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28.05.1976

"Die Mikros werden ganz neue Gebiete erschließen"

Mit Dipl.-Ing. Helmut Hoseit, Geschäftsführer der Hoseit-System GmbH, München, sprach CW-Redakteur M. Pauly

- Die Mikros können jedes Jahr mehr und kosten jedes Jahr weniger. Werden viele kleine Rechner eines Tages die wenigen großen verdrängen?

Das glaube ich nicht. Die Mikros sind nicht dabei, Minis oder größere Computer zu ersetzen, sondern vielmehr ganz neue Aufgabengebiete zu erschließen. Auf dem Gebiet der konventionellen Datenverarbeitung kann man allenfalls Gerätesteuerungen mit Mikroprozessoren realisieren oder in Rechnerverbundsystemen zum Beispiel Netzknoten mit Mikros aufbauen.

- Es wäre ja ein Trend zu vielerlei dedizierten Kleinsystemen denkbar. Wenn man sich die Hardwarepreise ansieht, dann müßten zehn Mikros für zehn Spezialaufgaben billiger sein als ein Universalrechner, der alle zehn Aufgaben erledigen kann.

Das ist richtig, vor allem dann, wenn es sich um Aufgaben handelt, die nicht rein numerischer, also berechnender Natur sind. Wenn Sie einen zentralisierten Prozeßrechner, der zehn verschiedene Funktionen zu steuern. zu überwachen und zu regeln hat, ersetzen wollen durch zehn einzelne, mit Mikroprozessoren aufgebaute Steuerungen, dann werden Sie sicherlich einen Kostenvorteil dabei erzielen und darüber hinaus noch eine technisch bessere und vor allem weniger störanfällige Lösung erhalten.

- Wo werden Ihrer Ansicht nach die wichtigsten Einsatzgebiete für Mikroprozessoren und Mikrocomputer liegen?

Meiner Ansicht nach auf den Gebieten, wo bisher mit diskreten elektronischen Schaltkreisen gearbeitet wurde also bei Steuer- und Regeleinrichtungen jeglicher Art, auch in Haushaltgeräten oder in Fahrzeugen. Auf diesen Gebieten ersetzen sie nicht etwa Heute übliche Minicomputer oder noch größere Rechner, sondern Steuereinrichtungen, die mit anderen technologischen Mitteln aufgebaut wurden. Ein Beispiel aus dem Konsumbereich wäre die Regelung einer Zentralheizung. Die heute im allgemeinen dafür verwendete elektronische Einrichtung ist auf mehreren Platinen aufgebaut und beherrscht den Regelvorgang nur relativ unvollkommen. Hier wäre an den Einsatz eines Mikroprozessors zu denken der die Analogwerte wie Temperaturen und Uhrzeit mit Hilfe von einigen vorgegebenen Daten wie Raumtemperatur, Nachtabsenkungstemperatur und dergleichen in eine optimale Steuerung umsetzen kann und darüber hinaus relativ flexibel hinsichtlich der Regelalgorithmen ist. Im industriellen Bereich werden auch heute schon komfortable Meßgeräte angeboten, die eine komfortable Meßgeräte angeboten, die eine Vorverarbeitung in Form von Berechnung und Verdichtung der Meßwerte sowie Steuerung des Meßvorganges bewerkstelligen. Solche Geräte lassen sich relativ leicht auf der Basis von Mikroprozessoren realisieren.

- Die Mikros wären demnach weniger eine Sache für den Anwender im Sinne eines heutigen DV-Benutzers als vielmehr für Systemhäuser und Gerätehersteller?

Ja, und zwar, weil die Mikrocomputer den Namen "Computer", also Rechner, noch weniger verdienen als ihre größeren Brüder. Ein Endbenutzer mit einem Mikrocomputer als "Rechenzentrum", auf dem er selber seine Anwendungsprogramme erstellt, austestet und zum Laufen bringt, ist für mich nicht vorstellbar. Die Mikros werden wir verpackt in verschiedensten anderen industriellen Produkten wiederfinden. Die Entwicklung und Herstellung dieser Systeme ergibt augenblicklich die größten Probleme, weil weder die Abnehmer, also Fertigungsunternehmen, noch die Hersteller der Mikros (im allgemeinen Halbleiterfabrikanten) bisher mit den klassischen Disziplinen der Computerei in Berührung gekommenen sind. Diese Lücke kann eigentlich nur durch Systemhäuser gefüllt werden.

- Das Software-Angebot für Mikroprozessoren ist ja größtenteils noch sehr bescheiden. Außer der Mikroversion von PL/1, dem PL/M, gibt es derzeit wohl keine höhere Programmiersprache für die Mikros. Es gibt insbesondere weder Fortran noch Algol, obwohl sich die Mikros doch sehr stark für ingenieurmäßige Anwendungen anbieten. Woran kann das liegen?

