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16.06.1978

Die Liebe zu Pearl ist durch die Förderbrille gefärbt\

Mit Helmut Hoseit, Hoseit System GmbH (München), sprach CW-Chefredakteur Dieter Eckbauer

þIn Kürze kommt zu Pearl ein DIN-Entwurf als sogenannter Gelbdruck heraus. Welche Chancen geben Sie dieser Echtzeitsprache für Prozeßrechner, DIN-Norm zu werden?

Ein Normentwurf hat nach den Regeln der DIN eine Einspruchsfrist, innerhalb derer jeder, der an diesem Thema interessiert ist, Einsprüche an die DIN richten kann. Diese Einsprüche werden von den zuständigen Gremien im DIN entweder berücksichtigt oder abgelehnt. Erst danach kann ein sogenannter Weißdruck, also eine DIN-Norm erscheinen. Zweite Einschränkung: Was jetzt als DIN-Normentwurf erscheinen wird, ist Basic-Pearl, also nicht die volle Sprache, sondern eine Untermenge davon, die nach zähem Ringen zwischen allen Beteiligten festgelegt wurde.

þRechnen Sie denn mit Einsprüchen?

Ich rechne sehr stark damit. Nur haben Einsprüche im allgemeinen keinen derart destruktiven Charakter, daß der Einsprecher sagt, dieser Entwurf darf niemals Norm werden. Einsprüche sind im allgemeinen von der Qualität, daß einzelne, mehr oder weniger kleine Atome beanstandet und geringfügige Verbesserungsvorschläge gemacht werden.

þSolche Einsprüche lassen sich doch sicherlich berücksichtigen...

. . . oder mit sehr guter Begründung ablehnen. Ich rechne jedoch mit einer anderen Klasse von Einsprechern, nämlich mit Interessenten, die dieses Basic-Pearl nicht haben wollen, sondern die darauf bestehen, daß zuerst das volle Pearl als Norm festgeschrieben wird.

þWas befürchten denn die Full-Pearl-Sympathisanten?

Daß in der Differenzmenge von Basic-Pearl und Full-Pearl Inkompatibilitäten verborgen sein könnten. Sie sagen deshalb, wir dürfen die Untermenge erst dann definieren, wenn wir die volle Menge kennen. Mit dieser Klasse von Einsprüchen ist zu rechnen.

þAn der Entwicklung von Pearl wird ja nun schon seit sieben Jahren gearbeitet. Wenn Full-Pearl immer noch nicht auf den Tisch gelegt wird, worin liegen denn eigentlich die Schwierigkeiten?

Die Schwierigkeiten, nach denen Sie fragen, liegen darin, aus den vorliegenden Berichten über Pearl eine normbare Fassung zu machen. Die Schöpfer von Pearl haben diese Sprache natürlich unter einem anderen Gesichtspunkt geschrieben, als sie die DIN sehen muß.

þBei dem ganzen Hickhack um Pearl geht es doch wohl weniger um die Form der Sprache, sondern um ganz massive Interessen der Prozeßrechnerhersteller und des Bundesministeriums für Forschung und Technologie, das die Entwicklung mit rund 30 Millionen Mark gefördert hat?

Sie haben mit dieser Frage drei verschiedene Problematiken angesprochen: Einmal gibt es natürlich ein Hickhack zwischen Wissenschaftlern, die die eine oder andere Eigenschaft der Sprache schön oder nicht schön finden. Das hat hier sicherlich auch stattgefunden. Auf der anderen Seite stecken ganz immense wirtschaftliche Interessen hinter Pearl und allem, was damit zusammenhängt. Die Sprache Pearl alleine ist es ja noch nicht. Pearl - impliziert ganz gewaltige Rückgriffe auf Fähigkeiten des Betriebssystems und die Menge Pearl, die man jetzt unter Basic-Pearl zusammengefaßt hat, ist ganz einfach die Schnittmenge der Fähigkeiten der Betriebssysteme der beteiligten Hersteller. Die wirtschaftlichen Interessen, die dahinterstecken, haben letztlich auch dazu geführt, daß trotz einiger Bedenken von seiten der DIN dieser Normentwurf über Basic-Pearl nun demnächst erscheinen kann. þHerr Hoseit, Sie sprachen in bezug auf die Interessenlage der Pearl-Entwickler von einer dritten Problematik.

