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Kaum Überlebenschancen für Hersteller aus der Ex-DDR

Die DV-Szene in Ostdeutschland vor und nach der Wende

25.01.1991

Als sich im November 1989 die Mauer öffnete und damit das Ende der Nachkriegszeit eingeläutet wurde, sprach noch niemand von den Problemen, die die DDR-Industrie zu bewältigen haben wurde. Wie es heute aussieht, werden in den neuen Bundesländern nur die wenigsten Betriebe den Anpassungsprozeß an die Marktwirtschaft schadlos überstehen. Das gilt besonders für die DV-Produzenten in der DDR. Ihre einzige Chance zu überleben liegt in der Kooperation mit westdeutschen oder anderen westlichen Unternehmen, denn ihre eigenen Produkte sind veraltet und nicht mehr absetzbar. Viele Direktoren hatten das schon relativ früh erkannt und sich in die Obhut von Partnern begeben, von deren Finanzkraft, strategischen Planungen und Erfolg sie heute total abhängig sind.

Der Zustand der DV-Branche in der ehemaligen DDR ist genauso desolat wie der in den anderen Industriezweigen. Trotz milliardenschwerer Förderung durch das Honecker-Regime zählen die Produkte der einschlägigen Kombinate zu den rückständigsten, gemessen am "State-of-the-art" amerikanischer Informationstechnologie. Die Gründe dafür liegen sowohl im sozialistischen Wirtschaftssystem selbst und in der Embargo-Politik des Westens als auch in der Arbeit der auf "Nachentwicklung" getrimmten Forschungs- und Entwicklungsstäbe der DDR-Produzenten.

Als die Anwender in Ostdeutschland nach der Wende zwischen verschiedenen Produkten auswählen konnten, kaufte kaum noch jemand die veraltete, im eigenen Land hergestellte Technik. Deshalb gibt es heute praktisch keine eigenständige DV-Szene mehr in der DDR. Das Kombinat Robotron ist aufgelöst, die Betriebe und andere Kombinate kooperieren entweder mit westlichen Firmen oder sind bereits in der Bedeutungslosigkeit versunken.

"Spätestens seit der Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion im Juli 1990 präsentierte sich die bis dahin noch überschaubare EDV-Branche insbesondere infolge von Kombinats- und Betriebsentflechtungen als ein Angebotsmarkt mit einer breiten Palette von Einzelfirmen." Zu diesem Urteil kommt Klaus Krakat, Autor einer Studie der Berliner Forschungsstelle für Gesamtdeutsche Wirtschaftliche und Soziale Fragen mit dem Titel "Schlußbilanz der elektronischen Datenverarbeitung in der früheren DDR".

Heribert Stiegler, Vertriebsdirektor der Digital Equipment GmbH in Berlin, erwartet "drüben" folgenden Prozeß: "Die Entwicklung der IS-Systeme in Westdeutschland innerhalb der letzten 20 Jahre wird von Ostdeutschland zeitlich komprimiert in zwei bis drei Jahre nachvollzogen."

Zum Jahreswechsel 1989/90 präsentierte sich die DDR-DV-Landschaft jedoch noch monolithisch. Das Dresdener VEB-Kombinat Robotron war nach wie vor für die Versorgung der DDR mit Hard- und zum großen Teil auch mit Software verantwortlich. So stammten Ende 1989 rund 85 Prozent aller in der DDR eingesetzten Rechner aus dem "Arbeiter und Bauernstaat" selbst, davon wiederum hatte Robotron 80 Prozent hergestellt. Die aus der "Schlußbilanz" entnommene Zahl kommentiert Krakat: "Ernstzunehmende Konkurrenten gab es für Robotron nicht, dazu war das Produktionsvolumen der beiden anderen Rechnerhersteller, der Berliner Kombinate Automatisierungsanlagenbau (16-Bit-Rechner ICA 700) und Elektro-Apparate-Werke (16-Bit-Computer P 8000/P 8000 compact), zu gering. Darüber hinaus genossen sie lange Zeit nicht die für Robotron typische umfangreiche staatliche Unterstützung."

