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22.02.1991 - 

Künstliche Intelligenz im gesellschaftlichen Kontext (Teil 3)

Die Gesamtheit menschlichen Wissens ist nicht simulierbar

Ein Teil mit Künstlicher Intelligenz befaßten Wissenschaftler hat sich vorgenommen, das menschliche Wissen von seinen biologischen Komponenten zu isolieren. Wenn dieses Vorhaben auch zum Scheitern verurteilt ist, so offenbart es doch, welch niedrigen Stellenwert diese Kl-Forscher dem Prinzip des Lebens einräumen.

Die Elite der KI-Gemeinde, zumindest die des amerikanischen Zweiges, hat lange Zeit behauptet, jeder Aspekt der menschlichen Erfahrung - eingeschlossen die Erfahrung des Menschseins - lasse sich in Form automatischer Berechnungen realisieren. Dieser Glaube ist das Kernstück des Dogmas, auf dem eine Argumentation basiert, wie sie Hans Moravec, Lehrbeauftragter an der Carnegie-Mellon-Universität, in seinem 1988 erschienenen Buch "Mind Children" vertritt.

Aus der oben aufgestellten Behauptung folgt relativ mühelos, daß Information die Essenz dessen darstellt, was den Menschen ausmacht. Und von hier aus ist es lediglich ein kleiner Schritt zu dem Schluß, daß sich die Information, die ein bestimmtes Individuum definiert, in einer klar umrissenen Nachricht verschlüsseln läßt, die auf den Computer übertragen wird und dann dieses Individuum ist. Wenn es dann darum geht, die menschliche Kultur für den Fall zu schützen, daß die menschliche Rasse vernichtet wird, bleibt nur noch die Aufgabe zu lösen, das Gedankengut großer intellektueller Kapazitäten - in erster Linie der KI-Forscher - in die elektronischen Gehirne von Robotern herunterzuladen.

Diese dem Menschen entsprechenden Maschinen müßten dann im entfernten Weltall verteilt werden, beispielsweise in fremden Galaxien. Daß der Tod eine menschliche Erfahrung ist, daß es gerade die Sterblichkeit der menschlichen Kulturträger ist, die jede menschliche Generation dazu zwingt, die überlieferte Kultur wiederzuerschaffen und ihr auf diese Weise neues Leben einnzuhauchen, scheint der KI-Elite nicht bekannt zu sein.

Glücklicherweise ist die KI-Gemeinde weit davon entfernt, Roboter mit dem Qualitätsanspruch zu produzieren, der offensichtlich benötigt würde. Aber hierbei handelt es sich lediglich um eine Schwierigkeit die mit einer großzügigen Infusion militärischer Gelder in die Robotik-Forschung behoben werden könnte.

Hans Moravec mutmaßt, daß Roboter, die "klug" genug sind, sich die Erde ohne Hilfe des Menschen untertan zu machen, in etwa 15 Jahren verfügbar sein dürften. Bis dahin täte die Menschheit gut daran, die derzeit drohenden Katastrophen aufzuhalten: den weltweiten Treibhauseffekt, den Atomkrieg, die den gesamten Erdball umspannende Umweltverschmutzung, den Hunger und dergleichen mehr. Danach hätte die Menschheit die ihr von der Natur zugedachte Aufgabe erfüllt - oder sollte ich besser sagen: die Aufgabe, die Gott der Menschheit übertragen hat? Wir würden dann unsere evolutionären Erben erzeugt haben.

Die Frage, die in vielen Rezensionen von "Mind Children" gestellt wird, ist die, ob dieses Schema jemals funktionsfähig gemacht werden kann. Nein, das ist unmöglich! Aber es stellen sich wesentlich gravierendere Fragen: Zum Beispiel, ob alle Aspekte der menschlichen Existenz auch nur vom Prinzip her in eine berechenbare Form gebracht werden können.

Über diese Frage wird in der KI-Gemeinde seit langem diskutiert. Das spiegelt sich beispielsweise in der Überlegung wider, in welchem Maße Computer in der Lage sein könnten, die menschliche Sprache zu "verstehen".

