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Zusatzqualifikation für vorhandene Mitarbeiter in neuen DV-Technologien:


23.10.1987 - 

Die Furcht vor den Kisten verloren

Die Hamburger Hafen- und Lagerhaus AG (HHLA) - größter Arbeitgeber der Branche im Stadtstaat - ist dabei, die Umstrukturierung im Hafengeschäft mit neuen Service-Ideen aufzufangen, bei denen der integrierte Computereinsatz eine große Rolle spielt. Wie es die HHLA mit Hilfe eines sehr weitreichenden und neuartigen Aus- und Weiterbildungskonzept erreicht, daß aus ehemaligen Hafenarbeitern qualifizierte EDV-kundige Sachbearbeiter werden, schildert dieser Bericht.

Seit mehr als zehn Jahren vollzieht sich nicht nur im Hamburger Hafen, sondern weltweit eine starke Umstrukturierung. Sie ist geprägt von den zwei "C", Container und Computer. Während früher der Stückgutverkehr sehr personalintenisv war (rund 50 Mann pro Schicht schafften 200 bis 300 Tonnen) und ein Stückgutfrachter durchschnittlich fünf Tage am Kai lag, wird das Containerschiff heute von sogenannten Van-Carriern mit wenigen Leuten in noch weniger Stunden entladen. Der Computer hat eine Schlüsselfunktion in diesem harten Wettbewerb. Für die Hafenbetriebe hat diese Umstrukturierung nicht nur wirtschaftliche, sondern vor allem auch personelle Probleme gebracht. Die HHLA - mit 3100 Mitarbeitern und einer Lagerfläche von rund 2,5 Millionen Quadratmetern größtes Unternehmen dieser Art in Hamburg - macht drei Viertel ihres Güterumschlags im Containerbereich.

Um trotz der Rationalisierung die Arbeitsplätze soweit wie möglich zu erhalten, mußte sich die HHLA einiges einfallen lassen - insbesondere vor dem Hintergrund, daß das Unternehmen im Besitz der Stadt Hamburg ein "öffentlicher" Arbeitgeber ist, und das Gros der Mitarbeiter auf eine lange Betriebszugehörigkeit verweisen kann.

Logistik-Service - eine Chance zur Diversifikation

Um diese Mitarbeiter mit ihrer langjährigen Erfahrung weiterhin sinnvoll einsetzen zu können, verstärkt die HHLA ihr zweites Bein im Service-Bereich. Sie übernimmt die Distributionsfunktion für Importeure, führt für sie ein Importlager am Ort der Warenanlieferung und enthebt sie damit der Notwendigkeit, größere eigene Lager im Inland unterhalten zu müssen. Das Just-in-Time-Prinzip aus der Fertigungstechnik hat hier praktisch in den Handel Eingang gefunden.

Ein rundes Dutzend Kunden aus dem Versand- und Großhandel sind bereits beteiligt. Die Logistik Dienstleistung umfaßt ein sehr breit gefächertes, individuell angepaßtes Spektrum, das in allen Bereichen selbstverständlich durch eine integrierte Dialogdatenverarbeitung unterstützt wird. Gemeinsame Basis ist eine gleichartige DEC-Hardware und eine Software, die sich auf Mumps stützt. Darauf wurden bausteinartig und stufenweise die heutigen Anwendungslösungen entwickelt, das heißt, der Ausbau erfolgte kontinuierlich, die Erfahrungen aus jeder Stufe konnten fortgeschrieben werden. Das war auch für die Erfahrungsprozesse der Mitarbeiter sehr wichtig.

Das Service-Spektrum der HHLA-EDV-Logistik umfaßt heute die Bereiche Container-Verkehr, Lagerverwaltung und Distribution, Anlagenexport und seemäßige Verpackung, Fruchtimport und eine Reihe kundenspezifischer Dienstleistungen.

Die Software-Systeme werden zunehmend miteinander verflochten. Ein gemeinsames Software-Produktionssystem sorgt für Standardisierung, einfache Wartung, einheitlich gute Dokumentation sowie weitreichende, automatisierte Anwenderunterstützung. Zur Zeit werden mit diesem System rund 1000 einzelne Anwendungsprogramme verwaltet.

Der Endanwender muß mitspielen

Die großen Vorteile für den betrieblichen Ablauf, die integrierte dezentrale und daher schnelle Dialogsysteme mit sich bringen, sind natürlich nur realisierbar, wenn auch die Endanwender mitspielen. Die HHLA hat die wichtige Rolle der Mitarbeiter bei der Nutzung solcher Systeme schon frühzeitig erkannt und sich nicht, wie die meisten anderen Unternehmen, darauf beschränkt, die Anwender lediglich in der Bedienung der Gerate anzulernen. Zur Zeit sind bei der HHLA knapp 350 Bildschirmterminals, 180 Drucker und 60 Datenfunkgeräte am Arbeitsplatz im Einsatz.

