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16.08.2002 - 

Restrukturierung soll den ehemaligen Vorzeige-PC-Hersteller aus dem Osten retten

Die Lintec AG geht schweren Zeiten entgegen

MÜNCHEN (CW) - Der ostdeutsche Computerhersteller Lintec steckt in der Krise. Umsatzeinbußen und Verluste lassen das Vertrauen von Geldgebern und Kunden schwinden. Trotz finanzieller Schieflage und dem Rückzug von Warenkreditversicherern hofft Firmenchef Hans Dieter Lindemeyer, das Unternehmen mit einer Restrukturierung wieder auf Kurs bringen zu können.

Die in Taucha bei Leipzig ansässige Lintec Information Technologies AG weist in ihrer aktuellen Halbjahresbilanz 2002 ein negatives Konzernergebnis von minus 24,1 Millionen Euro aus. Im gleichen Zeitraum des Vorjahrs stand noch ein Defizit von 1,4 Millionen Euro in den Büchern. Zugleich brach der Umsatz in den ersten sechs Monaten 2002 deutlich ein. Verbuchte das Unternehmen in den Monaten Januar bis Juni 2001 Einnahmen in Höhe von 193,7 Millionen Euro, klingelten im ersten Halbjahr 2002 nur noch 119,7 Millionen Euro in den Kassen des sächsischen Computerherstellers.

Angesichts der schlechten Halbjahresbilanz müssen auch die Prognosen für das laufende und das nächste Geschäftsjahr revidiert werden. Die Lintec-Verantwortlichen hatten zu Jahresbeginn noch mit einem leichten Plus von knapp 400000 Euro gerechnet, jetzt planen sie für 2002 mit einem Minus von 25,7 Millionen Euro. Der Umsatz soll sich auf 229 Millionen Euro belaufen nach den 365 Millionen Euro von 2001. Auch für das nächste Jahr kalkuliert man mit einem weiteren Rückgang. Die aktuelle Prognose liegt bei 146 Millionen Euro.

Als Gründe für das schlechte Ergebnis nennt Lintec-Prokurist Dirk Heynig das schlechte Abschneiden von Tochterunternehmen sowie Abschreibungen auf Beteiligungen. So habe man den 15-prozentigen Anteil an der insolventen Pixelnet AG abschreiben müssen. Dies habe ein Loch von acht Millionen Euro in die aktuelle Jahreszwischenbilanz gerissen. Auch die Konzerntochter RFI Mobile Technologies AG aus Mönchengladbach trug ihren Teil zu der Krise bei. So sei in den Büchern ein Defizit von rund 17 Millionen durch Abschreibungen und operative Verluste berücksichtigt, berichtet Heynig.

Vorstand und Aufsichtsrat haben sich angesichts der Ergebnisse zu einer umfassenden Restrukturierung entschlossen, heißt es in einer offiziellen Stellungnahme des einstigen IT-Vorzeigeunternehmens aus dem Osten. So soll beispielsweise der defizitäre Distributionsbereich von RFI kurzfristig eingestellt werden. Die Firmentochter werde sich künftig wieder auf das Kerngeschäft im Bereich mobile Business-Lösungen mit dem Schwerpunkt Bluetooth und die Eigenmarken im Zubehörbereich konzentrieren. "Die Kernkompetenz besteht nicht darin, Notebooks von Fremdherstellern zu vertreiben. Das können andere aufgrund ihrer Größe besser", stellt der Prokurist nüchtern fest.

Ferner hofft Heynig auf Großprojekte für RFI. So habe man nach einigen Schwierigkeiten und Verzögerungen eine Bluetooth-Lösung für den Lebensmittellieferanten Bofrost realisieren können. Die Verantwortlichen des Mobile-Spezialisten spekulieren darauf, noch in diesem Jahr ein weiteres Projekt auf der gleichen technologischen Basis zu betreiben, das jedoch deulich größer ausfallen könnte, berichtet der Lintec-Manager.

Doch davon wird nur ein Teil der RFI-Angestellten profitieren können. Erste Leidtragende der Restrukturierung sind knapp 90 Distributionsmitarbeiter, die sich einen neuen Job suchen müssen. Damit fallen fast drei Viertel aller Arbeitsplätze bei RFI dem Sanierungsversuch zum Opfer. Ähnliche Einschnitte hat es in der Vergangenheit schon für eine andere Lintec-Tochter gegeben: Bei der Batavia Multimedia AG aus Tiefenbach bei Passau, die Computerzubehör vertreibt, mussten im letzten Jahr 40 der 60 Mitarbeiter gehen.

Konzentration auf eigene Produkte

Ob Batavia als eigenes Unternehmen weiterexistieren oder als Lintec-Niederlassung betrieben wird, sei noch offen, sagt Heynig. Allerdings werde das Umsatzniveau gering bleiben, da Produkte von anderen Herstellern weitgehend aus dem Sortiment gestrichen sind. Von den 118 Millionen Euro Umsatz, die die Firmentochter letztes Jahr erwirtschaftet habe, werde in diesem Jahr nur ein Bruchteil übrig bleiben.

