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12.12.1997 - 

Die Zukunft der Rechenzentren/Das RZ ist tot, es lebe das Rechenzentrum

Die Dinosaurier proben ein Comeback

12.12.1997

Die Advance Bank vertraut beim Aufbau ihrer Geschäfte einem Rechenzentrum in Schweinfurt, das früher einem Kugellagerfabrikanten gehörte. Die kleine, von der Dresdner Bank adoptierte Tochter der Vereinsbank wollte bei der Gründung keinen eigenen Großrechner installieren, zumal ihre Zukunft in den Sternen stand. So entschieden die Manager, die "Buchungsschiene" außer Haus zu fahren. Ihre Wahl fiel auf die IBB. Diese Betriebsgesellschaft ist aus der früheren DV-Abteilung und dem Rechenzentrum der FAG Kugelfischer hervorgegangen. An der IBB beteiligt ist die IBM-Tochter IBM Global Services als Unternehmensführer zu knapp 75 Prozent und FAG Kugelfischer zu 25 Prozent.

Die Firma Textar, ein europäischer Bremsbelaghersteller, übertrug Siemens die gesamte Datenverarbeitung. Der Betrieb der BS2000-Rechner am Unternehmenssitz in Leverkusen wurde aufgegeben. Die DV läuft jetzt in Fürth in einem Rechenzentrum, das die 1995 gegründete Siemens-Tochter fürs Outsourcing-Geschäft, die Siemens Business Services (SBS), unterhält. Textar wollte sich auf das Kerngeschäft konzentrieren und die Kosten für den Betrieb und die Infrastruktur eines eigenen Rechenzentrums reduzieren. Die Datenverarbeitung im Rechenzentrum von Siemens versprach eine günstige verbrauchsabhängige Abrechnung der Kosten.

Banco Ambrosiano Veneto, eine Bankengruppe mit 650 Niederlassungen in der italienischen Region Venetien, will sich ebenfalls nicht mehr mit einer eigenen Datenverarbeitung herumschlagen. Sie übergab daher 1997 die beiden DV-Unternehmen Centrale Supporti Operativi in Vicenza und Itaservice in Assago bei Mailand im Rahmen eines Outsourcing-Vertrags an die Daimler-Benz-Dienstleistungstochter Debis. Die Banco Ambrosiano erwartet, daß sie in den nächsten zehn Jahren durch das Geschäft mit der Debis 350 Millionen Mark einspart. Darüber hinaus versprechen sich die italienischen Banker, daß ihnen das Unternehmen die fortschrittlichste Technik immer sofort serviert.

Outsourcing belebt das Geschäft der Rechenzentren von Großunternehmen. Die Dienstleistungstöchter der Konzerne IBM, Siemens und Daimler-Benz betreiben die Rechenzentren der Muttergesellschaften und verschaffen ihnen neben konzerneigenen zusätzlich externe Kunden.

Beispiel Siemens: Die verbliebenen drei Rechenzentren in Deutschland setzen 37 Großrechnersysteme und über 200 High-end-Systeme im Unix-Bereich ein. Alle drei Rechenzentren arbeiten heute nicht nur für Siemens, sondern auch für externe Kunden. Zum Einsatz kommt immer das Rechenzentrum, das den Anforderungen der Kunden technisch und geografisch am nächsten kommt. Das externe Geschäft mit Kunden aus der Industrie, der öffentlichen Verwaltung sowie aus der Energieversorgung wächst, Wirtschaftszahlen will die SBS nicht veröffentlichen. Ulrich Peitsch, kaufmännischer Leiter der Rechenzentren bei SBS, betont, daß die Rechenzentren mit rund 1200 Mitarbeitern seit der Gründung von SBS im Jahr 1995 ein "ausgeglichenes Ergebnis" erwirtschaftet haben.

Der Grund, aus dem die Kunden auf das Outsourcing setzen, liegt nach Darstellung von Peitsch nicht nur in der Absicht, Kosten einzusparen. Eine entscheidende Rolle spielt auch die Schwierigkeit, im eigenen Haus das Know-how für die kontinuierliche Erneuerung der DV-Systeme aufzubauen. Wer sein Rechenzentrum auslagert, so Peitsch, möchte auch Migrationsprojekte schnell und kostengünstig realisieren. Die Firmen wollten sich von der Aufgabe entlasten, neue Technologien zu implementieren. Sie suchten die Zusammenarbeit mit einem "seriösen Partner", der langfristige Verträge einhalten kann.

