Revolution in der Medienwelt (Teil 6 und Schluss) Geld liegenlassen und dadurch die Renten von morgen bezahlen

CW-Bericht, Gerhard Holzwart

20 Jahre lang kannten ihn im Prinzip nur Insider. Jedenfalls war das Auftreten von Frank Mueller-Roemer als Redner auf Seminaren und Kongressen in dieser Zeit kein alltaegliches Ereignis, und noch viel mehr galt dies fuer markige Worte aus seinem Munde. Doch seit er nicht mehr ist, was er war, naemlich Technischer Direktor des Bayerischen Rundfunks (BR), hoert sich die Sache etwas anders an. Europa, nein Deutschland muesse, so sein Credo, "am Ball bleiben, sonst koennen wir eines Tages unsere Renten nicht mehr bezahlen".

Nein, es geht hier nicht um einen weiteren Diskussionsbeitrag zur Neugestaltung unserer gesetzlichen Altersversorgung. Interessant sind da schon eher die neuen Aktivitaeten des dem eigentlichen Pensionsalter recht nahe gekommenen frueheren Siemens-Ingenieurs. Mueller-Roemer hat Ende 1994 seinen Dienst beim BR quittiert und macht nun gewissermassen auf Privatier - auf hoehere Weisung aus der Bayerischen Staatskanzlei. Was so natuerlich auch wieder nicht ganz stimmt, denn er ist Geschaeftsfuehrer einer neuen Firma namens Medienberatung Muenchen GmbH. Dort wiederum beratschlagt, empfiehlt und tut man jedoch genau das, was Edmund Stoiber immer schon wollte: Muenchen und damit Bayern endgueltig zum Medienstandort Nummer eins zu machen.

Wer also den juengsten Frontalangriff des bayerischen Ministerpraesidenten auf die ARD ins rechte Licht ruecken will, sollte sich vielleicht weniger mit Koeln und dem Westdeutschen Rundfunk auseinandersetzen, sondern eher mit dem, was derzeit am Muenchner Franz-Josef-Strauss-Ring ausgeheckt wird. Waehrend naemlich so gut wie ganz Deutschland auf den Spaetzle-Highway in Baden- Wuerttemberg oder das vergangene Woche mit grossem Pomp gestartete Berliner Pilotprojekt blickt, haben Stoibers Beamte in aller Stille Naegel mit Koepfen in Sachen Pay-TV und Video on demand gemacht. Rund 100 Millionen Mark stehen dafuer aus dem Fonds "Zukunftsinitiative Bayern" zur Verfuegung, jenem satten Batzen Geld von insgesamt 2,4 Milliarden Mark, der aus dem Erloes der Privatisierung ehemals staatlicher Unternehmen wie der Bayernwerk AG stammt.

Am 15. Januar gab der Bayerische Ministerrat endgueltig gruenes Licht fuer die Pilotprojekte Muenchen und Nuernberg/Erlangen, und bei der Medienberatung Muenchen werden in dieser Angelegenheit wohl die Faeden zusammenlaufen. Spaetestens in der zweiten Jahreshaelfte 1995 sollen in beiden bayerischen Ballungsraeumen mehrere tausend Haushalte ans Netz gehen und probeweise mit besagten interaktiven Dienstleistungen beglueckt werden - bereitgestellt von Content- Providern wie Quelle und natuerlich Kirch und Bertelsmann, was wieder ein Stueck mehr Klarheit in die Frage bringt, warum und vor allem wofuer man nach Ansicht von Politikern wie Stoiber die ARD kuenftig nicht mehr gebrauchen kann.

Dies darf jedoch Ex-BR-Mann Mueller-Roemer nicht weiter kuemmern, solange Deutschland, respektive Bayern fuehrend ist und bleibt bei dem, was er im Zusammenhang mit der Digitalisierung von Hoerfunk und Fernsehen als "dritte Revolution des Rundfunksystems" bezeichnet. Und die symbolisiert fuer ihn nicht nur das Streben nach den Wachstumsmaerkten von morgen, sondern auch ein komplett neues Denken, was technische Ablaeufe angeht. Kuenftig werden zum Beispiel, so Mueller-Roemers Ausfuehrungen auf einem ComMunic-Online- Kongress in Muenchen, "Fernsehen und Hoerfunk nur noch Teil eines universellen digitalen Uebertragungssystems sein".

