Melden Sie sich hier an, um auf Kommentare und die Whitepaper-Datenbank zugreifen zu können.

Kein Log-In? Dann jetzt kostenlos registrieren.

Falls Sie Ihr Passwort vergessen haben, können Sie es hier per E-Mail anfordern.

Der Zugang zur Reseller Only!-Community ist registrierten Fachhändlern, Systemhäusern und Dienstleistern vorbehalten.

Registrieren Sie sich hier, um Zugang zu diesem Bereich zu beantragen. Die Freigabe Ihres Zugangs erfolgt nach Prüfung Ihrer Anmeldung durch die Redaktion.

23.09.1977

Die Krise der Planungssoftware

Dr. Thilo Tilemann

Projektleiter am BIFOA

Für betriebswirtschaftliche Analyse- und Planungsrechnungen wird ständig neue Anwendungssoftware angeboten. Diese "Planungssoftware" umfaßt einerseits Planungssprachen und Modellbausteine zur Formulierung individueller Anwendungssysteme und andererseits ablauffähige diagnostische und prognostische Methoden. Viele Mainframer stellen Planungssoftware nicht nur für Kundenanlagen, sondern auch außer Haus in Time-Sharing-Netzen zur Verfügung.

Auch Planungssoftware leidet teilweise unter den gleichen Problemen wie sonstige Anwendungssoftware (Kostenexplosion im Bereich der Programmierung, scheinbar unvermeidbare Mißverständnisse, zwischen Anbietern und Anwendern etc.). Andere wesentliche Probleme hat Planungssoftware jedoch angeblich weitgehend überwunden: Ihre Anbieter haben die Grenzen der Mehrfachverwendbarkeit von Anwendungsmodellen erkannt und ihre Bemühungen auf Methodenpakete und Planungssprachen konzentriert. Ihr Benutzer wird von EDV-technisch bedingten Anweisungen weitgehend entlastet. Er kann mit Hilfe mächtiger Befehle überschaubare Anwendungen maßschneidern. Insbesondere die über Time-Sharing-Netze angebotene Dialogsoftware erleichtert darüber hinaus eine effiziente Programmierungsund Testarbeit. Der fachkundige Modellbauer kann unabhängig von der Massenproduktion der hauseigenen DV arbeiten.

Selbst wenn man die weitgehende Richtigkeit obiger Behauptungen unterstellt, gibt es dennoch eine Krise der Planungssoftware. Das auffälligste Symptom dieser Krise in der Bundesrepublik Deutschland ist die im Vergleich zu angelsächsischen Ländern geringe Verbreitung von Planungssoftware. Die Gründe sind vielfältig:

- Die Einsicht, daß bei der Untersuchung unbekannter Entscheidungsfelder der Computer intelligenzverstärkend eingesetzt werden kann, wächst erst allmählich.

- Die Nutzungsmöglichkeiten von Rechnerleistung in Time-Sharing-Netzen und insbesondere die große Palette der angebotenen Planungssoftware sind für die Mehrzahl potentieller Benutzer nicht transparent. Das wundert wenig, wenn sogar führende Software-Kataloge noch keinen repräsentativen Überblick über dieses Angebot liefern.

- In Verbindung mit der Intransparenz des Angebots werden auch negative Anwenderurteile über die Qualität der Planungssoftware eher verständlich.

- Fachabteilungen, die ihr möglicherweise berechtigtes Interesse an Planungssoftware artikulieren, stehen gegenüber den Einwänden des eigenen DV-Managements (Nutzung vorhandener Sprachen, Programmierkapazitäten etc.) häufig argumentativ an der Wand.

- Gegen DV außer Haus existieren mehr Vorbehalte, als sachlich - etwa durch die Höhe der Übertragungskosten - gerechtfertigt ist. So wird die Wirtschaftlichkeit der gelegentlichen Nutzung von Spezialsoftware in Service-Rechenzentren häufig verkannt.

- Im Gegensatz zu fortschrittlichen Großunternehmungen verfügen Unternehmungen mittlerer Größe häufig nicht über ausreichend qualifiziertes Personal zur Nutzung von Planungssoftware.

Die Krise der Planungssoftware ist also eher eine Krise der flankierenden Maßnahmen ihrer Verbreitung.

Wie kann diese Krise praktisch überwunden werden? Zumindest drei Auswege bieten sich an: bessere Information über das vorhandene Angebot, Weiterentwicklung der Planungssoftware und Schaffung zusätzlicher Hilfsmittel zur Erleichterung ihrer Anwendung.

Zunächst müssen Möglichkeiten und Grenzen der Planungssoftware von vielen potentiellen Anwendern erst einmal erkannt werden. Die Adressaten in den Fachabteilungen sollten das Angebot im doppelten Sinne wahrnehmen. Einerseits, indem sie sich über die damit verfügbaren Alternativen oder besser Ergänzungen zu konventionellen DV-tehnischen Instrumenten informieren. Andererseits, indem sie Planungssoftware auf dem risikolosen Weg über ein Time-Sharing-Netz erproben. Die hierbei gewonnenen Erfahrungen ermöglichen in Verbindung mit Referenzen der Anbieter eine Objektivierung der Diskussion um den sinnvollen Einsatz von Planungssoftware.

Eher noch als die Planungssoftware selbst bedarf manchmal die Information über sie der Überprüfung. So kann etwa die Behauptung, Time-Sharing-Netze und Dialogsprachen böten Vorteile, für die Modellentwicklung gelten, ohne zwangsläufig auch für den Dauerbetrieb richtig zu sein. Bei der stürmischen Entwicklung der Planungssoftware blieben natürlich auch einige Verbesserungsmöglichkeiten ungenutzt. Bemühungen um die Weiterentwicklung der Software sollten sich insbesondere auf den Anschluß an Datenbanksysteme und die Balance zwischen (geschlossenen) Methodenpools und (offenen) Modellierungskonzepten richten.

Im Bereich der Anwendungshilfen fehlen insbesondere praxisorientierte Anleitungen zur Auswahl und Benutzung der Planungssoftware sowie zur Implementierung der mit ihrer Hilfe formulierten Modelle. Neben den eher bei (operativen) Großsystemen sinnvollen Programmier-, Dokumentations- und Management-Techniken sind für den entscheidungsorientierten Modellbau andere Techniken erforderlich. Hier seien nur Anleitungen zur inhaltlich befriedigenden Modellierung, zur datenbestimmten Wahl von Analyse und Prognosemethoden sowie zur prozeßadäquaten Dialogstrukturierung genannt.

Alle diese Maßnahmen führen jedoch nur unter einer wesentlichen Voraussetzung zu einer spürbaren Verbreitung von Planungssoftware: In vielen Unternehmungen müssen das inhaltliche Verständnis für computergestützte Analyse und Planung sowie die Motivation zu seiner praktischen Umsetzung erst noch ausgebaut werden. Damit können aber gerade in mittleren Unternehmungen zukünftige DV-Märkte erschlossen werden.