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18.02.1977

"Die Kinderjahre sind endgültig passe"

Mit Helmuth Coqui, Geschäftsführer der Digital Equipment GmbH 1, München, sprach Dieter Eckbauer

- Die Computerwelt erscheint zweigeteilt: Da gibt es auf der Softwareseite die uralte Streitfrage "make or buy?"; da gibt es unter den Herstellern solche, die schlüsselfertige Systeme, sogenannte "Turnkey-Solutions", anbieten; da gibt es wieder andere, die sich darauf beschränken, dem Anwender Lösungen aufzuzeigen - ansonsten jedoch lediglich die "Zutaten" liefern. Auf welcher Seite steht DEC?

Digital Equipment gehört nicht zur ersten Gruppe, falls es - außerhalb der MDT-Hersteller - diese Gruppe überhaupt gibt. Wir wollen auch im kommerziellen Markt dem mündigen Anwender Lösungen aufzeigen und die notwendigen Mittel wie Computer, Betriebssysteme, Programmiersprachen, Datenbanksysteme, Schulung und Wartungsdienst zur Verfügung stellen, die er braucht, um die Lösung zu implementieren. Wir sehen es also nicht als unsere Aufgabe an, fertige Lösungen zu verkaufen.

- Den mündigen Anwender - gibtÆs den wirklich? Wenn ja, wie sieht er aus, welche Wünsche und Vorstellungen hat er?

Vielleicht ein paar Zahlen voraus: Nach allgemeinen Schätzungen gibt es in Deutschland etwa 95 000 Programmierer oder Systemplaner. Ich würde annehmen, daß die Hersteller davon insgesamt nicht mehr als 5000 bis 10 000 in ihren Reihen haben - wennÆs hoch kommt 15 000. Das bedeutet doch aber, daß sich rund 70 000 bis 80 000 Programmierer und Systemplaner beim Anwender befinden. Eine andere Zahl, die in diesem Zusammenhang interessant ist: Untersuchungen haben ergeben, daß etwa 75 Prozent aller Programme, die auf den sogenannten "Mainframes" laufen, von den Kunden selbst geschrieben wurden - was sich wiederum decken würde mit der Zahl der auf diesem Gebiet Tätigen. Nur etwa 5 bis 10 Prozent der Programme entstehen bei speziellen Softwarehäusern, der Rest wird vom Hersteller geliefert. Wenn man diese Zahlen zugrunde legt, kann man davon ausgehen, daß der mündige Anwender tatsächlich existiert - was nicht heißt, daß es für jeden Anwender richtig ist, eigene Kapazitäten aufzubauen. Tatsache ist einfach nur, daß die überwiegende Zahl der Fähigkeiten - sowohl was das Programmier-Know-how angeht als auch die Erfahrung mit dem eigentlichen Anwendungsproblem, im Hause des Kunden existiert und nicht beim Hersteller.

- Das ist - auch wenn es sehr nach Schmeichelei für den Anwender klingt - sicher richtig. Indes: Diese besagten Spezialisten sind überwiegend bei Anwendern, die bereits Anlagen installiert haben. Zielt das DEC-Marketing demnach auf die Ablösung von Wettbewerbsmaschinen?

Nein, die Hauptrichtung geht sicher nicht auf die Ablösung von Wettbewerbsmaschinen. Es ist jedoch offensichtlich, daß sich in den letzten drei bis fünf Jahren wesentliche Tendenzen bei der Anwendung von Rechnern geändert haben.

Da ist einmal der Trend weg vom "abgeschlossenen Rechenzentrum" hin zur "dezentralen Datenverarbeitung".

Da ist zum anderen ein Trend, der ausgelöst wurde durch niedrige Hardwarepreise, was zur Folge hat, daß Rationalisierungsvorhaben heute auf Grund steigender Personal - und fallender Computerkosten sinnvoll und rentabel sind, die es vor fünf Jahren noch nicht waren.

- Wie schätzen Sie die Entwicklung des Computermarktes ein?

Den gesamten Markt kann man nicht als eine statische Größe sehen, sondern muß davon ausgehen, daß die Einsatzmöglichkeiten der Computer immer noch zunehmen und dabei gleichzeitig eine Umschichtung innerhalb des Marktes in Richtung auf dezentrale, interaktive Systeme stattfindet.

- Die Hardware ist in der Tat billiger geworden. Daraus ließe sich ableiten, daß es für einen Hersteller heutzutage nicht mehr genügt, gute Technik zu haben. Gehört nicht - um erfolgreich zu sein - vielmehr dazu qualifizierte Dienstleistungen, also etwa Standard Anwendungspakete, Brainware etc. anzubieten - was der Markt ja offensichtlich auch honoriert, wie das Beispiel "Nixdorf" zeigt?

Mit der von uns vertretenen Philosophie ist natürlich nicht gesagt, daß der Markt der "Problemlösungen" nicht existiert oder abnimmt. Das ist durchaus nicht der Fall. Wir benötigen jedoch die Spezifizierung des Marktes, um deutlich machen zu können, auf welchen Gebieten wir uns von anderen unterscheiden; nicht, um zu sagen daß der Markt, den wir ansprechen, der einzig mögliche oder gar einzig sinnvolle ist.