Diese marktbeherrschende Stellung des Kombinats ist ebenfalls einer der Gründe für

den Rückstand der früheren DDR-Computerindustrie.

Nicht ganz so ausgeprägt, aber dennoch äußerst wirksam war die Dominanz des Wokurka-Imperiums im Softwarebereich. Der Berliner Forschungsstelle zufolge bediente Robotron 30 Prozent des DDR-Softwaremarktes (System- und systemnahe Software), gefolgt vom Berliner Kombinat Datenverarbeitung, das für Wirtschafts- und Planungssoftware zuständig war. Der Sektor des wissenschaftlichen Gerätebaus wurde vom Kombinat Carl Zeiss Jena mit weicher Ware versorgt. Außerdem produzierten beispielsweise folgende Kombinate Software: "Mikroelektronik", Erfurt, "Umformtechnik Herbert Warnke", Erfurt, die Werkzeugkombinate "Fritz Heckert", Karl-Marx-Stadt und "7. Oktober", Berlin.

Stasi half beim Hard- und Softwaretransfer

Für alle DV-Bereiche in der damaligen DDR war jedoch das "Nachempfinden" westlicher Hard- und Software wichtigste Handlungsdevise. Das begann mit Mikroprozessoren, ging über ganze Rechnerarchitekturen bis hin zur System- und Anwendungssoftware. Als Beispiele für geklonte Betriebssysteme können das zum westlichen MS-DOS kompatible 16-Bit-"Disc Control Program" (DCP), betrachtet werden, ferner SVP 1800, ein multifunktionales Betriebssystem für 32-Bit-Superminis, das dem DEC-Betriebssystem VMS nachempfunden wurde. Auf der Anwendungsseite sind "Procad" (ursprünglich "Medusa", Prime) und "Redabas", eine Datenbank, die Ashton-Tates "Dbase" zum Verwechseln ähnlich sieht, zu nennen.

Zudem ist die Berliner Forschungsstelle sicher, daß der berüchtigte Stasi (Ministerium für Staatssicherheit) beim illegalen Hard- und Softwaretransfer in die DDR geholfen hat. "Gefragt waren insbesondere auch Softwareerzeugnisse der Firmen IBM, Digital Equipment oder Hewlett-Packard', erklärt Krakat in seiner Analyse. Die nahezu völlige Übereinstimmung zwischen der Software für ESER-EDVA (Einheitliches System der Elektronischen Rechentechnik der RGW-Länder) und den IBM-Systemen 360/370 war, so Krakat, keineswegs zufällig, sondern gewollt.

574 Mainframes brachten weniger als 240 MIPS

Die bis Ende 1989 zur Verfügung stehende Rechenleistung der etwa 574 installierten Mainframes in der DDR erreichte der IDC-Studie "DV-Märkte Osteuropa" zufolge insgesamt gerade 236 MIPS (Million Instructions per second). Bedenkt man, daß zwei IBM-Rechner vom Typ 3090-600/J mit jeweils 120 MIPS bereits eine höhere Rechenleistung aufweisen, wird das bescheidene Ausmaß der im Osten Deutschlands eingesetzten DV-Power deutlich. Neben den Universalrechnern waren noch rund 100 000 PCs und Bürocomputer sowie 2054 Minis im Einsatz, die aber weitgehend auf 8- beziehungsweise 16-Bit-Technik basierten.

Allerdings weist der Autor der Untersuchung auch auf die Lücken in der Statistik hin, die zum Teil von der früheren staatlichen Zentralverwaltung für Statistik (SZS) geführt wurde.

