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10.09.1993

Die jetzige DV-Krise hat das Musterlaendle hart getroffen Nur SAP stellt noch in grossem Stil ein

Noch vor kurzem das Bundesland mit den besten Konjunkturdaten, meldet Baden-Wuerttemberg heute einen Arbeitslosenrekord nach dem anderen. Die Krise hat, wie Heidrun Haug* zeigt, gleich drei Branchen schwer erwischt: den Automobilbau, die Maschinenhersteller und die Anbieter von Hard- und Software. Nicht nur Grossunternehmen wie IBM,

sondern aufgrund ihrer Abhaengigkeit auch viele kleine Zulieferer und Dienstleistungsunternehmen sind in Bedraengnis geraten. Truebe Aussichten besonders fuer aeltere Informatiker und den DV-Nachwuchs sind die Folge. Viele Mitarbeiter Kleben duckmaeuserisch an ihren Stuehlen. Andere suchen gewerkschaftliche Rueckendeckung.

*Heidrun Haug ist freie DV-Journalistin in Tuebingen.

Gottfried hat vor einem Jahr sein Wirtschaftsinformatikstudium, Fachrichtung Maschinenbau, an der Fachhochschule Konstanz abgeschlossen. Seither sucht er im Suedwesten vergeblich nach einer Stelle, die seiner Qualifikation entspricht. Rund zwanzig Bewerbungen hat er inzwischen abgeschickt - ueberall Fehlanzeige. "Mit Bedauern" schicken die Firmen die Bewerbungsunterlagen zurueck: "Wir stellen zur Zeit niemanden ein", heisst es

lapidar.

"Als ich 1989 mit dem Studium anfing", blickt der arbeitslose Nachwuchs-Informatiker zurueck, "boomte es in Baden-Wuerttemberg. Jeder sagte mir: Mit Informatik und Maschinenbau hast du ausgesorgt." Und heute? Weder Hard- und Softwarehersteller noch Maschinenbauer schreiben freie Stellen aus. "Manchmal ueberlege ich mir, ob sich die Investition in das Studium ueberhaupt gelohnt hat." Zwar bewirbt sich der bodenstaendige Schwabe inzwischen bundesweit, doch seine groesste Befuerchtung bleibt: Angesichts des rasanten technischen Fortschritts koennte sein frisch erworbenes Wissen in ein bis spaetestens zwei Jahren ueberholt sein.

Den jungen Akademiker hat die Konjunkturentwicklung doppelt hart getroffen. Zum einen spuert er die allgemeinen Auswirkungen der Computerkrise, zum zweiten schlaegt sich auch noch der Niedergang der baden-wuerttembergischen Leitbranchen Werkzeugmaschinen- und Automobilindustrie voll auf sein Anwendungsgebiet nieder. Doch die Aussichten fuer DV-technischen Nachwuchs - und nicht nur diesen - sind im einstigen Musterlaendle, dessen Ex-Ministerpraesident Lothar Spaeth so stolz auf das angesiedelte High-Tech-Potential und den innovativen Mittelstand war, insgesamt sehr schlecht geworden.

Monat fuer Monat meldet das Landesarbeitsamt in Stuttgart neue Rekordzahlen beim Anstieg der Arbeitslosigkeit. Noch nie in der Geschichte des Suedweststaates gab es so viele Erwerbslose: 298 800 waren es im Juli 1993 - 100 000 mehr als im Vorjahr. Das entspricht einer Quote von 6,7 Prozent. Der Anstieg der Arbeitslosigkeit sei noch schlimmer ausgefallen als befuerchtet, sagte der Praesident des Landesarbeitsamtes Otto-Werner Schade bei der Bekanntgabe des Monatsberichts.

Allein im Bereich Elektrotechnik, wozu auch die Hersteller von DV-Komponenten zaehlen, verloren im Monat Juli 3000 Maenner und Frauen ihre Arbeit. Das waren 188 Prozent mehr als im Vormonat. Erstmals haetten sich auch viele Absolventen von Fachhochschulen und Universitaeten arbeitslos gemeldet, weil die Firmen vor der Urlaubszeit kaum jemanden einstellten.

