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11.10.1991 - 

IDC-Forum der europäischen DV-Branche

Die Europäer haben nur noch im Integrationsgeschäft Chancen

MÜNCHEN - In ungewohnter Deutlichkeit haben sich Marktanalysten und DV-Hersteller auf dem IT-Forum des Marktforschungsunternehmens International Data Corp. in Venedig über die düsteren Aussichten der europäischen Systemanbieter in den 90er Jahren geäußert.

IDC, Analyst David C. Moschella und Vittorio Cassoni, Managing Director sowie Chief Operating Officer der Olivetti Group, waren einer Meinung: Im DV-Szenario der nächsten Jahre werde es nur noch ein einziges Unternehmen weltweit geben, daß es sich leisten könne, ein Rundumangebot aus Hard- und Software, Systemintegrations- und Servicedienstleistungen zu bieten - die IBM. Bescheidenheit ist für die Europäer nach Meinung von Cassoni die aktuelle Parole.

Moschella, der über die weltweite Wettbewerbssituation referierte, stellte verschiedenes den Markt beeinflussende Trends fest. Zum einen sei festzustellen, daß seit 1970 die Ausgaben der Anwender für Hardware in prozentualer Ausformung ständig abnahm: Steckte der Kunde vor 21 Jahren noch etwa 82 Prozent seiner Investitionen in Hardwareprodukte, so reduzierte sich dieser Prozentsatz bis 1990 etwa auf die Hälfte (42 Prozent).

Der Marketier zieht daraus die Schlußfolgerung, daß sich zu Beginn des 21 Jahrhunderts eine Disintegration der gesamten Computerindustrie vollzogen haben dürfte: "In zehn Jahren wird es nur noch Unternehmen geben, die entweder reine Hard- oder Software herstellen und vertreiben, oder solche Firmen, die Kunden dienstwerte Leistungen anbieten können."

Einzige Ausnahme weltweit sie die IBM: Ihre übermächtige Marktmacht versetzt sie nach Meinung des Analysten in die Lage, als Rundumanbieter sowohl Hard- als auch Software zu vertreiben und Service-, Support- sowie Systemintegrations-Dienstleistungen vorzuhalten.

Zu den Hard- oder Softwareherstellern zählt er neben zukünftigen kleineren Start-up-Companies und PC-Herstellern auch die Firmen, die Betriebssystem-Softwareprodukte an den Mann zu bringen versuchen.

Nach der Ansicht von Moschella werden sich in diesem Aufgabenfeld vor allem japanische und andere asiatische Unternehmen tummeln. Allerdings steht er auch voraus, daß Hewlett-Packard und die Sun Microsystems Corp. zunehmend in diesem Sektor ihre Gewinne versuchen zu realisieren. Zu den Anbietern, die sich als Systemintegratoren mit Dienstleistungen für heterogene Rechnerumgebungen ein einträgliches Auskommen erhoffen, zählt der IDC-Marktforscher neben etablierten Größen wie EDS und Arthur Anderson sowie VARs in Zukunft auch Unternehmen wie Wang, Unisys oder Prime.

Anwärter für eine neue Arbeitsplatzbeschreibung und Konkurrenz für die eingesessenen Integrationsunternehmen sind nach Moschella auch europäische Unternehmen wie SNI, Groupe Bull und Olivetti.

In bislang nicht gekannter Bescheidenheit hatte Olivetti-Manager Cassoni dem zugestimmt und zugegeben, daß die Rolle als Systemintegrator für die havarierenden europäischen DV-Konzerne die letzte Möglichkeit sei, sich im internationalen Wettbewerb halbwegs ungeschoren aus der Affäre zu ziehen. Aus Italien konnte man bislang eher selbstbewußtere Töne vernehmen: Olivetti vertrat nämlich die Ansicht, daß man als einziges europäisches Unternehmen die Stürme der DV Branche unbeschadet überstehen würde. Möglicherweise hat das jetzt bekanntgegebene katastrophale Halbjahres-Ergebnis der Benedetti-Firma zu der zur Schau gestellten Zurückhaltung beigetragen.