Die IBM Global Services und die Debis bieten ihren Kunden nicht nur die alten konzerneigenen Rechenzentren, sondern auch neue Betriebsgesellschaften als Dienstleister an. Sie haben in spektakulären Outsourcing-Verträgen die gesamte DV-Infrastruktur anderer Unternehmen und öffentlicher Träger - inklusive Rechenzentrum - übernommen, meist mit Beschäftigungsgarantien für die alten Mitarbeiter. Das Kalkül der Unternehmen: mit der Übernahme der Datenverarbeitung einen großen Kunden sowie Branchenkompetenz gewinnen und dann DV-Dienstleistungen an viele andere Firmen und öffentliche Verwaltungen verkaufen.

IBM unterhält in Deutschland nach Angaben des Geschäftsführers Willi Berchtold noch 18 Rechenzentren mit einer Kapazität von 14000 MIPS und 51000 Gigabyte. Doch während das Outsourcing-Geschäft von Big Blue boomt, geht der Anteil der Rechenzentren am Geschäft kontinuierlich zurück. Gerald Münzl von IBM Global Services in Eningen bei Stuttgart schätzt, daß der reine Rechenzentrumsbetrieb bei den Dienstleistungen als "größter Umsatzträger mit abnehmender Tendenz" nur noch knapp mehr als 50 Prozent des Geschäftsvolumens ausmacht. Stark im Kommen sieht Münzl im Vergleich zum Rechenzentrumsbetrieb die Anwendungsentwicklung sowie die Betreuung von Client-Server-Strukturen.

Noch stärker ist der Anteil des Rechenzentrums am Umsatz bei der Datenverarbeitungsgesellschaft Oberhausen (DVO) zurückgegangen. Die DVO ist aus der DV-Infrastruktur der deutschen Babcock hervorgegangen und erwirtschaftete 1996 einen Umsatz von rund 93 Millionen Mark. IBM Global Services hält knapp 75 Prozent, Babcock die restlichen Anteile. Jürgen Schröder, Leiter der DVO, schätzt, daß der Anteil des Rechenzentrums am Umsatz der DVO von 1995 bis 1997 von etwa 60 auf rund 40 Prozent zurückgegangen ist. Schröder führt diese Entwicklung darauf zurück, daß viele Anwendungen nicht mehr auf einem Großrechner gefahren werden. Als Beispiel nennt der DVO-Leiter den Umstieg von SAP R/2 auf SAP R/3, den viele Firmen gerade vollziehen. In wachsendem Maße gefragt sind nach Darstellung von Schröder jedoch Dienstleistungen, die den Aktivitäten eines Rechenzentrums ähneln. Auch beim Betrieb von PC-Netzen oder beim Management von R/3-Servern gehe es beispielsweise um die Datensicherheit und Backup-Möglichkeiten sowie um die Transparenz für die Kunden, so Schröder.

Daß auch eine marode DV-Struktur nach der Übernahme durch einen Elektronikkonzern gut funktionieren kann, zeigt das Beispiel der IBB in Schweinfurt. FAG Kugelfischer hatte ein wahres Sammelsurium an Hard- und Software im Einsatz. So übernahm IBM 1993 die DV-Infrastruktur der FAG Kugelfischer mit vielfältigen Projektbaustellen. Inzwischen hat die IBB für FAG 34 Großprojekte durchgezogen, die mit einer Ausnahme alle im Zeit- und Kostenrahmen blieben. Darüber hinaus hat sich der frühere FAG-Informatikbereich in ein modernes Dienstleistungsunternehmen verwandelt. Zu ihren 50 Kunden zählt die IBB neben der Advance Bank den Anlagenbauer Lurgi und den Kaffeeröster Tchibo.

