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25.09.1998 - 

Deutsche Start-ups/Erste Erfolge trotz widriger Umstände

Die meisten Sprößlinge müssen sich in rauhem Klima behaupten

Doch, es gibt noch Wunder "in diesem unserem Land": Politik und Wirtschaft beklagen unisono mangelnden Mut, mit innovativen Ideen den Start in die Selbständigkeit zu wagen. Doch wenn ihn jemand aufbringt, findet er die Taschen mit den Fördergeldern bestens verschlossen. So gelten das vom Verein Deutscher Ingenieure sowie vom Verband Deutscher Elektrotechniker technisch betreute European Recovery Program (ERP) und DtA-Existenzgründerprogramme (Deutsche Ausgleichsbank, Bonn) als extrem bürokratisch.

Als "fast unanständig" bezeichnete relativ zurückhaltend ein existenzgründungswilliger Ideenlieferant die durch Auflagen geprägte Verhinderungstaktik deutscher Geldinstitute. Auch Venture-Capital-Geber sind in der Kritik: "Sind sechs Prozent per anno während der Laufzeit und heftige neun Prozent Zinsen bei der Kapitaltilgung besonders attraktiv?" fragt ein Interessent. "Solch ein Angebot als Risikokapital zu verkaufen ist glatter Hohn."

Gerade jenen, die erst vor kurzem den Sprung in die Selbständigkeit gewagt haben, sind Enttäuschungen und Frustrationen sehr präsent. Noch hat kein berauschender Erfolg die Leiden der jüngeren Vergangenheit vergessen lassen.

Als Frau ist sie eine Ausnahme unter den Jungunternehmern, das Vorgehen von Bettina Pfeifer aber ist ziemlich typisch. Die Informatikerin und gelernte Kauffrau kümmerte sich zunächst um das Technische. Die Idee für ihre Firma BusinesX besteht darin, mit Linux- und Sharewareprodukten preisgünstige Kommunikations-Server und Web-Datenbanken speziell für mittlere und kleine Betriebe einzurichten.

Seit Juni 1998 ist ein entsprechendes Produkt in Entwicklung. Es soll als fertig konfiguriertes Standardpaket noch in diesem Jahr auf der Messe Offene Systeme in Wiesbaden vorgestellt werden. "Linux wird immer präsenter und ist absolut stabil", soll ihre Aussage Kunden überzeugen, "die Windows-Schiene ist viel zu teuer."

In dieser frühen Phase ihres Unternehmens hat Pfeifer eine Sorge in puncto Darlehensgeber: "Ich will mich nicht selbständig machen, um danach wieder abhängig zu sein." Die Zukunft möchte sie selbst bestimmen: Als nächstes kommt ein Linux-Warenwirtschaftssystem ins Angebot.

High-end-Virtual-Reality offeriert die Vircinity IT-Consulting GmbH, ein Spin-off des Rechenzentrums der Universität Stuttgart. Die Gründer Andreas Wierse und Ulrich Lang bieten seit Oktober 1997 ein Softwareprodukt, Beratung und Supercomputer-Leistung an. Noch als 50000-Mark-GmbH gegründet, steuert Vircinity inzwischen mit Hilfe von Venture Capital eine andere Gesellschaftsform an. "Die GmbH-Form bietet, auch für eine mögliche Beteiligung von Kunden, nicht den geeigneten Rahmen", erklärt Wierse.

In den nächsten zwei Jahren soll der Vertrieb Marketing-gerecht aufgebaut werden. Vircinity arbeitet mit dem C-Technik-Spezialisten Cenit AG, Stuttgart, im VR-Bereich zusammen. Diese hat kürzlich Entwicklung und Vertrieb des am Stuttgarter Fraunhofer-Instituts IAO erstellten VR-Pakets "Lighting" übernommen.