Grund fuer die Entwicklung ist ein drastischer Rueckgang bei den Umsaetzen. Stiegen die DV-Erloese in Baden-Wuerttemberg 1991 sprunghaft um 32 Prozent auf einen absoluten Hoechststand von 6,1 Milliarden Mark an, erwartet das IMU-Institut in seinem derzeit erarbeiteten Standortbericht fuer 1992 bereits einen leichten Rueckgang und fuer 1993 dann den grossen Einbruch. "Rabenschwarz", gepraegt von einem kraeftigen Stellenminus, sieht laut IMU- Statistiker Frank Iwer die Entwicklung in diesem Jahr aus.

Stuttgarts groesster DV-Hersteller IBM sorgte durch massiven Stellenabbau fuer die negativsten Schlagzeilen im Computerbereich. Um 2100 Beschaeftigte schrumpfte die deutsche Tochter des Computerriesen, die frueher jaehrlich immer gut 200 Neueinstellungen vornahm, bereits im vergangenen Jahr, weitere 3500 Stellen fallen bis Ende 1993 weg. 45 Prozent der deutschen IBMer arbeiten im Umfeld der Stuttgart-Vaihinger Hauptverwaltung.

Dass die lokalen Arbeitsaemter dennoch vom Arbeitsplatzschwund bei der IBM direkt wenig bemerkten, liegt an der angewandten Bluemschen Vorruhestands-Regelung, die bis Ende 1992 fuer aeltere Arbeitnehmer galt und den Arbeitsmarkt entlastete. "Bislang gehoeren DV- Spezialisten noch nicht zu unseren Problemgruppen", konstatiert Reinhard Wolkenstein vom Boeblinger Arbeitsamt. Sofern sie sich mobil zeigten und beispielsweise einen Arbeitsplatz im Raum Muenchen akzeptierten, seien Softwerker sehr gut zu vermitteln. Schwieriger sei es bei Hardwareleuten, die es jedoch "zum Glueck nur selten" gaebe.

Mit wachsender Sorge indes beobachten Landes- und Kommunalpolitiker, dass der Schrumpfungsprozess bei der IBM weitergeht. Laut Beschluss aus Armonk sollen zusaetzlich zu den fuer 1993 weltweit geplanten Entlassungen von 50 000 Mitarbeitern weitere 35 000 Stellen abgebaut werden. Statistiker Iwer befuerchtet, dass aufgrund der Umstrukturierungen der Sindelfinger Produktionsstandort, wo unter anderem der 4-Megabit-Chip gebaut wird, fuer die IBM technologisch nicht mehr interessant sein koennte: "Wenn es zu dieser Worst-case-Entwicklung kommt, stehen 4 000 Arbeitsplaetze zur Disposition."

Die IBM-Krise hat aber heute schon gravierende Auswirkungen auf die baden-wuerttembergische DV-Szene. Rund zwei Dutzend Softwarehaeuser, die auf proprietaeren IBM-Plattformen Anwendungen entwickelten, mussten bereits Konkurs anmelden. Darunter nicht nur kleine und kleinste Programmierbueros mit einer Handvoll Beschaeftigten. Auch respektable Haeuser mit 100 und mehr Mitarbeitern sind darunter.

Die bis Ende 1992 in Kemnat bei Stuttgart ansaessige Stark Systemtechnik GmbH beispielsweise stellte 15 Jahre lang Betriebsdaten- und Zeiterfassungssysteme auf IBM-Basis her und galt mit zirka 300 Kunden in dieser Marktnische als eine Marktgroesse. Doch die kostspielige Portierung der Software auf die offenere AIX-Welt hat das einst 100 Mitarbeiter starke Unternehmen in die Klemme und schliesslich zum Konkursrichter gebracht. Die Rechte an der Software gingen an die Stuttgarter Straessle Informationssysteme GmbH, die auch die uebriggebliebenen 75 Mitarbeiter uebernahm.

Andere Belegschaften wie die der Markwart Polzer GmbH in Fellbach, mit ueber 100 Beschaeftigten im PPS-Markt und als IBM- wie HP-Vertriebspartner taetig, oder Bold & Partner mit AS/400- Kundenloesungen hatten weniger Glueck. Sie muessen sich am freien Arbeitsmarkt nach einer neuen Beschaeftigung umschauen. "Wenn sich nicht ganz schnell die Auftragslage aendert", schaetzt Straessle- Geschaeftsfuehrer Wolfgang Dietrich, "werden sich die Konkursfaelle mehren."