Auch im Kerngeschäft von Lintec werde man sich künftig verstärkt auf die eigenen Produkte konzentrieren. Betrug das Umsatzverhältnis von Eigen-PCs zu Fremderzeugnissen wie Druckern oder Monitoren im letzten Jahr noch 50 zu 50, würden momentan etwa 75 Prozent der Einnahmen durch Lintec-Produkte erwirtschaftet. "Das wirkt sich zwar negativ auf den Umsatz, aber positiv auf den Ertrag aus", erklärt Heynig die Strategie.

Allerdings, so räumt er ein, läuft auch im Rechnergeschäft nicht alles nach Plan. So seien die Umsatzziele mit dem im letzten Jahr vorgestellten "Senior-PC", mit dem speziell ältere Menschen angesprochen werden sollten, nicht erreicht worden. Viele Fachhändler täten sich schwer, das Konzept richtig zu vermitteln und zu vermarkten.

Firmenchef Lindemeyer hofft, mit den jetzt angekündigten Maßnahmen Lintec wieder in die Erfolgsspur zu führen. Für das zweite Halbjahr prognostiziert der Vorstand einen operativen Gewinn. Die Geldgeber bleiben allerdings misstrauisch. Bereits Ende letzten Jahres hatte der Lintec-Chef angesichts schlechter Zahlen eine Neuorganisation sowie die Rückkehr in die schwarzen Zahlen angekündigt. Dieser Wunsch ging jedoch bislang nicht in Erfüllung.

Bereits vor Bekanntgabe der Halbjahreszahlen geriet Lintec ins Trudeln. So haben in den vergangenen Monaten Warenkreditversicherer wie der Gerling-Konzern und die Zürich Agrippina-Versicherung die Zusammenarbeit mit Lintec aufgekündigt. Damit fällt neben Bank- und Lieferantenkrediten eine Möglichkeit der Vorfinanzierung von notwendigen Bauteilen weg. Allerdings fehle damit nur eine der drei Fremdfinanzierungsarten, wiegelt Lindemeyer ab. Außerdem habe der Finanzierungsrahmen der Versicherer lediglich zwischen 500000 und 800000 Euro gelegen. Die Kreditlinien der Banken mit einem Volumen von 13,8 Millionen Euro seien dagegen nur zu etwa 70 Prozent ausgenutzt und bis zum Jahr 2003 vertraglich abgesichert.

Heynig macht die allgemein schlechte Branchensituation für den Rückzug der Geldinstitute verantwortlich. Die Warenversicherer hätten in den vergangenen Jahren viel Geld verloren. Deshalb agierten sie momentan sehr vorsichtig und würden sich eher zurückziehen, statt ihr Engagement zu steigern. Mittlerweile habe es jedoch ein erstes Gespräch mit den Kreditinstituten gegeben, berichtet der Lintec-Prokurist. Es seien einige Hausaufgaben festgelegt worden, die Lintec zu erledigen habe. Welche das sind, wollte er nicht verraten. Die Versicherer hätten zugesagt, die Kreditlinien unter bestimmten Voraussetzungen wieder zu öffnen - allerdings nicht jetzt.

Die Auswirkungen dieser Maßnahmen sind noch nicht abzusehen. Teilweise warteten Abnehmer wie zum Beispiel die öffentliche Hand mit weiteren Aufträgen ab, berichtet Heynig. Deshalb sei von Umsatzeinbußen auszugehen. Zusätzlich gebe es administrative Schwierigkeiten. So müsse man prüfen, bei welchen Lieferanten Hauslimite gesetzt seien und wo ein Wechsel möglich sei. "Und nicht zuletzt gibt das natürlich auch einen Knacks für das Image." (ba)

Ende einer Erfolgsgeschichte

1990 startet die Firma "Soft- & Hardware Dieter Lindemeyer" als Ein-Mann-Unternehmen. In den Folgejahren baut Lindemeyer ein Niederlassungs- und Vertriebsnetz hauptsächlich in Ostdeutschland auf. 1998 geht das Unternehmen als Lintec Computer AG an den Neuen Markt. Der Börsengang bringt rund 13 Millionen Euro in die Kassen des PC-Herstellers. Lintec beteiligt sich zu 51 Prozent an Batavia. Die Einnahmen klettern von 60 Millionen Euro 1997 auf über 190 Millionen Euro im Jahr des IPO. 1999 erwirtschaftet der Konzern einen Umsatz von rund 270 Millionen Euro. Das operative Ergebnis beträgt sechs Millionen Euro. Im Oktober 1999 übernimmt Lintec eine 80-prozentige Beteiligung an der RFI Elektronik GmbH. Im Juni 2000 geht die Lintec-Tochter Pixelnet an die Börse. Für das Gesamtjahr erzielt die mittlerweile zum IT-Vorzeigeunternehmen aus dem Osten avancierte Lintec AG Einnahmen von über 420 Millionen Euro. Der Nettogewinn liegt bei neun Millionen Euro. 2001 reißt der Erfolgsfaden. Lintec rutscht in die roten Zahlen. Der Umsatz schrumpft auf 365 Millionen Euro. Der Verlust summiert sch auf rund 21 Millionen Euro. Trotz der eingeschlagenen Sparmaßnahmen setzt sich der negative Trend 2002 fort. Abschreibungen und operative Verluste sorgen im ersten Halbjahr für rote Zahlen. Im Juli muss Pixelnet Insolvenz anmelden.