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23.02.1990 - 

Projektauftrag für sechs Millionen Mark an Symbolics vergeben

Die Lufthansa nutzt KI-Technik zur Optimierung ihrer Flugpläne

FRANKFURT (CW) - Einen dicken Fisch hat die Symbolics GmbH, Eschborn, an Land gezogen: Die deutsche Tochter des als Hersteller dedizierter Lisp-Maschinen bekannt gewordenen US-Anbieters wird im Auftrag der Deutschen Lufthansa ein System zur Kapazitäts- und Flugplanungsunterstützung realisieren.

"Der DV-Markt entwickelt sich vom Computermarkt zum Lösungmarkt", lautet der Kommentar aus der deutschen Symbolics-Niederlassung. Mit Rücksicht auf diese Entwicklung habe sich Symbolics Mitte 1988 "organisatorisch und personell" umgestaltet und agiere seither als Generalanbieter von Problemlösungen am Markt.

Zu diesem Zweck nahm der Anbieter Abschied von seiner bisherigen Produktphilosophie: Die für Anwendungen der "Künstlichen Intelligenz" optimierten und daher nur für eine Minderheit von Anwendern interessanten Workstations wurden durch Lisp-Boards ersetzt, die in gängige Hardwaretypen wie Macintosh-Computer und Arbeitsplatzrechner von Sun integriert werden können. Zudem baute Symbolics eine eigene Softwareentwicklungs- und Consulting-Abteilung auf.

Der auf zunächst sechs Millionen Mark geschätzte Lufthansakontrakt ist laut Symbolics der größte Auftrag, den man bislang akquirieren konnte. Gegenstand der Vereinbarung ist die Entwicklung und Realisierung eines Systems zur Planungsunterstützung für den Lufthansa-Bereich Kapazitäts- und Flugplanung.

"Ohne den Flugplan läuft bei uns gar nichts", erläutert Rolf Franken, Projektleiter Expertensysteme für die Flugplanung in der Frankfurter Lufthansa Zentrale. "Hier werden Entscheidungen getroffen, bei denen es um Flugzeuge geht, und die kosten bis zu 200 Millionen Mark."

Die Bodenzeiten sollen kurz gehalten werden

Eines der Ziele der Kapazitäts- und Flugplanung ist es denn auch, die Bodenzeiten der Flugzeuge möglichst kurz zu halten, um auf diese Weise vielleicht die eine oder andere Maschine einzusparen.

Das Ergebnis dieser "Fein"-Arbeit kann jeder Lufthansa-Kunde in die Hand nehmen: in Form des dottergelben Flugplans, der dreimal jährlich aktualisiert wird. Für den Fluggast unsichtbar bleiben jedoch die Koordinationsprozesse, die im Hintergrund ablaufen müssen, um Flugzeugwartung, Crews und Abfertigung in den Plan zu integrieren. Hier ist Flexibilität gefragt. Franken: "Für die Planer geht es darum, immer wieder neue Varianten eines Flug- und Rotationsplans zu finden und mit den jeweils betroffenen Bereichen durchzudiskutieren."

Diese Flexibilität ist ein wichtiges Instrument in den Händen des Lufthansa-Marketings; sie ist die Voraussetzung dafür, daß Kundenwünsche kurzfristig in Produkte, sprich Flugverbindungen, umgesetzt werden können. Derzeit wird der knapp 200 Seiten starke Flugplan, so Franken, von etwa 20 Mitarbeitern "mit Papier, Buntstiften und Tipp-Ex" erstellt.

"Die Flugplaner müssen eine ungeheure Vielzahl von Informationen im Kopf haben und im Flugplan operieren können wie ein Schachspieler auf seinem Brett", führt der Projektleiter aus. "Das Ganze wird immer größer und unübersichtlicher, und die Flugplaner geraten mit ihrer Arbeit langsam aber sicher an Kapazitätsgrenzen."

