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13.08.2004 - 

Mischen Offshore-Dienstleister wie Wipro oder Infosys den Markt auf?

Die Inder kommen

Wie nahe Erfolg und Misserfolg oft beieinander liegen, wurde vergangene Woche wieder deutlich. Während das Management der Internet-Suchmaschine Google um den geplanten Börsengang an die Nasdaq wegen unerlaubt ausgegebener Aktien und Optionsscheine zittern musste, war das Initial Public Offering (IPO) des indischen IT-Dienstleister Tata Consultancy Services an der Börse in Bombay mehr als zehnfach überzeichnet. Das Unternehmen wurde damit auf einen Schlag zu Indiens größter börsennotierter IT-Company; das Going Public spülte umgerechnet rund 1,17 Milliarden Dollar in Tatas Kasse. Neben Geld gab es reichlich Publicity, was nicht weiter wundert in einer Zeit, in der es der IT-Industrie allgemein an Erfolgsstorys mangelt.

Die jüngsten Schlagzeilen über Tatas Börsengang lenken aber auch den Blick auf eine Entwicklung, die sich im IT-Servicemarkt schon länger abzeichnet. Zwar bauen viele westliche Softwareanbieter und auch Anwenderunternehmen unverändert ihre eigenen Offshore-Kapazitäten in Indien aus. Doch die dortigen Offshore-Spezialisten wie eben Tata, Satyam Computer Services, Wipro Technologys oder Infosys Technologies rüsten ihrerseits längst zur zweiten Phase der Eroberung der IT-Märkte Europas und Nordamerikas. Im Zuge von Tatas Börsengang hieß es noch zurückhaltend, man wolle als "public company" den eigenen Markennamen stärken. In Wahrheit geht es aber darum, sich ein weitaus größeres Stück als bisher vom Kuchen des weltweiten IT-Servicegeschäfts abzuschneiden.

Die Strategie von Tata, Wipro & Co. ist dabei identisch: Fast alle indischen Software-Dienstleister haben in den vergangenen beiden Jahren den Sprung zur Milliarden-Dollar-Company geschafft, glänzen mit einem jährlichen Wachstum von durchschnittlich 30 Prozent und Gewinnmargen von deutlich mehr als 20 Prozent. Jetzt wollen sie ihre ausländischen Kunden quasi vor deren eigener Haustür abholen, investieren entsprechend in den Ausbau lokaler Dependancen in Europa und den USA. Ein Schritt, der von einem deutlichen Wandel im Serviceportfolio begleitet wird: Groß und außerhalb des eigenen Subkontinents vor allem bekannt geworden mit klassischer Offshore-Programmierung, Application Maintenance oder teilweise profanem Body-Leasing, bieten die Inder jetzt auch immer häufiger Dienstleistungen wie aufwändiges Infrastruktur-Management, Product Design Services sowie zum Teil strategisches IT-Consulting an.

Sangita Singh, Chief Marketing Officer von Wipro Technologies, lässt die Entwicklung der vergangenen zehn Jahre so Revue passieren: Zu Beginn sei ihre Company "nur mit dem eigenen Preisvorteil hausieren gegangen", inzwischen habe sich jedoch bei immer mehr Kunden der Eindruck verfestigt, dass "wir auch Qualität abliefern". Dass damit offensichtlich ein entsprechender Geschäftserfolg einherging, freut die Wipro-Managerin nicht nur aus bilanzieller Sicht. Mit einem 36-prozentigen Plus bei den Einnahmen konnte ihr Unternehmen in seinem Ende März abgeschlossenen Geschäftsjahr 2004 einen Umsatz von 1,35 Milliarden Dollar verbuchen. Dadurch sei man, so Singh, auch nominell in die Liga der weltweit großen IT-Dienstleister aufgestiegen. Die Kunden wüssten spätestens jetzt, dass sie es bei Wipro "nicht mit einem Wald-und-Wiesen-Anbieter, sondern mit einer etablierten Firma zu tun haben".