Dieses magere Angebot an Systemsoftware ist durchaus nicht zufällig. Algol und Fortran sind für den klassischen Einsatz von Mikros überhaupt , nicht geeignet. Es bleiben noch zwei anderer Kandidaten, nämlich PLM und die europäische Entwicklung Pearl, die ursprünglich für größere Prozeßrechner gedacht wagen, nun aber auch auf Mikrocomputern zum Einsatz kommen sollen. Hier bin ich der Ansicht, daß diese Sprachen zwar, entsprechend aufwendige Compiler vorausgesetzt, einen i gewissen Prozentsatz der reinen Codierarbeit ersparen können - damit das Problem der Softwareerstellung für Mikrocomputer aber durchaus nicht lösen und die Kosten dafür nur minimal reduzieren. Die Erstellung von Anwendungssoftware für Mikrocomputer wird meines Erachtens in der näheren Zukunft noch in der Assembler-Sprache vorgenommen werden. Die entsprechenden Assembler sind aber für alle gängigen Mikrocomputer vorhanden und werden auf den Programmentwicklungssystemen sogar sehr komfortabel unterstützt.

- Die Softwareentwicklung wäre dem nach weniger eine Sache konventioneller Programmierer als vielmehr eine Sache der Ingenieure?

Das ist richtig. Die Mikroprozessoren ersetzen nämlich die digitalen elektronischen Schaltungen, mit denen die Entwicklungsingenieure bisher zu tun hatten. Diese Ingenieure müssen nun den Entwurf von logischen Abläufen, lediglich mit einem anderen Handwerkszeug, nämlich mit Hilfe der Programmierung, ausüben. Ich glaube, daß dieses Umdenken leichter ist als einen technisch-wissenschaftlichen, in Fortran und anderen Sprachen trainierten Anwendungsprogrammierer in das Metier von logischen Schaltungen einzuarbeiten. Daher sehe ich auch wenig Möglichkeiten, mit dem bisher bestehenden Personal von Softwarehäusern die Mikro-Probleme zu lösen.

- Sind denn nun die Elektro- und Elektronik-Ingenieure von ihrer Ausbildung her überhaupt schon auf diese Situation eingerichtet?

Ich glaube, hier überschätzen Sie das ; Problem dieser Umstellung beziehungsweise unterschätzen Sie die Kapazitäten der Elektro-Ingenieure. Die Tätigkeit, eine elektronische Schaltung einschließt Ablaufsteuerung und Taktung zu entwickeln, ist bestimmt nicht einfacher als die Entwicklung eines kleinen Programmes, das dieselbe Funktion in einem Mikroprozessor ausführen soll. Die Programmierung ist eben einfach nur ungewohnt für die Elektroniker. Sicherlich werden sich die Ingenieurschulen und Hochschulen auf diese neue Disziplin einstellen müssen und den Elektronikern, so wie bisher schon Kenntnisse in höheren Programmiersprachen, jetzt Kenntnisse von der Mikroprozessor-Programmiererei zu vermitteln haben. Auf einem Herstellerseminar über Mikrocomputer, das ich kürzlich besuchte, waren schätzungsweise 500 Teilnehmer, überwiegend Elektroniker, die bisher mit diesem neuen Instrument noch nicht in Berührung gekommen waren. Sie wurden im Laufe des Seminars sehr langsam und behutsam vom IC zum Mikrocomputer, geführt wobei jedermann klar wurde, daß damit die Tätigkeit des Programmierers auf ihn zukam. Ich konnte bei keinem der Teilnehmer irgendeine erschreckte Reaktion verzeichnen. glaube also nicht, daß hier ein neuer Berufszweig fällig wäre. Wenn ein Fehlbedarf entsteht, so höchstens für eine Übergangszeit auf dem Sektor der Ausbildung.

Helmut Hoseit (39)

hat nach dem Studium der Nachrichtentechnik zunächst bei Siemens gearbeitet und sich zum ersten Mal 1966 mit dem "Hoseit-Institut für EDV" selbständig gemacht. Dieses auf individuelle Entwicklungen spezialisierte Softwarehaus brachte er 1973 in die ADV/Orga F. A. Meyer KG ein, Hoseit wurde Gesellschafter und führte seine bisherigen Arbeiten in einem neuen Geschäftsbereich "Technische Systeme" weiter. Das Vermittlungssystem des Deutschen Wetterdienstes und die automatische Telex-Auskunft bei der Bundespost sind Beispiele für Hoseit-Lösungen. Seit 1976 ist Hoseit wieder unabhängig - als Geschäftsführer und Gesellschafter der Hoseit-System GmbH in München. Die Firma will ausgehend von Mikroprozessoren bzw. Mikrocomputern - einerseits Geräteherstellern bei der Entwicklung "intelligenter" Apparate und Maschinen helfen und zum anderen den Markt der privaten Bastler und Hobby-Computeure mit Hardware, Literatur und Ideen versorgen.