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18.08.1978

Die Mikroelektronik muß politisch kontrolliert werden

Mit dem Schriftsteller Dr.-Ing. Klaus Traube sprach CW-Mitarbeiter Con Berner

- Herr Traube, Sie stellen in Ihrem Buch die gesamte Entwicklungsrichtung der Industriegesellschaft in Frage - vor allem aber die Mikroelektronik. Sie bezeichnen diese als eine Großtechnik wie die Kernenergie und warnen vor ihren sozialen Gefahren, wie Entfremdung, Massenarbeitslosigkeit und politische Unruhen. Die Befürworter der Mikroelektronik argumentieren aber, sie erleichtere die Arbeit, erhöhe unsere Wettbewerbsfähigkeit auf den Weltmärkten und sie schaffe sogar neue Arbeitsplätze.

Zunächst einmal ist zu sagen, daß es Oberhaupt keine Technik gibt, die, nur negative oder nur positive Seiten hätte. Ich habe in meinem Buch bereits darauf hingewiesen, daß es schon erfreulich wäre, wenn man, statt pro Jahr einmal Telefonbücher aus Bäumen zu produzieren, in einem Taschenrechner ein Plättchen einbauen würde, in dem alle Telefonnummern gespeichert sind Diese positiven Aspekte will ich auf keinen Fall einfach wegdiskutieren. Unbestreitbar ist auch, daß im Zuge der Arbeitsrationalisierung, die mit Mikrocomputern kostenmäßig erreichbar ist, auch neue Arbeitsplätze geschaffen werden, die humaner sind. Aber man muß hier mal konsequent bilanzieren. Im wesentlichen werden durch die Mikroelektronik doch jetzt immer weniger Arbeitsplätze aufgelöst, an denen unzumutbare Tätigkeiten verrichtet werden - darunter lassen sich bald nur noch Ausnahmefälle rubrizieren. Im wesentlichen wird es darum gehen, den Trend der Nachkriegszeit fortzusetzen: nämlich Arbeitsplätze, die vor allem manuelles Geschick im Rahmen eines Handwerks erfordern, auf wenige einfache Funktionen zu reduzieren. Herkömmliche Arbeit wird also einmal quantitativ vermindert und qualitativ auf ganz andere Tätigkeiten umprogrammiert. Dabei handelt es sich vor allem um einfache geistige Funktionen, die zugleich einer ganzen Schicht von Menschen - welche nun einmal differenzierter begabt sind - die natürliche Entfaltungsmöglichkeit entzieht. Zugleich wird verhindert, sich sozusagen in der Arbeit wiederzufinden. Selbstverständlich schafft ein neuer Wirtschaftszweig wie die Computerindustrie auch Arbeitsplätze. Nur entscheidend ist doch das Verhältnis der Anzahl der neugeschaffenen zu den wegrationalisierten Stellen. Und da sieht es sehr negativ aus: Ein enormer Freisetzungs-Effekt ist jedem offenbar, der nicht blind ist.

- Ein Vorschlag Ihres Buches zielt auf politische Kontrolle der Mikroelektronik ab. Plädieren Sie da nicht für ein Element, das der Marktwirtschaft ins Gesicht schlägt?

Darf ich richtigstellen: Ich habe hier nur einen Gedanken des derzeitigen Technologieministers Volker Hauff aufgegriffen, den er vor etwa einem Jahr publizierte, als er noch Staatssekretär War. Diesen Vorschlag fand ich wert unter die Lupe zu nehmen, weil er von vorherein so naiv klang.

- Gut. Aber kennen -Sie sagen, wie eine Kontrolle, die Sie an anderer Stelle Ihres Buches für alle Großtechniken, also auch für die Mikroelektronik fordern, aussehen könnte?

Ich will, mich hier nicht aufs Glatteis begeben und aus dem Stegreif mögliche Instanzen oder Eingriffe entwickeln. Historisch kann man ja beobachten, daß im Verlauf der Industrialisierung eine ganze Reihe von Kontroll-Funktionen eingebaut worden sind, die auch recht und schlecht funktionieren und die in die industriellen Prozesse intervenieren. So etwa Kontrollen im Hinblick auf die Sicherheit am Arbeitsplatz. Weiter gibt es kartellrechtliche Bestimmungen und reihenweise punktuelle Maßnahmen, welche die Marktwirtschaft nicht immer allzu liberal erscheinen lassen. In diesem Rahmen könnte sich auch eine politische Kontrolle der Mikroelektronik legitim bewegen.

- Nun gibt es doch immer mehr Bürgerinitiativen, aber auch Politiker aus den etablierten Parteien, die solche Eingriffe verurteilen und vor allem sich gegen die Überbürokratisierung wehren.

Das ist richtig. Hier gibt es einen Widerspruch, der so lange nicht aufzulösen ist, wie wir in einer Wirtschaft leben, die nur von einem einzigen Gesetz, nämlich dem der Produktivität, geprägt wird. Daneben gibt es überhaupt keine humanen Kriterien im Produktionsprozeß, denen auch nur annähernd gleichwertige Bedeutung zukäme. Diese Art der Wirtschaft hat zu einem Zentralismus, zu einer Überbürokratisierung geführt. Das ideale Gegenmodell ist eine dezentralisierte Wirtschaft, die man sicher nicht von heute auf morgen schaffen kann. Also müssen wir von der überindustrialisierten Welt langsam in ein sinnvolles Gleichgewicht zurückfinden.

- Kommen wir an diesem Punkt zurück zum Stellenwert der Mikroelektronik, welche. wie Sie sagen. als Großtechnik die Entwicklung gerade in die gegenteilige, nämlich selbstzerstörerische Richtung beschleunigt. Das könnte man auch anderen Großtechnologien nachsagen. Etwa der Kernenergie oder der Rüstungsindustrie. Wo, glauben Sie, müßte denn der Hebel angesetzt werden, welche der Großtechniken muß zuerst gestoppt, kontrolliert oder dezentralisiert werden?

