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22.05.1998 - 

Existenzgründer in der IT-Branche/Eine Standortbestimmung der hiesigen Venture-Capital-Szene

Die finanziell mageren Jahre für Existenzgründer sind vorbei

Vor zwei Jahren kamen Philip Debbas und Till Gartner an den Punkt, wo die Banker nicht mehr mitspielten. Ihre selbstentwickelte Client-Server-Software "TPS Online Suite", ein modulares Vertriebs- und Marketing-Informationssystem, hatte begonnen, sich im expansiven Markt für Customer Integration Software (CIS) zu etablieren, und die beiden ehemaligen Mathematikstudenten sahen ihr Unternehmen TPS Labs mit immerhin schon 30 Mitarbeitern plötzlich jährlichen Zuwachsraten von 100 Prozent ausgesetzt. "Unsere Bank warnte uns, daß unser Wachstum durch sie nicht mehr finanzierbar sei. Da mußten wir uns was anderes überlegen und zogen schnell die Möglichkeit von Venture Capital in Betracht."

Konsequenz: Man wandte sich an die Münchner TVM Techno Venture Management, die schließlich das nötige Finanzierungsmodell auf die Beine stellte, sich mit 40 Prozent an TPS Labs beteiligte und ihren Managing-Partner Waldemar Jantz in den Aufsichtsrat des mittlerweile in eine AG umgewandelten Newcomers entsandte. Noch in diesem Jahr wird TVM wohl die nächste Finanzierungsrunde einläuten und das Unternehmen 1999 an die Börse bringen.

Banken kein geeigneter Partner für Startups

Vor einigen Jahren hätten die beiden Jungunternehmer mittelfristig womöglich keine Überlebenschance gehabt oder sich unter das Dach eines Großen flüchten müssen. Gerade bei starker Expansion von IT-Unternehmen stiegen die Banken als Kapitalgeber immer wieder aus, weil es ihnen an Sicherheiten, aber auch am Verständnis für diese Branche fehlte. So waren denn auch Klagen wie jene von Hans-Christoph Wolf, Ex-Geschäftsführer der früheren Starnberger Grafikkartenschmiede Spea Software, an der Tagesordnung, der einmal sagte: "Für Banken ist High-Tech gleich High-Risk."

Noch schwerer taten sich indes über Jahrzehnte Tüftler und Bastler, die zwar eine Produktidee im Kopf, aber kein Geld hatten, diese auch umzusetzen. Ihnen blieb nur die Kapitulation, bevor sie überhaupt angefangen hatten. Oder aber der Weg in die USA, wie das mittlerweile legendäre Beispiel von Andreas von Bechtolsheim zeigt. Mit seinem Plan, Workstations zu entwickeln und zu bauen, stieß er Ende der 70er Jahre weder bei Siemens noch bei der Hausbank seiner Eltern auf Gegenliebe. So kehrte er Deutschland kurzerhand den Rücken und versuchte sein Glück im Land der unbegrenzten Möglichkeiten - mit Erfolg. Im sonnigen Kalifornien baute er Anfang der 80er Jahre Sun Microsystems auf - und reihte sich damit als Deutscher ein in die Phalanx der jungen amerikanischen IT-Senkrechtstarter.

Heute liegen die Dinge anders. "In den vergangenen zwei Jahren hat sich hierzulande viel getan. Heute braucht kein High-Tech-Existenzgründer mehr in die USA abzuwandern, um Kapital für eine gute Idee oder Strategie zu bekommen", sagt Waldemar Jantz von TVM. Und sein Kollege Rolf Schneider-Günther, Geschäftsführer der Münchner Atlas Venture GmbH, pflichtet ihm bei: "Die Situation in Deutschland hat sich grundlegend geändert. Es existiert mittlerweile ein großes Angebot an Venture Capital. Und wer ein professionelles Konzept vorweisen kann, hat eine valide Chance, das Geld dafür auch zu bekommen."

Beide Risikokapital-Gesellschaften haben den Schwerpunkt ihrer Tätigkeit mittlerweile in die IT-Branche verlagert. TVM engagiert sich darüber hinaus noch in der Biotechnologie, Atlas im gesamten Bereich der Life Sciences (Biotechnologie, Medizintechnik, Diagnostik, Pharmazeutik, Chemie und Umwelt). Zusammen mit der ebenfalls in München angesiedelten VC Technologieholding gehören sie zu den größten und auch namhaftesten Venture-Capital-Firmen in Deutschland. Allein dieses Trio hat in den vergangenen zwei Jahren bei institutionellen Anlegern, Großunternehmen und wohlhabenden Privatleuten insgesamt rund eine Milliarde Mark Kapital gesammelt. Und dieses kommt - neben den sogenannten "Expansion Investments" wie im Fall TPS Labs oder Buyout-Aktivitäten - vor allem den "Startups" zugute.

