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18.08.2000 - 

Mobile Commerce

Die Grundidee hat Charme und Zukunft

Die Gartner Group sagt es deutlich: M-Commerce ist gleich E-Commerce hoch zwei. Andere erwarten, dass jeder zweite User, der sich künftig über die WAP-Handys in die virtuelle Shopping-Mall einwählt, zuvor noch keinerlei Kontakt mit dem Internet gehabt haben wird. Eindrücke aus der Branche hat Winfried Gertz* gesammelt.

Im Mobile Commerce steckt viel Phantasie. Während in Japan die Zahl der Handys bereits die Quote der installierten PC überschritten hat und sich weit mehr Italiener lieber mit ihrem "Telefonino" als über das Festnetz verständigen, soll auch hierzulande die Mobilität allen anderen Plauder- und Shoppinggewohnheiten das Wasser abgraben. Die Nachfrage überschlägt sich geradezu. Nach Angaben von Bernd Ostergaard, Analyst der Giga Information Group, sei in Europa bis Ende 2000 mit einem Absatzvolumen von 140 Millionen Handys zu rechnen - also fast halb so viel wie die gesamte Population von 310 Millionen Menschen. In Deutschland, England und Frankreich hat die Wachstumrate zwischen 1998 und 2000 von 60 auf 100 Prozent zugelegt. Damit übertrifft die europäische Expansionsquote die amerikanische bereits um das Dreifache. Angesichts WAP (Wireless Application Protocol), GPRS (General Packet Radio Service) und in wenigen Jahren auch UMTS (Universal Mobile Telecommunications Service), die ein Zigfaches an herkömmlicher Bandbreite und Geschwindigkeit versprechen, könnte für den Verbraucher bald eine schöne neue Zeit anbrechen.

Wer sich umschaut, was bereits an pfiffigen und durchaus praktikablen M-Commerce-Lösungen angeboten wird, kommt aus dem Staunen kaum heraus. Wie Amazon und E-Plus versprechen, kann man am Baggersee noch schnell ein Geburtstagsgeschenk ordern, über Fleurop dem Herzblatt einen Rosenstrauss zuschicken oder - wie die Materna GmbH und die Dortmunder Stadtsparkasse Ende Juli ankündigten - den täglichen Stau nutzen, um schnell ein paar Bankgeschäfte zu erledigen. Wer das nötige Kleingeld nicht zusammenkriegt oder sogar seine Kreditikarte vergessen hat, kann dank Paybox trotzdem Taxi fahren. Hat der Chauffeur der Paybox-Zentrale die Handy-Nummer des Fahrgastes mitgeteilt, erhält dieser eine SMS (Short Message Service), die er zusammen mit Codewort und Angabe des Rechnungsbetrags beantwortet. Allein in Frankfurt akzeptieren bereits 200 Droschken diese kundenfreundliche Abrechnungsmethode.

M-Commerce bietet noch weitere Varianten: Denn hat man neben dem Handy noch einen kleinen Laserpointer in der Tasche, können einem auch die Ladenschlusszeiten piepegal sein. Wie Toshiba unlängst auf der Expo demonstrierte, reicht dazu ein Sendeimpuls auf den mit kleinen Sensoren ausgestatteten Anzug oder auf das ultramoderne Surfboard, theoretisch also auf alle Produkte, die in hell erleuchteten Schaufenstern dem allzeit bereiten Kunden entgegenlachen. Der Empfang des codierten Laserstrahls löst eine Blitzreaktion aus - der Server schickt eine SMS zum Handy des registrierten Kunden, der die Order durch Eingabe seines vierstelligen Codes bestätigt. Den Rest erledigen die Heinzelmännchen in Materialwirtschaft und Logistik.

Zum Kreis der"early adopters" zählenDoch so einfach, wie es auf den ersten Blick scheint, ist es nun doch nicht. Keine Frage: Besitzer eines WAP-Handys sind daran gewöhnt, sich auf gewisse Störungen im Netzbetrieb und längere Wartezeiten einzustellen. Natürlich lassen sie es sich auch einiges kosten, zum respektablen Kreis der "early adopters" zu zählen. Doch was im Hintergrund abläuft, während sie ihr neues Spielzeug unbeirrt mit Befehlen füttern, ist schon eine technische Meisterleistung. Beispiel Fleurop: Hat sich der Kunde im Fleurop-WAP-Store identifiziert, einen passenden Strauß auf dem im Display erscheinenden Angebotsmenü ausgewählt und auf den virtuellen Bestellbutton gedrückt, baut das Handy die Verbindung zu einem WAP-Gateway auf, von wo die Nachricht ins Internet gelangt und den Application-Server des Fleurop-WAP-Stores ansteuert. Nun erfolgt die Bestellung an das SAP-System in der Fleurop-Zentrale, wo die eigentliche Auftragsvermittlung und -abrechnung automatisch abläuft. Via Extranet landet der Auftrag schließlich beim Floristen in der Nähe.

