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21.01.1994

Die Koelner Kaufhof-Zentrale nutzt GUIs als Integrationsplattform De-facto-Standard Windows sorgt automatisch fuer die Normierung

Bei der Koelner Kaufhof-Zentrale stellt man bereits seit 1991 auf PCs mit grafischer Oberflaeche um, und schafft dadurch eine Integrationsplattform fuer die Client-Server-Umgebung. Man hat sich fuer eine eigenprogrammierte Oberflaeche auf Basis von MS-Windows entschieden und liegt damit nach Auffassung von Helmut Achatz* voll im Markttrend. So biete sich Microsofts Windows-Umgebung schon deswegen als gemeinsamer Nenner an, weil sie sich auf fast allen Anwenderarbeitsplaetzen etabliert hat. Die Kaufhof-Zentrale in Koeln ist mittlerweile zu einer Art Mekka fuer IS-Manager geworden, die sich ueber Downsizing und grafische Benutzeroberflaechen informieren wollen. DV-Chef Ralf-Rainer West fuehrt Kollegen aus anderen Konzernunternehmen nicht ohne Stolz vor, wie sich Client-Server-Computing und Standardisierung unter einen Hut bringen lassen. Die Umstellung lief allerdings auf einen Paradigmenwechsel hinaus, auf eine Abkehr von der zentralistischorientierten Denkweise. Heute steht der einzelne Arbeitsplatz im Mittelpunkt des DV- Denkens. Die Informationsressourcen des Unternehmens muessen ohne grosse Verrenkungen fuer den einzelnen erschliessbar sein. Das DV- Management der Koelner Kaufhauskette hat sich deshalb entschlossen, konzernweit PCs mit grafischer Benutzeroberflaeche einzufuehren, denn dumme Terminals sperren sich noch immer gegen intuitiv bedienbare Mensch-Maschine-Schnittstellen. 1991 begannen die Koelner mit der Umstellung; heute, nach ueber zwei Jahren, sind nach Schaetzung von Gerd Wolfram, dem Bereichsleiter Buerokommunikation und Benutzerservice, in der Hauptverwaltung fast alle Arbeitsplaetze auf grafische Oberflaechen umgestellt. Das DV- Management hat, aufbauend auf Microsofts Windows, mit "Visual Basic" eine eigene Buerooberflaeche entwickelt, von der aus ein Kaufhof-Beschaeftigter auf alle verfuegbaren Standardapplikationen wie "Excel", "Wordperfect" und Electronic Mail sowie auf die SQL- Server-Applikationen des Waren- und Artikel-Informationssystems zugreifen kann. Die operativen Warenwirtschaftssysteme auf dem Host stehen per Windows-Terminalemulation zur Verfuegung. Die einzelnen Filialen sind via ISDN-Leitung mit der Zentrale in Koeln verbunden und koennen so die dort gespeicherten Informationen abrufen. Direktzugriff auf Windows bleibt den Usern verwehrt So Client-freundlich das Kaufhof-Konzept auf den ersten Blick aussieht, kommt es doch nicht ohne strikte Vorgaben aus. Das DV- Management verweigert Anwendern den direkten Zugriff auf Windows und hat sie durchgehend mit Diskless-Workstations ausgestattet, die allerdings grosszuegig mit 486-Prozessoren bestueckt sind. Warum sich Kaufhof gegen den unmittelbaren Zugang zu Windows und fuer eine eigenprogrammierte Oberflaeche entschieden hat? Der Anwender verliere sich auf diese Art nicht in der Vielzahl von Windows-Fenstern, argumentieren die DV-Verantwortlichen. Die hauseigene Oberflaeche biete ihm alles, was er fuer seine Arbeit brauche, betont Wolfram. Wann immer Microsoft nach Referenzbeispielen fuer den konzernweiten Einsatz von Windows gefragt wird, verweist der Branchenriese auf Kaufhof in Koeln. Das verwundert insofern nicht, als der Kaufhauskonzern ueberzeugt ist von seinem Ansatz und sein Know-how vermarkten will, denn die meisten anderen institutionellen Anwender sind offensichtlich noch laengst nicht so weit wie die Koelner. Mittelfristig wird sich diese Gruppe aber dem Trend zur grafischen Oberflaeche nicht verschliessen koennen, denn