Wegen der zu geringen Produktionskapazität des Hauptversorgers Robotron beziehungsweise auch aufgrund seiner Lieferverpflichtungen gegenüber anderen RGW-Ländern herrschte im ganzen Land ein eklatanter Mangel an Hardware. Die meisten Rechner fanden sich in VEBs und Kombinaten, die entweder im Maschinenbau oder auf dem Gebiet der Elektrotechnik/Elektronik tätig waren. Doch auch diese Betriebe, berichtet Krakat, mußten ihren DV-Bedarf langfristig planen. "Mit diesem Verfahren wurde der individuelle Rechnerbedarf mit den staatlich gesetzten Prioritäten in Übereinstimmung gebracht. Daher konnte nicht jeder Betrieb, der einen Rechnerbedarf angemeldet hatte, auch mit einer Zuteilung rechnen." Lediglich VEBs aus "strukturbestimmenden Industriezweigen", die außerdem noch besondere Aufgaben in bestimmten Programmen (Mikroelektronik-Programm der SED) erfüllten, hätten über Rechnermangel nicht zu klagen gehabt.

Trotz dieses Mangels und der Tatsache, daß nur wenige westliche Firmen (besonders auch aus der alten Bundesrepublik) bereit waren, Hard- und Software gegen Ostmark zu liefern, stornierten viele DDR-Betriebe bereits im Frühjahr 1990 ihre Bestellungen bei den volkseigenen Herstellern. Sie waren - heißt es in der Analyse der Berliner Forschungsstelle - nicht mehr bereit, "zu den bislang mehr als überhöhten Preisen technologisch veraltete und zum Teil auch reparaturanfällige Rechner von Robotron zu kaufen". Für Krakat steht deshalb fest, "daß keiner der bis zuletzt im Kombinat Robotron hergestellten Rechner jemals eine Chance haben wird, weiterhin zur Deckung des Eigenbedarfs produziert zu werden".

Das Kombinat Automatisierungsanlagenbau stellte die Produktion ihres ICA-7000 bereits im Frühjahr 1990 ein und die Elektro-Apparate-Werke kündigten etwa zur gleichen Zeit das Ende der Unix-Reihe P 8000/P 8000 compact an.

Leipziger Messe: Robotron optimistisch

Nur Robotron war weiter von der eigenen Zukunft überzeugt. Zur Leipziger Frühjahrsmesse 1990 gab sich Kombinatsdirektor Friedrich Wokurka noch zuversichtlich, seinen riesigen Apparat mit etwa 68 000 Beschäftigten erhalten zu können. Seinen Optimismus bezog er zum einen aus den vielen Kooperationsangeboten westlicher Unternehmen, zum anderen aus der Tatsache, daß man mit den anderen RGW-Staaten langfristige Lieferverträge abgeschlossen hatte, die es zu erfüllen galt.

Wokurka verfolgte damals noch den Plan, Robotron in eine Aktiengesellschaft umzuwandeln, die den künftig als GmbHs firmierenden Volkseigenen Betrieben (VEB) des Kombinats als Holding übergeordnet sein sollte. Dabei war vorgesehen, daß die VEBs als eigenständige kosten- und profitverantwortliche Gesellschaften fungieren. Die Holding sollte dagegen als übergeordnetes Steuerungsinstrument die eingeschlagene Umwandlungsstrategie überwachen, eventuelle Kooperationsvereinbarungen der GmbHs prüfen und ihnen gegebenenfalls zustimmen. Darüber hinaus war vorgesehen, bestimmte nicht mehr konkurrenzfähige Produkte auslaufen zu lassen und für den Know-how-Transfer und den Erhalt von Marktanteilen mit westlichen Unternehmen zu kooperieren.

Dabei herrschte kein Mangel an potentiellen Partnern. IBM, Siemens, Unisys und Philips um nur die größten zu nennen - versuchten erfolgreich, sich zu beteiligen. Das schien ihnen der einfachste Weg, aus der existierenden Infrastruktur, der vorhandenen Vertriebsmannschaft (die über hervorragende Kenntnis der osteuropäischen Märkte verfügt) oder einfach aus dem vorhandenen theoretischen Know-how Kapital zu schlagen.