Die Äußerungen Singhs decken sich zumindest mit aktuellen Statistiken und Prognosen von Marktforschern. So sind nach Angaben des indischen IT-Verbandes Nasscom im vergangenen Jahr die heimischen Softwareexporte und der Auftragswert der von auf dem Subkontinent angesiedelten Firmen abgewickelten Offshore-Projekte auf ein Volumen von ingesamt 12,5 Milliarden Dollar gestiegen - eine Summe, die sich bis 2008 auf rund 50 Milliarden Dollar erhöhen soll. Weit mehr als zwei Drittel ihrer Auslandsumsätze erwirtschaften Firmen wie Wipro und Tata allerdings nach wie vor mit Kunden in den USA.

Alle Statistiken sprechen für Indien

In Deutschland kam die Entwicklung, wie die Deutsche Bank in einer einschlägigen Untersuchung feststellt, trotz der öffentlichen Aufmerksamkeit bisher nur vergleichsweise schleppend in Gang. Das sei zum großen Teil sprachbedingt und auf die grundsätzliche Hemmung zurückzuführen, mit fremden Kulturen "geschäftlich intensiv zu kommunizieren", heißt es. Trotzdem erwarten die IT-Analysten von Deutschlands größtem Geldhaus auch hierzulande eine spürbar anziehende Offshore-Marktbelebung. Glaubt man ihren Prognosen, dürften hiesige Unternehmen bis 2008 den jährlichen Auftragswert von IT-Dienstleistungen, die sie in Offshore-Regionen vergeben, von derzeit rund 400 Millionen auf über 2,5 Milliarden Euro steigern.

Noch optimistischer ist die Meta Group. Die Experten dort gehen davon aus, dass schon mittelfristig rund 20 Prozent der IT-Budgets deutscher Großunternehmen in wie auch immer geartete Offshoring-Projekte fließen könnten. Schon bis Ende 2006 werden über 90 Prozent der deutschen Konzerne eine entsprechende Sourcing-Strategie implementiert haben. Überdurchschnittliches jährliches Wachstum von 40 Prozent und mehr sehen die Marktforscher vor allem in den Bereichen Application Management und Application Outsourcing - auch und gerade im, wie sie es nennen, "ERP-Backbone". Die quantitative und qualitative Expansion vor allem der indischen Offshore-Spezialisten fasst die Meta Group nüchtern mit den Worten zusammen: "Die größeren Offshore-Anbieter versuchen derzeit, sich in Deutschland sowohl als Partner für kleinere IT-Beratungsgesellschaften oder IT-Dienstleister als auch bei größeren Kunden mit einem erfahrenen lokalen Management- und Projektleitungsteam zu positionieren. In beiden Fällen sollen die Ressourcen in den Herkunftsländern für die Realisierungsarbeiten genutzt werden. Sobald die Vorteile der beiden Strategieoptionen greifen und eine kritische Größe erreicht wird, sollen die Beratungsressourcen stärker ausgebaut werden.

Wipros Marketing-Chefin Singh kleidet dies in die klare Botschaft: "Wir werden IBM, EDS oder Accenture auf längere Sicht Konkurrenz machen. Dazu müssen wir sie aber mit ihren eigenen Waffen schlagen. Das heißt, wir müssen unsere lokale Präsenz erhöhen, unser Branchen-Know-how erweitern, stabile Kundenbeziehungen aufbauen und eine starke Marke kreieren." Laut ihrer Darstellung beschäftigt Wipro bereits 1500 seiner weltweit 30000 Mitarbeiter in Europa, rund 40 Prozent davon in Deutschland - Tendenz steigend. Knapp 30 Prozent ihres Konzerumsatzes erwirtschaften die Inder schon auf dem alten Kontinent.