das Vordringen von Client-Server-Architekturen und der Wegfall traditioneller Terminal-zu-Host-Umgebungen bedingt grafische Benutzeroberflaechen. Ferner weitet sich das Spektrum der Endbenutzer aus. Es reicht mittlerweile von der Aushilfskraft bis zu Managern, die von kryptischen Befehlsfolgen wenig halten. Diese Entwicklung setzt den Einsatz benutzerfreundlicher Software- Oberflaechen voraus. Ein weiterer Grund fuer das Vordringen von GUI ist die verkuerzte Anlernphase: Einer aktuellen Studie der US-Zeitschrift "Government Computer News" zufolge brauchten zwei Drittel von 150 befragten Anwendern weniger als zwei Wochen, um mit einer grafischen Oberflaeche zurechtzukommen. Momentan sieht es ganz danach aus, als wolle Microsoft den Markt fuer grafische Benutzeroberflaechen ganz vereinnahmen. Allein dadurch ergaebe sich eine mehr oder weniger erzwungene Vereinheitlichung: Microsofts Windows sozusagen als GUI-Standard. Der "Government-Computer-News"-Studie zufolge setzen heute bereits 83 Prozent der Befragten in US-Behoerden Windows ein, 23 Prozent arbeiten mit dem Macintosh, vier Prozent mit dem OS/2 Presentation Manager und fuenf Prozent mit Open Look oder Motif. Wer die Zahlen zusammenzaehlt, kommt auf mehr als 100 Prozent, was als Hinweis zu werten ist, dass einige Anwender im Buero und zu Hause mit unterschiedlichen Oberflaechen operieren - haeufig ist der Privat-PC ein Mac, wogegen der Buerorechner mit Windows oder Motif ausgestattet ist. Entsprechende Befragungen hierzulande wuerden vermutlich aehnliche Ergebnisse bringen. Vermutlich fiele die Bilanz sogar noch deutlicher zugunsten von Windows aus. Hanns-Martin Meyer, Geschaeftsfuehrer des Systemhauses Ixos in Muenchen, bestaetigt diese Einschaetzung indirekt: "Im kommerziellen Bereich ist derzeit Windows das vorherrschende GUI, wogegen im technischen Sektor noch Motif dominiert." Der Windows-PC spiele haeufig Terminal und greife via Terminalemulation oder X-Server auf andere Plattformen zu. Derzeit setze Windows allein schon durch seine Verbreitung den Standard. "Wenn es viele Anwendungen zum guenstigen Preis gibt, wird die Verbreitung einer Plattform forciert", erklaert Meyer. Er schaetzt, dass es weltweit 37 Millionen Windows-Rechner gibt, maximal zwei bis drei Millionen OS/2-Maschinen und ebenso viele Workstations, die mit Motif ausgestattet sind, dem von der Open Software Foundation (OSF) geschaffenen Look and feel fuer X-Window- Umgebungen. Dieses Verhaeltnis wird sich voraussichtlich bis 1996 weiter zu Ungunsten von Motif verschieben, wie eine Untersuchung der X/Open bei 780 IS-Managern vermuten laesst (X/Open ist eine aus 16 Herstellern, 54 institutionellen Anwendern und 27 unabhaengigen Softwarehaeusern bestehende Standardorganisation im Open-Systems- Bereich). Weit ueber 100 Millionen DOS-Rechner warten weltweit noch auf den Wechsel zu grafischen Oberflaechen. Berater druecken es uebereinstimmend noch drastischer aus: "Alles, was zaehlt, ist der Marktanteil." OS/2 fuer Windows soll die Microsoft-Klientel locken Mittlerweile haben auch die Microsoft-Konkurrenten begriffen, dass sie an Windows nicht vorbeikommen und sich etwas einfallen lassen muessen, die Windows-Klientel zu bedienen, wenn sie von Big Green, wie das Unternehmen aus dem gruenen Nordwesten der USA spoettisch genannt wird, nicht an die Wand gedrueckt werden wollen. So hat IBM auf der Herbst-Comdex 1993 in Las Vegas OS/2 fuer Windows vorgestellt. Die Marketiers des Konzerns wollen Windows-Anwender mit Kampfpreisen koedern und bieten ihr Betriebssystem mit dem Presentation Manager als grafische Oberflaeche bis Februar 1994 fuer 49 Dollar an. Die deutsche Version kommt voraussichtlich