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05.01.1984

Die Frage nach dem exklusiv Menschlichen stellt sich neu

Pater Dr. Albert Ziegler

Es droht die Gefahr, daß die Welt zum Rechnersystem ohne Poesie, der Mensch zum Rechenexempel ohne Witz und wir selber zu Computern werden, die Liebe berechnend im Kopf haben, aber nicht mehr lebendig im Herzen fühlen. Die Gefahr droht. Doch dadurch, daß sie droht, ist nicht gesagt, wir müßten der drohenden Gefahr auch erliegen. Wir können ihr vielmehr begegnen.

Damit der Computer weiterhin das Leben erleichtert, ohne den Menschen zu gefährden, müssen wir uns Rechenschaft geben über das, was der Computer kann und was der Mensch ist.

Seltsam: Neben den Wörtern "Rechnung" und "Berechnung" gibt es ein drittes Wort. Es eröffnet eine neue Dimension. Es heißt: "Rechenschaft". Ja, wir können nicht nur rechnen und berechnen. Wir müssen auch über unsere Rechnungen und Berechnungen Rechenschaft ablegen. Darum mussen wir uns auch Rechenschaft geben über das, was der Computer kann und was - angesichts dieses großartigen Könnens - der Mensch ist.

Der Computer ist, was er kann

Da ist zum ersten der Computer. - Der Computer ist, was er kann. Das heißt: Er geht ganz in Funktion und Leistung auf. Wenn er nicht mehr funktioniert und nichts mehr leistet, ist er Schrott. Er rechnet schnell. Er altert schnell. Sein ganzes Können geht in die nächste Computergeneration ein. Dann ist er selbst veraltet. Man wirft ihn weg oder stellt ihn ins Museum. Da ist zum zweiten der Mensch. - Der Mensch kann auch einiges - vieles allerdings nicht halb so umfassend, schnell und genau wie der Computer. Aber der Mensch ist nicht, was er leistet und kann. Er geht in seiner Leistung nicht auf. Auch wenn er noch nichts kann und nichts mehr leistet, ist er noch immer er selbst. Er kann darum auch alt werden, ohne zu veralten. Denn er kann zwar einiges an die nächste Generation weitergeben, aber beileibe nicht alles. Darum ist er nicht überflüssig, wenn die nichste Generation da ist. Die nächste Generation braucht bleibend die ältere. Die Intelligenz der Jugend ist gut. Aber ohne die Weisheit des Alters erstarrt sie zur bloßen Intellektualität.

Sodann: Der Mensch nimmt viele Funktionen wahr. Aber er selbst ist keine. Er spielt viele Rollen - Tag für Tag. Aber als Rollenträger kann man ihn genauso wenig abschließend erfassen wie als Brillen- oder Hosenträger. Gewiß hat der Mensch Eigenschaften und Merkmale. Aber er selbst ist mehr als deren Gesamtsumme.

Schließlich: Der Mensch mit seiner Welt birgt viele Ratsel. Wir versuchen dauernd, sie zu errätseln. Der Computer ist ein unwahrscheinlich guter Rätsellöser. Er wird uns immer deutlicher sagen, was der Mensch mit seiner Welt ist. Aber er weiß nicht, wer der Mensch ist.

Denn der Mensch ist nicht nur ein Rätsel, sondern auch ein Geheimnis. Rätsel kann man grundsätzlich lösen. Man braucht nur geschickt genug Informationen zu sammeln und zu kombinieren. Dann ist das Kreuzworträtsel gelöst. Der Computer macht's möglich, und zwar in Sekunden. Das Geheimnis ist anders. Es ist das Unberechenbare und Unerforschte. Man kann sich dem Geheimnis nähern. Doch kann man es nicht durchdringen.

Alle großen Dinge führen durch das Rätsel hindurch und enden im Geheimnis. Durch das Rätsel hindurch kann uns der Computer führen. Vor dem Geheimnis bleibt er stehen. Das großte Geheinnis sind Liebe und Tod. Wir können sie erforschen, aber nicht ergründen.

Die Liebe sagt: "Es ist gut, daß es dich gibt, und zwar so wie du bist, nicht bloß wie ich dich erkenne und berechne". Das Geheinnis der Liebe besteht gerade darin, daß man immer zu mehr ja sagt, als man zu berechnen und zu erkennen vermag. Der Tod sagt: "Genug. Es ist mit dir zu Ende". Der Tod ist der Wirt, der einen Strich durch jede Rechnung macht. Sein Geheimnis: Ist der Tod ein Beutelschneider, der uns ungastlich zum Wirtshaus der Welt ins Nichts hinauswirft? Oder könnte der Tod ein Gastwirt sein, der uns nach dem Gastzimmer der Welt die Türe öffnet zum Hochzeitsmahl des Himmels?