- Angenommen, ich hätte eine Steuerkanzlei; unterstellt ich wäre mittelständischer Spediteur, Brauereibesitzer oder Bauunternehmer. Nach dem von Ihnen Gesagten - bin ich dann eigentlich für DEC "interessant"?

Wenn das tatsächlich so ist, daß Sie keinerlei eigene Organisations-Kapazitäten in Ihrem Betrieb haben, kein auf Ihr Problem spezialisiertes Softwarehaus einschalten wollen und wir keinen breiteren Markt für diese Problemlösung sehen, dann wären wir so frei, klar zu sagen, daß wir andere für geeigneter halten, die schlüsselfertige Lösung zu liefern.

- Das ist eine ganz neue Tonart in dieser Branche - offen zuzugeben, nicht an jedem Auftrag um jeden Preis interessiert zu sein. Ich kann nicht glauben, daß Ihnen dafür der Dank der Benutzerschaft gewiß ist.

Im Gegenteil. Es geht doch nicht um "Interesse am Auftrag". Dafür kann sich der Kunde nichts kaufen. Wir kämpfen um jeden Computerauftrag, aber nicht um jeden Anwender-Softwareauftrag, weil wir kein Softwarehaus sind. Nur in den Kinderjahren des Automobils hat man sich bei Automobilherstellern einen Wagen mit Chauffeur gemietet. Heute ist es nicht mehr der Stolz von Mercedes, die besten Chauffeure zu verleihen, noch der Stolz von Avies und Hertz, Autos selbst zu bauen. Die Kinderjahre der Computerindustrie sind passé.

- Auch wenn wir Ihnen folgen wollten: Es ist doch wohl eher so, daß heute jeder sagt, es gehe alles in Richtung "Turnkey-Solution". DEC schwimmt hier - so habe ich Sie verstanden - bewußt gegen den Strom. In diesem Markt haben sich nun mal in der Vergangenheit sechzig von hundert Anwendern für IBM entschieden - was eigentlich nicht dafür spricht, daß die von Ihnen angesprochenen Spezialisten mündig sind, wenn es beispielsweise um die Entscheidung geht, welcher Hersteller, welche Maschine, welche Software?

Zur Richtigkeit von "Jeder sagt" - Prognosen: Als Digital Equipment den ersten Minicomputer entwickelte sagte "jeder": "Das Heil liegt beim Riesencomputer und davon braucht man 10 Stück weltweit." Also keine Prognose von mir, nur eine Frage: Wieviel schlüsselfertige Systeme sind denn bis heute - ausgenommen MDT - von Computerherstellern geliefert worden? Die 80 000 Systemplaner und Programmierer, die in Deutschland nicht beim Hersteller arbeiten, sitzen doch nicht seit 10 Jahren vor Systemen, die schlüsselfertig vom Hersteller geliefert wurden. Doch eine Prognose: Das werden sie auch nicht in 10 Jahren!

- Wenn man sich ansieht, wie "früh" Modelle, Systeme, ganze Familien angekündigt werden; wenn man sich dann wiederum ansieht, wann die mit der neuen Hardware gebotenen Möglichkeiten auch tatsächlich realisiert werden und komplexe Anwendungen laufen, dann können einem eigentlich die Tränen kommen. Hier besteht doch eine große Lücke zwischen dem, was hardware-mäßig machbar ist, und dem, was der Anwender mit der Software tatsächlich anfängt. Dieses Problem kann wohl kaum dadurch gelöst werden, daß die Methode des "Selbersstrickens" von Programmen propagiert wird.

Sicher wird auf dem Markt der Problemlösungen eine Tendenz notwendig werden, zu höheren Standardlösungen zu kommen. Auf der anderen Seite steht das natürlich etwas in Widerspruch zur Konzeption des "Distributed Processing". Denn je näher Sie an den tatsächlichen Arbeitsplatz kommen, desto unterschiedlicher wird die Arbeitsmethode und desto weniger lassen sich standardisierte Lösungen verwenden.

- Wie läßt sich Ihrer Meinung nach dieser "gordische Knoten" auflösen?

Die Problematik liegt weniger darin, einen allgemein passenden Standard zu finden und gleichzeitig die dezentrale Lösung zu haben, als vielmehr die Rechner inklusive Betriebssysteme und inklusive Dinge wie Generatoren oder ähnliches in die Lage zu versetzen, in leichter Weise adaptionsfähig zu sein bei der dezentralen Lösung.

- Was wird demnach zukünftige DEC-Rechner auszeichnen?

Noch günstigere Hardwarepreise noch leichter benutzbare Betriebssysteme, noch effizientere Datenbanksysteme, höhere Programmiersprachen. Aber es war und ist unsere Politik, nicht von Zukunftsprodukten zu sprechen, sondern von Maschinen, die der Anwender heute einsetzen kann und bei denen er nicht das Versuchskaninchen des Computerherstellers ist.