Ich habe lange Zeit die Position verteidigt, daß wir Menschen Sprachfragmente aufgrund unserer eigenen - ich würde sagen: gesamthaften - persönlichen Historie verstehen. Da keine zwei Menschen jemals dieselbe persönliche Geschichte haben, können sich zwei Leute niemals perfekt verstehen. Aber der Großteil unserer Erfahrung mit der Sprache anderer Menschen basiert auf einem gemeinsamen Kontext und richtet sich auf einen gemeinsamen Zweck. Und dieser gemeinsam erlebte Bereich ermöglicht es uns zu verstehen, was uns gesagt wird.

Die reine Idee einer sprachlichen Botschaft, die losgelöst von jedem Kontext steht und völlig jeglichen Zwecks entbehrt, ist eine Absurdität. Die Vorstellung, eine Nachricht hätte unabhängig von der Erwartungshaltung eines potentiellen Empfängers eine Bedeutung, ist gleichermaßen absurd

Ein entscheidender Bestandteil der Historie jedes einzelnen Menschen - und damit eine fundamentale Basis für die Kommunikation zwischen uns allen - ist dies: Jeder Mensch wurde von einer Mutter geboren, jeder Mensch hat primitive biologische Bedürfnisse, die von der Mutter oder einer Ersatzperson befriedigt wurden, und jeder Mensch hat einen Körper, der unvermeidlich für das Verstehen und das Wissen eine Rolle spielt.

Anatomie beeinflußt das menschliche Denken

Wie ich schon vor Jahren geschrieben habe: "Ein Mensch möge erfahren ... welches emotionale Erlebnis es bereits bedeutet, die Hand eines anderen Menschen zu berühren.... Der Erwerb dieses Wissens ist sicherlich nicht alleine eine Funktion des Gehirns; diese Erfahrung kann nicht einfach an ein bestimmtes Ziel im Gehirn übermittelt werden. Das hier involvierte Wissen ist teilweise sehr körperlich; und um es überhaupt erwerben zu können, ist es zumindest erforderlich, eine Hand zu haben.

Mit anderen Worten: Es gibt einige Dinge, die die Menschen nur erfahren können, weil sie einen Körper haben. Menschliche Gedanken sind nur in einem menschlichen Körper möglich. Die Anatomie des menschlichen Körpers, die Funktionsweise seiner Sinnesorgane, eigentlich all seine Eigenschaften beeinflussen das menschliche Denken.

Also muß ein Modell, das alle essentiellen Eigenschaften eines menschlichen Denkers haben soll, auch alle Eigenschaften des menschlichen Körpers haben. Nur wenn es diese Eigenschaften hat, ist es ein Mensch. FolgIich können die zahlreichen menschlichen Motivationen und Ziele, die ihren Ursprung in der biologischen Natur des Menschen haben, nicht das geistige Eigentum nichtmenschlicher Gedankenmodelle sein diese menschlichen Motivationen und Ziele vermögen Kunstprodukte gleich welcher Art nicht nachzuempfinden.

Deshalb gibt es Grenzen dessen, bis zu welchem Ausmaß Computer das menschliche Denken verkörpern, modellieren oder simulieren können. Ein Organismus, der keinen menschlichen Körper hat, kann die Dinge niemals in der selben Weise erfahren wie die Menschen. Jede symbolische Repräsentation des menschlichen Wissens muß einen Teil der Information verlieren, die für manche menschliche Ziele essentiell ist.

Diese Aussage erscheint mir als elementar. Und daraus folgt, daß nicht jeder Aspekt des Menschseins sozusagen berechenbar ist; deshalb ist das Programm von Moravec nicht realisierbar. Daß die KI-Elite glaubt, sogar Liebe, Schmerz, Freude, Kummer - also das gesamte Spektrum der zutiefst aufwühlenden menschlichen Erfahrung, des Gefühls und der Emotion - könnten in einem Kunstprodukt eingefangen werden, das über ein Computer-Hirn verfügt, beweist meiner Ansicht nach die Verachtung dieser Experten für das Leben, zumindest aber die Negation ihrer eigenen Erfahrungen.

