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23.02.2001 - 

Roy wechselt im Juli nach Redmond

"Die Kurve nicht optimal genommen"

Mit Richard Roy, dem noch amtierenden General Manager von Microsoft Deutschland, sprach CW-Redakteur Christoph Witte über den neuen Job in den USA, den Antitrust-Prozess und die Geschäftsaussichten.

CW: Nach vier Jahren als General Manager von Microsoft Deutschland wechseln Sie als Senior Vice President OEM in die Zentrale nach Redmond. Macht Ihnen der Job hier keinen Spaß mehr?

Roy: Wenn man General Manager in Deutschland ist und einem die Arbeit Freude bereitet, dann fragt man sich in der Tat, was man in diesem Unternehmen noch anderes Spannendes tun kann. Aus meiner Sicht ist der Job eines Vice President OEM extrem interessant. Er beinhaltet die weltweite Verantwortung für ein sehr direkt gemanagtes Geschäft.

CW: Könnten Sie kurz beschreiben, was das OEM-Geschäft im Kern ausmacht?

Roy: Das Geschäft besteht aus zwei Kernbereichen. Einmal gilt es, zu all denjenigen Beziehungen aufzubauen und zu pflegen, die PCs vermarkten und fertigen. Und da es darum geht, den Kunden möglichst einen betriebsbereiten und lauffähigen PC zur Verfügung zu stellen, arbeiten wir schon sehr früh im Entwicklungsprozess mit unseren Partnern zusammen und versuchen sicherzustellen, dass unsere Software mit deren Technik zusammenpasst.

Im zweiten Bereich geht es um den Aufbau neuer Geschäftsfelder - zum Beispiel alles, was sich rundum Windows CE tut. Die Themenkreise Car-PC, PDAs, intelligente Telefone, aber auch Industrieautomation spielen da eine Rolle. Diese Märkte wachsen enorm schnell. Hier kommen ganz andere Formfaktoren zum Einsatz, die hoffentlich alle mit Microsoft-Software arbeiten. Und wenn Sie jetzt noch an den Embedded-Markt denken, dann können Sie sich die Rolle des OEM-Geschäfts für Microsoft vorstellen.

CW: Stichwort Geschäftsentwicklung. Gerade im CE-Markt gibt es für Microsoft noch einiges zu tun. Noch ist das Unternehmen im PDA- oder Smartphone-Sektor wenig vertreten.

Roy: Deshalb sind die Chancen ja für uns so gut (lächelt).

CW: Auch im Sektor der Embedded Systems ist Microsoft keine Macht.

Roy: Klar sind wir da nicht so präsent wie im PC-Sektor, aber es gibt ermutigende Beispiele. Bei VW in der Fertigungshalle 4 in Wolfsburg arbeiten rund 2000 Roboter unter Windows 98, das um eine Realtime-Extension erweitert ist.

CW: Aber sind solche Spezialaufträge nicht ein mühsames und wenig lukratives Geschäft?

Roy: Wenn Sie beispielsweise mit Bosch oder VDO Verträge über Telematik-Endgeräte abschließen können, dann erzielen Sie ziemlich hohe Stückzahlen.

CW: Und Microsoft will die Plattform liefern, auf der alle diese Systeme laufen?

Roy: Ja, aber ich kann mir auch vorstellen, dass Applikationen wie Pocket Excel oder -Word auf diesen Geräten laufen.

CW: Als Perspektive klingt das gut, aber wie sieht der Zeithorizont aus?

Roy: Mit Bosch haben wir vor einigen Wochen einen Vertrag über Windows-CE-basierte Endgeräte abgeschlossen. Und wenn man etwas weiter denkt, dann kann der Anwender all seine Endgeräte wie UMTS-Handy, Pocket-PC, Laptop oder Car-PC sehr einfach miteinander synchronisieren, weil sie alle auf der gleichen Plattform laufen und hoffentlich über das gleiche User Interface verfügen. Ich halte das für ein ziemlich starkes Geschäftsmodell.

CW: Kommt in diesem plattformübergreifenden Modell auch NT beziehungsweise Windows 2000 vor?

Roy: Ja. Es gibt einen generellen Trend zur Standardisierung. Immer mehr Hersteller fragen sich, warum sie Hunderte von Entwicklern für ein individuelles Betriebssystem bezahlen sollen, wenn es auch kommerziell verfügbare Produkte gibt, die nur an wenigen Punkten modifiziert werden müssen. Die Differenzierung der Produkte findet ohnehin meistens erst auf der Lösungsebene statt.

CW: Aber gerade im TK-Sektor sind doch andere Anbieter viel weiter als Microsoft. Wieso rechnen Sie sich da noch Chancen aus?

Roy: In diesem Markt dealt jeder mit jedem. Heraus kommen allzu oft inkompatible Plattformen, für die erst komplexe Middleware entwickelt werden muss, damit sie überhaupt miteinander reden. Und dann ist erst das Plattformproblem gelöst, die Applikationen müssen auch aufeinander abgestimmt sein. Bei einem solchen Szenario liegt es doch auf der Hand, dass die Anwender deutlich weniger Vielfalt wünschen, damit das Ganze halbwegs beherrschbar bleibt.

