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Verblüffende Ähnlichkeiten zwischen Programmieren und Malen:

Die Ekstase des Programmierers

10.06.1988

Die Vorgänge beim Programmieren und Malen weisen verblüffende Ähnlichkeiten auf, die weit über die äußeren Dinge hinausgehen. Paul Cézannes Rausch: "Eine Art von Trunkenheit, Ekstase läßt mich wie im Nebel taumeln....", könnte, so Hans Grams, durchaus auch ein Programmierer nachempfinden.

Die Umformung von Anwendungskonzepten in operationelle Rechensysteme - die sehr einfachen ausgenommen - ist zu komplex, als daß sie in einem einzelnen Akt durchgeführt werden kann. Zur Unterstützung und Systematisierung dieses Prozesses hat M. M. Lehmann, ehemaliger Professor am Imperial College of Science and Technology und Direktor der Imperial Software Technology Ltd. in London, ein Programmierprozeß-Modell entworfen (1).

Durch Abstraktionen zum Rechensystem

In der Abbildung 1 ist dieser Prozeß skizziert. Das Anwendungskonzept und das operationelle Rechensystem existieren je für sich in der realen Welt. Das Rechensystem wird durch die kreative Tätigkeit des Programmierers durch Abstraktionen des Anwendungskonzeptes und Umsetzung in die Realität gewonnen.

Lehmann stellt diesen Vorgang in Form eines umgedrehten V dar. Des linke Bein repräsentiert den wesentlichen einleitenden Akt, oder eher Prozeß der Abstraktion. Dieser formt das anfängliche, wahrscheinlich vage, sicherlich umrißhafte Anwendungskonzept aus der realen Welt um, in eine eindeutige Darstellung. Sie kann die Basis sein für eine vertragliche Abmachung und für den Realisierungsprozeß mittels formeller Programmiersprachen (rechtes Bein des V).

Dieser Prozeß der Auswahl, Definition, Verallgemeinerung, Beschränkung, Darstellung und Umformung könnte die Analytiker und Planer zu einer vollständigen Spezifizierung führen, um den Startschuß für den formellen Programmierprozeß zu geben. Es ist jedoch eher wahrscheinlich, daß die formelle Darstellung nur stückweise voll definierte Zwischenstadien hervorbringen wird. Diese liefern die Ergebnisse von dem, was bis dahin spezifiziert wurde und was weiterhin noch dem Abstraktionsprozeß unterliegt.

Auch bei der Umsetzung des allgemeinsprachlichen Systems in ein Rechensystem (rechtes Bein), das den strengen formellen Regeln der gewählten Programmiersprache unterworfen ist, findet ein Prozeß der allmählichen Verfeinerung statt. Die Umformung geht nicht ohne die Hürden der Rekursion und des Backtrackings vonstatten.

Da die Anforderungen an das Programmsystem einem dauernden Änderungsdruck unterliegen, muß ein solches Prozeßmodell auch berücksichtigen, daß Anwendungskonzept und Rechensystem nicht statisch sind und auch bei Änderungen ihre logische Konsistenz behalten.

Ähnlichkeit der Utensilien und des Speichermediums

Die Ähnlichkeit zwischen dem Programmierprozeß und dem Malvorgang zeigt sich konkret bei den Utensilien auf alten Holzschnitten. Die mittelalterlichen Maler schildern bei der Darstellung ihres Zunftpatrons als Madonnenmaler ihr eigenes Milieu. Der heilige Kollege sitzt mit Pinsel, Palette und Malstock vor der Staffelei. Hinter ihm reibt der Gehilfe die Farben.

Die Farbe ist dem Code (der zu formende Grundstoff), die Palette dem Bildschirm (Zubereitung kleiner Elemente des Werkes), die Malwerkzeuge dem Editor (Hilfsmittel zur Bearbeitung des Grundstoffs), der Malstock dem Debugger (Hilfe zur sicheren Ausführung des Details) und die Leinwand den magnetischen Speichermedien (dauerhafte Fixierung des Werkes) vergleichbar.

Die Ähnlichkeit zwischen Programmier- und Malprozeß geht jedoch über die äußeren Dinge hinaus. Wie Abbildung 3 zeigt, sind die beiden Prozesse auch im innersten Wesen ähnlich; das gleiche Gerippe der Skizze kann für die Darstellung beider Prozesse verwendet werden.

Auch im Malprozeß wird das real existierende Motiv durch visuelle Wahrnehmung abstrahiert, mit der Imagination (Einbildungskraft) des Künstlers verwandelt und als real existierendes Gemälde - wieder zum Ding geworden wie das Motiv - ins Werk gesetzt. Dies beschreibt auch der Philosoph und Kunsthistoriker Hans Jonas (2):

"Imagination trennt das erinnerte Eidos (Bild) vom Vorkommnis der individuellen Begegnung mit ihm und befreit so seinen Besitz vom Zufall des Raumes und der Zeit. Die so gewonnene Freiheit - den Dingen in der Imagination nachzusinnen - ist eine Freiheit der Distanz und der Herrschaft zugleich."

Ähnliche Gedanken von Cézanne

"Die erinnerte Form kann alsdann von innerer Einbildung übersetzt werden in äußeres Bild, das wiederum Gegenstand der Wahrnehmung ist: einer Wahrnehmung aber nicht des ursprünglichen Gegenstandes, sondern seiner Repräsentation."