IBM rollt den Markt generalstabsmäßig auf

Doch schon nach der am 1. Juli wirksam gewordenen Währungsunion stellte sich die Situation schlagartig anders dar: Eine Vielzahl von Kooperationen, Gemeinschaftsunternehmen und Niederlassungen westlicher Firmen war hinzugekommen. Robotron hatte sich zu dieser Zeit bereits in 27 zum Teil miteinander konkurrierende Einzelbetriebe auseinanderdividiert. Wokurka war zurückgetreten - heute arbeitet er als Geschäftsführer der DDR-Niederlassung der Stuttgarter Häussler-Gruppe, die Büroausstattungen und EDV-Systeme anbietet. Das Robotron-Imperium mit ehemals 21 Kombinatsbetrieben war zerschlagen.

Generalstabsmäßig aufgerollt hat den Markt in den fünf Bundesländern zum Beispiel die IBM, welche durch die Kompatibilität der ESER-Rechner mit den blauen 360/370-Architekturen ein sehr gutes Entree hatte und hat. Bereits die Volkskammerwahl am 18. März 1990 wurde werbewirksam genutzt. So erhielt das SZS einen 4381-IBM-Mainframe, und in 15 Wahlbezirken wurden Midrange-Computer vom Typ AS/400 für die Ergebnisermittlung installiert. Noch im gleichen Monat erfolgte eine Vereinbarung der IBM Deutschland mit 13 Rechenzentren des Kombinats Datenverarbeitung und deren Weiterbildungsakademie. Laut IBM betraf das Abkommen die Zusammenarbeit bei "Aus- und Weiterbildung, der Softwareentwicklung, dem Vertrieb von ausgewählten IBM-Produkten (9370, PS/2, AS/400) sowie Wartung und Beratung in der DDR".

In den nächsten Monaten schlossen sich das erste IBM-Hochschulforum in Ostberlin an, die Berufung von Hans Olaf Henkel in den Beraterkreis von Lothar de Maiziere, sein Amtsantritt im Verwaltungsrat der Ostberliner Treuhand und die Gründung einer 100prozentigen Tochtergesellschaft, der IBM Deutschland System und Service Ost GmbH mit Sitz in Dresden. Der neue Ableger wurde für den Vertrieb und Beratung in den neuen Bundesländern verantwortlich gemacht. Nach Aussage der deutschen Mutter richtete man diese Dependance nicht zuletzt ein, um den potentiellen DDR-Kunden günstigere Konditionen einräumen zu können.

Westliche Firmen drangen mit Macht in den Markt

Im August begannen die Stuttgarter 18 DDR-Universitäten mit PCs zu Ausbildungszwecken auszustatten. Bereits im September weihten sie die erste von acht Niederlassungen der Ost GmbH in Dresden ein. Im Oktober gründete IBM schließlich ein Joint-venture mit Robotron Ascota, die Softwarelösungen entwickeln und Serviceleistungen anbieten soll.

Weniger öffentlichkeitswirksam, wenn auch nicht weniger effektiv, bereitete Siemens den DDR-Markt für sich auf Bereits zur CeBIT '90 ließ Robotron verlauten, daß man über ein gemeinsames Unternehmen mit der Walldorfer Softwareschmiede SAP und dem damals noch existierenden Siemens-Geschäftsbereich DI nachdenke. Dieses Joint-venture kam unter dem Namen SRS, Software- und Systemhaus Dresden, zustande. Dabei halten SAP und Siemens (ging dann an SNI über) jeweils 45 Prozent des Stammkapitals in Höhe von sechs Millionen Mark. Die restlichen zehn Prozent befinden sich im Besitz der Robotron Projekt Dresden GmbH. Das Unternehmen soll sich in erster Linie auf die Entwicklung von Anwendungssoftware, Beratung und Consulting konzentrieren.