CW: Und den Standard bietet natürlich Microsoft?

Roy: Ja, den berühmten De-facto-Standard. Selbst wenn Microsoft zerschlagen würde und dieser Standard von einer Sekunde auf die andere verschwände, wäre die daraus eventuell entstehende Vielfalt nur vorübergehend. In vier, fünf Jahren hätte sich wieder ein De-facto-Standard durchgesetzt, weil die Anwender es so wollen.

CW: Aber inwiefern kann Microsoft mit dem Pfund der durchgängigen Plattform angesichts des Monopolprozesses noch wuchern?

Roy: Wir haben nie aufgehört, so zu argumentieren, weil wir der festen Überzeugung sind, nichts Illegales getan und letztlich auch den Kunden genutzt zu haben.

CW: Das haben Sie jetzt aber schön gesagt.

Roy: Ohne Scherz, ich halte das, was Microsoft erreicht hat, für eine große unternehmerische Leistung. Und ich kenne keinen Unternehmer, der nicht nach einem höheren Marktanteil strebt.

CW: Aber muss sich ein Unternehmen nicht anders verhalten, wenn es diese dominante Stellung erreicht hat?

Roy: Ich räume ein, dass wir uns an bestimmten Stellen besser hätten verhalten können. Einem kleinen Unternehmen gesteht man im Kampf um Marktanteile eine hohe Aggressivität zu. Auch dass es für Unruhe am Markt sorgt und vielleicht Geschwindigkeit einmal über Qualität setzt und fehlerhafte Produkte herausbringt, wird verziehen. Und es hat ja wirklich Spaß gemacht, der Haifisch zu sein, der der großen IBM am Bein knabbert.

Als Marktführer werden Sie von Presse und Öffentlichkeit viel kritischer beobachtet. Die Kurve vom Angreifer zum Marktführer haben wir nicht optimal genommen. Aber im Nachhinein ist man immer schlauer. Wir hätten etwas weniger aggressiv auftreten sollen - ohne an Dynamik zu verlieren.

CW: Wirkt sich der Regierungswechsel auf den Prozess aus?

Roy: Die politischen Rahmenbedingungen haben sich geändert. Außerdem wandelt sich die Gemengelage unter den direkt Beteiligten. Der Justizminister und der Staatsanwalt sind neu. Das Gericht ist ebenfalls ein anderes und hat übrigens schon einmal eine sehr differenzierte und von der ersten Instanz abweichende Auffassung vertreten. Wie sich das alles auswirkt, müssen wir abwarten.

CW: Was halten Sie von der Auffassung, dass sich der Gegenstand des Verfahrens bis zur endgültigen Urteilsverkündung erledigt hat, weil der dynamische IT-Markt Microsofts dominierende Stellung bis dahin längst untergraben hat? Die eher bescheidenen Zuwächse der letzten Zeit, vor allem im angestammten Geschäft, scheinen diese These zu stützen.

Roy: In den letzten 15, 16 Jahren haben wir die Erwartungen der Anleger und Analysten immer erfüllt, oft übertroffen. Unsere jetzige Situation kommt nicht überraschend. Mit etwas Nachdenken merkt man sehr schnell, dass viele Anwender anlässlich der Datumsumstellung ihre IT wesentlich gründlicher renoviert haben, als die Anbieter dachten. Deshalb waren viele Unternehmen erst einmal zufrieden mit ihrer Infrastruktur und haben keinen Grund gesehen, in den ersten Monaten des Jahres 2000 eine Migration auf Windows 2000 in Angriff zu nehmen.

CW: Trotzdem - Windows 2000 hat Microsoft bei weitem nicht so einen Schub gebracht wie zum Beispiel Windows 95.

Roy: Eine solche Migration erledigt der Anwender nicht mit einem Fingerschnippen. In diesem Jahr wird das Thema Windows 2000 verstärkt angegangen. Wir glauben, dass sich die Anwender jetzt wieder mehr um ihre Infrastruktur kümmern müssen. 2000 war dazu keine Zeit, weil jedes Unternehmen fieberhaft darüber nachgedacht hat, wie es ein Dotcom werden kann (lächelt). Wir halten unser Wachstum insgesamt gesehen für gesund, sind uns aber darüber im Klaren, dass Zuwachsraten von 30 Prozent per annum in den nächsten ein oder zwei Jahren nicht zu erzielen sind.

CW: Wie erwarten Sie die Entwicklung des PC-Marktes in den nächsten Jahren?

Roy: In den nächsten Jahren wird der PC-Markt im knapp zweistelligen Bereich wachsen. Aber wir müssen differenzieren zwischen den verschiedenen Segmenten. Wir rechnen mit einer massiven Verschiebung vom Desktop hin zum Laptop und anderen kleinen Formfaktoren. Außerdem gehen wir von guten Zuwächsen im Server-Segment aus.

CW: Letzte Frage: Gibt es auch private Gründe für Ihren Wechsel in die USA?

Roy: Klar. Ich habe noch nie dort gearbeitet, ich halte das für eine ungeheuer spannende Herausforderung. Auch meine Familie findet die Aussicht, in den Staaten zu leben, faszinierend. Außerdem ist es vom Management-Level her gesehen ein sehr attraktiver Schritt für mich.