Mehr Aufwand für Vor-Ort-Präsenz

Ähnlich sieht es Dirk Hönig, als Principal Consultant einer der führenden Repräsentanten von Infosys Technologies in Deutschland. Seinen Angaben zufolge trugen die europäischen Infosys-Niederlassungen im zurückliegenden Geschäftsjahr rund 20 Prozent zum Gesamtumsatz bei - ein Anteil, der in den kommenden Jahren deutlich zunehmen dürfte. Das vermeintliche Erfolgsrezept, mit dem Infosys auch und gerade im deutschen Markt auftritt, entspricht dem der anderen indischen Player. Hönig: "Erstens investieren wir viel Zeit und Energie, um unsere Projekte bei bestehenden Kunden besser als erwartet abzuwickeln. Das beweist ihnen und der Branche, dass wir erfolgreich Offshoring mit hohen Qualitätsstandards verbinden. Zweitens stellen wir deutsche Experten ein, die den Kundenkontakt übernehmen und kulturelle Unterschiede ausgleichen helfen."

Inwieweit es jedoch zu einer essenziellen Verschiebung der Kräfte im IT-Servicemarkt kommen wird, bleibt dahingestellt. Viele Branchenkenner trauen den Indern einen Achtungserfolg zu - mehr aber auch nicht. Daran dürfte auch der eine oder andere größere Deal nichts ändern. So wird allgemein damit gerechnet, dass sich Anbieter wie Infosys und Wipro bei einem größeren europäischen IT-Dienstleister einkaufen oder diesen ganz übernehmen könnten. Doch an den ungleichen Größen- und damit Machtverhältnissen würde sich dadurch kaum etwas ändern. Ein Blick auf die aktuelle Umsatzstatistik verdeutlicht dies: So erzielte IBM Global Services im zurückliegenden Geschäftsjahr 2003 als unumschränkter Marktführer Einnahmen in Höhe von 45,5 Milliarden Dollar, EDS kam als Branchenzweiter auf 21,5 Milliarden Dollar, und selbst die unter Insidern oft als "Local Heroes" verspotteten Dienstleister T-Systems und Siemens Business Services (SBS) scheinen mit Jahresumsätzen von zuletzt 10,6 beziehungsweise 5,2 Milliarden Euro für die indischen Herausforderer noch unerreichbar zu sein. So betrachtet dürfte es, wie einige Experten vermuten, für Anbieter wie Wipro und Tata in erster Linie darum gehen, ihre Abhängigkeit vom US-Markt zu verringern und den zunehmenden Offshore-Aktivitäten der etablierten westlichen Konkurrenten etwas entgegenzusetzen.

Deutscher Markt wächst langsamer

Auch Jean-Christian Jung, Senior Consultant bei Pierre Audoin Consultants (PAC), rechnet nicht mit einer indischen Welle. Bei PAC geht man davon aus, dass in diesem Jahr der Markt für Offshore-Dienstleistungen in Deutschland insgesamt um 30 bis 35 Prozent wächst. Im Bereich Systemintegration dürften hierzulande zwischen 800 und 900 Millionen Euro auf Offshore-Projekte in aller Herren Länder entfallen, was rund sechs Prozent des Gesamtmarkts ausmachen würde. Das "obere Ende der Wertschöpfungskette" werde jedoch weiterhin die Domäne von Anbietern wie IBM oder Accenture bleiben, begründet Jung seine eher skeptische Einschätzung. Wipro und Konsorten müssten sowohl im Projekt-Management als auch im Consulting durch entsprechende Referenzprojekte erst noch zeigen, was sie können.