Gerade die "Frühchen", die oftmals noch nicht einmal einen stimmigen Geschäftsplan vorlegen können, sind die Spezialität der drei Großen. "Bei 50 Prozent unserer Engagements gibt es die Firma noch gar nicht", erklärt Jantz. "Die gründen wir dann erst zusammen mit den Leuten." Insgesamt 15 Investments hat TVM im vergangenen Jahr getätigt - eine ausgesprochen hohe Zahl, nachdem man zuvor durchschnittlich bei der Hälfte lag.

Dies aber hat nicht nur damit zu tun, daß mehr Kapital zur Verfügung steht. Im Vergleich zu den 80er Jahren haben sich bei TVM, 1984 gegründet und damit die älteste Venture-Capital-Firma in Deutschland, die Anfragen verdoppelt. Gleichwohl ist laut Jantz die Qualität gestiegen: "Wir sehen heute viel bessere Investitionsmöglichkeiten als früher." Dies aber bringt auch Probleme mit sich. "Obwohl wir - wie andere auch - ständig neue Mitarbeiter einstellen, können wir die Flut der hochwertigen Anfragen kaum mehr bewältigen", meint der Venture-Capital-Spezialist. Immerhin gehen bis zum tatsächlichen Investment drei bis vier Monate ins Land. Erläutert Jantz: "Zwei bis drei Wochen nach Eingang erhalten die Antragsteller Bescheid, ob wir Interesse haben oder nicht. Haben wir uns zum Engagement entschlossen, müssen wir uns die Produkte, den Markt und die Konkurrenz anschauen, die Strategie überlegen und die Beteiligungsverträge abschließen."

Mehr als verdoppelt hat sich in Deutschland mittlerweile auch die Summe, die derzeit jährlich in den Early-Stage-Bereich, sprich: während der Frühphase, investiert wird. Die Schätzungen von Jantz belaufen sich auf rund 150 Millionen Mark - und dies nahezu ausschließlich in den High-Tech-Bereich - nach 60 Millionen Mark in früheren Jahren.

Wirft man einen Blick über den großen Teich, so wurden dort zuletzt etwa acht Milliarden Dollar in die Early-Stage-Phasen investiert, wovon etwa 60 Prozent in Technologiefirmen gingen, rechnet der Financier vor. Daß der Abstand trotz der hierzulande gestiegenen Risikomentalität noch groß ist, verwundert auch Atlas-Geschäftsführer Schneider-Günther nicht. "Natürlich sind wir trotz der jüngsten enormen Fortschritte im Rückstand. Wären wir dies nicht, hätten die Amerikaner etwas falsch gemacht. Schließlich besteht in den USA ein vollausgebildeter Markt mit einer rund 25jährigen Geschichte."

Eigentlicher Boom steht Deutschland noch bevor

Dafür aber ist Deutschland langsam, aber sicher dabei, sich in Europa zur unangefochtenen Venture-Capital-Macht zu entwickeln. Zwar haben die Briten bei der Gesamtbetrachtung derzeit die Nase noch vorn, doch Jantz glaubt, daß "wir hierzulande im Early-Stage-Bereich Großbritannien bereits den Rang abgelaufen haben, was die Anzahl und die Größe der Investments anbelangt". Auf jeden Fall habe Deutschland in Europa das größte Potential. "Der eigentliche Boom steht uns noch bevor", ist er zudem überzeugt.

Solche Prognosen scheinen selbst die übervorsichtigen Banken und Sparkassen zu beeindrucken - seit einiger Zeit schießen Venture-Capital-Abteilungen und -Tochtergesellschaften wie Pilze aus dem Boden. Doch freiwillig oder gar aus tiefster Überzeugung dürften sich die Kreditinstitute nicht in das risikoreiche Geschäft mit High-Tech-Newcomern stürzen. Denn ohne Zweifel fehlt den meisten Bankern immer noch das notwendige Know-how, die Tauglichkeit eines High-Tech-Produkts und dessen Marktchancen einzuschätzen. Vielmehr scheinen die unzähligen Standortdebatten unter hochrangigen Politikern und Wirtschaftsgurus die operative Hektik bei den Finanzdienstleistern ausgelöst zu haben.