Jedenfalls hat der Computer die O-Linie der Herzbewegung und der Hirnströme festgestellt und für endgultig erklärt. Vielleicht, daß der Computer uns noch als Organspender frei gibt. Dann trägt er uns in die Sterbestatistik ein. Sonst ist er mit uns zu Ende. Sind wir es auch mit uns selbst? Wir fragen und wir suchen Antworten. Unser fragendes Suchen geht endlos weiter. Dauernd finden und geben wir Antworten. Doch nur selten ist damit die Frage beantwortet. Zwar sind unendliche Fortschritte durchaus möglich. Wir schreiten endlos weiter. Aber die Unendlichkeit des Geheimnisses wird deswegen nicht kleiner. Wie sagt doch Werner Bergengruen: "Das Unendliche mindert sich nicht, wenn das Endliche wächst. Und das Geheimnis verbleibt".

Da steht schließlich zum dritten der Mensch mit seinem Computer. - Er hat sich mit ihm ein großartiges Werkzeug erfunden. Nun liegt es in seiner Hand. Ist es seinen Händen entglitten? Hat uns jetzt der Computer in der Hand oder jene, die sich des Computers zu behändigen wissen?

Eines ist gewiss: Wir dürfen uns nicht damit begnügen, immer wirkungsvollere Computer zu errechnen. Wir müssen uns Rechenschaft geben über das, was der Mensch auch gerade gegenüber dem Computer ist und bleibt. Eigentlich ist es ein Abenteuer.

Im Spiegel des Computers zhen wir uns selber neu

Früher waren wir sehr schnell mit der Antwort bei der Hand: "Das kann nur der Mensch". Längst hat uns die Verhaltensforschung gezeigt: Manches, was wir lange als typisch menschlich betrachtet haben, findet sich ähnlicherweise auch im Bereich der Tiere. Nun zeigen uns Kybernetik und Informatik, daß viel scheinbar typisch Menschliches auch mechanisch und durch den Computer machbar ist. Die Frage nach dem typisch und exlclusiv Menschlichen stellt sich neu. Darum sind wir gezwungen, neu zu fragen, was uns ein Gedicht noch bedeutet; ob uns ein Witz auch jetzt noch zum Lachen bringt. Besonders ernsthaft sollten wir unser Gewissen und unser Herz befragen: Ist unser Herzflimmern nur der Denkfehler des computerhaften Gehirns; oder zeigt unser Herzklopfen, daß wir das Herz noch immer am rechten Fleck tragen?

Indem uns der Computer zu diesen Fragen zwingt, ist er nicht nur eine Gefahr, sondern auch eine Chance. Nehmen wir sie beherzt wahr. Dann können wir uns getrost des Computers bedienen. In ihm ist uns ein Führungsinstrument in die Hand gegeben, wie wir es zuvor noch nie besaßen. Aber es wird zu unserer bleibenden Aufgabe gehören, dieses Führungsinstrument so verantwortungsbewußt in die Hand zu nehmen, daß wir die Führung selbst in der Hand behalten und sie weder aus der Hand geben noch uns aus der Hand nehmen lassen.

Wer könnte uns besser helfen, diese Aufgabe an die Hand zu nehmen, als jene, die von Berufs wegen tagtäglich mit dem Computer zu tun haben. Sie wissen als Fachleute am besten, was ein Computer kann und was nicht. Helfen Sie uns - durch Ihr Fachwissen und durch Ihr menschliches Engagement -, den Computer so zu handhaben, daß dadurch unser Leben erleichtert wird, weil wir mit Hilfe des Computers viel Langweiliges und Langwieriges nicht mehr von der Hand tun müssen und dafür viel Schönes tun können.

Am Anfang unseres Nachdenkens stand die Frage: "Haben wir den Computer noch in der Hand?" Natürlich - vorausgesetzt, daß wir ihn nicht aus der Hand geben. Halten wir also den Computer fest in der Hand - in der einen. Dann haben wir die andere Hand frei, um sie aufs Herz zu legen.

Teil einer Festrede, die Pater Ziegler anläßlich der Einweihung des neuen Hauptsiter Schweizer Honeywell Bull AG 27. Oktober 1983 in Zürich gehalten hat.