"Was dem Fluß der Dinge abgewonnen war, wurde dem Fluß des Ich anvertraut. Wieder nach außen versetzt, verharrt es in sich selbst, in seiner Anwesenheit unabhängig von den Stimmungen und Reizen, welche die Arbeit des Gedächtnisses mitbestimmen."

In den Gesprächen Paul Cézannes mit Joachim Gasquet "Über die Kunst" (3) finden sich ähnliche Gedanken. Cézanne sagt: "Die Landschaft spiegelt sich, vermenschlicht sich, denkt sich in mir. Ich objektiviere sie, übertrage sie, mache sie fest auf meiner Leinwand."

Wie der chemische Prozeß bei der Fotografie

"Meine Leinwand und die Landschaft, beide außerhalb von mir, aber die letztere chaotisch, vergänglich wirr, ohne logisches Dasein, ohne jede Vernunft; die erstere beharrend, dem Gefühl zugänglich, kategorisiert, teilnehmend an der Seinsweise, am Drama der Ideen, an ihrem Wesen."

Cézanne vergleicht den Vorgang der Aufnahme der Wirklichkeit in sich mit dem chemischen Prozeß bei der Fotografie: "Dann wird sich auf seiner lichtempfindlichen Platte die ganze Landschaft abzeichnen. Um sie auf die Leinwand zu bannen, sie aus sich herauszustellen, muß dann das Handwerk einsetzen." "Es ist das Bad des Wissens, wenn ich so sagen darf, in das man seine lichtempfindliche Platte tauchen muß."

"Während der Maler mit Hilfe der Zeichnung und der Farbe seine Empfindungen und seine Wahrnehmungen konkret macht. Wenn sie nicht auf seiner Leinwand sind, wahrnehmbar für das Auge der anderen, so kann alles Gerede um sie ihnen keine greifbare Gegenwart geben."

Auch der wiederholte Anlauf des Programmierprozesses findet sich im Malprozeß wieder. Dazu Cézanne:

"Heute trägt man gleich dick auf, man faßt derb zu wie ein Maurer, und man hält sich für sehr stark - Unsinn. Man hat diese Wissenschaft der Vorbereitungen verloren, diese flüssige Kraft, die aus den Untermalungen kommt. Modellieren, nein, modulieren. Man muß modulieren."

Wesensunterschiede von Programm und Bild

Die Endprodukte der beiden verglichenen Prozesse sind freilich unterschiedlich. Ein Softwaresystem ist ein logischer Organismus, dessen Prozesse, im Gegensatz zum biologischen Organismus, vom Menschen gesteuert werden und dem Wandel unterliegen.

Nach Martin Heidegger (4) ist das, was durch unser eigenes Erzeugen ins Sein gelangt ist, ein "Zeug". Ein Programmsystem ist zum Beispiel ein Zeug. Nach Heidegger besteht das ."Zeugsein des Zeuges" in seiner Dienlichkeit. Wenn es nicht mehr zuverlässig seinen Dienst tut, ist es wertlos. Rechensysteme werden verändert oder gar ersetzt, wenn sie zu komplex werden oder wenn sie außer Schritt geraten mit den wachsenden Anwendungsbedürfnissen und der zur Verfügung stehenden Technologie.

Kunstwerke jedoch haben einen höheren, bleibenden Wert. Nach Heidegger sind sie "ins Werk gesetzte Wahrheit". Es handelt sich nicht um die Wiedergabe des jeweils vorhandenen einzelnen Gegenstandes, wohl dagegen um die Wiedergabe des allgemeinen Wesens der Dinge. So zeichnete schon der vorzeitliche Jäger nicht diesen oder jenen Büffel, sondern den Büffel - jeder mögliche Büffel war darin vorweggenommen, erinnert.

Faszination durch Kreativität im Malen und Programmieren

Vielleicht ist die Ähnlichkeit der Prozesse - die ja beide kreatives Handeln erfordern - auch die Ursache der Faszination, die sowohl den Programmierer als auch den Künstler erfassen, obgleich dessen Werke von anderer Qualität und für eine nichtdynamische Existenz bestimmt sind, die erst mit dem materiellen Verfall des Bildträgers ihr Ende findet.

Äußerungen Cézannes wie "Eine Art Trunkenheit, Ekstase läßt mich wie im Nebel taumeln, wenn ich mich von meiner Leinwand löse" oder "Vor meinen Farbtuben, meine Pinsel in der Hand, bin ich nur noch Maler. Ich schwitze Blut", kann auch ein Programmierer auf sein Schaffen bezogen nachempfinden.

Literaturverzeichnis

1.) M. M. Lehmann, "Program Evolution, Programming Processes, Programming Support", Proceedings der 4. Jerusalem Conference on Information Technology, IEEE, New York

2.) Hans Jonas "Die Freiheit des Bildens", in "Zwischen Nichts und Ewigkeit", Vandenhoeck & Ruprecht-Verlag, Göttingen

3.) Paul Cézanne "Über die Kunst" Gespräche mit Gasquet, Herausgeber Walter Hess, Mäander-Verlag, Mittenwald

4.) Martin Heidegger, "Der Ursprung des Kunstwerkes", Reclam-Verlag, Stuttgart

Dipl.-Ing. Hans Grams ist im Amt für EDV bei der Stadt Mönchengladbach tätig.