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22.04.1983

Die Expansionsfelder der Zukunft besetzen

Wolfgang Seelig Präsident des Zentralverbandes der Elektronischen Industrie (ZVEI)*

Die Hannover-Messe ist Schauplatz und Drehscheibe der Innovation und des technischen Fortschritts sowie der Ideen und Produkte, die ihm zugrunde liegen. Was sie zeigt, soll auch zu einem innovatorischen Nachfrageverhalten anregen. Darunter ist die Bereitschaft der Investoren zu verstehen, die neuere technologische Entwickung in ihren Investitions entscheidungen soweit wie möglich zu antizipieren. Um dies zu können, bedarf es der Fähigkeit zum Dialog zwischen Anwendern und Anbietern und der Bereitschaft der Nachfrager, auf dem Weg in Neuland Risiken mitzutragen. Das muß auch vom Staat vor allem dort gefordert werden, wo er als Nachfrager neuer Techniken in großem Stil auftritt.

Beispiel USA

Die Regierung der USA hat seit langem die Chancen erkannt, die für die gesamte Volkswirtschaft in einem innovatorischen Nachfrageverhalten des Staates liegen. Es zeichnet sich dadurch aus, daß bei den großen Staatsaufträgen berücksichtigt wird, wie sie sich auf den gesamtwirtschaftlichen Innovationsprozeß auswirken. Mit einem Auftragsvolumen von fast 30 Milliarden Dollar erreicht der Marktanteil des Staates bei elektronischen Erzeugnissen rund 25 Prozent. Damit speist der Staat einen Strom von Innovationen und vor allem von Neugründungen kleiner Unternehmen. Was dort geschieht, widerspricht allen alten und neuen Theorien, die behaupten, daß die freie Wirtschaft an Konzentration und Kapitalakkumulation kollabiert. Und es spricht zugleich für die Optimisten, die uns das Heraufkommen einer neuen technologischen Gründerzeit ankündigen.

Jede Generation und jede Zeit muß mit dem Konflikt zwischen dem in der Vergangenheit Bewährten und dem für die Zukunft Notwendigen leben. In unserer Zeit verschärft sich dieser Konflikt durch die Dynamik von Zukunftstechnologien, die bereits intensiv in die Gegenwart hineinwirken. Diese Entwicklung vollzieht sich vor dem Hintergrund der geschichtlichen Erfahrung, daß die Wirtschaft reibungslos und produktiv nur in Gesellschaften funktioniert, die sich von konservativen Wertvorstellungen leiten lassen. Um so wichtiger ist es, zu erkennen, daß das konservative Leitbild nur eine notwendige, aber keine hinreichende Erfolgsbedingung ist. Es muß eine Zukunftsorientierung hinzukommen, die sich mit dem Bestehenden nicht zufriedengibt und die im Vorgriff auf die Entwicklung vorwärtsdrängt. Die darin wirkende kreative Unruhe verträgt sich nicht ohne weiteres mit überkommenen Anschauungen, Verhältnissen und Besitzständen.

Das so entstehende Spannungsfeld ist mit der Harmonieformel von Tradition und Fortschritt nicht mehr zutreffend beschrieben - es geht vielmehr um kritische Sichtung des Bewahrten unter dem rationalen Selektionskriterium des für die Zukunft Brauchbaren.

In bezug auf die technischwissenschaftlichen Grundlagen unserer Gesellschaft sind es vor allem die Mikroelektronik, die Biotechnik und die Energieerzeugung, zu denen wir ein definiertes Verhältnis entwickeln müssen. Gebraucht werden konsensfähige Vorstellungen darüber, wieviel Wachstum notwendig ist, um die politische, wirtschaftliche und soziale Freiheit zu erhalten. Wir müssen auch zur Klärung darüber kommen, wo unser Platz im Rahmen der internationalen Arbeitsteilung sein soll und was wir zur Entwicklung einer freien weltwirtschaftlichen Ordnung beitragen können.

Die Hannover-Messe wird uns auch in diesem Jahr wieder vor Augen führen, wie sehr wir international in die Interdependenz der modernen Technologien eingebunden sind. Es bedarf keiner besonderen Phantasie, sich vorzustellen, was geschehen würde, wenn wir uns aus diesem gegenseitigen Zusammenhang lösen und damit zugleich isolieren wollten, wie es uns die Propheten des einfachen Lebens und die Scharlatane des "Nullwachstums" so engagiert empfehlen.

Ein Denken in zu kurzen Kausalketten

Wenn wir der "No-Future"-Parole, die sie als Vorwurf an die Gesellschaft vor sich hertragen und gleichzeitig als Konsequenz ihrer eigenen Ideen verkennen, etwas entgegensetzen wollen, dann ist es die bereits zitierte offensive Bereitschaft, die Zukunft in unseren Entscheidungen soweit wie möglich zu antizipieren. Und nur dadurch, daß wir uns vorausgreifend auf die zukünftige Entwicklung einstellen, läßt sich das Gespenst der technologischen Arbeitslosigkeit vertreiben.