M-Commerce-Spezialisten wie die Berliner Condat AG sind kaum um Argumente verlegen, um den Nutzen der neuen Anwendungen herauszustreichen.

Mehr und vor allem besserer Service durch personalisierte Angebote, heißt es, würden Anbieter und Kunden eng zusammenschweißen. Und die Systeme arbeiten reibungslos. "Auf ein Minimum", ist Condat-Chef Pedro Schäffer überzeugt, würden sich die technischen Services dank Standardsoftware und Internet-Technologien beschränken. Die unlängst am Neuen Markt in Frankfurt mit beachtlichen Kurszuwächsen gestartete Firma hat nicht nur den Blumenkurier Fleurop ins mobile Business gehievt, sondern auch eine intelligente Anwendung für Berliner Studenten entwickelt. "Campus-Mobil-Handy" nennt sich das neue Projekt, an dem die Hochschule der Künste (HdK) und T-Mobil als Netzbetreiber ebenso beteiligt sind wie die Zentral- und Landesbibliothek (ZLB) und Primus Online (berlin.de) als Inhalte-Lieferant. Studenten können sich freuen: Um Prüfungstermine, Klausurergebnisse, die Verfügbarkeit bestimmter Buchtitel oder freie Computerplätze zu erfragen, braucht bald niemand mehr kreuz und quer über den Campus oder durch die Stadt zu laufen oder zu telefonieren. Ein Knopfdruck reicht, um die schnellste Verbindung im öffentlichen Nahverkehr zu einem bestimmten Ziel abzufragen, die Tankstelle mit dem billigsten Benzin zu ermitteln oder zu checken, wer bereits auf der Semesterabschlussfeier eingetroffen ist.

Kundenfreundliche AbrechnungsmethodenDoch noch müssen sich die WAP-Handys im GSM-Gewand durchs Netz quälen. Ab Mitte des nächsten Jahres soll dann mit GPRS, dem paketvermittelten Datendienst auf GSM-Basis, die Post abgehen. Die großen Hoffnungen über eine leistungsstarke Verbindung von Mobiltelefonie und Internet kommen nicht von ungefähr, schließlich erlaubt GPRS mit 40 Kilobit pro Sekunde eine - im Vergleich zu GSM - viermal schnellere Übertragungsgeschwindigkeit. Hinzu kommen neue, kundenfreundliche Abrechnungsmethoden: Gebühren werden nicht mehr nach Minuten, sondern nach übertragenen Datenmengen abgerechnet.

Ein großer Vorteil für die Kunden, wie die Frankfurter Marktforscher der Forit GmbH bei einer Umfrage unter Mobilfunknutzern ermittelten. Für fast alle ist die Senkung von Gebühren eine Grundvoraussetzung, um in den M-Commerce einzusteigen. Drei Viertel erwarten eine schnellere Verbindung. Mit der Einführung von GPRS wären somit auf Seiten der Netzbetreiber zentrale Anforderungen erfüllt. Forit-Geschäftsführer Christian Nolterieke: "Die Anbieter von Internet-Diensten geraten allerdings unter Zugzwang. Sie müssen ihren künftigen Kunden sichere Bezahlung (wie es sich 89 Prozent der Befragten wünschten) und einfache Bedienung (70 Prozent) garantieren."

Solche Ansprüche haben sich gewaschen. Kein Wunder, denn viele Mobiltelefonierer sind mit dem bisher gebotenen Leistungsspektrum von WAP alles andere als zufrieden. "WAP ist ein Flop", meint auch ziemlich unbeeindruckt der Bremerhavener Informatikprofessor Edgar Einemann. Er hat zahlreiche WAP-Seiten in Bezug auf Informationsgehalt, Interaktivität und Navigation unter die Lupe genommen. Dabei fiel ihm auf, dass weder Städte und Gemeinden noch Firmen und Privatpersonen überhaupt ein WAP-Angebot in nennenswertem Umfang aufgebaut haben.

