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11.10.1991

Die High-Tech-Anbieter müssen umdenken: "Gleich ist gut"

George Shaffner Chief Operating Officer X/Open

Die Computerindustrie muß, will sie in den 90er Jahren ihre wirtschaftliche Gesundheit wiedererlangen, sich selbst reformieren und dem Wahlspruch der Open-Systems-Gemeinschaft folgen: "Gleich ist gut und verschieden ist schlecht." Das klingt einfach: Man einigt sich auf ein paar wichtige Standards, konzentriert die Entwicklungsarbeit auf die entscheidenden innovativen Technologien, wirbt mit Gemeinsamkeiten und rechtfertigt Abweichungen statt umgekehrt. Doch es kommt einer Revolution gleich.

Diese Revolution hat die High-Tech-Anbieter in eine Zwickmühle gebracht:

Für neue Anwendungen wird der aufgeklärte Kunde nur noch Produkte anschaffen, die von mehreren Anbietern bezogen werden können und/oder offiziellen internationalen Standards entsprechen. (Erfüllt ein Produkt beide Kriterien, ist es "offen".)

Aber High-Tech bedeutet nach wie vor Wettbewerb. Im Bereich der Grenztechnologien, wo Standards nicht angewandt werden können, ja dürfen, sind noch immer Innovation und Abgrenzung vom Wettbewerber die Erfolgskriterien.

Darüber hinaus beginnen die Kosten für den Ausbau von Forschung und Entwicklung davonzulaufen. Das ist angesichts der sinkenden Erträge aus den Verkaufszuwächsen der letzten Zeit ein drängendes Problem.

Der gesamte Markt hängt letztlich an einer Basis proprietärer Systeme im Wert von Billionen Dollar, mit hunderten von Betriebssystemen und Sprachen, mit Kommunikationstechniken und Dateimanagement.

Den Kunden fehlt das Geld , um Umrüsten. All ihre finanziellen Mittel fließen in neue Anwendungen, aber sie sind nicht in der Lage, diese selbst zu entwickeln; so werden siebzig bis neunzig Prozent ihrer Ressourcen dazu gebraucht, den Betrieb proprietärer Systeme aufrecht zu erhalten.

Dadurch sind die Kunden sehr vorsichtig geworden und der Teufelskreis schließt sich. Während die Abnehmer in Wartestellung gehen und aufgrund größerer Konkurrenz geringere Gewinnspannen zu erwarten haben, müssen die Anbieter zu gleich Altlasten weiter tragen und doch gleichzeitig schnell zu Innovationen kommen.

Bevor wir überlegen, wie die Anbieter diesen Teufelskreis durchbrechen können, wollen wir zunächst schätzen, um welche Beträge es hier eigentlich geht.

Während der 80er Jahre lagen die Zuwachsraten der High-Tech-Industrie regelmäßig um zehn oder mehr Prozent über dem durchschnittlichen Wachstum der Weltwirtschaft. Das ist anders geworden; die Wachstumskurve dieser Industrie ist, verglichen mit derjenigen der Weltwirtschaft, ziemlich flach. Und doch gibt es heute mehr Produkte, mehr neue und mehr faszinierende Produkte als je zuvor. Die Anbieterseite hat nicht geschlafen.

Das Problem muß also auf der Seite der Käufer zu finden sein. Aber der Aufholbedarf bei neuen Anwendungen ist nicht geringer geworden; eher größer, denn zum ersten Mal seit 20 Jahren kann sich das Geschäftsumfeld schneller ändern als die Computersysteme.

Womit wir es zu tun haben, ist eine "Nachfrageträgheit". Die Kunden, oder doch zumindest zehn Prozent von ihnen, nehmen eine abwartende Haltung ein, sie warten auf offene Systeme. Da High-Tech derzeit ein 500 Milliarden-Dollar-Geschäft ist, bedeuten zehn Prozent für die Industrie potentielle Jahresabschlüsse von über 50 Milliarden US-Dollar.

Und die Kurve geht noch weiter nach oben: Wenn zwischen 1985 und 1990 zehn Prozent des vorhandenen Marktes in Wartestellung gegangen sind, können es bis 1995 noch einmal so viele sein. Geht man zudem davon aus, daß die Zuwachsraten des vorhandenen Marktes weiterhin um zehn Prozent über dem durchschnittlichen Wachstum liegen, entgehen der Industrie dann jährlich Aufträge von etwa 150 Milliarden Dollar.

Die Industrie könnte also, wenn sie sich die Devise "Gleich ist besser als verschieden" zu eigen machen würde, zwischen 50 und 150 Milliarden Dollar mehr umsetzen. Und das wäre allemal Grund genug. Doch bevor wir sicher sein können, daß diese Summe ausreicht, um einen Billionen-Dollar-Fundus veralteter Systeme zu beseitigen, müssen wir untersuchen, was dafür getan werden muß - und was getan wird. Die Grundzüge einer Strategie Offener Systeme der Industrie sind folgende:

Standards und informelle Abmachungen parallel vorantreiben

Vierzig Jahre proprietäre Systeme haben zu Tausenden von technischen Nischen geführt. Irgendeine Reihenfolge zur Entwicklung von Standards nacheinander ist damit ausgeschlossen; sie wäre zu langwierig, und die Abwanderung der Kunden würde verheerende Ausmaße annehmen. Deshalb müssen offizielle Standards und Abmachungen der Anbieter gleichzeitig entwickelt werden.