Ist dies einmal verstanden, sollte es nicht weiter überraschen, den amerikanischen Philosophen Dan Dennett sagen zu hören: "Wir müssen uns von unserer Verehrung für das Leben befreien, wenn wir in der KI Fortschritte machen wollen.

Was motiviert Menschen dazu, in einem Projekt zu arbeiten, das letztendlich darauf abzielt, Maschinen zu kreieren, die gemäß ihrem Design das Reservoir der menschlichen Gene zerstört? Eine notwendige Konsequenz des Erfolges dieses Projektes wäre es - mit den eigenen Worten des Autors - daß "unsere DNA arbeitslos sein wird, da sie das evolutionäre Wettrennen an einen neuen Wettbewerber verloren hat".

Schweineprinzip auf die Moral angewendet .

Warum arbeitet jemand an der "Endlösung" des menschlichen Problems? Moravec selbst antwortete darauf kürzlich in einem Interview: "Das größte Element in meiner Evaluierungsfunktion dessen, ob Dinge gut oder schlecht sind, ist zu entscheiden, ob sie es ermöglichen, noch mehr Dinge zu tun: Wenn die Maschine mehr zu tun vermag, ... sollte sie nutzbar gemacht werden." Oder anders ausgedrückt: Mehr ist immer besser - das Schweineprinzip auf die Moral angewendet.

Aber in seinem Buch geht Moravec noch weiter. Er zitiert konkurrierende evolutionäre Zwänge, die auf die Gesellschaft und die Wirtschaft einwirken, und denen die USA selbstverständlich ebenfalls unterworfen sind. "Wir haben keine große Wahl, so Moravec, "wenn unsere Kultur lebensfähig bleiben soll."

Man überlege, wer mit dem "wir" in diesem Satz gemeint ist. Bedeutet "unsere Kultur" die Kultur der gesamten Menschheit oder lediglich "unsere"? Der Zweifel wird in demselben Abschnitt gelöst: "Wenn die Vereinigten Staaten einseitig die technologische Entwicklung stoppen müßten, würden sie sich entweder der militärischen Macht anderer Nationen oder dem wirtschaftlichen Erfolg ihrer Handelspartner ergeben.

Mit anderen Worten: Dieses Projekt hat eine wahrhaft kosmische Größenordnung; es geht um nichts Geringeres als die Unsterblichkeit der menschlichen Kultur, und verkündet wird nichts Geringeres als das Verschwinden des menschlichen Gen-Reservoirs - und dieses Projekt wird nahezu ausschließlich mit der Schutzbedürftigkeit der kommerziellen und militärischen Weltherrschaft der Amerikaner im ausklingenden 20. Jahrhundert gerechtfertigt! Ich sage "nahezuö ausschließlich, weil es auch darum geht, Geld zu machen.

Wie Moravec beobachtet: "Das Weltall ist bereits jetzt eine profitable Arena für die Besitzer von Kommunikations-Satelliten. In dem Maße, wie die Transportkosten geringer werden, beginnen auch andere Aktivitäten sich auszuzahlen: In Weltall-Fabriken können Rohmaterialien, die von der Erde oder von menschlichen Außenposten stammen, verarbeitet und dann gewinnbringend verkauft werden. Die eigentliche Arbeit übernehmen Maschinen Menschen überwachen sie." Im selben Zusammenhang schreibt Moravec über "immens lukrative Roboter-Fabriken" und über eine "Ausbeute, die die Investoren unglaublich reich machen könnte".

Aber ich glaube, es muß eine andere Erklärung für die Motivation der KI-Experten geben, absurde und unmögliche selbstmörderische Phantasien in eine Art von Realität zu konvertieren - auch wenn es sich nur um Bilder einer simulierten Welt ihrer eigenen Vorstellung handelt. Die KI-Elite (damit meine ich zum Beispiel Marvin Minsky, Professor of Science am MIT und ein Hohepriester der KI-Intelligenzia, sowie Hans Moravec und den gesamten höheren Klerus dieses Genre - übrigens alles Männer) arbeitet daran, Leben zu produzieren; künstliches Leben, um dies klarzustellen, 4 aber immerhin Leben, so wie diese Experten es sehen.

