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01.02.1980

Die EDV befürchtet keine Rezession

Georg Gnieser Wirtschaftsjournalist für die "Süddeutsche Zeitung", den "Tagesspiegel" und die "Hannoversche Allgemeine Zeitung"

Die Hersteller von Anlagen und Geräten der elektronischen Datenverarbeitung rechnen im Gegensatz zu anderen Branchen für absehbare Zeit nicht nur mit keiner Rezession, sondern mit einer weiteren Aufwärtsentwicklung. Daran ändern auch nichts die neuerlichen Befürchtungen, Ölpreise und -versorgung könnten - wie in anderen Industriezweigen - negative Folgen haben.

Konkret erwarten die Computerhersteller der westlichen Welt bei mittleren und großen Anlagen auch in den 80er Jahren vorerst eine jährliche Umsatzsteigerung von etwa zehn Prozent; bei den Basis-Informationssystemen dürfte die Zuwachsrate etwa doppelt so hoch ausfallen. Diese optimistische Einschätzung beruht auf der durch Erfahrung gestützten Überzeugung, daß der Bedarf gerade an Großrechnern für Zwecke von Datenbanken und für den schon jetzt zum Teil grenzüberschreitenden Verbund von Rechnernetzen weiter steigt. Neue Anwendungsgebiete erschließen sich ferner im Zusammenhang mit der zunehmenden Integration der rechnergesteuerten Textverarbeitung und vor allem wegen der im allgemeinen erst in den Anfangsstadien befindlichen Zugriffsmöglichkeiten durch Datenstationen am Arbeitsplatz.

Nicht ausgeschöpftes Potential

Dem Umsatz- beziehungsweise Installationswert nach wird diese Ausdehnung der elektronischen Datenverarbeitung in erster Linie von den Banken, Versicherungen und öffentlichen Verwaltungen getragen sein, die seit Beginn des Computerzeitalters Schrittmacherdienste geleistet haben. Der Stückzahl nach weitaus größer schätzen die Hersteller das noch längst nicht ausgeschöpfte Potential zugunsten der Mittel- und Kleinbetriebe ein. Allein in der Bundesrepublik wird der Anteil dieser Betriebe, die sich bereits der kommerziellen und organisatorischen Möglichkeiten der Datenverarbeitung bedienen, erst auf etwa 25 bis 30 Prozent geschätzt. Völlig neue Anwendungsgebiete werden sich gerade diesen Unternehmen durch den Zugriff auf Datenbanken erschließen. Die bisherigen Möglichkeiten, das heißt, in der Sozialversicherung, in der Rechtsprechung und im Bibliothekswesen oder in der Touristik, werden für diese Unternehmensgruppen durch spezifische Informationssysteme erweitert werden.

Diese Entwicklung wird seit Jahren begünstigt durch den fast rasanten technischen Fortschritt der Bauelemente-Industrie, genau gesagt durch die Miniaturisierung bei ständiger Leistungssteigerung. Für die Hardware bedeutet dies auf Jahre hinaus eine Preissenkung um jährlich fünf bis zehn Prozent, wobei die Verbilligung eher zu dem oberen Satz tendiert. Weitere technische Verbesserungen werden sich bei der Datenfernübertragung schon bald durch den Einsatz von Glasfaserkabeln ergeben, die es gestatten, je Sekunde bis zu rund 4000 DIN A4-Seiten abhörsicher zu übermitteln. Daß der Rohstoff Quarz hierfür wie auch für die Synthese von Silizium für die Halbleiterfertigung praktisch unbegrenzt verfügbar ist, begründet von der Materialversorgung her den Optimismus der Branche. Hinzu kommt infolge der buchstäblich immer "kälteren" Arbeitsweise der Bauelemente die Einsparung an Energiekosten: Sie haben sich in den letzten zwei Jahrzehnten auf etwa ein Zwanzigstel ermäßigt bei gleichzeitig fast verhundertfachter Rechnergeschwindigkeit.