Ich glaube nicht, daß man davon ausgehen kann, vor irgendeinem archimedischen Punkt her die Welt verändern zu. können. Ich meine, das geht nur" indem man an allen denkbaren Fronten gleichzeitig arbeitet. Aber ich denke, daß innerhalb dieses ganzen Komplexes der Mikroelektronik schon eine ganz besondere Bedeutung zukommt. Ganz einfach deswegen, weil sie das Problem, welches ganz generell als die zentrale Wirtschaftsfrage der Zeit empfunden wird nämlich die Arbeitslosigkeit - sehr stark akzentuieren wird. Wenn ich der Mikroelektronik auch politisch ein großes Gewicht einräume, dann deswegen: Ich halte es für wahrscheinlich, freilich keineswegs für sicher, daß die Gewerkschaften über das Problem der Arbeitslosigkeit gezwungen werden, ihren Kurs, der bislang auf Wirtschaftswachstum und Verteilungskampf ausgerichtet war, grundsätzlich zu überdenken. Täten sie es aber, so würde eine politische Kraft erwachsen, die sehr bedeutungsvoll sein könnte - jedenfalls hätte sie mindestens eine korrigierende Wirkung wie etwa die Bürgerinitiativen, die sich in den letzten zehn Jahren formiert haben.

- Nehmen wir aber doch mal hypothetisch an, die Gewerkschaften würden eine Position in Ihrem Sinn einnehmen und sich engagieren. Die Konsequenzen wären doch, daß mit einem Stopp der Mikroelektronik schon nach kurzer Zeit unsere Wettbewerbsfähigkeit abfallen würde, der Export, von dem wir ja extrem stark abhängig sind, fiele rapide, und die Zahl der Arbeitslosen würde möglicherweise um ein Vielfaches jener Zahl steigen. die bei verstärktem Einsatz der Mikroelektronik anzusetzen wäre. Die von Einkommensverlust und Konsumverzicht geplagte Wählerschaft würde schnell wieder nach Wachstumsfunktionären. nach Expansionsökonomen und modernen Technologien rufen.

Das ist genau diese eindimensionale Argumentation, die immer so überzeugend aussieht. Und was ist ihr wahrer Kern? In einem vielparametrigen Feld verändert man nur einen Parameter. Wenn tatsächlich internationale Kontrollen eingesetzt und die Mikroelektronik eingedämmt und damit der derzeitige Stand der Rationalisierung eingefroren wurde, so bliebe die Export-Quote unverändert. Aber davon einmal abgesehen: Wenn wir Beschäftigung nur über Wachstum erzeugen können, aber der Binnenmarkt keine zusätzliche Nachfrage entwickelt, müssen wir uns ja immer stärker in den Export flüchten. Unsere schmalen Zuwachsquoten in den letzten Jahren resultieren ja im wesentlichen aus außenwirtschaftlichem Absatz. Da kann man selbstverständlich argumentieren: Und wenn wir nun diesen Parameter verändern, also die Exportquote verringern, dann haben wir noch weniger Arbeit. Aber des Pudels Kern ist eben, daß es nicht um Veränderung eines einparametrigen, sondern eines mehrparametrigen Feldes geht.

Und das bedeutet, daß insgesamt eine neue Struktur der Wirtschaft geschaffen werden muß, die wieder arbeitsintensiver und ökologisch ungefährlicher ist. Die hohe Exportlastigkeit ist nur noch eine Lösung auf Zeit angesichts dessen, was wir auf den Weltmärkten beobachten: Strukturkrisen, politische Instabilität, Währungsverfall. Geraten unsere Handelspartner in wirkliche Schwierigkeiten mit der Folge sinkender Nachfrage, erstarkt die Dritte Welt politisch, so stehen uns über Nacht Rückschläge im vielgepriesenen Export ins Haus, die fürchterliche Konsequenzen hätten.

- Nun wird die Mikroelektronik nicht nur im produzierenden Bereich der Volkswirtschaft eingesetzt. Lassen Sie Ihre Vorwürfe auch stehen, wenn es und die Mikroelektronik im Bereich der Informationsverarbeitung und Nachrichtentechnologie geht?

Grob gesagt: Hier sind meine Bedenken sehr viel geringer, wobei ich grundsätzlich gegen ein völliges Elektronifizieren der Welt bin.

- Konsequenz des zunehmenden Einsatzes von Mikroelektronik im kommunikativen Bereich ist allerdings, daß sich, Datenbanken leichter installieren und georgraphisch getrennte Informationsvorräte leichter verbinden lassen. . .

. . . ja, und ich sehe auch, daß das Überhandnehmen der Datenverarbeitung selbstverständlich mit der Mikroelektronik zusammenhängt. Dennoch würde ich hier der Mikroelektronik nicht ein solches Gewicht zumessen wie ihrem Einsatz im Produktionsprozeß.

- Sie befürchten also auch nicht, der Einsatz der Mikroelektronik zur Informationsgewinnung und Verarbeitung könne eine revolutionäre Reaktion der Gesellschaft zur Folge haben, was Sie, soweit es um produktive Einsatzgebiete geht, durchaus für möglich halten. Denn da skizzieren Sie ja ein geändertes Rollenverhalten der Gewerkschaften.

Diese revolutionäre Raktion erwarte ich nicht. Obgleich sich auch die Öffentlichkeit immer kritischer zur Datenverarbeitung verhält. Und dies nicht von ungefähr. Denn durch den schematisch stupiden Einsatz der Datenverarbeitung entstehen für jedermann Probleme.