Die HHLA vertritt die Auffassung, daß effektive Arbeitsweise in integrierten Systemen nur möglich ist, wenn die Sachbearbeiter nicht mehr im Sinne einer engen Spezialisierung auf einen Bereich (und ein System) beschränkt sind, sondern "grenzübergreifend" im Sinne einer Qualifikationserweiterung t_TIg sein können. Das heißt beispielsweise, daß Lagersachbearbeiter ohne weiteres auch Aufgaben aus den Bereichen Verzollung und Lagerbuchhaltung zu übernehmen in der Lage sind.

Das gesamte Mitte 1985 begonnene Projekt stand und steht unter der Zielsetzung "Aufgabenvereinfachung, -erweiterung und -berechnung". Die Aus- und Weiterbildung der Mitarbeiter nahm wie nur selten in einem Anwendungsprojekt einen sehr breiten Raum ein. Der Mensch soll das Maß aller Dinge sein und nicht die Möglichkeiten der Technik. Die HHLA ist selbstbewußt genug zu behaupten, daß die fundierte Aus- und Weiterbildung der Mitarbeiter geradezu eine Zukunfts- und Überlebensfrage für ein großes Unternehmen ist.

Das ist besonders eklatant, wenn man sich die Personalstruktur des Unternehmens anschaut: Der überwiegende Teil der Mitarbeiter ist 45 bis 54 Jahre alt, ein relevanter Teil ist bereits über 54 Jahre und nur ein kleinerer Teil der von der EDV "Betroffenen" ist 35 bis 44 Jahre alt. Ein Großteil dieser Mitarbeiter hat keine Berufsausbildung oder aber branchenfremde Handwerksberufe gelernt - viele Manager hätten sich wohl nicht getraut, angesicht dieser Gegebenheiten eine arbeitsplatzorientierte EDV einzuführen. Oder sie hätten versucht, neue jüngere Mitarbeiter mit den DV-bezogenen Aufgaben zu betrauen.

Die HHLA traute Leuten über 40

Für die HHLA bedeutet dieses "Problem" eine echte Herausforderung. Man wollte mit Vorurteilen aufräumen ("Trau in Sachen EDV keinem über 40") und beweisen, daß ältere (und damit ja auch erfahrenere) Mitarbeiter in unserer "postindustriellen Informationsgesellschaft" mitnichten zum alten Eisen gehören. "Schließlich werden wir ja alle gleichmäßig älter und möchten nicht schon ab 40 oder 50 wegen vermeintlicher Lernunfähigkeit oder mangelnder Flexibilität ausrangiert werden." Das ist eine Frage der Humanität - und auch der statistischen Entwicklung: Im Jahre 2030 werden ein Drittel der Deutschen über 60 Jahre und ein weiteres Drittel zwischen 40 und 60 Jahre alt sein. Geht man davon aus, daß die "menschenleere Fabrik" eine Utopie ist, die keiner herbeiwünscht, so wird man diese Menschen in ihrem Beruf kaum entbehren können.

Dennoch ist das HHLA-Projekt kein "Sozialbonbon" - auch die wirtschaftlichen Aspekte müssen stimmen.

Ein entscheidender Schritt war zu Beginn die Einigung bei und mit dem Betriebsrat. Mit der Umstellung auf Dialogverarbeitung hatte man bereits Mitte der siebziger Jahre begonnen. Als man 1983/84 daranging, aus den einzelnen Programmen integrierte Gesamtlösungen zu schaffen, drohte jede Neuerung zu einer Konfrontation mit dem Betriebsrat zu führen.

Der HHLA gelang der Ausbruch aus der Patt-Situation bereits Ende 1984 mit einer Betriebsvereinbarung, die für damalige Zeiten ungewöhnlich weitreichend war. Die Arbeitsqualität solle unbedingt Vorrang vor der Rationalisierung haben, das heißt, Arbeitszusammenhänge müssen erhalten und Entscheidungsspielräume gefördert werden. Das hieß auch Vermeidung von reinen Datenerfassungsplätzen und Hinwendung zur computerunterstützten Sachbearbeitung. Außerdem dürfe das "Arbeitsinstrument Computer" nicht zur Verhaltenskontrolle benutzt und den Mitarbeitern nicht aufgezwungen werden. Voraussetzung war und ist natürlich eine intensive Systemunterstützung und -ausbildung.