Wie gut klappt die Verwaltung der juristischen Bestände einer Bank in einem Rechenzentrum, das auch heute noch Daten rund um das Kugellager verwaltet? Ludwig Fensterer, bei der Advance Bank für Online-Dienste und Multimedia zuständig, erklärt, die Zusammenarbeit mit der IBB in Schweinfurt sei "relativ gut". Es gebe nur "kleinere Problemchen". Auch mit der Verfügbarkeit des Host ist die Advance Bank zufrieden. Und wenn der Großrechner einmal nicht verfügbar ist, was selten vorkommt, bricht das Bankgeschäft noch nicht zusammen. Die Bank kann offline mit den eigenen Servern weiterarbeiten, die dem Großrechner in Schweinfurt vorgeschaltet sind. Fensterer glaubt nicht, daß die Zusammenarbeit mit der IBB nach dem Verkauf der Advance Bank an die Dresdner Bank aufgegeben wird. Nach Umfragen von IBM sind die Kunden mit den Outsourcing-Leistungen des Konzerns in der Regel "sehr zufrieden", berichtet Gerald Münzl. Allerdings äußerten Kunden schon mal den Wunsch: "Ihr müßt uns strategisch stärker voranbringen."

Die Rechenzentren der Universitäten und Fachhochschulen spielen als Dienstleister außerhalb des wissenschaftlichen Betriebs keine Rolle mehr. In der Vergangenheit war das anders. So hat das Leibnitz-Rechenzentrum in München kleinere Ingenieurbüros, die im Dunstkreis der Universitäten von ehemaligen Studenten gegründet wurden, gegen Entgelt rechnen lassen. Seit Programme für Konstruktion und Entwicklung auf Workstations oder PCs laufen, sind die angehenden Ingenieure jedoch nicht mehr an Rechenzentren interessiert. Umgekehrt fehlt den Hochschulrechenzentren die Bereitschaft, als Gewerbebetriebe Einnahmen zu erzielen. Was den Finanzministern durchaus ins marktwirtschaftliche Konzept passen würde, brächte die Einrichtungen in haushalts- und steuerrechtliche Schwierigkeiten. Sie rechnen nach wie vor am liebsten mit öffentlichen Zuwendungen.

Einen Markt per RZ kaufen

Je stärker die Leistungsfähigkeit von Personalcomputern, Workstations und Rechnernetzen steigt, desto weniger gefragt ist die pure Rechnerleistung vom Großcomputer. Viele Rechenzentren sind längst dieser Entwicklung zum Opfer gefallen.

Ganz ohne die Leistung von Großrechnern kommen viele Firmen jedoch nicht aus. Wenn der Betrieb eines eigenen Rechenzentrums überflüssig geworden ist, rentiert es sich, die benötigte Rechenleistung aushäusig erbringen zu lassen. Auch Dienstleistungen, die für Rechenzentren typisch sind, haben Konjunktur: System-Management, Datenschutz und die Sicherung der Daten.

Rechnet sich vor diesem Hintergrund die Übernahme überal- terter und maroder Rechenzentren im Rahmen des DV-Outsourcing? Die Debis und IBM Global Services scheuen vor solchen Übernahmen nicht zurück und verpflichten sich sogar, die alten Mitarbeiter weiterzubeschäftigen. Die spektakulären Aktionen lohnen sich nur, wenn es gelingt, auf diesem Wege neue Märkte aufzurollen.

In auffälligem Gegensatz zu den Konkurrenten kauft Siemens Business Services keine Rechenzentren. Die drei eigenen Rechenzentren reichen aus, um viele Kunden zu bedienen. Nur um einen großen Kunden zu gewinnen und die Branchenkompetenz zu erweitern, kauft das Dienstleistungsunternehmen des deutschen Elektronikkonzerns doch nicht ein Rechenzentrum, das es nicht benötigt.

Angeklickt

Was den klassischen Rechenzentren an intern wichtigen Funktionen durch Fachabteilungen abspenstig gemacht wurde, ersetzen sie heute teilweise wieder durch Dienstleistungen für externe Auftraggeber. So beleben beispielsweise die Rechenzentren von Großunternehmen ihr Geschäft ganz erheblich, indem sie Outsourcing-Aufträge annehmen. Hervorgetreten sind hier insbesondere IBM, Siemens und Daimler-Benz.

*Johannes Kelch ist freier Journalist in München.