Diesen positiven Aspekten steht allerdings ein gewichtiges Handicap gegenüber: Machten noch vor etwa zehn Jahren die Kosten für die Software nur etwa zehn bis 20 Prozent einer Anlage aus, so beträgt ihr Anteil jetzt bereits vielfach 50 Prozent und dürfte in wenigen Jahren etwa 80 Prozent erreichen. Ausgehend von dem Bemühen der Anwender, den steigenden Personalkosten zu begegnen, ist der Bedarf an Betriebssystemen und Anwenderprogrammen sprunghaft gestiegen. Viele Hersteller sprechen bereits von einer "Software-Krise" im Hinblick auf den Mangel an qualifiziertem Personal zur Entwicklung von Programmen. Zwar hat die Industrie die Zahl der Standardprogramme um ein Mehrfaches gesteigert und ist schon dazu übergegangen, Mikroprozessoren für die Programmentwicklung einzusetzen. Sie hat ferner innerhalb der Standardprogramme "Bausteine" geschaffen, die den individuellen Bedürfnissen der Anwender weitgehend entgegenkommen. Aber trotz der Aktivitäten immer neuer Softwarehäuser und weitgehender Durchsichtigkeit des gesamten Marktes von EDV-Programmen besteht hier ein zuweilen schwer zu überbrückender Engpaß an "hochkarätigen" Fachleuten. Er birgt die Gefahr in sich, daß sich auf diesem Spezialgebiet nur ungenügend qualifizierte Geschäftemacher tummeln.

Neue Möglichkeiten für Kreativität

Die von mancher Seite noch immer zu hörende Befürchtung, Computer seien "Jobkiller", ist inzwischen von Fachleuten so gut wie widerlegt. Nicht nur bei den Herstellern sind Tausende von Arbeitsplätzen neu geschaffen worden. Auch bei den Anwendern sind völlig neue Tätigkeiten entstanden. Allerdings hat der gewollte Rationalisierungseffekt ganze Berufsgruppen dezimiert oder aussterben lassen. Aber besonders durch das Vordringen der Textsysteme sind neue Berufe oder höherwertige Aufgaben in traditionellen Berufen entstanden.

Nach den Ergebnissen wissenschaftlicher Studien ist im Bundesgebiet zwar durch das Vordringen rechnergesteuerter Textverarbeitungssysteme rein rechnerisch bis 1985 die Einsparung von etwa 250 000 Arbeitsplätzen abzusehen, obwohl die Zahl der daran Beschäftigten von etwa 26 000 (1978) auf dann 107 000 zunehmen dürfte. Unter der Voraussetzung, daß bis dahin keine schwerwiegenden Konjunktureinbrüche eintreten, rechnen Experten jedoch mit einem weitgehenden Ausgleich infolge des wachsenden Arbeitsvolumens im Büro.

Grauzonen im Datenschutz

Eine wichtige politische Problematik der EDV sehen auch die Hersteller im Datenschutz, wenn auch der "Bull-Bericht" des Bundesbeauftragten für den Datenschutz im allgemeinen zu positiven Ergebnissen gelangt. Die Beseitigung gewisser "Grauzonen" hängt entscheidend davon ab, daß der Datenschutz in eine liberale Gesellschaftsordnung eingegliedert ist. Der bei weitem überwiegende Teil der Daten, die deutsche Unternehmen speichern und für statistische Zwecke weitergeben müssen, ist gesetzlich vorgeschrieben. Andererseits ist zu berücksichtigen, daß die politische Führung dank der ihr zugänglichen Daten, zum Beispiel über Zusammensetzung und Bewegung der Bevölkerung oder über den Energieverbrauch, viele Entwicklungen besser prognostizieren kann. Aufgabe der Parlamentarier ist es, ein Informationsmonopol der Regierung zu verhindern.

Auf dem Gebiet des internationalen Wettbewerbs wünschen nicht nur die deutschen Hersteller eine Reduzierung der monopolartigen Stellung des weltweiten Marktführers IBM durch Ausweitung der Kompatibilität. Die technische Zukunft und die längst über nationale Grenzen hinausreichende Datenübermittlung und -verarbeitung setzt unabdingbar offene Netze für alle Fabrikate voraus. Diese Forderung gilt nur sehr beschränkt für die Computernetze der Ostblockstaaten. Sie sind, abgesehen von Spezialausführungen für militärische Zwecke, technisch den westlichen Produkten noch bei weitem unterlegen. Was geschehen könnte, wenn etwa die Moskauer Führung unkontrollierten Zugang zu Datenbanken der freien Welt hätte, übersteigt bei weitem Orwells Visionen von 1984.