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18.03.1983 - 

Östliche DV-Unternehmen lassen sich auch vom Westen beraten:

Die Magyaren haben keine Berührungsangst

Bei ihren DV-Konzepten und den notwendigen Marketingstrategien lassen sich eine Reihe von osteuropäischen Unternehmen von kapitalistischen Beratungsunternehmen unterstützen. Vor allem die Ungarn zeigen hier großes Interesse. Fritz Reinhard Müller, Mitglied der Geschäftsleitung der Diebold Deutschland GmbH, Frankfurt, berichtet über die Zusammenarbeit mit den Magyaren.

Seit Gene Amdahl den ersten Rechner vorstellte, der zu den damaligen IBM-Systemen der Serie /370 steckerkompatibel war, hat das Schlagwort "PCM-Systeme" Marktgeschichte in der Elektronik gemacht. Nur wenige wissen, daß die Strategie, eine Schnittstelle auf der Basis der Betriebssysteme zu schaffen, einige Zeit davor schon von den RWG-Staaten aufgegriffen wurde und bis heute praktiziert wird. So arbeiten die ESER-Rechner mit einem dem IBM-DOS nahezu identischen Betriebssystem.

Das soll nicht heißen, daß sie als Konkurrenz zu Amdahl, NAS oder Nixdorf zu sehen sind. Obgleich die im RWG-Bereich produzierten Systeme die gemeinsame Basis des Betriebssystems nutzen, liegen sie hinsichtlich ihrer Leistung doch so weit zurück, daß sie bei uns kaum Marktchancen haben dürften.

Der technische Stand dieser Rechner machte es aber möglich, daß gerade in den industriell stärker profilierten Staaten wie der DDR, CSSR und Polen die Computerleistung auf breiter Basis ihren Einzug halten konnte. So ist es auch nicht verwunderlich, daß die vielfältigen Probleme bei der Nutzung von Computersystemen und bei den Ansprüchen der Anwender dort in ähnlicher Weise diskutiert werden wie hierzulande. Zwar mögen darunter immer noch Fragen sein, die bei uns bereits vor Jahren gelöst wurden, die Grundproblematik unterscheidet sich jedoch nicht wesentlich. Daher liegt es auf der Hand, sich Unterstützung bei erfahrenen Beratungsunternehmen zu holen. Vor allem Ungarn, das in seiner wirtschaftlichen Offenheit auch kaum Berührungsängste kennt, zeigt großes Interesse.

Seit mehreren Jahren berät unser Unternehmen eine Reihe von Firmen in Ungarn. Der Schwerpunkt der Beratungstätigkeiten liegt bei der Erarbeitung von DV-Konzepten und Marketingstrategien sowie der Effizienzsteigerung von Produkteinrichtungen; während die technische Realisierung von Anwendungen vorbildlich in eigener Regie abgewickelt werden kann.

Die fachliche Kapazität bei der Durchführung von Entwicklungsarbeiten hat einen Standard erreicht, der es erlaubt, mit den meisten deutschen Softwarehäusern Schritt zu halten.

Bei der Erteilung von Beratungsaufträgen sind zwei Motive ausschlaggebend:

- Mit welchen strategischen Maßnahmen kann man Produkte besser auf westlichen Märkten absetzen?

- Wie läßt sich die Produktivität eines Unternehmens durch Automations- und Organisationsmaßnahmen verbessern?

Alternative Lösungen suchen

Bei den Motiven dürfte der Gedanke zugrunde liegen, letztendlich zum positiven Devisensaldo des Landes beizutragen. Betriebswirtschaftliche und Operating-Research-Probleme können durch eigenes Personal bestens abgedeckt werden. Auch das theoretische Wissen über den Einsatz von Rechnern ist gut ausgebildet. Lediglich die Frage nach dem "Wie" steht deutlich im Vordergrund.

Bei der Lösung der Probleme, die meist mit der Forderung nach Produktivitätsverbesserung umschrieben werden, geht es im Grunde um Kostenreduktion und schnellere Durchlaufzeiten. Soweit ist der Ansatz durchaus identisch mit Beratungstätigkeiten der westlichen Welt. Will man es nicht bei theoretischen Ausführungen belassen, sondern auch eine "machbare" Arbeit erstellen, so stößt man mehr oder weniger deutlich auf drei Problemfelder, die bei uns kaum in Erscheinung treten:

- Personalabbau als kostensparendes Element läßt sich in aller Regel nicht durchfuhren, da hier gesellschaftspolitische Schranken bestehen.

- Computersysteme und elektronische Geräte können nicht beliebig eingesetzt werden, da die strenge Auslegung der amerikanischen Embargopolitik enge Grenzen setzt. 0 Devisenprobleme verhindern notwendige Investitionen oder schränken sie zumindest ein.

So müssen oft alternative Lösungen gesucht werden, um dem gesetzten Ziel einen Schritt näher zu kommen, - oder salopp ausgedruckt, "die Kuh vom Eis zu bringen.

Mit großer Phantasie, Improvisationsgabe und langfristiger Planung verstehen es ungarische Unternehmen, Wege zu finden, die getroffenen Empfehlungen trotz vielfältiger Schwierigkeiten schrittweise in die Praxis umzusetzen. Da als technische Lösung oft nicht die gewünschte Kapazität zur Verfügung steht, muß man sich mit Rechnern behelfen, die bei uns eher dem Mini- oder Bürocomputerbereich zuzuordnen sind. Obwohl die geringe Leistung dieser Geräte zu beklagen ist, werden zwei Vorteile deutlich.

Zunächst gestatten die im RWG-Bereich produzierten Systeme, wie auch die aus dem Westen gelieferten Geräte, soweit sie nicht den Embargobestimmungen unterworfen sind, einen mehr oder weniger umfassenden Dialogbetrieb. Damit erspart man den mühsamen und kostspieligen Weg durch die Stapelverarbeitung, den bei uns nahezu jedes Unternehmen in den 60er und 70er Jahren gehen mußte.

Des weiteren nisten sich keine großen zentralen Einheiten ein, da diese in der uns bekannten Form eben nicht vorhanden sind. Das mag von besonderer Bedeutung sein, da die Volkswirtschaft des Comecon von Natur aus stark zu einem planwirtschaftlichen Zentralismus tendiert. Müssen nun mehrere kleinere Computersysteme zur Lösung der anstehenden Aufgaben an verschiedenen Stellen eines Unternehmens oder Kombinats eingesetzt werden, werden zwangsläufig dezentrale Organisationsformen praktiziert. So wird der vermeintliche Nachteil, auf große und leistungsfähige Computersysteme verzichten zu müssen, zu einem kaum abschätzbaren Vorteil.

Es ist nun Hauptaufgabe, sich bei der Beratung darauf zu konzentrieren, daß ein Zusammenspiel der Geräte technisch oder organisatorisch gemeistert wird. Der Schwerpunkt liegt heute noch eindeutig auf organisatorischen Maßnahmen, da Datenfernübertragung kaum praktiziert wird. Allerdings ist es notwendig, heute schon die Konzepte so auszulegen, daß entsprechende Möglichkeiten der Kommunikation auf breiter Ebene (und nicht nur in Budapest) entstehen, die auch entsprechend eingesetzt werden können.

Betrachtet man den Einsatz der Informationsverarbeitung unter diesem Blickwinkel, darf man zunächst in Ungarn erwarten, daß auf organisatorischen Gebieten der Anschluß an den Westen keine Utopie mehr ist.