Außerdem vereinbarte man mit der aus Robotron hervorgegangenen Computer Elektronik Dresden GmbH (CED) Rahmenverträge über die Lizenzfertigung von Siemens-Rechnern. Dort sollen in Zukunft MS-DOS-Maschinen, Sinix- und BS2000-Rechner produziert werden. Bereits im Oktober 1990 wurde mit der Hochrüstung von Rückläufern der Zentraleinheiten 7560/BS2000 begonnen.

Hewlett-Packard ging jedoch ebenso wie Digital Equipment einen anderen Weg. HP gründete zusammen mit dem Softwarehaus Debis das Systemhaus für Informationsverarbeitung GmbH (SFI), an dem HP zu einem und die Daimler-Benz-Tochter zu dreiviertel beteiligt ist. Das mit einem Stammkapital in Höhe von einer Million ausgestattete Unternehmen soll DDR-Kunden mit Komplettlösungen versorgen. Die 180 Mitarbeiter kamen zum Großteil aus dem Leitzentrum für Anwendungsforschung (LFA), das innerhalb des Kombinats Datenverarbeitung für Softwareentwicklung und -vertrieb zuständig war.

Digital zog das DDR-Geschäft genauso auf wie in der alten Bundesrepublik. Es fand lediglich eine andere Aufteilung der Vertriebsgebiete statt. So firmiert die bislang zur Region Hamburg gehörende Geschäftsstelle West-Berlin seit Oktober 1990 als eigene Region, weil von dort aus das Gebiet der ehemaligen DDR versorgt wird. Außerdem richtete man ein Büro in Dresden ein, das seine Arbeit bereits aufgenommen hat.

Andere DV-Hersteller, Softwarehäuser, Distributoren und sogar Händler versuchten ebenfalls auf verschiedenste Art und Weise, in den fünf neuen Bundesländern Fuß zu fassen. Auch sie gingen Kooperationen mit ehemaligen Robotron- oder anderen Volkseigenen Betrieben ein, gründeten Tochterunternehmen und rekrutierten Vertriebs-, Service- sowie Handelspartner. Jedes Unternehmen, egal ob finanziell gesund oder angeschlagen, hoffte, durch den neuen Absatzmarkt Umsatzrekorde aufstellen zu können. Zudem betrachten viele Firmen die Ex-DDR mit ihren engen Handelsbeziehungen zu Osteuropa auch als eine Art Brückenkopf, der ihnen den Zugang zu anderen RGW-Staaten verschaffen soll.

Geschäfte mit RGW-Ländern laufen schleppend

Für die ehemals volkseigenen DV-Hersteller in Ostdeutschland (für andere Industriezweige auch) entstand aber gerade durch diese Ostausrichtung nach der Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion sowie durch die damit absehbare Umstellung des Zahlungsverkehrs auf harte Währung ein großes Problem: Warum sollten ihre Ostpartner schließlich weiterhin veraltete Technologie mit schwer zu bekommenden Devisen bezahlen? Trotz Übergangsregelungen, die günstige Umtauschraten für den als Zahlungsmittel im RGW-Handel üblichen Transferrubel garantieren, läuft das Geschäft mit Osteuropa schleppend.

Die Anwender blieben von den einschneidenden Veränderungen im vergangenen Jahr nicht unberührt. Sie konnten plötzlich zwischen den verschiedenen Angeboten auswählen. DV-Ausstattung war keine Frage der Wartezeit, keine Frage des Geschäftsbereichs mehr, sondern entscheidend wurde die Finanzkraft und die Auswahl der adäquaten Lösung. Und damit hatten sie am Anfang Schwierigkeiten. Beispielsweise saßen einige skrupellosen Händlern auf und kauften PCs, die weder mit Betriebssystem noch Anwendungssoftware ausgeliefert wurden und die - wie sich leider nicht selten herausstellte - gar nicht über genügend Leistung verfügten, um das Problem zu lösen.

