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10.12.1982

Die menschliche Komponente der Information

10.12.1982

Die Informationsverarbeitung ist über das Berechnen mathematischer Probleme weit hinausgewachsen. Der Computer ist ein Symbolersetzungs-Automat und kann mit allem arbeiten, das sich in Symbolen ausdrücken läßt. Das mag ehrgeizig erscheinen, doch gibt es eine Grenze, die die Informationsverarbeitung daran hindert, das menschliche Denken zu ersetzen. Die Symbolverarbeitung durch einen Computer funktioniert nur, wenn zuerst ein rationales Modell, eine logische Struktur der auszuführenden Aufgabe besteht.

Die Arbeit des Computers beschränkt sich auf die Syntax. Zum Glück bewahren gut entworfene logische und mathematische Skelette einen befriedigenden Anteil der Bedeutung. Wenn auch Berechnungsfehler oder Programmierfehler gefährlich sein können, liegt die Hauptgefahr der Informationsverarbeitung in der falschen Interpretation der verarbeiteten Symbole. Auch hier ist die Regelungstechnik sicherer und einfacher. Die Informationsverarbeitung bearbeitet ein weiteres Gebiet, ist aber wesentlich gefährlicher und unzuverlässiger.

Autonomie für technische Systeme

Kehren wir zu Kybernetes zurück, dem Mann, der das Boot steuert, oder - etwas verallgemeinert - irgendein Fahrzeug, eine Gruppe von Menschen, einen Staat, eine Kirche. Das Wort "Kybernetik" wurde im verallgemeinerten Sinn bereits im alten Griechenland gebraucht, in der Kirche und in der Philosophie des 19. Jahrhunderts, lange bevor Norbert Wiener es in seinem Buch verwendete. Für ihn war es klar, daß Regelungen und Informationsverarbeitung Techniken sind, die sowohl zur Welt der materiellen und energetischen Technologie gehören, als auch zur biologischen und geistigen Welt, die vor der modernen Technologie existierte und deren wesentliche Auswirkung auf letztere die Einführung der Autonomie ist.

Während in der klassischen Technik der Mensch benötigt wird, um die Prozesse zu steuern, ersetzt die kybernetische Technologie den steuernden und überlegenden Menschen durch logische Strukturen. Dadurch erhebt sie die menschliche Arbeit zum Vorausdenken, zum Erfinden der Steuerungsmechanismen, zum Programmieren und Planen - aber auch dazu, die Systeme zu beobachten, zu reparieren und ständig an sich ändernde Bedürfnisse und Voraussetzungen anzupassen. Wenn sich auch die Rolle des Menschen ändert, seine Aufgabenbereiche verschieben, so ersetzt unsere Technik den Menschen und seine Arbeit doch nicht durch Untätigkeit und Vergnügung. Computer und Automation sind keine Jobkiller, sondern Jobveränderer; es kann leicht sein, daß mehr und nicht weniger Leute benötigt werden, um die automatisierte Technik zu beherrschen. Dies ist ein ganz wesentlicher Effekt unserer Technologie, der wohl verstanden sein will, unabhängig von jedem sozialen oder politischen Vorurteil. Eine autonome Technik erfordert Beherrschung durch den Menschen. Es ist nicht nur gefährlich, sondern katastrophal, die Technologie des 21. Jahrhunderts mit den Mitteln philosophischer Weisheit aus dem 19. Jahrhundert zu behandeln.

Es gibt einen allgemeinen Trend, den experimentellen Teil unserer Technologie zu verkleinern. Als wir älteren noch junge Ingenieure waren, waren Experimente und Erfahrung mit Geräten von höchster Bedeutung. Heute wird nur wenig ausprobiert. Wir planen und programmieren, wir entwickeln auf dem Papier und wir installieren vorfabrizierte Elemente, aber wir experimentieren wenig. Wir beobachten eine Art Wiederholung des Wechsels vom "blue collar" zum "white collar"-Arbeiter auf einem höheren Niveau.

Dieser Trend befindet sich in Übereinstimmung mit der allgemeinen Entwicklung abstrakter Geräte und Arbeit. In einem gewissen Sinne bedeutet das weniger Erziehung und langsamer wachsende Erfahrung für Mitarbeiter und Management.

Doch es gibt noch eine andere wichtige Auswirkung der Regelungstechnik und Datenverarbeitung: die Konsequenz objektbezogener und entpersonalisierter Information auf technische (und viele andere) Belange. Diese Art von Kommunikation ist heute sicher keine Hilfe für die höhere Sprachkultur - ganz im Gegenteil.

Natürlich haben Kommunikation, Steuerungstechnik und Datenverarbeitung die Information in Quantität, Geschwindigkeit und Präzision verbessert - die heutige Welt könnte ohne diese Techniken und ihre Dienste für die Gesellschaft und den einzelnen nicht überleben. Und doch haben diese technischen Fortschritte gleichzeitig die menschliche Komponente der Information vermindert und oftmals zerstört. Heute wird das Wort Information bereits als ein gefüllter Datenspeicher verstanden, während die ursprüngliche Bedeutung doch persönliche Orientierung war. Wir entpersonalisieren die Information, was gigantische Reibungen in unserer Gesellschaft auslösen könnte. Lassen Sie mich dasselbe Argument von einem anderen Gesichtspunkt aus entwickeln, um anschließend aufzuzeigen, was wir bereits tun um die Gefahr zu bannen.

Wir dürfen nicht vergessen, daß jede Technologie zwei Preise hat: Der eine ist der Preis für den Kauf und den Betrieb der Maschine, Hardware wie Software; der zweite Preis ist der Verlust, der mit jedem technischen Fortschritt verbunden ist. Ein Telegramm ist schnell, doch es beinhaltet nicht die Handschrift des Absenders, nicht seine persönliche Unterschrift und schon gar nicht die getrocknete Blume, die ein Brief transportieren könnte. Man hat gerade noch die Möglichkeit einer klaren Ausdrucksweise oder eines persönlichen Sprachstils (wenn er nicht aus Sparsamkeitsgründen bezüglich der Wortanzahl vor die Hunde geht) beziehungsweise die Möglichkeit zwischen ein paar standardisierten Schmuckblatt-Telegrammformularen von fragwürdiger Schönheit zu entscheiden.

Preis: Verstärkte Sensitivität

Der Preis für die durch die Technik erreichte Optimierung ist verstärkte Sensitivität für unübliche Bedingungen und verringertes Verständnis

für die automatisierten Beziehungen für den Durchschnittsbenutzer, weil das Gerät die meiste Zeit über sich selbst genügt und nur selten Gelegenheit gibt, es in Frage zu stellen. Der Preis für die automatische Erstellung von Dokumenten, Rechnungen, Bilanzen, automatisierte Geschäftskorrespondenz und sogar persönliche Dokumente - ist der Widerstand des Systems gegen notwendige und nicht notwendige Ausnahmen, unangebrachtes Vertrauen in erzeugte Daten und Texte, Abhängigkeit von meist unbekannten Programmierern sowie deren Vernunft und Hausverstand und von oftmals geradezu ahnungslosem oder zu wenig geschultem Personal. Letzteres neigt übrigens dazu, gegenüber Ausnahmen noch mißtrauischer zu sein, als das System selbst.

Auszug aus einem Vortrag, der am 1. Oktober '82 in Heidelberg zum 25. Jahrestag des Bestehens der IFAC gehalten wurde.

Der volle Wortlaut ist abgedruckt im Mitteillungsblatt Nr. 42 der Österreichischen Computer Gesellschaft.