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Staat investiert zu wenig in Bildung

"Die Infrastruktur an einigen FHs ist Schrott"

06.02.1998

CW: Wie ist die Lage an den Fachhochschulen? Wo drückt die FH-Informatiker der Schuh am meisten?

Bischoff: Hier sind mehrere Punkte aufzuführen:

1. Ein besseres Verhältnis Bewerber zu Studienplatz würde die Qualität der Studierenden erhöhen. Das wäre wünschenswert. Glücklicherweise nimmt die Bewerberzahl wieder zu.

2. Die Fachhochschulen und insbesondere die Informatik an Fachhochschulen haben keine personelle Infrastruktur. Deshalb fehlt eine Weiterbildungsperspektive für unsere Topabsolventen, die der Lehre, der angewandten Forschung und dem Know-how-Transfer zugute käme.

3. Neben den Mängeln in der personellen ist die sachliche Infrastruktur inzwischen, sagen wir es ruhig, an einigen Fachhochschulen Schrott. Nehmen wir als Beispiel unsere Hochschule. Hatte unser Fachbereich vor einigen Jahren noch einen Haushalt in der Größenordnung von 200000 Mark, so sind es heute nur noch 60000 bis 80000 Mark. Dies gilt tendenziell bundesweit.

CW: Besonders wurmt Sie, daß eine Verkürzung der Diplomarbeitszeit verlangt wird. Was ist daran so schlimm?

Bischoff: Zur Ist-Situation: Bei 60 bis 70 Prozent der Informatikstudiengänge an Fachhochschulen haben wir laut Prüfungsordnung eine Diplomarbeitsdauer von sechs Monaten. An weiteren 20 bis 30 Prozent von fünf Monaten; der Rest hat vier oder drei Monate. Die von der Ministerialbürokratie, in diesem Fall die Kultusministerkonferenz (KMK), diktierte Diplomarbeitsdauer soll in Zukunft nur drei Monate sein. Es kann zwar Ausnahmen für Arbeiten in der Praxis geben. Wir, der Fachbereichstag Informatik, sind jedoch der Meinung, daß in einer Diplomarbeitsdauer unter sechs Monaten eine umfassende, projektorientierte Arbeit nicht möglich ist. Man sollte diese Entscheidung dem Fachbereich überlassen und nicht regulieren.

Um Ihnen die Denkweise der Ministerialbürokratie zu verdeutlichen, will ich folgendes Beispiel anführen: Unsere Forderung nach prinzipiell sechs Monaten wurde pariert, indem man sagte: "Sie wollen eine Qualität erzeugen, die das Studium nicht hergibt." Eine schlimmere Einstellung kann man sich gar nicht vorstellen.

CW: Bisher ist man es gewöhnt, von wissenschaftlichen Einrichtungen Klagen und Forderungen zu hören. Wie sehen denn die Verbesserungsvorschläge aus?

Bischoff: Bezogen auf die Fachhochschulen ist das sehr schnell zu sagen, wenn leider heute auch weniger schnell zu realisieren: Wir sind eine amputierte Hochschule, das heißt, wir können uns im Wettbewerb mit inländischen und ausländischen Hochschulen nicht vergleichbar entwickeln, denn es fehlt zum einen die personelle und sachliche Infrastruktur, zum anderen die Weiterqualifikationsmöglichkeit für unsere besten Studenten.

Was hilft es unserer Lehre und unserer angewandten Forschung, wenn unsere Top-Absolventen heute sehr mühselig an der Universität beziehungsweise unter deren Regentschaft promovieren müssen. Warum soll eine praxisorientierte Promotion in Zusammenarbeit mit der Wirtschaft und unter der Verantwortung der FH nicht möglich sein? Für die Ministerialbürokratie ist das klar: Das geht nicht. Ihr Bildungsbegriff stammt aus dem vorigen Jahrhundert.

Wir brauchen die völlige Gleichberechtigung. Dies gilt auch für die angewandte Forschung und die Randbedingungen dafür: Hier tun ganz besonders die 18 Semesterwochenstunden Unterricht weh.

CW: Es wird darüber diskutiert, Abschlüsse aus dem anglo-amerikanischen Sprachraum einzuführen, um mehr Ausländer zu einem Studium in Deutschland zu bewegen. Sie sind da eher skeptisch. Warum?

Bischoff: Der Entwurf des Hochschulrahmengesetzes (HRG) sieht vor, daß auch an Fachhochschulen Bachelor- und Master-Studiengänge eingerichtet werden können. Doch hier geht es schon los mit der Frage der Chancengleichheit. Das universitäre Diplom darf einem Master gleichgesetzt werden, das Diplom an einer Fachhochschule nicht. Das schlägt auch die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) vor. Die vorgesehene Dauer in dem HRG-Entwurf beträgt für den Bachelor drei bis vier Jahre und für den Master vier bis fünf Jahre. Eine Gleichsetzung Master = Diplom (vier Jahre) und die entsprechende Vergabe wären also möglich, werden aber explizit ausgenommen.

Ich glaube nicht, daß beispielsweise ein Asiate, wenn er den Bachelor oder Master machen will, diese aus dem Anglo-amerikanischen stammenden Abschlüsse ausgerechnet in Deutschland machen wird. Er geht ins Originalland, das heißt nach USA oder England. Eine Vergrößerung des Anteils von ausländischen Studenten erwarte ich nicht, allenfalls eine bessere Anerkennung unserer Abschlüsse bei richtiger Gleichsetzung.

CW: Wie ließe sich dieser erreichen?

Bischoff: Ich glaube, viel wichtiger ist, daß sich die deutschen Hochschulen fachlich profilieren können und dies auch per Werbung in die Öffentlichkeit tragen. Erlauben Sie mir, ein Beispiel zu geben. Das ehemalige Technikum in Mittweida (später Ingenieurhochschule, heute Fachhochschule) war um die Jahrhundertwende die führende internationale Ausbildungsinstitution für Techniker und Ingenieure in Deutschland. Die Qualität war phantastisch, sie wurde aber auch vermarktet. Sie finden in fast jedem Reiseführer und in jeder illustrierten Zeitung aus jener Zeit ganzseitige Anzeigen des Technikums Mittweida. Würde das heute eine Hochschule machen, würde ihr Geldvergeudung vorgeworfen. Macht sie es im Internet, ist das im Moment noch relativ billig. Internet-Seiten zu pflegen und professionell zu gestalten kostet aber sehr, sehr viel Zeit und auch Geld. Ein weiterer Punkt macht dem Fachbereichstag Informatik große Sorgen. Die Hochschulrektorenkonferenz hat am 10. November 1997 mit den Stimmen der FH-Rektoren Änderungsvorschläge zum HRG gemacht.