Die HHLA war sich im klaren darüber, daß ein solch ehrgeiziges Programm nur schwer mit ausschließlich eigenen Mitteln zu realisieren ist. In dem Ausbildungsprojekt arbeiten Mitarbeiter aus allen Ebenen- und zwar interdisziplinär (Mitarbeiter von der Anwenderseite, aus der Personalausbildung, aus der EDV und von der Betriebsratsseite) mit externer wissenschaftlicher Begleitung. Der Aufwand über die Gesamtlaufzeit von gut fünf Jahren erreicht eine siebenstellige Größenordnung.

Ehrgeiziges Programm vom BMFT unterstützt

Nach intensiven Vorverhandlungen konnte 1985 mit dem Bundesministerium für Forschung und Technologie eine Beteiligung an dem Förderprogramm "Humanisierung des Arbeitslebens" (HdA) vereinbart werden, so daß 50 Prozent der Projektkosten einen externen Träger fanden. Im Gegensatz zu vielen wissenschaftlichen Programmen ging die HHLA von Anfang an ganz pragmatisch vor - man wollte die Zielvorstellungen den Gegebenheiten anpassen.

Mehrstufiges Konzept verringerte die Distanz

Die Distanz zwischen Anwender und Technik sollte durch ein mehrstufiges Vorgehen verringert werden, wie der HHLA-Projektleiter Elmar Traks erläutert: Zuerst war zu prüfen, wie weit die Technik dem Anwender entgegenkommen kann (in diesem Fall zum Beispiel durch Abfragesprachen für Endanwender mit nur wenigen Befehlen, durch die Abkehr von starren Bildschirmmasken mit wenig Spielraum für individuelle Lösungswege und durch Erläuterungs- und Notizfunktionen, die der Anwender selbst mit Inhalt füllen kann). In einem zweiten Schritt nach Ausschöpfung der technischen Möglichkeiten sollte den Awendern die Beherrschung der Technik vermittelt werden - angefangen von den Grundlagen der EDV bis hin zu den einzelnen Funktionen und ihrer Anwendung.

Weiter sollte in einem dritten Schritt eine fachliche Zusatzausbildung angeboten werden. Und nicht zuletzt ging es darum, durch organisatorische Maßnahmen der EDV und den damit arbeitenden Mitarbeitern eine sichere Basis zu schaffen. Gerade die Weiterentwicklung der Mitarbeiter und der Organisation, die dem technischen Fortschritt in Hardware und Software meist hinterherhinkt, sollte nicht (wie bei so vielen Projekten) in der allgemeinen "DV-Technologie-Euphorie" untergehen.

Zwei Pilotkurse brachten den Durchbruch

Sowohl die DV-Fachleute wie insbesondere die betroffenen Mitarbeiter standen - das ist menschlich - dem komplexen Projekt anfangs ziemlich reserviert gegenüber. Den entscheidenden Durchbruch brachten zwei Pilotkurse, die zusammen mit Pädagogen entwickelt wurden und unter der Maxime standen: "System und Lehrer werden auf Herz und Nieren geprüft, nicht die Kursteilnehmer". Die übliche Schulsituation sollte bewußt vermieden werden. Alle Kurse sind auf zwölf Teilnehmer beschränkt, für die mindestens zwei Lehrer und sechs Bildschirmterminals zur Verfügung stehen. Sie finden während der normalen Arbeitszeit statt (täglicher Vollzeit-Unterricht), laufen über jeweils eine Woche und bieten sehr viel Raum für selbständige Übungen. Bisher wurden 60 Mitarbeiter im vollen Kursprogramm geschult - mit besten Ergebnissen, wie die Kommentare der Betroffenen zeigen. Keiner verfehlte das Kursziel. Und was zu beweisen war: Selbst 58jährige Mitarbeiter können sich zu profilierten EDV-Anwendern entwickeln.

Das Schulungskonzept sieht weiter vor, auch Betriebsratsmitglieder und Vorgesetzte in die Schulungen einzubeziehen, "damit sie wissen, welche Anforderungen auf ihre Mitarbeiter und Kollegen zukommen". Außerdem ist es eine Frage der Motivation für die Mitarbeiter, wenn auch die Entscheider mit dem Computer umgehen können und nicht nur darüber am grünen Tisch diskutieren.

Die HHLA zeigt ihr Lernprogramm auf der Systems - Stand des Projektträgers "Humanisierung des Arbeitslebens" (HdA, Halle 19, Stand E6/F7) Angelika G. Loewenheim