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14.11.1975

Die Informatiker sind auf dem Weg in die Praxis

- Herr Prof. Claus, seit der Gründung des ersten Informatik-Instituts an deutschen Universitäten wurde von Herstellern und auch Anwendern der Vorwurf erhoben, das Ausbildungsziel "Diplom-Informatiker" ginge an der DV-Praxis vorbei. Halten Sie diesen Vorwurf für berechtigt?

Claus: Im Prinzip kann man diese Frage weder mit "Ja" noch mit "Nein" beantworten. Zum einen liegen noch nicht genügend Erfahrungen darüber vor, wie sich die Informatiker in der Anwendung bewähren, zum anderen sind die Hochschulen gebunden an die Kultusminister-Vereinbarungen, die im Jahre 1973 verabschiedet wurden und den Begriff "Diplom-Informatiker" klar umreißen. Hierin ist insbesondere der Anwendungsbereich nur in Form eines Nebenfachs vorgesehen während der Diplom-Informatiker selbst größtenteils eine mathematische Grundausbildung erhält, auf der die informatik-spezifische Ausbildung aufbaut.

- In einer jüngsten Stellungnahme des Ad-Hoc-Ausschusses "Ausbildung in der Datenverarbeitung" beim Bundesforschungsministerium wird ausdrücklich als Empfehlung festgehalten daß in allen Bereichen die DV-Ausbildung einschließlich der Informatik an den Hochschulen anwendungsbezogen sein sollte. Gibt es heute in der Praxis des Informatik-Studiums bereits Ansätze, solchen Überlegungen zu folgen?

Claus: An der Universität Dortmund verfolgen wir das Ziel, die Anwenderseite stärker als bisher üblich zu betonen. Zum einen bereiten wir integrierte Studiengänge vor und wollen diese in den nächsten Jahren experimentell testen. Zum anderen haben wir in das Studium der Informatik sogenannte Projektgruppen eingebaut, in denen wir uns mit Problemen auseinandersetzen, die in der Anwendung effektiv auftreten können. Als Beispiel nenne ich eine Projektgruppe über Rechnerkopplung und eine Projektgruppe, die sich mit dem Erstellen eines Auskunftssystems für die Bundesbahn über ein Jahr lang beschäftigt hat. Wir glauben, hierdurch den Anwendungsaspekten und den spezifischen Besonderheiten des Informatikers in der Praxis Rechnung tragen zu können.

- Herr Prof. Mühlbacher, wie ist Ihre Ansicht zu den hier grundsätzlich angeschnittenen Problemen?

Mühlbacher: Ich bin der Auffassung, daß die Forderung nach Ausbildung in den Anwendungen sehr oft dahingehend mißverstanden wird, daß man verlangt, Studenten müßten mit Software eines bestimmten Herstellers ganz spezifisch vertraut gemacht werden, oder daß man Studenten in einem wohldefinierten Anwendungsgebiet und ausschließlich in demselben auszubilden hat. Ich bin der Ansicht, daß es eine Hauptaufgabe der Informatik-Ausbildung an den Universitäten ist, grundsätzliche Techniken, die in verschiedenen Anwendungsgebieten von Bedeutung sind, herauszuarbeiten und diese Techniken zu vermitteln. Es ist natürlich klar, daß die praktische Handhabung dieser Techniken dann nur am konkreten Problem geübt werden kann. Aber genau dazu zwingen die vorhin erwähnten Projektgruppen.

- Glauben Sie als Informatiker, daß Software-Probleme der Zukunft so objektiviert, so normiert werden können, daß sich das Bild der Software-Mitarbeiter im DV-Bereich auf der Anwendungsseite grundsätzlich ändert? Wird der Software-Mitarbeiter der Zukunft generalisierte Methoden beherrschen müssen? Gehört damit die Ausbildung von DV-Mitarbeitern, bezogen auf bestimmte Produkte, der Vergangenheit an?

Mühlbacher: Im großen und ganzen kann man diese Frage mit "ja" beantworten. Ich bin der Überzeugung, daß die Informatik sich als Wissenschaft eben genau nur dann halten kann, wenn es ihr weiter gelingt, allgemeine Techniken herauszuarbeiten. Könnte sie das nicht, wäre es angebrachter, den einzelnen Anwendern im Einzelfall die Ausbildung zu überlassen. Man darf natürlich bei dieser grundsätzlichen Betrachtung nicht in den Fehler verfallen, sich auf esoterische und abstrakte Betrachtungen allein zu versteifen, sondern man muß dann darauf achten, daß konkrete Probleme auch angepackt und gelöst werden.