So "ermuntert" kein Geringerer als Bundespräsident Roman Herzog immer wieder gerne zur stärkeren Unterstützung von Existenzgründern. Und Bundeswirtschaftsminister Günter Rexrodt meinte erst vor wenigen Monaten einmal wieder kritisch anmerken zu müssen, daß die Wagniskapitalfinanzierung in Deutschland ein Schattendasein führe. Atlas-Geschäftsführer Schneider-Günther merkt denn auch an: "Die ganze Standortdiskussion, das Thema Wettbewerbsfähigkeit und der politisch erklärte Wille, die Gründerkultur zu fördern, hat zum Erblühen der Risikokapitalszene beigetragen. Auch die Banken sind über die mit ihnen verflochtenen Beteiligungsgesellschaften gehalten, vergleichbare Produkte anzubieten."

TVM-Managing-Partner Jantz beobachtet den Aktionismus der Banken indes mit Skepsis: "Das Problem der Banken sind die Leute, die dort beschäftigt sind. Es sind in der Regel Banker ohne das nötige Wissen über die Industrien, aus denen die Anfragen nach Risikokapital kommen. In den USA haben sich die Banken eher wieder zurückgezogen. Die meisten Fonds, die durch das Banken-Management verwaltet wurden, sind nicht sonderlich erfolgreich gelaufen. Und ich denke, daß in Deutschland in absehbarer Zeit ein ähnlicher Trend einsetzen wird."

Jantz begründet auch seine Skepsis: Entweder werden die klassischen Geldhäuser nach Mißerfolgen wieder das Handtuch werfen oder aber - wenn denn vorhanden - die Experten mit entsprechendem Branchen-Know-how beziehungsweise der Spürnase für innovative Produkte und Märkte an die freie Wirtschaft verlieren, weil diese dort ungleich mehr verdienen könnten. Deshalb, so Jantz weiter, "wird es den Banken auf Dauer zu teuer werden, sich als politischen Gimmick einen Venture-Capital-Fonds zu halten."

Was den gestandenen Bankern Bauchschmerzen bereitet, nämlich die Unsicherheit, ob sich das Investment letztlich auszahlt oder zur Pleite wird, ist für die eingefleischten Venture-Capitalisten eines der letzten Abenteuer auf diesem Planeten. Dennoch sind sie keineswegs finanzielle Hasardeure. Betont Atlas-Chef Schneider-Günther: "Kein seriöser Venture-Capitalist investiert in ein Unternehmen, ohne daß diesem Engagement eine sorgfältige Analyse vorausgegangen ist." Und TVM-Kollege Jantz fügt hinzu: "Außerdem besitzen die angestammten VC-Firmen längst einen großen Erfahrungsschatz."

Dennoch sind auch die Risikokapitalprofis nicht vor Fehlinvestments gefeit. Bei durchschnittlich 20 Prozent liegt die Fehlerquote. Doch die Betrübnis, aufs falsche Pferd gesetzt zu haben, verfliegt spätestens dann, wenn man einen Volltreffer landet - so wie es TVM jüngst mit SCM Microsystems erlebt hat. Im August 1993 war der Venture Capitalist bei dem Spezialisten von PCMCIA-Karten eingestiegen. "Damals machten die einen Umsatz von eineinhalb Millionen Mark", erinnert sich Jantz. Insgesamt stellte TVM rund sechs Millionen Mark Risikokapital zur Verfügung. Im Oktober 1997 ging das Unternehmen an die Börse - und zwar zeitgleich sowohl an die Nasdaq als auch an den Neuen Markt in Frankfurt.

Die Emission erfolgte zu einem Kurs von 14 Dollar, das erste Trading lag bei 22 Dollar. Nach einer mehrmonatigen Stagnationsphase, in der die SCM-Aktie nicht über 25 Dollar hinauskam, zog sie im Januar 1998 plötzlich an und schnellte bis März auf knapp 90 Dollar hoch. Mittlerweile hat sie sich auf 75 Dollar eingependelt. Bei der jüngsten Zweitplazierung, die bei erfolgreichen Aktien oftmals erfolgt, verkaufte TVM einen Teil seiner Aktien. Freut sich Jantz: "Sprünge wie bei SCM in derart kurzer Zeit kann man bei keinem Unternehmen erwarten. Aber erlebt man das, dann ist dies eben auch eine Bestätigung für das Gespür, das man im Laufe der Jahre entwickelt hat.

Angeklickt

Die deutsche Venture-Capital-Szene verdient als solche allmählich ihren Namen. Der Vorwurf, die hierzulande sprießenden zarten Pflänzchen eines Gründerklimas müßten mangels finanzieller Möglichkeiten für Startup-Firmen verdürren, stimmt so längst nicht mehr. Selbst der "Flankenschutz" der Politik hat hier ausnahmsweise mal etwas positives bewirkt. Deutschland ist, zumindest in Europa, Risikokapitalland Nummer eins.

Beate Kneuse ist freie Journalistin in München.