Ende dieses Monats auf den Markt; der Preis wird sich nach Auskunft von IBM zwischen 98 und 125 Mark bewegen. OS/2 fuer Windows zielt auf die grosse Gemeinde der Anwender, deren Rechner bereits mit Windows ausgeliefert wurde. Die Botschaft ist eindeutig: "Kauft OS/2, und ihr koennt auch unter Windows Multitasking betreiben". IBM moechte Windows-3.1-Anwender davon abhalten, spaeter auf Windows 4.0 ("Chicago") umzusteigen. Mit diesem Trick koennte IBM auf dem Gebiet grafischer Benutzeroberflaechen wieder Boden wettmachen und proklamiert, wer OS/2 fuer Windows kaufe, koenne schon heute von Chicago profitieren. Ob Microsoft-Chef Bill Gates so etwas geahnt hat? Statt Windows 3.1 verkauft Big Green Windows for Workgroups 3.11 an Hardwarehersteller wie DEC, Toshiba, aber auch Vobis, die es dann mit ihren Rechnern ausliefern. OS/2 fuer Windows ist aber leider nicht kompatibel zu Windows fuer Workgroups. War das nun ein geschickter Schachzug oder lediglich Zufall? Kritiker glauben ersteres und sind davon ueberzeugt, Microsoft verteidige seine GUI- Dominanz mit Zaehnen und Klauen. In OS/2-Anwenderkreisen wird derzeit heftig ueber dieses Thema diskutiert - nachzulesen in diversen elektronischen Bulletin-Boards in Compuserve und Internet. Grafische Oberflaechen sind mehr als nur ein Sammelsurium bunter Icons; sie sind die Eintrittskarte fuer die Welt des Client-Server- Computings. Nachdem Microsoft mit Windows NT auch in die bis dato geschlossenen Unix-Salons einbrach, muessen sich die entsprechenden Anbieter etwas einfallen lassen. Sie konterten im Fruehjahr 1993 mit Gruendung des COSE-Konsortiums (Common Open Software Environment). Was das mit grafischen Benutzeroberflaechen zu tun hat? COSE unterstuetzt das Public Windows Interface (PWI) von Sunselect, einer Tochter des Konsortialmitglieds Sun, die das Windows API (Application Programming Interface) dokumentiert hat. Sunselects Wabi (Windows Application Binary Interface), ein Windows-on-Unix-Set, ist die erste PWI-Implementierung. Wabi ist kurz gesagt ein Uebersetzer, der Befehle von Windows-Applikationen an X-Windows weiterleitet. Damit ist es moeglich, Windows- Anwendungen direkt unter X-Windows zu starten - unter Umgehung von Windows-Lizenzen und einer DOS-Emulation. Bislang hat Sunselect (die Software selbst stammt aus der Uebernahme von Praxsys) Lizenzen an Sunsoft, Novell und Hewlett-Packard vergeben. Sun- Gruender und Firmenchef Scott McNealy geht davon aus, dass mittelfristig alle X-Windows-Systeme mit Wabi arbeiten werden. Ueber Umwege finden sich somit kuenftig vermehrt Windows- Applikationen in OS/2- und Unix-Umgebungen. Damit hat Microsoft erreicht, dass Windows zum GUI-Standard geworden ist. Bill Gates kann sich beglueckwuenschen. Um das Mass vollzumachen, hat das US- Softwarehaus IXI Corp. mit "Win-Tif" ein Utility herausgebracht, mit dem Applikationen, die fuer OSF/Motif geschrieben worden sind, ein Windows-Look-and-feel bekommen. Somit koennen Windows-Anwender Unix-Applikationen starten, ohne auf ihr gewohntes GUI verzichten zu muessen. Der Bedarf fuer diese Art Connectivity ist offensichtlich gross: IXI schaetzt, dass allein in den USA 4,3 Millionen Windows-Anwender an Unix-Rechner angeschlossen sind. Hat GUI-Pionier Apple mit seiner eigenen grafischen Oberflaeche in der Welt institutioneller Anwender langfristig ueberhaupt noch eine Chance? Dem Management ist bewusst, dass Apple aus seinem angestammten Reservat ausbrechen muss, um einen Marktanteil zu erreichen, der Weiterentwicklungen rentierlich erscheinen laesst. Gespraeche ueber Lizenzabkommen mit Dell und Tandy laufen, ob sie auch zu einem Abschluss kommen, ist jedoch derzeit mehr als fraglich.