Claus: Hierzu möchte ich noch eine Ergänzung machen: Die Informatik ist zur Zeit erst etwa 15 Jahre alt und es existieren bisher noch relativ wenig allgemeine Methoden - jedoch kristallisieren sich allgemeine Grundlagen heraus. Die Personen, die wir an der Universität ausbilden, werden noch 30 bis 40 Jahre im Berufsleben sein, also wesentlich länger als bisher die Informatik überhaupt existiert. Wir müssen diesen Personenkreis so ausbilden, daß die Absolventen sich noch nach dem Jahre 2000 der Entwicklung anpassen können, die wir bisher kaum überschauen. Und dies gilt insbesondere auch für die nichtakademischen Berufe.

- Ich danke für das Stichwort. Welchen Einfluß wird die Informatik von

heute in der Zukunft auf das DV-Ausbildungswesen in allen nachgeordneten Bildungsangeboten des öffentlichen Schul- und Ausbildungswesens haben können?

Claus: Vorwiegend betrifft dies aus meiner Sicht den schulischen Bereich. Ich bin der Ansicht, daß bereits in der Sekundarstufe I grundlegende Konzepte der Informatik vermittelt werden müssen, auf denen dann in der Sekundarstufe II oder an berufsbildenden Schulen speziellere Methoden aufbauen können. Das bedeutet aber, daß wir unseren Absolventen moderne Konzepte insbesondere im Hinblick auf Grundlagen-Orientierung vermitteln müssen, damit sie - wie ich es eben schon sagte - die nächsten 30, 40 Jahre gut überstehen können.

- Wenn das Profil des DV-Mitarbeiters, insbesondere des Software-Mitarbeiters, in Zukunft so sehr anders sein wird, glauben Sie, daß dann bereits hier und heute Konsequenzen gezogen werden müssen in dem DV-Ausbildungsbereich, der der Universität nachgeordnet ist? Sind Sie vielleicht sogar der Meinung, daß es gilt, Fehlentwicklungen zu stoppen?

Mühlbacher: Zunächst bin ich der Ansicht, daß die Konsequenzen auf alle Fälle schon gezogen sind - jedenfalls von der Sicht des Ausbildungszwecks an den Universitäten -, indem eine deutliche Akzentuierung der Anwendung durchgeführt worden ist. Was die zweite Frage betrifft, so ist es natürlich immer eine vornehme Aufgabe, Fehlentwicklungen zu verhindern.

- Hier und heute wird ja Datenverarbeitung immer noch in erster Linie als ein Problem der kommerziellen Anwendungen gesehen und Mitarbeiter im Bereich der Datenverarbeitung sind im Regelfalle Beschäftigte der Wirtschaft. Es läßt sich aber beobachten, daß die Datenverarbeitung zunehmend Bedeutung gewinnt im Bereich der öffentlichen Verwaltung. Hier können, wie das Datenschutzgesetz und die dahinterstehenden Gedanken beweisen, besondere Gefahren auftauchen. Glauben Sie, daß das mit Hilfe der Informatik in Zukunft qualifiziertere DV-Personal dazu beitragen kann, Gefahren zu vermindern, die mit dem Begriff Datenschutz umschrieben sind?

Claus: Es gibt sicherlich qualifiziertere Wissenschaftler, die sich zu diesem Thema äußern können. Zweifellos aber kann eine bewußtere Ausbildung in der Informatik diese Gefahren mindern helfen. Wir haben im Rahmen der Jahrestagung der Gesellschaft für Informatik auf einer Podiumsdiskussion hierzu interessante Meinungen gehört.

- Wir begannen unser Interview mit dem Thema "Kritik" an der Informatik. Ich habe den Eindruck gewonnen daß Sie sich diesen Schuh nicht anziehen. Meine Frage dazu: Glauben Sie, daß Sie als Wissenschaftler, als Informatiker, an der Universität Dortmund das Richtige zur richtigen Zeit tut?

Mühlbacher: Das weiß ich nicht. Es wurde auch schon vorher festgestellt, daß man bestimmte Phänomene in der Informatik noch nicht in allen Konsequenzen überblicken kann. Dasselbe gilt daher auch für die Ausbildung. Was man sagen kann, ist, daß wir hier in Dortmund - genauso wie wohl alle anderen Hochschullehrer in allen anderen Ausbildungsstätten auch - das Beste zu tun versuchen und jederzeit begründeten Vorschlägen zugänglich sind.

Claus: Man sollte noch hinzufügen, daß wir an den Hochschulen die langfristige Entwicklung im Auge behalten müssen. Bedauerlicherweise sind meiner Kenntnis nach neueste Entwicklungen an den Universitäten in der Wirtschaft nur selten bekannt, woraus sich vielleicht der für meine Begriffe nicht sehr begründete Vorwurf der praxisfernen Ausbildung an den heutigen Hochschulen ergibt.