In seiner düsteren Zukunftsschau machte Moschella allerdings auch einen Silberstreif aus für die dahinvegetierenden europäischen DV-Konzerne: Binnen zehn Jahre würden zwar Hardwareverkäufer zunehmend aus dem Geschäft gedrängt, fast zwei Drittel der Umsätze könne man aber - so erwartet der Analyst - zukünftig mit Software und Service-Dienstleistungen einstreichen.

"VARs haben eine Lösung und suchen nach dem Problem"

Ein amerikanischer Beobachter des IT-Forums bekräftigte diese Diagnose und wies auf das Menetekel an der Wand: "Die Europäer haben nur noch eine Chance: Entweder sie nutzen ihre Personal- und Finanzpotentiale, um sich völlig dem Integrations- und Service- sowie Softwaregeschäft zu widmen. Oder sie gehen unter."

Systemintegration schien der Analysten und Hersteller liebstes Kind in Venedig zu sein: So wies auch Jim Beveridge, Vice-President der IDC-Abteilung European-Research, mit ironischem Augenzwinkern auf die Bedeutung des neuen DV-Betätigungsfeldes für alteingesessene Unternehmen: "VARs haben eine Lösung und suchen nur nach dem passenden Problem Systemintegratoren hingegen lösen es." Die Befähigung zur Eingliederung heterogener Rechnerwelten in einem Computerverbund sei deshalb auch vor allem eine Haltung, die Hersteller gegenüber Anwendern glaubhaft ausstrahlen müßten.

Geld mit Software und Services

Die morbiden Unternehmen der alten Welt sind nach Ansicht von IDC-Europa-President Roberto Masiero "zu klein, um wirkungsvoll gegen die Wettbewerbsgiganten aus USA und Japan ankämpfen zu können".

Zögen sie sich auf das Verschieben von Boxen zurück, anstatt im Zuge eines neuen Profitmodells auf das Integrationsgeschäft auszuweichen, so sieht auch der Senior Vice-President der Desktop Computing Group bei der IDC, Aaron Goldberg, schwarz: "Im Bereich Kundenlösungen und Systemintegration wird sich einiges ändern. Wer morgen immer noch nur Boxen verkauft, der ist übermorgen todsicher pleite."

Ausgerechnet ein Japaner -Yuji Ogino, IDC-President im Land der aufgehenden Sonne - hatte auch etwas Tröstliches für die gebettelten Europäer zu bieten: "Wir sind zwar Spitze in Produktionstechnologien sowie der Qualitätskontrolle und können deshalb auch extrem aggressiv in der Preisgestaltung sein. Aber andererseits hängen wir zu sehr vom OEM-Geschäft ab."

Außerdem seien Nippons Söhne in puncto Softwarekompetenz doch wohl eher schwach auf der Brust.

Neben schlagkräftigen Distributionskanälen und der Produktion leistungsstarker Workstations könnten die Europäer besonders mit Software und Service noch einiges Geld verdienen .

Der Managing Director der IDG Skandinavien, Edward O'Hara, verwies auf das negative Beispiel der SAP in bezug auf Konkurrenzfähigkeit: Das neben der Software AG führende deutsche Sopftware-Unternehmen habe international überhaupt keine Bedeutung: "Die SAP beschränkt sich auf Deutschland. Diese Genügsamkeit ist in der Welt globaler Konkurrenz absolut gefährlich."

Genügsamkeit ist gefährlich

O'Hara richtete ferner einen flammenden Appell an alle Unternehmen, sich in den kommenden zehn Jahren der riesigen Herausforderung der IT ernsthaft zu stellen: "Computer haben in der Vergangenheit und bis heute immer nur den Zentralismus gefördert. Jetzt muß sich die IT dem Anspruch stellen, endlich zur Produktivitätssteigerung der Anwender beizutragen."