Seriöse Firmen steckten zwar im Frühjahr 1990 auch ihre Fühler Richtung DDR aus und unterzeichneten Absichtserklärungen mit potentiellen Partnern, doch nur wenige machten Geschäfte gegen Ost-Mark. Die meisten warteten ab, bis klar wurde, in welchem Verhältnis Ost- gegen D-Mark eingetauscht würden. Diejenigen, die Ost-Mark akzeptierten, legten selbst Umtauschkurse von 1 zu 3 bis 1 zu 5 fest, deponierten die eingenommen Gelder bis zur politischen Entscheidung oder investierten sie über Partner in Ostdeutschland. Außerdem fiel das Gebiet der DDR zu dieser Zeit noch unter das Cocom-Embargo, das erst im Laufe des Sommers weniger streng gehandhabt wurde und mit der deutschen Einheit schließlich ganz aufgehoben wurde.

Obwohl eindeutig großer Bedarf herrscht - was schon an den bisherigen Installationszahlen ablesbar ist - kehrte nach der Währungsunion vorerst Ruhe ein. Potentielle Kunden und westliche Lieferanten verhielten sich erst einmal abwartend. Schließlich waren und sind viele ostdeutsche Unternehmen in ihrer Existenz bedroht, beziehungsweise befinden sich im Besitz der Treuhand, die ihnen ihre Überlebensfähigkeit und damit ihre Bonität erst noch bescheinigen muß. Außerdem werden die vorhandenen Mittel zum Teil auch für andere Dinge, wie Gebäudesanierung, Personal, Maschinenpark oder einfach Material, dringender gebraucht.

Am vordringlichsten benötigen sowohl Betriebe als auch Behörden nach einhelliger Meinung betroffener Berater und Lieferanten ein DV-Equipment, das ihnen hilft, den neuen gesetzlichen Bestimmungen zu entsprechen - wie beispielsweise Software für die Finanz-, Lohn- und Anlagenbuchhaltung.

Klaus Stamer, Vertriebsdirektor Nordost bei der Hewlett-Packard, GmbH und für das DDR-Geschäft verantwortlich, sieht ebenfalls "Finanzsoftware" im Fokus des Bedarfs: "Erst dann kommen beispielsweise Produktionsplanungs- und -steuerungs oder CAD-Systeme auf die Tagesordnung." Laut Stamer stehen auch bei Behörden und öffentlichen Verwaltungen ähnliche Bedürfnisse im Vordergrund: "Während es in der Industrie um das Finanzwesen geht, ist bei Behörden die Automatisierung gewisser Verwaltungsabläufe wichtig. Von unserem Umsatz machen wir zur Zeit zwei Drittel mit Behörden." Trotz der Vorhersage vieler Experten, proprietäre Systeme hätten keine Chance, verkaufen sich laut Stamer solche Lösungen dort nicht schlecht - weil mehr Anwendungen zur Verfügung stünden.

Die Böblinger Minicomputer-Spezialisten teilen den vordringlichen Bedarf in zwei Hauptkategorien ein. Stamer: "Mehrplatz-Computersysteme allgemeiner Art, mit denen sowohl Bürokommunikations-Lösungen als auch solche Dinge wie Kfz-Zulassungs-Systeme realisiert werden können, bilden einen Schwerpunkt. Der andere liegt für uns in der Umwelttechnik."

Der HP-Mann gibt aber zu bedenken, daß eigentlich nur mit solchen ostdeutschen Unternehmen Geld zu verdienen ist, die vermarktungsfähige Produkte herstellen. Die gesündesten Firmen gibt es seiner Meinung nach in der Branche Maschinenbau. In anderen Industriezweigen hingegen könnten die meisten Betriebe nur mit westlicher Hilfe überleben.

Größeres Wachstum als damals im Westen

Seit der Wende geradezu von Anfragen und einer "Sympathiewelle überschwemmt" sieht sich Digital Equipment. Heribert Stiegler führt das auf die bereits vor der Wende bestehende Popularität der PDP-11- und der VAX-Reihe zurück. "Daher kommt es, daß in der ehemaligen DDR eine sogenannte installierte Basis' von 2000 bis 3000 VAX und PDP-11-kompatiblen Computern verfügbar ist", erklärt er und bezieht sich auf die entsprechenden Robotron-Nachbauten und illegal importierten Rechner dieser Familien.

