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23.09.1977 - 

Nestbeschmutzer gesucht:

Die Mannstunden sind nur ein Vorwand

"Wofür hat der Kollege den Computer?" mokierte sich

Sebastian Trauerwein über die Fehlleistungen mancher EDV-Manager (CW 32 vom 5. August 77: "Unfähig!"). Das hat CW-Leser Jürgen Roscher ermuntert, von eigenen Erfahrungen zu berichten, "weil ich diese Satire viel zu wahr fand, um darüber noch lachen zu können".

Daß selbst der Computer ohne menschlichen common horse sense nicht auskommt, ist allen Fachabteilungen hinreichend bekannt, die mit seinen Listen überschwemmt werden. Denn allzu oft sind diese ohne Hilfsmittel gar nicht lesbar. Abgesehen von Listen, in denen dutzendstellige Zahlen in langen Kolonnen unaufbereitet, sogar ohne Unterdrückung führender Nullen, erscheinen, tauchen auch überall mindestens zweistellige numerische Codes auf, die erst mit Hilfe von Spickzetteln (deren langjährigen Gebrauch man ihnen ansieht) oder mit Tabellen, welche in einem umfangreichen Katalog durch blättern aufgesucht werden, zu entschlüsseln sind. Einfaches Beispiel: Mengeneinheiten in Materialkatalogen oder ausgedruckten Listen zur Inventuraufnahme. Nur ein Ketzer könnte auf die Idee kommen, diese Arbeit könnte doch auch gleich der Computer erledigen. Ein gleichgelagertes Problem ist bei der Erfassung von Mengendaten zu beobachten; da Gewichtsangaben mindestens drei Nachkommastellen erfordern, wird eben alles so erfaßt. Aber wenn als Mengeneinheit Stück angegeben ist - natürlich verschlüsselt - dann könnten die Nachkommastellen doch ausgespart werden... ich meine, der Computer, der erkennt das doch, daß das Stück sind... und da müßte er sich die doch einfach hintendrandenken können... - aber diese Argumentation ist schon nicht mehr ketzerisch, man kann sie ganz einfach als Unwissenheit beiseite schieben: Der denkt sich das viel zu einfach!

Die Fachabteilung kann nicht einfach so mehr Anwenderfreundlichkeit vom Computer verlangen; schließlich verfügt sie nicht über den nötigen Durchblick zur Beurteilung des Machbaren. Am Computer sitzen hochbezahlte Spezialisten, deren Arbeitszeit - respektvoll verschlüsselt in Mannstunden - nicht für solche Kleinigkeiten vergeudet werden kann. Vergeudet wofür? Ist die Lösung der Anwenderprobleme Vergeudung? Da fragt man sich doch, wofür denn der Computer und seine Spezialisten überhaupt da sind.

Offensichtlich werden doch hier Bequemlichkeiten bei der Programmierung - ihre Existenz muß jeder ehrliche Programmierer, der ja auch nur Mensch ist, eingestehen - als Kostenersparnis kaschiert. Die daraus resultierenden Nachlässigkeiten hinsichtlich der Anwenderfreundlichkeit halte ich für eine der schlimmsten Sünden auf der Computerseite; werden doch die Probleme nicht nur verlagert, sondern sogar multipliziert, und dies in immer wiederkehrender Folge. Statt eines Programmierers müssen sich zahlreiche Anwender damit herumschlagen, was auch die Kostenfrage in einem ganz anderen Licht erscheinen läßt.

Warum läuft dies alles gewohnheitsmäßig schon so, daß in dieser Beziehung nichts mehr läuft? Wurde nicht ursprünglich der Computer nicht auch mit der Behauptung hingestellt, den Fachabteilungen routinemäßige, aber aufwendige Kleinarbeit abzunehmen - also als reine Stabsstelle?

Heilige Kühe

Hier hat eine stillschweigende Evolution stattgefunden, und zwar auf mehreren Ebenen. Die EDV-Abteilung ist gewachsen, zu einer eigenen Abteilung neben den Fachabteilungen, aber dann gleicher als die gleichen, weil für diese undurchschaubar. Vielleicht hat sich der Computer auch schon selbst zu einer Black Box für den eigenen EDV-Leiter ausgewachsen, indem dieser selbst nicht mitgemachten ist. Für alle anderen ist er ja ohnehin eine Black Box, offensichtlich einschließlich der eigenen Geschäftsleitung. Wer wird denn einen EDV-Leiter der ersten Stunde ablösen; selbst wenn er immer noch in Lochkarten-Dimensionen denkt und der Magnetplatte mißtraut, weil er nicht sieht, wo seine Daten denn nun da eigentlich draufstehen? Und da er fachlich bei seinen ihm unterstellten Programmierern nicht mehr mitreden kann, muß er sich auch vor sie und ihre Bequemlichkeit stellen. Sein Argument der Mannstunden zeigt ihn als kostenbewußt; gegen die heiligen Kühe kommt keiner an, so klapperdürr sie auch sein mögen.

Der Computer muß wieder zu einer Stabsstelle reduziert werden, als Dienstbehelf der Geschäftsleitung, indem auf deren Geheiß als Diensthilfe der Fachabteilungen. Sollen doch die hochspezialisierten Mannstunden-Männer ihrem Computer beibringen, flexibler zu denken und sich verständlicher auszudrücken - wozu sonst sind diese Mannstunden so kostbar. Doch - um den Schwarzen Peter nicht einfach auf dem Tisch liegen zu lassen - kann dieses Problem wohl letztlich nur durch ein Verfahren gelöst werden, das der Computer selbst spielend beherrscht, das sich jedoch in seiner Umgebung um so schwieriger anläßt: die Unterdrückung führender Nullen.

* Der Autor ist als Systemanalytiker in einer Projektgruppe tätig, deren Aufgabe die Einführung des kaufmännischen Rechnungswesens (EDV-gestützte Lösung) in den Berliner Krankenhäusern ist.