Das Leben in dieser Vorstellungswelt ist im Gegensatz zu den fragilen Schwächlingen, die von einer Mutter geboren wurden, perfekt. Es kennt keine Krankheit, ist hochintelligent, es denkt vom ersten Augenblick seines Seins an logisch und ist unsterblich. Die Erkenntnis drängt sich auf, daß hier Uterus-Neid der springende Punkt ist. Daß Männer behaupten, Leben erzeugen zu können, daß sie behaupten, besser sein zu können als Frauen, manifestiert die höchste männliche Hybris, das größte Kompliment an die Frauen - und gleichzeitig deren schändlichste Beleidigung.

Dieser Beitrag beschäftigt sich vorrangig mit "KI als Ideologie". Vielleicht sollte ich besser sagen: "Wissenschaft als Religion"; denn es möchte mir scheinen, daß die Wissenschaft zu einer Weltreligion geworden ist.

Die Wissenschaft trägt das gesamte Ornat einer institutionalisierten Religion: Ein Ort wie das Massachusetts Institute of Technology, meine eigene Universität, ist im Endeffekt eine Kathedrale dieser Religion. Professoren wie ich selbst sind die Priester, die großen Gurus wie Marvin Minsky, Herb Simon oder Allen Newell sind die Kardinäle. Natürlich fungieren die graduierten Studenten als Novizen, die man dazu zwingen kann, für einen vergleichsweise niedrigen Lohn vergleichsweise hart zu arbeiten.

Vielleicht ist es eines der Hauptcharakteristika einer organisierten Religion, daß "normale" Leute an ihre Lehren glauben, selbst wenn diese Lehren ihre intimen sinnlichen Erfahrungen verletzen.

Sie glauben einzig und allein aufgrund der Autorität der Priesterschaft an die Dogmen dieser Religion .

Auch falsche Ideen haben Macht

Die blinde Akzeptanz selbst der extremen Postulate der KI-Bewegung hat Konsequenzen und wird weitere haben. Die zerstörerischste von ihnen ist die wachsende Überzeugung der intellektuellen Elite in vielen Teilen der Welt, der Mensch sei in Wirklichkeit lediglich eine Spezies einer genialen Informations-Verarbeitungs-Maschine und somit auch nur eine Maschine.

Ideen - auch falsche Ideen - haben Macht. Die Vorstellung, die Juden seien eine Art von Ungeziefer, war mächtig genug, das "Land der Dichter und Denker" dazu zu bewegen, über die Morde an Millionenvon Menschen hinwegzusehen, oder sie gar zu unterstützen - Morde an Menschen, die in diesem Land und mit seinen Menschen gelebt hatten. Die Ideen, "das Gehirn ist lediglich eine Meat-Machine" (Marvin Minsky) und der menschliche Körper sei "nur Gelee" sind todtraurig und falsch. Trotzdem haben sie Macht. Sie sind die endgültige Reducto ad absurdum eines Weltblickes, der auf einer arrogant gepredigten und blind verehrten modernen Wissenschaft basiert.

Dabei muß klargestellt werden, daß "meat" im Englischen totes Fleisch bedeutet. Fleisch und Gelee sind tote Dinge, die verbrannt, gegessen, oder in den Müll geworfen werden können.

Das Gehirn ließe sich auch als eine Maschine charakterisieren die aus "flesh" besteht (im Englischen: lebendes Fleisch). Daß Minsky das Wort "meat" wählte, zeugt für den Verlust seiner Achtung vor dem Leben oder noch klarer von seiner Absicht, Menschen zu provozieren, die anders denken als er selbst. Es ist nicht überraschend, daß Wissenschaftler, die so verächtlich über das menschliche Leben sprechen, sich enthusiastisch der Implementierung eines Programms widmen, dessen höchstes Ziel es ist, ein "postbiologisches Zeitalter" herbeizuführen, in dem die DNA - also das menschliche Gen-Reservoir - keine Funktion mehr hat.