Dann sieht es fuer den regionalen DV-Arbeitsmarkt duester aus. Denn aufgefangen durch prosperierende Informatikunternehmen in der Region wird der Stellenabbau kaum. SNI reduziert den Standort Stuttgart seit Jahren. Ikoss hat, obgleich mit dem grossen franzoesischen Softwarehaus Sligos im Ruecken, den Personalstand eingefroren. Das Daimler-Systemhaus Debis ist laut Personalabteilung "froh, wenn jeder Mitarbeiter auch beschaeftigt werden kann".

Viele haben damit zu kaempfen, dass durch die Flaute Investitionen verzoegert werden oder eine ganze Klientel verschwindet. Die Stuttgarter Geschaeftsstelle des Beratungshauses

Ploenzke AG beispielsweise hat frueher ein Drittel des Projektgeschaefts mit der IBM, ein weiteres Drittel mit Daimler gemacht. "Zwei Drittel des Geschaefts sind uns voellig weggebrochen", sagt Geschaeftsstellenleiter Arnd

Paehlig.

Nur eine voellig Neuorientierung konnte verhindern, dass die Dependance geschlossen wurde. Heute sind in Stuttgart 90 Personen "gut beschaeftigt". Doch fuer Neueinstellungen reicht es nicht, "hoechstens, wenn Topexperten anklopfen", sagt Paehlig.

Auch kleinere Haeuser wie die Eigner i Partner GmbH in Karlsruhe, die mit modernen, offenen CIM-Loesungen sogar internationales Renommee hat, achten darauf, dass die Kosten nicht steigen. Firmensprecher Hartmut Petters: "Uns flattern jede Woche teils sehr interessante Bewerbungen auf den Tisch. Wir stellen derzeit aber grundsaetzlich niemanden ein."

Selbst Hewlett-Packard, zweitgroesstes Computerunternehmen im Laendle mit recht positiven Geschaeftsergebnissen, wird 1993 per saldo keine neuen Stellen schaffen. "Angesichts der allgemeinen Konjunkturlage und des Kostendrucks planen wir vorsichtiger und konzentrieren uns klar auf Massnahmen zur Produktivitaetssteigerung", gibt Firmensprecher Michael Klug Auskunft.

Fanden frueher zwischen 150 und 200 Hochschulabsolventen pro Jahr bei HP einen Arbeitsplatz, werden es heuer weniger als 50 sein. Auch fuer das neue Leiterplattenwerk werden keine Bewerber von aussen eingestellt, den Mehrbedarf an zirka 150 neuen Arbeitsplaetzen will man durch interne Umsetzungen decken.

Die einzige grosse Ausnahme in Baden-Wuerttemberg ist gegenwaertig die Walldorfer SAP AG. Durch die Entwicklung einer neuen Generation von Standardsoftware hat das weltweit taetige Softwarehaus seine Personalkapazitaeten sprunghaft erhoeht. 1992 stellte das Unternehmen knapp vierhundert neue Mitarbeiter ein, im ersten Halbjahr 1993 sind es auch schon wieder ueber 200.

"SAP zieht junge Informatiker, aber auch erfahrene Berater und Vertriebsleute derzeit an wie ein Magnet", stoehnt Wolfgang Fuerniss, Leiter Personal- und Sozialwesen, angesichts eines Berges von rund 700 Bewerbungen Monat fuer Monat - mit steigender Tendenz. Die Haelfte der Interessenten bewirbt sich einfach blind, ohne Hinweis auf eine Stellenanzeige. Nachdem der grosse Entwicklungsschub fuer die neuen Applikationen vorueber ist, sind jetzt weniger Informatiker und Ingenieure, sondern vornehmlich Vertriebsprofis gefragt.

Dass die Computerbranche in Baden-Wuerttemberg bald wieder boomen koennte, ist eher nicht zu erwarten. Eine kuerzlich vom Stuttgarter Wirtschaftsministerium bei Diebold in Auftrag gegebene Studie macht ueber die rezessionsbedingte Absatzkrise handfeste Strukturprobleme deutlich. Von den knapp 3000 Softwarehaeusern im Laendle zaehlt die grosse Masse, naemlich 2550, zu Kleinstunternehmen mit weniger als fuenf Beschaeftigten. Der Pro-Kopf-Umsatz liegt bei einem Drittel unterhalb von 100 000 Mark, womit sich diese Unternehmen am Rande der Verlustzone befinden.