Andererseits konstatiert der DEC-Mann einen "wahren PC-Boom", der leider von weniger seriösen Firmen ausgenutzt worden sei. Außerdem sieht er einen Trend "weg vom Mainframe". Diese Maschinen würden mit "zentralistisch gleichgesetzt" und das sei genau das, "was man nicht mehr will". Anwender würden daher eher Rechner mittlerer Größe und Netzwerke bevorzugen, die sie mit "Demokratie gleichsetzen".

Obwohl Stiegler nach der Währungsunion im Juli bis September letzten Jahres "Investitionsabstinenz" spürte, sieht DEC "nunmehr großen Investitonsvorhaben", und zwar in fast allen Bereichen der Industrie, der Dienstleister und der öffentlichen Hand, entgegen. Besonders aufgefallen ist Stiegler die Kürze der Projektzykluszeiten: "Es hat bei uns durchaus Millionenprojekte gegeben, bei denen die Zeit vom Erstkontakt bis zur Vertragsunterschrift lediglich acht Wochen betragen hat." Er ist mit dem Geschäftsverlauf durchaus zufrieden und geht davon aus, daß der am Anfang des laufenden Geschäftsjahres geplante Jahresumsatz in Höhe von 120 Millionen Mark übertroffen werden kann. Er erwartet auf absehbare Zeit ein Wachstum, "das größer ist als zu den Glanzzeiten der DV in Westdeutschland Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre".

Alfred Wenzel von der SAP AG in Walldorf sieht die Investitionsentscheidungen in den DDR-Betrieben heute noch mit dem "Umstellungsdruck im Finanzwesen und der Personalwirtschaft" konfrontiert. Sie würden aus Mangel an Alternativen getroffen und nicht, um "Wettbewerbsvorteile zu erlangen".

In sieben Jahren westliches Niveau

In Fachabteilungen und in den Unternehmensleitungen sei häufig noch kein hinreichendes Bewußtsein für die Bedeutung der Produktivkraft Information vorhanden. Wenzel: "EDV wird oftmals noch wie vor der Wende als Ende der Vernunft' buchstabiert." Aber auch er beurteilt die Geschäftsaussichten seines Unternehmens als gut. Mit zunehmender Stabilisierung der Wirtschaft im Jahr 1991 werde die Nachfrage mindestens ebenso groß sein wie gegen Ende 1990. Seinen Aussagen zufolge werden zur Zeit etwa 60 SAP-Projekte in den neuen Bundesländern betreut.

Klaus Stamer von Hewlett-Packard sieht nicht nur für sein Unternehmen gute Aussichten, sondern für die DV-Szene in der ehemaligen DDR insgesamt: "Bei den Länderverwaltungen und den Kommunen wird in diesem Jahr ein Investitionsschwerpunkt liegen. Da werden allerdings noch nicht alle voll ausgestattet sein. Ich denke, das dauert noch bis 1992 oder '93 - dann sind die Behörden auf einem ähnlichen Niveau wie die alten Bundesländer. In der Industrie wird das langsamer verlaufen. Dort wird der West-Zustand erst in fünf bis sieben Jahren erreicht sein."

Auch Klaus Krakat stellt die Möglichkeiten über die Schwierigkeiten der Entwicklung: "Die sich nunmehr strukturierende EDV-Industrie in den neuen Bundesländern mit ihrer breit gefächerten Palette von Aktivitäten bildet zweifellos eine gute Basis für eine Fortentwicklung einer gesamtdeutschen Computerindustrie mit der Möglichkeit der Lösung richtungsweisender Aufgaben im europäischen Maßstab und daher einer Chance für den Aufbau einer EDV-technischen Infrastruktur in den Betrieben."