Hatte Einemann doch etwas gefunden, fielen die Ergebnisse eher bescheiden aus. Bei einer Zimmerbuchung beispielsweise könne WAP das Versprechen eines hohen Komforts nicht einlösen. Stattdessen sei man mit einem unbequemen Eingabeaufwand konfrontiert. "Lieber wird man Zimmerkategorien von Hotels oder Reservierungszeiten in Restaurants wieder telefonisch aushandeln und nicht mehr umständlich per E-Mail organisieren", erwartet der Professor.

"Die Grundidee, das mobile Individuum in das weltweite Netz einzubeziehen, hat Charme und Zukunft", räumt Einemann ein. Dass die heute verfügbaren Endgeräte, Übertragungstechnologien und auch WAP dabei eine Schlüsselrolle spielen, hält er indes für weniger wahrscheinlich. "In fünf Jahren wird sich der mobile Internet-Nutzer gar nicht mehr an das WAP des Jahres 2000 erinnern", erwartet der Informatikfachmann. GPRS kann also ein entscheidender Schritt für die breite Durchsetzung von M-Commerce sein. Marktbeobachter wie die Giga Information Group sind sicher, dass viele Kunden erst am Handy ihre ersten Internet-Erfahrungen sammeln, also daheim gar keinen PC mit Web-Anbindung besitzen.

"Weihnachtsgeschäft hin oder her", argumentiert Forit-Chef Nolterieke, wolle man den "Goodwill" potenzieller Kunden nicht aufs Spiel setzen, sollten die millionenschweren Marketing-Kampagnen zeitlich so geplant werden, dass sowohl Endgeräte als auch M-Commerce-Angebote in der vom Kunden erwarteten Qualität zur Verfügung stehen. Die Zeit drängt, denn der Vormarsch breiter Bevölkerungsgruppen in den M-Commerce hat bereits begonnen. Wie die Gartner Group erwartet, sollen bis 2004 bis zu 50 Prozent aller Business-to-Consumer-(B-to-C-) Transaktionen über Handy erfolgen; dabei wird laut Durlacher Research der Wert der Mobilität Transaktionen bis 2003 auf rund 23 Milliarden Euro steigen. Forit schließlich rechnet für 2004 allein in Deutschland mit einem M-Commerce-Volumen von 13 Milliarden Euro. "80 Prozent aller in Deutschland genutzten Handys werden dann Internet-fähig sein", kalkuliert Nolterieke. "50 Prozent der potenziellen M-Commerce-Kunden haben aber keinerlei Internet-Erfahrung."

Ohne Handy scheint also nichts mehr zu gehen, oder doch? Wie man auf Einkaufswünsche der Verbraucher schon heute eingehen kann, zeigen zwei Beispiele. In Unterstedt, einer 800-Seelen-Gemeinde auf dem platten Land nahe Bremen, bietet sich nur der Tante-Emma-Laden an, sofern man nicht mit dem Auto zum nächsten Supermarkt fährt. Also installierten die Strategen von NCR und Edeka einen Einkaufs-Punkt, der online mit dem Supermarkt verbunden ist. Derzeit können Kunden ein Sortiment von etwa 3000 Produkten aus dem Supermarkt bestellen. Einmal pro Tag wird die Ware in den kleinen Laden geliefert - und zwar ohne Aufpreis, zumal der Dorfladen sowieso täglich bestückt werden muss. Das Personal im Supermarkt packt die Ware ein, liefert sie an den Dorfladen, wo sie vom Kunden abgeholt und auch bar bezahlt werden kann.

Beispiel Nummer zwei führt uns in die Metropole Frankfurt. Hier kriegt man zwar für Geld alles. Allerdings können auch in "Mainhattan" viele Verbraucher erst dann einkaufen, wenn die Geschäfte schon lange geschlossen haben. Nicht so im Trianonhaus, wo etwa 6000 Personen einen neuen Service testen, die "Shopping-Box". Auf den ersten Blick erinnert sie an die Schließfächer eines Bahnhofs - nur sind sie diesmal mit Kühl- oder Gefrierfunktionen ausgestattet.

Die Schließfächer sind per EC-Karte und Benutzernummer rund um die Uhr zugänglich. Bestellen kann man telefonisch, per Fax oder übers Internet. Bestückt wird die Shopping-Box von einem Lebensmittel-Lieferservice, einem Schuster, einer Parfümerie und einer Reinigung. Monatlich fünf Mark kostet die Nutzung, womit alle Liefergebühren abgegolten sind. Sollte sich das Konzept durchsetzen, könnte der Service bald in vielen großen Büro- oder Wohnhäusern zur Verfügung stehen.

*Winfried Gertz ist freier Journalist in München.

Abb:B-to-C: Wie sich der M-Commerce entwickelt. Quelle: Forit