Wipro-Managerin Singh ficht solche Kritik nicht sonderlich an. Grundsätzlich gebe es, so Singh in Anspielung auf das zum Teil in ihrer Heimat angesiedelte Himalaya-Gebirge, immer "mindestens zwei Routen, einen Achttausender zu besteigen". Keine davon sei die "einfachere". Fest stehe für sie aber dreierlei. Erstens: Am Ende werden sich nur die "alten oder neuen Global Player" durchsetzen, als Nischenanbieter habe man im IT-Servicemarkt "so gut wie keine Chance". Zweitens: Wipro begann vor zehn Jahren seine globale Expansion mit einer Gewinnmarge von 55 Prozent, vor vier Jahren waren es 45 Prozent, und jetzt könne man immerhin noch 24 Prozent vorweisen. Kritikern empfehle sie daher stets, sich die Konkurrenz im Hinblick auf diese Kennziffer anzuschauen. Und last, but not least sieht Wipros Marketing-Chefin auch eine Analogie zur Entwicklung in der Automobilbranche. Amerikaner und Europäer würden, so ihre Einschätzung, heute keinen japanischen Toyota mehr kaufen, weil er billiger sei, sondern weil das Fabrikat "inzwischen eine anerkannte Premium-Marke ist".

Inder im Profil

Tata Consultancy Services (TCS)

www.tcs.com

Umsatz (2003/04e):

1,50 Mrd. Dollar

Nettogewinn (2003/04):

Keine Angaben

Mitarbeiter: 28000

TCS gehörte bis zum Börsengang zu 90 Prozent dem indischen Mischkonzern Tata Sons und ist das mit Abstand größte indische IT-Unternehmen. Die Company wurde 1968 als zunächst interner IT-Dienstleister der Tata-Gruppe gegründet und verfügt über besondere Branchenkompetenz in den Bereichen Banken, Versicherungen, Telekom, Transport, Einzelhandel, Pharma und Energie.

Infosys Technologies Limited

www.infosys.com

Umsatz (2004):

1,06 Mrd. Dollar

Nettogewinn (2004):

270,3 Mio. Dollar

Mitarbeiter: 25600

Infosys verfolgt die Strategie, neben dem traditionellen Offshore auch Onsite-Services, also Software-Implementierung und Systemintegration, anzubieten. Unter anderem hat Infosys das strategische Ziel ausgegeben, bis 2005 rund zehn Prozent seines Umsatzes in Deutschland zu erzielen. Zu den Kunden von Infosys gehören Goldman Sachs, Visa Card, Schlumberger etc.

Wipro Technologies

www.wipro.com

Umsatz (2004):

1,35 Mrd. Dollar

Nettogewinn (2004):

230 Mio. Dollar

Mitarbeiter: 30000

Wipro (West Indian Products) gilt als einer der Pioniere der indischen IT-Industrie. Wipro verfolgt ähnlich wie Infosys die Strategie, neben dem traditionellen Offshore zunehmend auch so genannte Onsite-Services anzubieten. Das Dienstleistungsangebot reicht dabei vom kompletten Produktdesign (etwa der Konzeption eines Auto-Navigationssystems) über den Bau von E-Business-Applikationen bis hin zum Infrastruktur- und Business-Process-Outsourcing.

Satyam Computer Services

www.satyam.com

Umsatz (2004):

566,4 Mio. Dollar

Nettogewinn (2004):

111,9 Mio. Dollar

Mitarbeiter: 15000

Auch Satyam gehört zu den großen indischen IT-Companies, definiert sich selbst als IT-Serviceleister und ist auf Softwareentwicklung, Infrastruktur-Management, Wartung und auf so genannte Package Implementation spezialisiert. Spezifische Branchenerfahrung existiert im SAP- und Oracle-Umfeld.

e = geschätzt / Quelle: CW/Deloitte & Touche

Abb: Offshoring-Standorte: Indien ist konkurrenzlos

Ungeteilte Sympathie: Was den indischen Subkontinent angeht, sind sich mehr als 100 von A.T. Kearney weltweit zum Thema Offshoring befragte Konzernchefs einig. Ansonsten präferieren europäische CEOs eher Osteuropa, während in den USA zunehmend China im Kommen ist. Quelle: Deutsche Bank/A. T. Kearney