Deshalb sollen Frankens Mitarbeiter ein Werkzeug erhalten, das ihnen zunächst die Routine-Arbeiten abnimmt, die sie sonst mit der Hand machen müßten, und ihnen später Vorschläge für den Planungsprozeß zur Verfügung stellt. Darüber, inwieweit sich die Flugplanerstellung automatisieren läßt, liegen bislang noch keine Erfahrungen vor.

Symbolics vertritt die Ansicht, daß sich ein derart komplexes Planungssystem mit den Mitteln der "herkömmlichen" Anwendungsentwicklung nicht lösen lasse. Ihrer Historie gemäß haben sich die Eschborner auf wissensbasierte Techniken wie beispielsweise die objektorientierte Methode festgelegt. "Damit", so ein Sprecher des Systemhauses, "kommen wir für eine bestimmte Klasse von Problemlösungen in Betracht, bei der die konventionellen Methoden nicht greifen oder die mit solchen Mitteln unwirtschaftlich wäre."

Der Grund dafür, daß sich die Lufthansa mit ihrem Problem an Symbolics wandte, ist allerdings vor allem in der Tatsache zu sehen, daß die beiden Unternehmen schon seit mehreren Jahren Geschäftsbeziehungen unterhalten. In einigen Lufthansa-Bereichen wird bereits seit längerem mit der KI-Sprache Lisp und dem von Symbolics entwickelten objektorientierten Datenbank-Management-System Statice gearbeitet.

Etwaige Berührungsängste vor der wissensbasierten Technik sind demzufolge bereits überwunden. Außerdem, so räumt Franken ein, könne es sich seine Abteilung aufgrund ihrer "besonderen Situation" innerhalb des Unternehmens leisten, einmal eigene Wege zu gehen: "Da wir im wesentlichen

Datenproduzent sind und nur unsere Endprodukte weitergeben, haben wir keine sehr hohe Integrationsnotwendigkeit."

Obwohl Symbolics eine starke Nachfrage nach Gesamtlösungen aus einer Hand festgestellt hat, stand dieser Aspekt bei der Vergabe des Lufthansa-Auftrags offenbar nicht im Vordergrund. Franken: "Ich habe nicht von vornherein gesagt, wir wollen einen einzigen Generalunternehmer. Wir haben die Hard- und die Softwareentscheidung getroffen und dann ein Beratungsunternehmen gesucht. Daß dabei ein Generalunternehmer herausgekommen ist, hätte nicht sein müssen."

Allerdings gesteht der Projektleiter den Symbolics-Mitarbeitern gern zu, daß sie sich mit ihren eigenen Produkten möglicherweise besser auskennen als

andere Berater. "Aber das allein ist es sicherlich nicht." So legt Franken denn auch Wert auf die Feststellung, daß er keineswegs eine komplette Lösung geliefert bekomme; vielmehr arbeite sein Team gemeinsam mit den Symbolics-Entwicklern an dem Problem.

Tatsächlich wird Symbolics nur die Hälfte der zehnköpfigen Projektgruppe stellen. Laut Franken ist dabei jedoch von seiten der Lufthansa eine gewisse Überkapazität eingeplant, "um Know-how für den weiteren Betrieb des Systems vorzuhalten". In die theoretischen Vorüberlegungen wurde darüber hinaus auch das Betriebswirtschaftliche Institut für Organisation und Automation (Bifoa) der Universität Köln einbezogen.

Vorgesehen ist, alle 20 Flugplaner mit einer eigenen Workstation auszurüsten. Im ersten Schritt werden jedoch lediglich die Entwicklungsmaschinen angeschafft.

Wie Symbolics mitteilt, erstreckt sich der Lieferumfang zunächst auf neun Macivory-Workstations sowie die Datenbanksoftware Statice und die KI-Sprache Joshua.

Als Datenbankcomputer kommt aller Voraussicht nach ein Sun-Rechner zum Einsatz. Die Übergabe des Projekts ist für Mitte 1992 geplant. +