Es ist ein Denken in zu kurzen Kausalketten, wenn bei der Anwendung neuer Technologien nur die Beschäftigungseffekte der Rationalisierung gesehen und als "Arbeitsplatzvernichtung" diskreditiert werden. Die arbeitsplatzschaffenden Einkommenseffekte auf den vor der Anwendung liegenden Stufen der Forschung, Entwicklung sowie der intensiven Umsetzung des technischen-Fortschritts werden ignoriert, wenn nur die sogenannte Freisetzung gesehen wird.

Aber noch wichtiger scheint mir ein anderes zu sein: Nur mit vorausgreifender Realisierung des technischen Wissens haben wir die Chance, im Spezialisierungsmuster der intenationalen Arbeitsteilung

einen Spitzenplatz zu besetzen. Wenn uns das gelingt, dann können wir uns zunehmend auf den Export von Erzeugnissen jener Technologiestufen spezialisieren, denen die Weltmärkte der Zukunft gehören. Was dabei an Arbeitsplätzen verlorengeht, gewinnen wir duch zusätzliche Produktionsmöglichkeiten im Export und auch im heimischen Markt dazu.

Aber wir haben keine Zeit zu verlieren. Die Industrieländer - und nicht nur sie - sind bereits dabei, die Expansionsfelder der Zukunft zu besetzen. Noch haben wir die Chance, uns mit Erfolg daran zu beteiligen und die Möglichkeiten der internationalen Arbeitsteilung partnerschaftlich auszuschöpfen. Das gilt auch für unser Verhältnis zu den Entwürfs lungsländern, denen wir vor allem beim Aufbau einer produktiven Infrastruktur helfen dennen. Zusammen mit den anderen Industrieländern sind wir aufgerufen, mehr Phantasie in unsere gegenseitigen Beziehungen zu investieren und - wenn nötig - auch nach neuen Organisationsformen dort zu suchen, wo wir nur in enger Kooperation von Staat und Wirtschaft weiterkommen.

Wenn wir uns aber - statt dies zu tun - selber daran hindern, in der internationalen Arbeitsteilung eine günstige Position zu erreichen, weil wir erstarrte Besitzstände noch für einige Zeit verteidigen und unbequeme Anpassungen vermeiden wollen, dann scheren wir aus und driften ab. Oder sollten wir uns gar von mitleidsvoll gewährten Schonfristen derer abhängig machen, die sich zu Selbstbeschränkungsabkommen überreden lassen?

Für alle, Unternehmer und Arbeitnehmer, Regierung und Politiker, ist es höchste Zeit zu erkennen, daß es eine Option auf eine Technik, die sich unserer Immobilität anpaßt, nicht gibt. Im internationalen Handel - wie auch sonst - bestimmt man die Gangart nicht wenn man hinterhertrabt, sondern man wird abgehängt.

Wollen wir das? - Gewiß nicht! Aber dann müssen wir selbstkritisch aufpassen, daß nicht - wie so oft - gerade das geschieht, was niemand will weil jeder einzelne von allen anderen fordert, was er selbst nicht will.

Unsere internationale Wettbewerbspositition ist noch nicht schlecht - aber sie könne schlechter werden, wenn wir uns nicht täglich dagegen zur Wehr setzen. Darüber darf der beachtliche Exporterfolg des vorigen Jahres nicht hinwegtäuschen. Wir verdanken ihn zu nicht geringen Teilen der Tatsache, daß unsere Währung stabiler als die meisten anderen war - und wir sollten auch nicht übersehen, daß der Wechselkurs per Saldo zu unseren Gunsten spielte.

Die Stärke und die Schwäche des deutschen Exports liegen in einem gemeinsamen Punkt, nämlich darin, daß er praktisch das gesamte industrielle Spektrum abdeckt und nicht nur einige Schwerpunkte wie bei den Japanern. Auf diese Weise kommt es in schwierigen Lagen zwar eher zu einem internationalen Ausgleich von Anteilsverlusten und -gewinnen im Weltmarkt, aber es zeigt sich auch, daß wir der aggressiven, auf wenige Teilmärkte konzentrierten und deshalb wettbewerbsverzerrenden Exportstrategie anderer Wettbewerber zu wenig entgegenzusetzen haben. Wir müssen deshalb alles daransetzen, so fit zu bleiben, daß wir auch solcher Konkurrenz mit den Mitteln des Marktes begegen können, statt mit der Keule des Protektionismus.

Der Kommentar ist Teil eines Vortrages anläßlich der Eröffnung der Hannover-Messe am 12. April 1983.