Um nun so richtig zu verstehen, was der Ex-BR-Technikchef damit meint, muss man sich mit seinem zweiten Steckenpferd beschaeftigen - dem neuen Medium "Digital Audio Broadcasting" (DAB). Mit DAB soll naemlich das gute alte Radio zu einer Art Multimedia-Plattform avancieren, andere Experten sprechen gar vom verlaengerten Arm der Datenautobahn in Form neuer Mehrwertdienste. Neben Musik und Sprache sollen kuenftig Informationen beliebiger Art, zum Beispiel Texte, Grafiken und Tabellen in Form von PC-Daten, die dann auf einem kleinen integrierten LCD-Bildschirm visuell dargestellt werden. Und dabei sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt: So koennte waehrend eines Werbespots die Telefonnummer des Herstellers eingeblendet werden, bei Sportuebertragungen der aktuelle Spielstand, und bei Musiksendungen wuerden Titel und Name des Interpreten erscheinen.

Technisch realisierbar ist der kuenftige "Datenrundfunk" im schon beschriebenen Hyperband des Kabelnetzes und vor allem ueber die Satelliten des luxemburgischen Astra-Konzerns, der mit "Astra 1E" zur Internationalen Funkausstellung 1995 in Berlin auf Sendung gehen will - mit 18 Transpondern zu je 36 Mbit/s, die, jeder fuer sich, die Uebertragung von 150 Radioprogrammen ermoeglichen. Schon Mitte des Jahres will man mit ersten Pilotprojekten in Bayern, Baden-Wuerttemberg und Berlin-Brandenburg starten; und erneut trifft man hier auf zwei alte Bekannte: Die Bayerische Staatsregierung und die Deutsche Telekom AG. Die Mannen um Edmund Stoiber haben als "stille Gesellschafter" gut 27 Millionen Mark in das Projekt investiert, und das Bonner Ex-Postunternehmen will in der zusammen mit Radio NRW, Radio Hamburg und Antenne Bayern gegruendeten Deutschen Datenrundfunk Studien- und Entwicklungsgesellschaft mbH programmbegleitende Dienste im DAB entwickeln.

Ohne Zweifel koennte man nun noch um einiges tiefer in die Materie des digitalen Rundfunks eindringen und etwa der Frage nachgehen, warum dieser (unter anderem) ein fuer so viele interessanter (Nischen-)Markt zu sein scheint. Irgendwann waere man dann wohl wieder bei den Endgeraeten, von denen man im Moment nur eines weiss: Sie sind zu teuer (siehe Lexikothek). Aber genau dies fuehrt uns zurueck zu unserem eigentlichen Thema, zu den Auswirkungen der digitalen Revolution in der Medienwelt und damit zu den lukrativen Zukunftsmaerkten, die da auf uns zukommen oder auch nicht.

Bleiben wir also noch einen Moment bei den Endgeraeten: Der Preis fuer die vielzitierte Set-top-Box muss, soll sie je auf Akzeptanz bei den Kunden stossen, unter tausend Mark liegen, meint etwa Premiere-Geschaeftsfuehrer Bernd Kundrun - ein Mann, dem wohl kaum der Ruf vorauseilt, nichts mit interaktivem Pay-TV am Hut zu haben. Der Pay-TV-Sender, hinter dem

(wer sonst?) Bertelsmann und Leo Kirch stehen, wird allem Anschein nach in Deutschland seinen Weg zunaechst alleine in Richtung Zukunftsfernsehen gehen - mit einer eigenen "Set-top-Box-Kreation" und ohne allzu grosse Illusionen, wie Kundrun auf besagter ComMunic-Veranstaltung kundtat.

Waehrend fuer die vorwiegend auf die PC-Klientel abzielenden Online- Dienste und damit Services wie E-Mail-Kommunikation, Direkt- Marketing-Datenbanken oder die elektronische Zeitung schon die Zukunft begonnen hat, glaubt man an die Realitaet von Abrufdiensten wie Video on demand fruehestens im Jahr 2005.