Kein Wunder also, dass sich unter den DV-Beschaeftigten Angst und Sorge breitmachen. "So gering war die Fluktuation noch nie", sagt Straessle-Chef Dietrich. Auch andere Unternehmen berichten, dass Mitarbeiter regelrecht an ihrem Stuhl kleben. Viele verhalten sich aber nicht nur still und ruhig, sondern suchen zudem nach Moeglichkeiten, ihren Arbeitsplatz zu sichern.

"Informatiker und Programmierer sehen ploetzlich ein, dass sie sich organisieren muessen", freut sich Peter Hlawaty von der Stuttgarter Bezirksleitung der IG Metall. Vor allem der mit Streik erzwungene Tarifvertrag zur Beschaeftigungssicherung und Leistungsgestaltung bei Digital Equipment hat anscheinend die Attraktivitaet der Industriegewerkschaft erhoeht. So haben inzwischen allein bei IBM 15 Prozent der Belegschaft einen Mitgliedsausweis, 1991 war nur jeder Zehnte organisiert.

Hlawaty erwartet in den kommenden Monaten viel Arbeit. Durch das Auslaufen der Bluemschen Vorruhestandsregelung sieht er vor allem aeltere Arbeitnehmer bedroht, deshalb sollen etwa IBMer ab 54 Jahren durch besondere Tarifvertragsregelungen vor Kuendigungen geschuetzt werden. Seiner Beobachtung nach stehen inzwischen aber auch schon 45jaehrige auf vorbereiteten Entlassungslisten. Hlawaty: "Die Vermittlung dieser Kollegen wird sehr schwierig, weil sie oft ueberdurchschnittlich qualifiziert und spezialisiert sind."

Keine guten Zeiten auch fuer junge Nachwuchskraefte. Doch bis zur Hochschule scheint es noch nicht durchgedrungen zu sein, dass die Chancen fuer einen raschen, problemlosen Berufseinstieg sinken. Silvester Tappe, als Informatikstudent im Praesidium der Gesellschaft fuer Informatik und in der Fachschaft der Universitaet Stuttgart engagiert, kann keine Stellenaengste bei seinen Kommilitonen ausmachen. "Man weiss wohl, dass derzeit Flaute ist, aber alle rechnen damit, dass es im Herbst wieder besser aussieht."

Die Bundesanstalt fuer Arbeit sieht das offensichtlich anders. Die ueber viele Jahre vom Landesarbeitsamt finanzierten Lehrgaenge, in denen der sogenannte "EDV-Fuehrerschein" fuer Grundkenntnisse erworben werden konnte, sind zwischen Main und Bodensee ersatzlos gestrichen. "Es macht keinen Sinn, die Leute fuer Bereiche zu qualifizieren, wo heute schon angestammte Fachkraefte entlassen werden", erlaeutert Guenther Boerger von der Stuttgarter Zentrale.

Hinzu kommt, dass im Rahmen der allgemeinen Sparpolitik auch die Haushaltsmittel fuer die berufliche Fortbildung und Umschulung, ueber die derzeit noch landesweit ueber 50 000 Personen gefoerdert werden, zur Neige gehen. "Die noch verfuegbaren Mittel muessen wir auf die Dinge konzentrieren, die vom Arbeitsmarkt her den groessten Erfolg haben", bitten die Arbeitsvermittler um Verstaendnis.

Bei den DV-Seminarfirmen hinterlassen solche drastischen Kuerzungen tiefe Spuren. Bereits im Fruehsommer zaehlte der Stuttgarter Ableger des groessten deutschen DV-Bildungstraegers Control Data Institut (CDI), der mit Geldern von der Bundesanstalt fuer Arbeit ueber viele Jahre gutes Geld verdient hatte, gerade noch 50 umschulungswillige Teilnehmer. Frueher lag die Teilnehmerzahl bei durchschnittlich 500. Nun will man sich aus dem klassischen Seminargeschaeft zurueckziehen.

Schlimmer noch traf es die deutsche Tochter SPC Computer Training GmbH, die auch in Stuttgart einmal einen guten Standort hatte. Im Juli musste sie Konkurs anmelden.

"Neueinstellungen hoechstens, wenn Top-Experten anklopfen."

Arnd Paehlig, Ploenzke

"Wir stellen derzeit grundsaetzlich niemanden ein."

Hartmut Petters, Eigner i Partner

"So gering war die Fluktuation noch nie."

Wolfgang Dietrich, Straessle

"Wir sind froh, wenn jeder Mitarbeiter auch beschaeftigt werden kann." Presseabteilung Debis