Bei einem Multimedia-Gründerwettbewerb kam Thomas Spruth mit seinem JDH-Encrypt, einem ausgefeilten, vom (CD-, Disketten oder E-Mail-)Übertragungsweg unabhängigen "Closed-circle"-Verschlüsselungssystem, in der Auswahl unter die letzten zehn. Drei Vorteile konnte er vorweisen. Als Projektleiter mit kaufmännischem Hintergrund besitzt Spruth Erfahrung mit digitalem Datenaustausch bei Betriebskrankenkassen.

Zweitens: Sein Partner in der Communication & Consulting, der Australier John D. Hammond - daher die Produktabkürzung, ist ein auf diesem Gebiet erfahrener Software-Ingenieur. Das System ist nicht wie im Fall E-Commerce für die Kommunikation aller mit allen, sondern spezifisch für Intranet-artige Verbindungen entworfen. Die Entwicklung dauerte 24 Monate, ein dreiviertel Jahr nahmen davon allein die Tests in Anspruch.

Spruth hatte noch einen Vorteil: Bei den Wirtschaftsjunioren Deutschlands aktiv, konnte er sich dort vielfach neutralen Rat holen. Mit den, wie er sagt, "abenteuerlichen Angeboten der Banken" will er nichts zu schaffen haben. Eine erste gewichtige Referenz kann die C & C bereits mit einer milliardenschweren Holding im Nonfood-Bereich vorweisen.

Im selben Multimedia-Gründerwettbewerb wie im Fall Spruth wurde eine andere Idee mit 10 000 Mark prämiert, die aus einem universitären Softwareprojekt kommt. Daraus entstand im August 1997 die Datan Software & Analyse GmbH. Gründer Ralf Vandenhouten will nun im Rahmen eines vom Land Brandenburg geförderten Forschungs- und Entwicklungsprojekts bis Ende 1998 das Produkt "Santis" (Signal Analysis and Time Series Processing) für die Zeitreihen- und Signalanalyse zur Marktreife entwickeln. Es deckt naturwissenschaftlich-medizinische, aber auch ingenieur- und wirtschaftswissenschaftliche bis hin zu geologischen Anforderungen ab.

Positiv erwähnt der Physiker nützliche kaufmännische Ratschläge aus dem Freundeskreis sowie von den Leitern des Teltower Technologiezentrums. Dort ist das Unternehmen angesiedelt - und Beratung im Mietpreis eingeschlossen. Zugesagte Fördermittel ließen allerdings so lange auf sich warten, daß die Firma knapp am Konkurs vorbeischrammte.

Inzwischen sind aus einer Datei von über 1000 Interessenten bereits erste Aufträge abgewickelt. Gebessert hat sich dadurch die Kreditwürdigkeit bei den Banken nicht. Ein zweites Projekt ist in Vorbereitung, ein etwa auf Flughäfen oder in sonstigen entsprechend geplagten Umgebungen einsetzbares multimediales Lärmüberwachungssystem. Schwierigkeiten der finanziellen Art kannten die Inhaber der im Januar 1998 gegründeten Soho-Solutions nicht. Lars Schluckebier und Igor Jassenawski konnten während der eineinhalbjährigen Entwicklung auf die Unterstützung des Artograph-Verlags bauen. Ihr "Office Warp", Version 1, ist eine netzwerkfähige Suite von Büroanwendungen für den Small- und Home-Bereich und mit 395 Mark weitaus preiswerter als Microsofts Office-Angebote. Bisher konnten sie etwa 1000 PC- und Mac-Lizenzen verkaufen und so die weitere Entwicklung finanzieren.

Version 2 wird - als Update für 195 Mark - mehrwährungs- und Euro-fähig sein sowie einige neue Funktionen enthalten. Als Liefertermin wurde September 1998 genannt. Außerdem sollen neben dem Standardpaket weiterhin Speziallösungen angeboten werden.

Über einer modern hergerichteten Wollspinnerei aus dem vorigen Jahrhundert hat Rüdiger Schierz einen Platz für seine 1a Software Entwicklungs GmbH gefunden. Obwohl die Firma erst 1996 entstand, ist Schierz ein im Umfeld Objektorientierung bekannter Mann.