Sport und Spielfilme sind die absolute Pflicht

Bis dahin heisst es jedoch, so Kundrun, investieren und nochmal investieren. Mehr als drei Milliarden Mark schlagen allein in internen Premiere-Kalkulationen zu Buche, eine Summe, die der Muenchner Pay-TV-Kanal in zehn Jahren bei dann (selbst) geschaetzten 3,8 Millionen Abonnenten mit Ach und Krach einspielen wuerde. Und um diese Anzahl von Menschen (mit einem Budget fuer interaktive Fernsehdienste von maximal 100 Mark monatlich) ueberhaupt vor die Glotze zu bringen, benoetigt man attraktive Inhalte. "Sport und Spielfilme sind Pflicht, der Rest, etwa Kinder- und Seniorenkanaele, sind die Kuer", gibt Kundrun den Oeffentlich- Rechtlichen ARD und ZDF als eine Art Seitenhieb mit auf den Weg.

Aeusserungen wie diese sind dann zwangslaeufig wieder Wasser auf die Muehlen derjenigen, die durch die Berieselung mit Hunderten mehr oder weniger erfolgreichen Spartenkanaelen der Gesellschaft einen Baerendienst erwiesen sehen - frei nach dem Motto, das Fernsehen "ist die Sklavenkette, an der die moderne Menschheit haengt", wie der Nestor der deutschen Philosophie, Hans-Georg Gadamer, juengst in der Wochenzeitung "Die Woche" kundtat. Oder man nehme den SPD- Medienexperten Peter Glotz, der sich schon vor laengerem in diesem Zusammenhang eingehend mit der kuenftigen Kommunikation der Werktaetigen auseinandergesetzt hat und davon ausgeht, dass die Chance, am Arbeitsplatz die ersten zwanzig Minuten ueber gemeinsame Fernseherlebnisse zu sprechen, rapide abnehmen duerfte.

Und natuerlich darf hier Hans Hege, Direktor der Landesmedienanstalt Berlin-Brandenburg und vergangene Woche ueberraschend von seinem Amt als Vorsitzender der bundesweiten Direktorenkonferenz zurueckgetreten, nicht fehlen, dem es nicht so sehr um Inhalte, dafuer aber um so mehr um Konzentration und damit Macht im Fernsehmarkt geht. Fuer ihn war und ist ein Premiere- Alleingang in Sachen Set-top-Box mit den Content-Providern Bertelsmann und Kirch im Hintergrund eine "unheilige Allianz". Dumm ist dabei nur, dass Hege bei seinem Kampf gegen das drohende deutsche Pay-TV-Kartell bisher von seinen Kollegen weitgehend im Regen stehengelassen wurde. "Die Landesmedienanstalten sind in ihren Ueberlegungen noch gar nicht bis zum interaktiven Fernsehen vorgestossen", hoerte sich dies dann vor wenigen Wochen in Muenchen an.

Es waere ja in Deutschland nicht das erste Mal, dass technische Moeglichkeiten einen Markt und dieser wiederum Strukturen nach sich zoegen, auf die die zustaendigen Ordnungspolitiker erst mit der Nase gestossen werden muessen. Aber noch weiss niemand, ob und wann wir alle digital kommunizieren, arbeiten, lesen und vor allem fernsehen werden. Auch der im Axel-Springer-Vorstand fuer elektronische Medien zustaendige Manfred Niewiarra nicht, der im uebrigen wenig davon haelt, konkrete Aussagen zu Zukunftsszenarien zu machen. Ein gnaediger Tod rette, so Niewiarra, "solche Propheten in der Regel davor, den Nichteintritt ihrer Voraussagen hinnehmen oder kommentieren zu muessen". Und wenn alles doch so eintrifft? Dann haben Premiere & Co. zumindest einen weiteren todsicheren Abonnenten. Frank Mueller-Roemer macht jedenfalls aus seinem Herzen keine Moedergrube: Bei Video on demand wuerde er "einiges an Geld liegenlassen".