Die Antragsteller hatten seinerzeit mit dem Gang zur DIN selbstverständlich vor, damit auch den Zutritt zur internationalen Normenbühne zu erlangen, denn zu ISO kommt man als deutscher Antragsteller nicht, es sei denn über DIN. Die reellen Chancen, auf internationaler Bühne mit Pearl etwas zu werden, erachte ich persönlich - auch wenn mir das übelgenommen werden sollte - als äußerst gering. Ich stehe mit dieser Meinung übrigens nicht ganz alleine.

þDann doch gleich gefragt: Was soll's?

Gegenfrage: Macht man eine Programmiersprache, um damit international

Renommee zu ernten? Oder macht man sie aus wirtschaftlichen Gründen?

þDie Pearl-Befürworter argumentieren, durch eine einheitliche Sprache könnten die Kosten der Erstellung von Automations-Software wesentlich reduziert werden.

Ich persönlich bezweifle das, gestehe aber zu, daß ich mich irren kann.

þKönnen Sie denn konkret sagen, was Sie bedenklich stimmt?

Meine Bedenken sind erst richtig entfacht worden, als die Pearl-Schöpfer vor zwei bis zweieinhalb Jahren lauthals herausriefen, daß Pearl nun auch die Sprache für eine ganz neue Technologie sei, für die sie ursprünglich gar nicht konzipiert war, nämlich für die "Mikrorechnerei". Ich meine, daß man da einem ganz gewaltigen Mißverständnis zum Opfer gefallen ist.

þGlauben Sie, daß Pearl für Programme, die für Mikros und kleine Minis geschrieben werden, ungeeignet ist?

Das glaube ich nicht, aber sie kann hier den wirtschaftlichen Vorteil, den sie bieten soll, gar nicht bringen, weil es sich nämlich nicht um Ex- und Hopp-Programme, sondern um Software handelt, die Bestandteil einer Turnkey-Installation werden und möglichst jahrzehntelang Intensiv arbeiten soll. Bei Mikros kommt noch hinzu, daß Programme in einer möglichst großen Stückzahl unverändert produziert werden müssen.

þDas ist doch eigentlich ein sehr starkes Pro-Pearl-Argument.

Selbstverständlich. Aber hinter den Normungsbestrebungen steckt doch die

Hoffnung, daß man in Pearl oder in einer anderen, ähnlich verfaßten Sprache geschriebene Programme von einem Rechner auf einen anderen ohne jegliche Schwierigkeiten übertragen kann. Dabei wird unterstellt, daß dieser andere Rechner ein weitgehend ähnliches oder identisches Betriebssystem besitzt. Wie man weiß, besitzen aber Mikros keine Betriebssysteme, sie brauchen auch keine.

þNun hat der DIN-Ausschuß gerade den Punkt, "Verträglichkeit" zu einem Hauptkriterium

gemacht, Pearl überhaupt in den Normungsprozeß reinzunehmen.

Die Bemühungen der DIN stehen selbstverständlich auch unter dem Gesichtspunkt der deutschen Industrie, die die DIN trägt und finanziert, in irgendeiner Form wirtschaftliche Vorteile zu verschaffen. Deshalb wird eine Normentwicklung wie Pearl auch unter dem Gesichtspunkt betrachtet: Brauchen wir diese Norm, ist sie richtig, bringt sie den gewünschten wirtschaftlichen Effekt?

þBezweifeln Sie denn, daß dieser Effekt mit Pearl auch erzielbar ist?