Proprietäre Betriebssysteme standardisieren

Den Kunden fehlt jene Billion Dollar, die nötig wäre, um auf Offene Systeme umzustellen. Aber wenn ihre proprietären Systeme an internationale Standards angeglichen werden, könnten sie eine Migration in kleinen und bezahlbaren Schritten vollziehen und dabei schon beträchtlich von den Vorteilen Offener Systeme profitieren.

Wildwuchs bei Standardisierung und Innovation vermeiden

Würden sämtliche Systemumgebungen, Sprachen, Methoden der Telekommunikation und Dateiverwaltung standardisiert, hätten wir einen neuen Turmbau zu Babel; aber diesmal einen, der aufgrund der internationalen Zustimmung für alle Ewigkeit Bestand hätte. Und das wäre für Anbieter und Benutzer gleichermaßen eine Katastrophe.

Standardisierung und Innovation müssen auf eine begrenzte Anzahl konkurrierender Systemumgebungen und Subsysteme konzentriert werden. Nach unten wird die vertretbare Anzahl Alternativen durch die Mindestzahl konkurrierender Lösungen in einem voll entwickelten Markt begrenzt. Bei weniger als sechs Wettbewerbern in einem freien Markt droht die Gefahr, daß einer der Anbieter marktbeherrschend wird. Das würde der Entwicklung Offener Systeme zuwider laufen, also kann man vernünftigerweise von mindestens sechs Anbietern ausgehen.

Es wäre natürlich besser, konnte man zwei Dutzend oder mehr konkurrierender Alternativen im Markt unterstützen. Aber in den 90er Jahren des Computer-Zeitalters müssen konkurrierende Produkte interoperabel sein. Um 24 verschiedene Technologien interoperabel zu machen, bräuchte man 276 Soft- und/oder Hardware-Brücken - ein ganz neues Babel. Bei sechs Alternativen käme man dagegen mit nur 15 Verbindungen aus. Erscheint Ihnen diese Argumentation allzu theoretisch, dann sollten Sie mit der Zahl konkurrierender grafischer Benutzeroberflächen (GUI) vergleichen, oder mit den (ein oder zwei) standardisierten und den (je nach Ihrer Definition drei bis fünf) "gängigen" Systemumgebungen.

Vereinigungen bilden, um die Kosten von Forschung und Entwicklung sowie Markterschließung aufzuteilen

Als Beispiele seien genannt: Unix Software Laboratory und Unix International, The Open Software Foundation, ACE 88Open. Weitere Zusammenschlüsse sind zu erwarten.

Sich auf eine Standard-Spezifikation für offene Systeme einigen

Die Zahl der Produkte, die von verschiedenen Anwendern bezogen werden können, wächst rasch. Dasselbe gilt, entgegen anderslautenden Gerüchten aus der Industrie, für die Standards - trotz der ungeheuren technologischen und politischen Anpassungen, die jedesmal erforderlich werden, sobald ein neuer Standard verabschiedet ist.

"Das offene System" ist eine bewegliche Zielscheibe. Ein Produkt, das 1991 den Kriterien entspricht, genügt denselben schon 1992 nicht mehr.

Aber, welchen Kriterien überhaupt? Wenn diese Kriterien aus tausenden Seiten mit komplexem, technischem Text bestehen, verfaßt von den verschiedensten internationale Standardisierungsgremien in vielen Sprachen, wie soll da ein Anwender noch wissen können, ob ein System "Standard" ist oder nicht.

Die Antwort besteht aus zwei Teilen: Es muß eine einzige entwicklungsfähige, lebendige Definition eines Standard Systems geben. Und, jeder Anwender muß leicht entscheiden können, ob ein Produkt - nach den geltenden Maßstäben - "Standard" ist oder nicht.

Das ist die Aufgabe von X/Open. Die allgemeine Definition des Standards heißt Common Application Environment. Der Anwender kann sicher sein, daß ein Produkt "Standard" ist, wenn er einfach das X/Open-Gütesiegel verlangt.

Es ist ganz eindeutig, daß die Industrie - den unterschiedlichen Planungen von etwa tausend konkurrierenden Anbietern zum Trotz - einen vernünftigen Kurs steuert. Der Erfolg, mehr noch: die wirtschaftliche Gesundheit der Industrie, hängt von der gewissenhaften Befolgung der fünf Kernpunkte der hier beschriebenen Strategie ab.

Nur die Anwender sind stark genug, um dies in Gang zu bringen - durch den Einsatz ihrer Kaufkraft und den Einfluß, den sie im Xtra-Prozeß von X/Open ausüben können.

Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Carl Hanser Verlags aus unix/mail 9 (1991)