Er war Mitgründer des deutschen Iona-Partners Interactive Objects, verkaufte seine Anteile jedoch. Der Ingenieur, Absolvent der Fachhochschule Furtwangen, beriet ab 1990 selbständig Firmen in OO-Projekten, etwa die ABB AG in Mannheim.

Doch dann besann Schierz sich seiner Vergangenheit als Nescad-Entwicklungsleiter bei Nestler Electronics in Lahr. Das CAD-System - in Konkurs getrudelt, von Strässle aufgekauft, dann eingestellt - ging in deren Pleite endgültig unter. "Das kann nicht sein", sagte Ende 1995 Schierz sich und den Nescad-Händlern. "Meine Idee war vom Potential der rund 3000 Nescad-Lizenzen bestimmt." Sie fand Eingang in eine "Phoenix" ( sic! ) genannte Entwicklung. Die Arbeiten hatten Nescad-Händler vorfinanziert, denn das Produkt bot ihnen ebenso wie den Anwendern einen Migrationspfad zu Autocad.

Die Anwender ziehen mit, um Investitionen in Millionenhöhe zu retten, auch wenn sie über die NT-statt-Unix-Entscheidung des Autocad-Herstellers Autodesk wenig glücklich sind - ebenso wie Schierz. Ende 1996 in Version 5.0 gezeigt, fand Phoenix bereits 500 Abnehmer.

Noch Fragen?

BusinesX, Bettina Pfeifer, Sertoriusring 145, 55126 MainzTel.: 061 31/47 22-74; Fax: 061 31/47 22-76 E-Mail: bettina.pfeiferbusinessX.de

Vircinity IT-Consulting GmbH, Andreas Wierse Schulstr. 15, 712 29 Warmbronn Tel.: 07152/92 74 15; Fax: 071 52/92 74 16 E-Mail: AWvircinity.com

Communication & Consulting, Thomas Spruth Wilhelm-Crone-Hain 42, 582 56 Ennepetal Tel.: 023 33/91 30 92; Fax: 023 33/91 30 93 E-Mail: thomascommons.de

Datan Software & Analyse GmbH, Dr. Ralf Vandenhouten Potsdamer Str. 18a, 145 13 Teltow Tel.: 033 28/43 04 54; Fax: 033 28/43 02 02 E-Mail: vandenhoutendatan.de

Soho-Solutions, Lars Schluckebier, Igor Jassenawski Grimmstr. 4, 803 36 MünchenTel.: 089/74 73 10 17; Fax: 089/77 91 44 E-Mail: infosohos.de

1a Software Entwicklungs GmbH, Rüdiger Schierz, Am Risslersberg 27, 791 25 ElzachTel.: 076 82/90 90 35, Fax: 076 82/90 90 36 E-Mail: schierzjoe.freinet.de

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Aller Anfang ist schwer: Sind, solch ein Sprichwort im Kopf, wirklich alle Schwierigkeiten hinnehmbar, die Firmengründer erleben? Bei einer Umfrage unter Unternehmern, deren Firmen jünger als zwei Jahre und noch längst nicht auf der sicheren Seite sind, zeigten sich auffallend viele Klagen über das Gebaren der Kreditinstitute. Förderlicher seien da schon alte Kontakte und frühzeitige Partnerschaft. Darauf, daß die derzeit häufigen Sonntagsreden über Innovationsförderung etwas mit der Realität zu tun haben, sollten sich Firmengründer besser nicht verlassen.

Karl-Ferdinand Daemisch ist freier Journalist in Lörrach.

Abb.1: Was kam anders als erwartet?

Die meisten Probleme hatten Unternehmensgründer erwartet - aber ihr Ausmaß oft unterschätzt. Quelle: Maisberger-Studie

Abb.2: Welche Finanzquellen angezapft?

PR versus Realität: Entgegen einer verbreiteten Ansicht haben nur wenige Firmen Risikokapital im Rücken. Quelle: Maisberger-Studie