Sie wissen, daß in dem Wort Pearl das "e" für Experiment steht. Es sind ja einige Hochschulinstitute an der Pearl-Entwicklung beteiligt, die damit auch Laborautomation betreiben. Denn sie haben sehr häufig laufende Auswertungen zu schreiben. Dafür bringt Pearl selbstverständlich immense Effektivitätsgewinne im Vergleich zu Assembler oder anderen Sprachen. Ich bezweifle nur, ob die Mehrzahl der Computerinstallationen - vor allem dann, wenn sie an das unterste Ende der Minis oder gar zu den Mikros gehen - mit diesem Typ von Software versorgt werden.

þDie Pearl-Entwickler treten doch mit diesem Anspruch gar nicht auf, auch den Mikrocomputer - und unteren Minibereich abdecken zu wollen.

Doch! Ich war gereizt durch den Anspruch der Pearl-Schöpfer, Pearl sei dank der Genialität der Schöpfer jetzt auch die ideale Sprache für Mikrocomputer. Dagegen steht meine Behauptung, daß Mikrocomputer eben kein briefmarkengroßer Ersatz für Minis sein sollen und können, sondern Automatisierungsbausteine, die herkömmliche Digitalelektronik ersetzen, wobei die Logik eben im Programm abgebildet wird. Diese Logik in Pearl zu schreiben, halte ich für äußerst schwierig - allein schon vom Technischen her.

þWird nicht jetzt, nachdem der Normungsprozeß in Gang gekommen ist, die Vorliebe für Pearl wachsen?

Die deutschen Hersteller haben sich schon seit Jahren sehr aufgeschlossen zu Pearl gegeben, vor allem natürlich wegen der Fördermittel, die von Bonn zur Verfügung gestellt wurden. Mich hat aber etwas erschreckt, daß einige sehr große Hersteller öffentlich verkündet haben, daß sie ihre Vorliebe für Pearl sofort einstellen würden, falls die Mittel aus Bonn nicht mehr fließen. Das hat in mir die Auffassung verstärkt, daß man nicht so voll hinter dieser Sprache steht und sich nur wegen der Förderung dazu bekennt.

þWie werden die großen amerikanischen Minicomputer-Hersteller darauf reagieren, daß Basic-Pearl jetzt als Normentwurf vorliegt?

Auch die amerikanischen Prozeßrechner- oder Minirechner-Hersteller stehen Pearl äußerst aufgeschlossen gegenüber; womit natürlich die Pearl-Schöpfer etwas in die Zwickmühle geraten, weil sie nämlich die mit deutschen Steuermitteln und zur Förderung der deutschen Industrie hergestellte Sprache Pearl den Amerikanern kostenlos zur Verfügung stellen sollen. Die Marktlandschaft sieht natürlich bei den Minicomputern insofern interessant aus, als hier der eine große Computer-Hersteller nicht die Dominanz besitzt, die er auf dem kommerziellen Rechnermarkt hat. Dieser große Hersteller ist an Pearl auch äußerst interessiert, aber nach meiner Einschätzung nicht, um es zu implementieren, sondern um seine Strategie festzulegen, wie er es für seine Rechner umgehen und durch eine andere Sprache ersetzen kann.

Helmut Hoseit (42)

hat nach dem Studium der Nachrichtentechnik zunächst bei Siemens gearbeitet und sich zum ersten Mal 1966 mit dem "Hoseit-Institut für EDV" selbständig gemacht. Dieses auf individuelle Entwicklungen spezialisierte Softwarehaus brachte er 1973 in die ADV-Orga F. A. Meyer KG ein, Hoseit wurde Gesellschafter und führte seine bisherigen Arbeiten in einem neuen Geschäftsbereich "Technische Systeme" weiter. Das Vermittlungssystem des Deutschen Wetterdienstes und die automatische Telex-Auskunft bei der Bundespost sind Beispiele für Hoseit-Lösungen. Seit 1976 ist Hoseit wieder unabhängig - als Geschäftsführer und Gesellschafter der Hoseit System GmbH in München. Die Firma will - ausgehend von Mikroprozessore bzw. Mikrocomputern - einerseits Geräteherstellern bei der Entwicklung "intelligenter" Apparate und Maschinen helfen und zum anderen den Markt der privaten Bastler und Hobby-Computeure mit Hardware, Literatur und Ideen versorgen.